Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 9 (1927)
- Issue
- Heft 2828 (12.1.1927)
- Date
- 1927-01-12
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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12. Jänner '.^r. AK-n Wien, CiVte.-.fi TagesbeMt La» rauwetter. Große Tei'le Eirropas werden derzeit von einer s'.ühlingsliiiften Witterung beherrscht. Die Ursache dieser für den Winter abnormen Erscheinung ist auf die lebhaften W e st w i n d e znrückzu'führeii, die durch ein starkes Druckgefälle über dem Atlantischen Ozean zur Entstehung kommen. Die Bildung des Druckgefälles wird durch ein zurzeit über Spanien und den angrenzenden Ozean sich ausbreitendes kräftiges Hochdruckgebiet und einen tiefen Zyklon über Spitzbergen hervorgerufen. Wie lange die warmen Witterungsverhältnisse noch andauern werden, läßt sich augenblicklich nicht übersehen. Mit Winterwetter dürfte jedoch vorläufig nicht zu rechnen sein. Die N i e d e r s ch l ä g e, die in ganz W e st - e u r o p a fallen, haben int Süden molkenbruchartigen Charakter angenommen. Das Tamvetter zieht sich nun bereits in Höhen über 1000 Meter und löst die dort befindlichen Schneemassen auf, wodurch die Gefahr neuerlicher Lawinenstürze wieder größer wird. Die Wettervoraussage spricht von zeitweisen N i e d e r s ch l ä g e n, Temperatur noch über Null. Drei Personen durch eine Lawine getötet. Wie den Innsbrucker Nachrichten" aus M a l s im Vintschgau gemeldet wird, ist bei Ts ch e n gl s eine Lawine niedergegangen, durch die drei Personen verschüttet und getötet wurden. 5 Streckenarbeit. t du ch eine Lawine verschüttet. München, 11. Jänner. In der Nähe der Station M i tteralm der-Wendelsteinbahn ging eine Lawine nieder, durch die 5 Streckenarbeiter verschüttet wurden. Die Arbeiter konnten zwar lebend geborgen werden, doch haben n l l e s ch w e r c Verletzungen erlitten. Hochwassergefahr in Mäyren. Brünn, 11. Jänner. Die Oberläufe der March, der Thaya und der S ch w a r z a beginnen gefährlich zu steigen. Das Anschwellen der Flüsse bewegt sich ungefähr in der Höhe eines mittleren Hochwassers; die steigende Tendenz ist infolge des Rogens anhaltend Starke Erdstöße in Italien. Nom. 11. Jänner. Wie die „Tcibuna" meldet, warnen gestern nachmittags in Nicosia kurz nacheinander drei starke Erdstöße verspürt. Mehrere Häuser wurden beschädigt. Verletzt wurde niemand. Die Grippe. 'Gens, 11. Jänner. Die hyigenische Sektion des VölkerbundsekretariateS veröffentlicht ein Sonderbulletin über die Grippeepidemien in Europa, zu dem SanitätSverwaltungen von Deutschland, Belgien, Dänemark, Italien, Holland, Norwegen, Schweden, der Schweiz und der Tschechoslowakei Beiträge geliefert haben. Dle Berichte.datieren vom 7. bis 10. Jänner, beziehen sich jedoch hauptsächlich auf die Lage während des Monates Dezember. Allgemein wird scstgestellt, daß die Epidemien, trotzdem die Krankheitsfälle sehr z a h lr e t ch sind, bisher einen sehr g u t a r t i g e n -V e r l a u f namen und die Sterblichkeit nicht merklich höher war, als unter normalen Verhältnissen in dieser Jahreszeit. In verschiedenen Ländern haben die Epidemien stark ansteckenden Charakter. Wiener Morgenzeitung Hanta», die Dreftadt. Arn Mir-telprintt t er unaufhörlichen Wirren in China stchen nach :o.u letzten Tlcrichun die großen Ltädtc Sch a u gb a'. und H a n k a n. welch letztere Stadt angesichts der drohenden Lage von den Engländern ganz geräumt wurde. Dieses Han kau ist me zweitgrößte Stadt mit beinahe ander'chaw Millionen Einwohner. Die Stadt liegt inmitten des riesigen chinesischen Reiches. Hunderte von Meilen von der .Küste entfernt. Einem'Umstande verdankt sie ihre besondere Bedeutung: sie liegt an einem ungeheuren Strom, dem D a n a - t s e - K i a n g. etwa tausend Kilometer oberhalb seiner Mündung. Die Stadt gehört zu den sogenannten V e r° tragshäfen, in denen es den Fremden gestattet ist. unangefochten Handel zu treiben. Sie genießen dabei allerlei Vorrechts; unter anderem sind sie z. 58. nur ihrer eigenen Gerichtsbärkeit unterworfen. .Diese" Vorrechte sind mun den moderner denkenden Chinesen ein Dorn im Auge geworden. Dem Aussehen und der Anlage nach bietet Harckau ein ähnliches Bild wie die. meisten anderen chinesischen Vertvagsstädte. D.ie sogenan-nte. C h i n e s e n st a d t ist von einer, Mauer umschlossen und hat enge, winkelige, schmutzige Massen, in denen es von Menschen wimmelt. Außerhalb dieses Stadtteiles liegt die Fremdensiedlung mit ihren prächtigen Baiüen und schönen Straßen. Der rege Handel umfaßt viele Waren, aber seit jeher war Hankau besonders wichtig als Teeausfuhrhasen. Die Stadt ist em Mittelpunkt der Techändler. die hier die Ware sammeln und weiierverschicken. Bis Hankau können bei mittleren und hohem Wasserstand, das ist etwa vom April bis OPober, tiefgehende Seeschiffe fahren und wiederholt haben auch Panzerschrffe vor der Stadt geankert. : Der Iang-tse-Kiang ist der größte Strom der alten Kontinente und wird nur vom Aurazonensirom und Mississippi geschlagen. An seinen Ufern liegen Nanking, Wuku» Kiukiang uiftv. in der Nähe seiner Mündung, an einem Zuflüsse, dem Wusung. Shanghai, die größte Stadt Chinas. Die Geschwindigkeit des Stromes, je nach Lage und Jahreszeit, verschieden, kann ÄS über zehn Kilometer erreichen. Die zwischen Shanghai und HanLau regelmäßig verkehrenden JlußdamPfer fahren bei günstigen Wetterverhältnissen in der Regel bei Tag und bei Nacht. Die Bergfahrt dauert etwa vier, die Talfahrt zwei Tage. Diese wichtige Wasserstraße'hat auch große militärische Bedeutung, deshalb wurde auch seit jeher für die Anlage von Fortifikationen an wichtigen strategischen Punkten Vorsorge getroffen. In neuerer Zeit wurden zahlreiche starke Forts an Stellen erbaut, die sich für die Herstellung von Fluhsperren gut eignen. Von Mauern umgebene Truppenlager ergänzen das-militärische Bild. Inwieweit diese Verteidigungsmaßnahmen einer modernen Kriegführung gewachsen sii^d, läßt sich nicht mit Sicherheit abschätzen. . Km Tunnel unter der Straße van Gibraltar. SS Kilometer lang — Ausgangspunkt Tarifs in Spanier». Die Meerenge von Gibraltar, die zur Lertiärzeit entstandene Verbindung zwischen dem Atlantischen Ozean und dem Mittelmeer, hat an der schmälsten Stelle eine Breite von 13 Kilometer. Westlich (zwischen den Kaps Trafalgar und Spartet) ist sie 43 Kilometer, östlich (zwischen Punta de Europa und Punta de la Almina) 30 Kilometer breit. Die starken Strömungen und die widrigen Winde m der Meerenge sino der Schiffahrt vielfach lästig. Der Plan, die Meerenge zu un.tertunnelieren. wird seit dem Jahre 1918 erörtert. Jetzt scheint er aus dem Abschnitt der Erörteung yeraustreten zu wollen. Auf besondere Anregung des Königs von Spanien läßr die spanische. Regievung nunmehr einen genaueren Eni- Kennen Sie schon die grtediete Wirkung des DIANA- ■ FRANZBRANNTWEIN MIT MCNTHOL Jeder GESUNDE und jeder KRANKE irird e, Ibsen bestätigen, diA die denkbar beite Wirkung durch Diana-Franzbranntwein mit Menthol ertielt irird. ÜBERALL ERHÄLTLICH! MWWWWWWWWNWWWNWMWWWWWWWMM wurf aufstellen. Danach soll der Tunnel bei Ta rifa beginnen. Sein Ausgangspunkt auf afrikanischer Seite. steht indessen noch nicht fest. Der Tunnel wird eine Länge von etwa 25 Kilometer erhalten. Da beträchtliche Meereslisfen vorhanden sind, die der Tunnel unterschreite muß, so ist mit langen und steilen Zu- und'Ausfutzrrämpcn zu rechnen. Der Tunnel soll in erster Linie dem Eisenbahnverkehre dienen. Ueber btc Art des Betriebes ist nichts bekannt geworden. Nach Lage der Verhältnisse wird aber wohl nur elektrischer Betrieb m Frage kommen. Auch davüber verlautet nichts, ob der Tunnel neben den Geleisen auch eine Fahrstraße aufnehmen soll: Die Baukosten werden mit 10.000 Pesqten für 1 Meter Tunnellcmge angegeben, so daß der ganze Tunnel 2 Z 0 Millionen Pesaten kosten würde. In Anbetracht.der ungewöhnlich schwierigen Arbeiten ist die angegebene. Bansum me als gering anzusehen. Größere Bedeutung in wirtschaftlicher Hinsicht und im Hinblick aus den Verkehr erhält der Tunnel im Anschluß an das Netz der kommenden afrikanischen Ueberlandbahnen. Eine Reise von Paris nach Timbuktu am Südrand de? Sahara ließe sich dann in ununterbrochener Eisenbahnfahrt ermöglichen. Sie würde nur wenige Tage dauern. Meder ein Kimbrand. 15 Verwundete. - Aus Mailand wird gemeldet: In einem Kino» t'heater in C o s e n z a ist während einer Vorstellung in der ProfEionskabine ein Brand ausgebrochen, der rasch größeren Umfang annahm und auf die anliegenben Logenplätze Übergriff, die stark besetzt waren. Es entstand eine s ch r e ck l t che Pani k. Viele Personen sprangen aus den Logen in den Saal hinunter. Andere suchten durch Rauch und Feuer die Ausgänge zu erreichen und erlitten Brandwunden. Das Feuer konnte nach angestrengten Bemühungen des Personals gelöscht werden. Es wtwden etwa 15 Verwundete gezäh11. Großer Hausbrand in Toulo«. Aus Toulo n wird gemeldet: In einem Warenlager, das sich im s e ch st e n S t o ck w e r k ein e s Woh n ha use s befindet, brach gestern ein Feuer aus, das sich bald über das g a u z e H a u s v e r b r e i t e t e. Die Bewohner hatten kaum Zeit, sich in Sicherheit zu bringen. Ein an den Beinen gelähmter Mann stürzte sich aus Verzweiflung aus dem Fenster und erlitt dabei einen Schadelbruch, der seinen sofortigen Tod herbeiführte. Unter den Trümmern entdeckte man später die völlig v e r k o b l t e Leiche eines anderen 'Hausbewohners. Momentbilüer aus tres Sftoel.*) Bei den Rohköstlern (Ttwonim). — Der Wuuvergarten von Migdül. — Dev lP sanier von Chitim. — Ein mißglücktes Agudo-Projekt. — In MrchoWlo. Bon Dr. Egon Michael Zweig. Unser Auto hält kurz vor dem Gutshof Kintret. Welchem Veteranen des Natiokmlfondö wäre er nicht vom Titelblatt der „Böhm-Broschüre" erste Auflage, vertraut! Die zwei symbolischen Kühe, die dort ein phwn!- tasievoller Zeichner dem Klischee beigesügt, haben sich seither hier und in .den vielen neuen Judendörfern des Landes um Tausende vermehrt, Rinder aus Fleisch und Blut und mit fetter Milch dazu. Schon klimmt das Auto zwischen mächtigen Basaltblöcken am Hang nach Har Kineret empor. Obgleich nur ein Biertelstündchen Fußweg, träumt diese Siedlung schier vergessen dahin im kargen Schatten der Fichten, Kasuarinen und Eukalypten, die man vor Jahren als „Jaar Austria" gepflanzt. In Sfat sagte mir einmal der Schammes des Altenheims, als er das Fenster öffnete und znrn Massiv des Djermak hinüberwies: ,Hier braucht man nicht zu essen — nur zu schauen!" Der herrliche Rundblick vom Har Kineret auf den Spiegel des Sees tief unten urrd auf die erhabene Alpenwelt ringsum mag wohl zu ähnlicher Romantik verleiten. Wenigstens traf ich in den paar windschiefen Baracken oben eine kleine Schar kurioser Eigenbrötler, die über das im Lande stark verbreitete Begetariertum längst hinaus sind. „Tiwvnim" iKytutett sie sich — Rohköstler Doch darf man --- nach dem Evangelium des Schweizer Blättchen „Tao" in ihrer Land — vermuten, daß sie durch planmäßiges Fasten die Seelen läutern wollen. Einer ist darunter, *) Gfeho „Wienr Morgenzeitung" vom 11. Jänner 1927. übrigens ein Rieseulerl, der bei Beratung des Takziw die Zuteilung eines Tieres ablehnt, da er dessen Arbeitskraft nicht „ausbeuten" wolle. Der Jbud jad, fet%>v eigenen Hände Werk, genüge ihm. Jüdische Anachoreten! Zurück über Liberias ans Nordufer des Sees nach Migdatt Am Hügel mit dem Blicke südwärts nach dem Felssturz hes Karn Hattin der. Kolonie, Schöpfung der Privatinitiative, mit einem . Riesenhotel, zu dessen Vollendung Herr Glikin eben wieder aus Amerika neues Geld holt. Der große, palmenumsäumte Pardes, der vormals der Siedlungsgesellschaft gemeinsam gehörte, ist nun Ln Gärten aufgeteilt. Baum reiht sich hier an Baum, jeder mit hunderten der herrlichsten Früchte — Bananen, Orangen, Mandarinen, Zitronen und Ärapefru'cht — beladen. Letztere zumal — einen hebräischen Namen hat sie noch nicht —- verdient eingehendste Würdigung. Diese kalifornische' „Erfindung" bildet heute das unentbehrliche Ingredienz .jches anrerikanischen und englischen Frühstücks. Bon den Bojaren Petach Tikwas her begann sie ihren Siegeszug. in. die jüdischen Kolonien- Kein Wunder, zumal sie den dreifachen Preis der Orange erzielt. Leider sind alle Blätter und Früchte in Migdal und Umgebung von einer Schildlaus gefallen, welche die Kraft der Bäume allmählich schwächt. Die Pflanzer behaupten, dies Uebel allein nicht meistern zu können und murren wider die Regierung, daß sie die zwar kostspielige, doch unbedingt nötige „Fumigation" (Durchrüucherung) verschleppe. Dennoch ist man hoffnungsfroh, bald auf den Wettmarkt vorzudringen, und kaust still Dunam um Dunarn zu. Nun über Liberias auf den Kwisch nach Nazareth zurück und bei der kleinen Pica-Kolonie Mizpa rechts nach dem breiten Kegel des Karn Hattin, berühmt durch die Schlacht, in welcher Saladin, der Sarazen, die Kreuzfahrer vernichtete. Ironie des Schicksals, baß nun über den 'vom Haß jener verheerten Boden friedlich der jüdische Pflug seine' Furchen zieht. Der Keren Kajemeth ist etoiger Eigentümer,- und rings um die höchste Kuppe fügen sich die Holzhäuschen der Misrachi-Siedlung C h i t t i m zum Kneife. Ich suche hier einen alten Bekannten, den ich hier por zwei Jahren traf. Damals hatte ich von seinem Bruder, einem jüdischen Deputierten des polnischen Sejm, Grüße an ihn. Sein Werdegang ^war mir bekannt. Noch vor dem Kriege hatte er sein Großgut in Galizien verkauft, um ins Ahnenland zu ziehen. Hier verlor er Hab und Gut und mußte als Balegule, als Fuhrknecht, ums tägliche Bxot kämpfen. Die verzweifelte Frau drohte, sich zu getten, wenn er nicht nach Europa umkehre. Doch er war fest gebliebvm und nun schaffte er, trotz seiner sechzig Jahre, als stolzer Bauer auf Chittim. „Schämt sich der Bruder meiner?" fragte er, als ich des Bruders Gruß überbrachte. „Wo denken Sie hin," wandte ich ein, „er ist doch Zionist!" Da winkte Freund H. ärgerlich ab: „Schöner Zionist, sitzt sich — in Warschau, im Sejm!" — In Erin».erung an das Gesprqch von damals trat ich nun erwartungsvoll in seine Baracke. Weinend sagte mir sein Weib, er sei nicht mehr. Doch sein Sohn war von der Hochschule in Pisa herbeigeeilt und vom Sarge des Vaters an dessen Pflug getreten. Bald saß ich mit dem tapferen jungen Mann beim Tee und ließ mir von den Schicksalen Chittims erzählen- Die Siedler, durchtvegs Strenggläubige, haben Fleiß und Geschick bewährt. Das beste Zeugnis hiefür ist, wie gut sie die Nationalfonds-Pslanzungen zu pflegen verstanden. Aber man leidet hier an zwei Uebeln: an Landmangel und an der Teuerung des Wassers. Wohl wurde als Morgengabr . vom Keren Kajemeth eine kunstvolle Leitung zugebracht, die viele hundert Meter hoch vom Tiflrriassoe hinaufführt Doch solange die Siedlerzahl nicht stark vermehrt Wd. treffen die Gebühren des Pumpwerks den einzelnen schwer