Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 9 (1927)
- Issue
- Heft 2828 (12.1.1927)
- Date
- 1927-01-12
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Wien, Wisttsr Msegen^eitang hö. Iänirer 1987 -2»' f K* COSIMJCII UNI, TRUST iferriitiie Krtioiungsreteen MltWmjer-- mit I)oj>p.■ I«hr:inlion• iamv!#f STELLA DMTALIA Fahrplan der uüoliaten Äet3cu : vom l. bis 21. Februar 1927 nach Kicemasicn xosn -üj. Fohr.bis 14. März nach Aegypten u, Griechenland, vom IC. bis j9 M&rz FrühUngsfahrt nach Sizilien, vom 3. bis 25. April Ostern in Spanion, vorn '!9. ApfU bis 13. Mai ZN den Klassischen Spielen in Syrakus. Unter Anlaufen zahlreicher Zwischenhäfen. Kostenlos« Auskünfte, Prospekte und Plntibestellnngen COSUIICH L I N E Vrieo. f. Parkring SO. Tel. 14*1-10 nßtl Reisebtireau». Ae französischen Senatswahlen. -y, Wie«. k. Jänner .1927. Die (icnewcningeuHTlHti; zum sniitzöstsche». Lcuai ijuben das Bild der vor zwei Jahre» vnrchgeführtc» Herriot-Wah len ergänzt. Die Linksparteien haben die Mehrheit im Senat erlangt. Tie uaiwualisttsche Rechte ist geschlagen worden.' Ihr Echec drückt sich vielleicht weniger in der Anzahl der verlorenen' Sitze als in den: Verlust führender Persönlichkeiten aus und hier ist es besonders die Niederlage Mille-' rands, die die umhre -Ztiunnung der Wählerschaft kennzeichnet. Er war vor zwei Jahren Präsident der Republik gewesen, und obzwar er sich mit Pvincare nicht gut starw, waren doch beide durch die gleiche politische Linie vcrbum den. Der Ausfall der Kammenvahleu erzwang den Rücktritt Millerauds und machte das Terrain frei für die Durchführung der BerstÜndigungsaktion mit Deutschland. In der Währungskrise rafften fascistische Straßenkrawalle das Kabinett Herriot-Caillaux hinweg. Pvincare kam wieder, aber um Seitensprünge zu verhüten,. blieb Briand au der Spitze, der Außenpolitik. Milteranb wurde vielfach mit den fascistischen Umtrieben in Verbindung gebracht. Gegen ihn richtete sich ein sehr starkes Mißtrauen, das innunehr in sei-- nem. wohl endgültigen Sturz seinen, Ausdruck gefunden W, Millerand ist 68, Jahre ald und er dürste kaum.mehr auf der.Tribüne.der.Politik. «le'fcheine.n. . . ' ' Das Wahlresrrltat entscheidet zunächst Wer. M Kam^ m'erverhandlungen bezüglich der LocarnoePolitik. Zwischen Pvincare, und Briand ist hinter den Kulissen ein zäher Konflikt in Gang. Der Ministerpräsident will' die Erörterung zulafsen, während der Außenminister die Debatte ablehnt: 5Den Hintergrund dieses Streites bildet die gegenwärtige Regierungskrise in Deutschland und die Stellung der beiden maßgebenden französischen Minister ist nicht bloß von taktischen, als vielmehr von prinzipiellen Gesichtspunkten diktiert. Dem Nationalisten Pvincare ist die RechtswLndung in Berlin nicht unangenehm und er wünscht sie nicht KN stören. 'Er kennt die Psychologie der Wvtcnnsten und vr weiß, daß sie jede Rede., uild sei sie die friedfertigste, in ihrem - Sinn umbiegen- und für ihre unlitaristischen 'Pläne ausschrotten. Eine Kammerdebatre käme ihnen fetzt fehr zustatten^ Briand weiß dies auch und er kommt zu dem gegenteiligen Entschluß. Er verschmäht es, der deutschen Reaktion Schützenhilfe zu leisten. Er sieht sein Verständigungsgebäude beMwht und sein Programm reicht »Mer als das Pvhrcares. - Der MipoMschtz Ävrizput hat sich verdüstert, die Position der Mchre in China ist erschüttert worden und es handelt'- sich heute nicht mehr um England Mein, dessen, Erfahrungen in Hankau Zuerst mit einiger Schadenfreude ausgenommen Wurden. AberinMschM ist auch Schanghai, die europäische Republik im fernen Osten, in den Gefahrenbereich gelangt und dort geht es auch um sehr starke französische Interessen. In Deutschland mirde die Entwicklung dieser letzten Tage mit stürmischem Beifall und Händeklatschen ausgenommen. Würben die Rationalen Unt Euotms, der gemäß den Aufträgen Hindenbuvgs und auch Gttesemanps seine Verhandlung^ führt, mis Rüder kommen, so läge die Verbindung mit Moskau und darüber hinaus nsit Kanton immerhin im Bereiche der. Möglichkeit. Eröffnen sich doch weite Aspekten für die Anbeter der Revanchepolitik, die bereits im Sattel sitzen Und wieder einmal am Ftrmament den roten Feuerschein des Krieges leuchten .sehM, Eine Jnterpellationsdebätte in der Pariser Kammer müßte notwendigerweise zu. einer Festlegung der ftanzösischen Regierung führen und das will Briand jetzt verhüten. Ihm ist die europäische Einheit weitaus wichtiger und er hat in Hinterindien täglich mit dem Uebergreisen beÄ von Moskau angezündeten Brandes zu rechnen. FÜrBrraiM Politik bedeutet demnach der Ausfall der SonntagswaWr ein« sehr kräftige Hilfe. Ihr stärkster Ausdruck liegt in. der Niederlage Millorands, des ewigen Gegners Briands und jenes Sozialisten, der noch , nach der Dreyfuß-AMöe sich durch die NncktivlerurH des Lügners Paty du Claim mmpromittierLe, der als Kriegsministe».' sich das Ävb Wilhelms IIfür seine Art Sozialismus holte Und vjtter' der Berantwortliihen für den Marokkokritzg war. Sein« Partei hat einen sehr schweren Schlags erlitten mrd damit big imtionakistißhe Politik. „Achad Haam metb Bon unserem Jerusalemer -Mitarbeit er. ich am Morgen des 2. Jänner zu Tel Awiw in der Rasierstnbe saß, lief jemand die Gasse herunter intd rief ausgcregt znr Türe herein: „Achad Haam inet!" Der Barbtergeselle, der mich grad in der Atbeit hatte, hielt einen Moment trtilc und sagte: „Wird ein anderer anfsteyen!" „Haben Sie so ein Vertrauen z„ imsereui Volk?" „Felsenfest!" Ans der Straße dranßen fand ick ein verändertes Bild. Einer rief die Trauerbotschaft dem andern zu, man stand in Gruppen und besprach, das große Ereignis. Schon ta»»rhten in einzelnen Ladern senstcrn Bilder und Ansichtskarten von Achad Haam auf. Es drängte mich, den Bet Olanr anfzttsnchen, das den Toten bergen sollte. Auch Nordaus Grab galt es Respekt ztt erweisen. So bestieg ich mit meiner Frau einen Autobus, der durch die neuen Strandviertel nach Nordin hinanssährt. Während der Wagenführer die Karten aus gibt, macht sich ein etwa snnsjährigeS Madel am Volant zu. schaffen. Kann» habe ich mit ihr angebanvclr, erzählt sie »nie in frischem Jvrit, sie fahre mit dem Vater aus, weil mau , heute den Gau schloß, den Achad .Haam sei tot.' „Wer ist. das?" srng ich. „Ein großer Schriftstellet." „Was schrieb er denn.?" -„Genau weiß ich das nicht, aber er war ein erhabener Lehrer unseres Volkes." Das Auto hält bei Delfiners Fabrik. Wir arbeiten uns ein Stück Weges durch den Dünensand bis zum Friedhosstor vor. Das Gräberfeld wird von dem Monnnttnt beherrscht, das die Jude» von Jaffa und Tel Awiw den im Mai 1921 gefallenen Märtyrern der nattonalen Idee gewidmet haben: oii» langgestreckter Blockwall, auf dem die Namen der Ennordeten eingckerbt si»»d, und darüber Botivtafeln in der Mitte und an den Flügeln des Walles. Und vor den Tafeln Steiitchen gehäuft, ein Beweis, daß Gchenken und Mitgefühl der Brüder wach geblieben. ' Am Sandhügel jenseits dieses iMomtmeuts ein blumengeschmückter Aufbau, der noch der Mazewa harrt. Hier ruht Max Nordau. Ihm zur Seite gräbt man einen neuen Schacht für Achad Haam, seinen Widersacher. In Odessa schrieb der seine scharfe Kritikan Herzis „Aktneuland", und von Paris her gab Rordau mit . jenem scharf«» Leitartikel für die „Welt" Bescheid. „Hachet lveonscho" war Achad Haams Echo in der „Hazeftra", und so wogte der Kampf hin und her. Run liegen sie in palästinensi-- ,scher Erde, un» deren Verherrlichung es doch beider» ging, vereint. Wann endlich kommt -auch Herzl, wie das sein Testament und ein Kongreßbeschluß verlangen, im Ahnen-- land zur Rühd? ' . Nun näch der Stadt zurück. Das Bott staut sich vor den Anschlagstafeln. Die Gemeinde Tel Awiw, der Waad LÄimi, der 'SckMftstellerverband, die „Hüter der Mäischeu Sprache" Und andere Institutionen mehr verläutbären dm Tod des Großen in Israel. Die Jrija als weltlich« und die KehMa als geistliche Macht verordnen, von 1 LAY-8 Uhr nachmittags die Läden zu sperren. Der Waad Leumi fügt öin Est- und Rauchverbot hinzu. Punkt 3 Uhr soll der Zug vom Trauerhause aufbrechen. Me Achadyaam-Straße sinde ich vor dem uwhlbekannten Häuschen, wo eine stille, sich stets erneuernde GeMeitide versammelt steht, von einer Kette gesperrt. Nicht erst fett heute ist das so, sondern seit Jahr und.Tag, um den Wagenvet-- kehr, abzuhalten und die Ruhe dys kränkelnden Geistes z»^. schonen.,Zwischen die Menge schieben sich junge Bnr- . schen, Emissäre des Sprachschutzvereines, die jedem eine Papierschleife anstecken mit dem Äussprilch des Meisters: „Hehie Gedanken vetMn lsie Sprüche."' . Indes »st auch schon eine neue BertlMtbaruNg der Jrija plakatiert Mit genauen Angaben,' »velchen Weg der TrauerzUg nehmen wird, wann und wo Gedenkreden gehalten werden, dürr wen» uird in wessen Ram-tzu, dann Über die Ordnung des Zuges selbst und wie sich das Publikum verhalten., soll. Me Leute vor dem Anschlag lesen ihn Dlblauft voll Andachtfast wie ch» Gebet. Wie konnte man nur Über die Redner aus Jenrsalem: Usstschkin, Ykllin und Kur, so verfügM? Doch da schreiten sie schon vorüber. Das Auto hat sie und viele, View andere Trauergüste miß der Hauptstadt, ans.Haifa und von überall im Land herbeigebracht. Me Geschäste schließek sich. Gine nnWerseylmr«Mmge wallt zum Wedhof hinaus. Schule um Schule mar- Dttt auf. Längs des ganzen Weges steht man Schulter Ln Gchültev.... Flinke Yementten verteilen die »vochdruck-- jeüchte Sonderausgabe des „Haarez". Die Häuser und hie Rohbauten sind bis ans Dach von Zuschauern besetzt. Alle landSmanttschafttichett Rüaneen scheinen verwischt, alle Klassen- und PMeldifferenzen sind jetzt ausgrtilgt. Auch ■■■■■■■■■■■■■■■Mia KLUß RADIKALER ZIONISTEN Mittwoch, den 12. Jäniter 1927, UM -Httlb 9 Ülp dSi im Cafl Atlaahof, AspsrnMtr (Klublöka!* Bittgang Wieslngerstraße am die Ecke) Klubversammiung Thema: Der Zlonlemua an din Hochachulen. Referent) H. Kendl Ifn österreichischen Landesverband organisierte Zionisten als Gäste" willkommen. vom Klub der RevisivuistkN drüben, die doch, den „Leugner des Judenstaates" als Belzcbuv des Defaitismus verab. scheuen lusißten, iveht die, 'i'chwarzumflorte Vereinsfahne. Vor wenigen Äundeii ndch gab es im neugewählten Stadtrai erbitterte Kamvfaöstimmuvgen: .21. Dürgerlichr gegen 20 Liiite, und die Auflüsnug deS StadtrateS schien der einzige ÄrrsTveg. Doch da./ Bild des uatwucklen Geists (Kcivo ragt iiücr allen Streit bfü?lttgeublicks hinaus. Mit weißen?lrmbindc>: rücken die Ordner an, Arbsiter zunleist, und richten brtv Spalier ans. WidetspmchKlos, willig, fügt man sich. Und nun dem eigentlichen Zug voran, gleichsam rtfo Symbol. der Selbstverwaltung, die Tel Awiwer Polizei, das Stadtwappen auf der Kappe. Zuerst ein Offizier im?l'nto, dann zwei Beritten« aus tadellosen Pferden und-, zwei Züge, in feierlichem Aufmarsch. Kein Stechschritt, keine. Faxen. Es folgen eine chlbordmtrrg des Turirvervandc".« „Makkabi" und ein paar hnndert Pfadfinder, Zosim und Zofot, in voller Aus' rüstung. Eine wicksaMe Ho.rdigimg der Kraft mW'In« gend des Landes vor dem jüdische» Geist. . Den Sarg mit den Deputationen schütze seitlich und cückvärts ein mitivandelndcr Kordon von Ordnern, die einander an den Händen halten, gegeti jeden Versuch einer Störung. Hoch schwankt jetzt die schwarzbedeckte Tote», bahre vorbei auf den Schultern der vielen Frenude und' Verehrer, die sich zu dieser: letzte» Ehre drängen. In» Wagen die tiesgebeugte Witwe und der einzige Sohn Dann mit einem großen Schwall, in demokratischem Durcheinander von Rang und Massen, die Vertreter der Institutionen, eine lvahre Auslese des jüdischen Palnstilta. Nun löst sich bas Svalicr auf und schließt sich dem Zuge an, den» ferne»» Friedhof z»». Dort »verden die letzten Trauerrede»», gehalten. Von dem, »vas sie alle, die Dizengoff und.Mossinsohr», die Bialik und Schmarja Lewin, gesagt haben, sind alle ergriffen: Mir gilt das Lalle» der Kinder vom „erhabenen Lehrer unseres Bolkes" mehr. Und werm ichl den Äesamteindr»»ck wiedergeben soll, so »var es kein Tag. dumpfer Trauer; eher ein Tag stolzer Freude, von dem Hellen Scheit» der Palästtnafonne verklärt. In der . Person des Toten sah sich, das Volk selbst geehrt; es fühlte seine Berufung ünd sei,»e Kraft. Me . ganze Trauerfeier in ihrer Wichten . Größe war. getragen vön Selbstzucht ^und. GeMei»»tzeist. Um 6 Uhr nachmittags war alles, zu Lndc. Me Laden taten sich wiederum aus und der Werktag trat in sein volles Recht. Das Volksleben rauschte roieder hoch und das Rauschen, des Heeres, das gegen die Klippon von Jaffa schlägt, siel harmonisch mit eim Ewiges Volk, ewiges Meer. . Inland. 9M - PoWarkaffe - mmrnmm . Kmschak drcht den Sproß um. Fn eitler VersämMM in H i e tz i n g »vars Ab*?eordneter ftuNschak einLtt MMick aus das Jahr 926 und erklärte sowohl die Zentralbank- Witz die Postsparkassen-Affäre für bereinigt. Wenn Dv. D an n e - b e r g so fuhr Kunschak fort — in sH'.mr erstem Rede im Juli 1926 die Behauptung ausgestellt habe, die Christlichsosialen seien ddr Meinung gewesett, das Vermögen der Postsparkasse -bilde vintzn ch r»st l i ch -- s o g i n l e n P a r t. e. i f ottös, so sei diese Behauptung heute in iht Gegenteil nmgMhrt geworder». Es Mbe sich herausgestellt, daß tvohl eine Partei aus he»» PostsparkassengeMrn-.große Summen erhalten hat. „Es hat sich herausgestellL daß die 5'5 0.0 0 0 Hol l a n d - Gulden^ welche bte Hammerbvotwörke vvn Basel erhalten haben, den Beständen der Postsparkasse e n t n o in m e n wöpden sind. Es hat sich Herausgestellt, daß die 23 M.i'lliarden, für welche Riesensutmne Bösel den Sozialdemlckratm Hie, HammerbrotwLrkeFrbgekaust hat,.den Gelder» d,er Postsparkasse -durch Bo.fel. entno.»nmesi worden sind. ES hat sich herauSgestösit, daß .die 3 äfttl* liarden A b fr r't tP u n g, wöM/der frühe.re D!rejk.-, tor Ser Hammerbrotwerke, Herr Eld vvsch, Nach seimm Rücktritt - als Dirvktöt'. von B o s e l erhalte»» hat, g l ö i ch fa l l S a u s d o ti Be stcindvrr der Pvft" sparkassö stammen, und es'hat sich hörausgesteM, daß in der Pdstsparkassö d r«i We chs sl itU t der Unterschrift d e s G e nassen E l d e r s ch liegen, die auf einen Betrag a n f 6 M i l l i a r d e n K r o n e n lauten und>M heute noch nicht eingelvst sind ' Rr Arbeitrkverfichrm««. Die Beratuim W ArbeltewersicherungsgeseKtt dn Unterausschuß des SoAlvetsWMNMüsschusser geh!- langsam von statte,». Gestern wurden die Paragraphe 15 bis Ssi behandelt, jedoch eine Rejhe. von BestimmungS % so z. B. die über die ArbeiteLvttsichrrungSanstaltLN nM die Hauptstells für Ärbeittwersicherung wegen Parteien- Verhandlungen Übeidiese Fragen vorläufig zurückgestellt.