Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 9 (1927)
- Issue
- Heft 2825 (9.1.1927)
- Date
- 1927-01-09
- Page
- Seite 10 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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■:tc. \v ,1'istt, Sonnr ^.s«er Msrge«zett„u Zauner Jl>.. . u. 282 SKLAVENJAGD IM SUDAN VON A. E. BREHM Im; Bertag bctt Philipp Rec i a m tun. ist ei-cn bc3 Rciseöu.h dcö im Jahre 3834 beifiiivüt'ncn Aatnrsorschers A. E. Brehm, des Autors des „Trerlebeir", von neuem erschienen. Die von Carl W. N c » nt a n n bear- »eitxte Ausgabe ist von Brewn im Jahre 1338 niedergeschriesten tr-ordeu, zu einer Zeit also, in der die Türkei der mächtigste Staat in Afrika war. Wir geben hier die lebensvoll und packend geichricbene Schi derung einer Sklavenj.'gd na Sudan wieder und bemerken. das; die Slsaverei erst nach der Besetzung des Sudans durch England beseitigt werden konnte. Ganz konnte sie aberselM heut? noch nicht auSgerottet werden und der Völkerbund muhte noch im Jahre 1926, also in unserer unmittelbarsten Gegenwart, eine Kommission zur Prüfung der Sklaverei frage eiusctzt. Die Schilderung Brehms besitzt also leider noch irumer aktuellsten Inhalt. Betrachten wir uns, bevor w>r mit den. Sklavenjägern in d!'? Urwälder dringen, einen Sklavenmarkt in Aegypten. Gesättigt von all dem Groszartigen, das er in wenigen Lagen gesehen, befriedigt von der Beir-achtung des Weltwunders der Pyramiden, ernst gestimmt von der Stadt der Toten, schwelgend im Genüße eines ewig heiteren Himmels, bstaubt vom Gewühl und Getön in den Straßen der Stadt der Sarazenen, wendet sich der Fremde zuerst nach dem Srlovenmarkt, um auch hier seine Neugier zu befriedigen. Vor einem alten Gebäude in einer stillen Straße hält sein Führer vor der „WeEale el-Abid", dem Sllavenventaufshaus. Ein wirres Gemisch von Hofen, Ställen, Zimmern und Räumen breitet sich aus und schon am Eingang sieht er di? .Ware". Auf schlechten Palmfaferinatten fitzen dürftig bekleidet die dunklen Kinder des Südens, den Fremden oder den Käufern zur Schau. Der Slavenhändler. der Djellabi, liegt ans einem An-kareb, rancht seine Pfeife und lädt den Ankömmling ein, „el-Farchat", die jungen Tiere, zu besichtigen. Ist der Fremde ein Kauflustiger, so erhebt sich der Djellabi, um ihn nach dem Aufenthaltsort des Sklaven zu geleiten: unbekümmert um Alter oder Geschlecht, gebietet er diesem, die Zähne zu zeigen, wie man in Deutschland bei Pferden tut, läßt ihn verschiedene Stellungen einneknnen und dann sich entkleiden. Scheurüar gefühllos starren die Sklaven den Käufer an und schweigend gehorchen sie den Befehlen des Djellabisie wandern aus einer Hand in die andere, ohne eine Miene zu verziehen. Und dennoch ist ihr bloßer Anblick schauderhaft für den fühlenden Europäer: er sieht einen Menschen, der wie ein Dieh behandelt wird. Entrüstet verläßt er die Wekal-e — verläßt er einen Markt, auf dem der Sklave trotz allem im Vergleich zu dem Jnnenafnkas menschlich behandelt wird. Erst im Sudan sicht er die Sklaverei in ihrer ganzen Abscheulichkeit, denn dort herrscht die Sklavenjagd. Knechtung und qualvoller Frondienst, Unterdrückung der heimischen Sitte, Lösung der heiligsten Banden, Schändung des Teuersten, - Vernichtung det edelsten Gefühle sicht dem Abessinier oder Neg"r bevor, sobald sich ein „Rassua" oder eine auf windschnellen Rossen daherkommende Arabc'hovd? seinem Heimatsland nähert. Kein Wunder, daß der Mann mit äußerstem Grimm dem beutelustigen Feinde entgegentritt: kein Wunder, daß er die Grausamkeit durch entsetzlichere Grausamkeit vergilt. Das türkisch? Gouvernement sängt Menschen, um sie an SoldeZstatt den Beamten Zu geben; der Araber will Sklaven baöen, um sie als willige Diener zu nutzen oder mit Gewinn zu verschachern. Der braune oder schwarze Mann des Gebirges und Urwaldes kennr sinn Los, er weiß seinen Herd zu verteidigen — und tut es. Die Sklavenjagd ist jetzt weniger einträglich als früher, da der Neger seinen grimmigsten Feind noch nicht als ein sterbliches^ Wesen erkannt hatte: jetzt fallen oft mehr Sol daten - als Sklaven gefangen iverden. Es ist noch nicht lange, her, da betrachtete der arglose Sohn der Wildnis den Weißen als unantastbares, Gott ober dem Teufel ähnliches Wesen. Im Fahre 1951 befehligte der Italiener Nikola Ulivi, rin in Chartnm ^Mäßiger, in ganz Ostsudan als Gauner und Mörd'-r bekannter Kaufmann, die Handelsflotte, die alljährlich von Chartuni aus nach dem Weißen Fluß-? fuhr, um dort mit den eingeborenen Stämmen der Dinka, Schilluk, Nner usw. Tauschhandel zu treiben. Die Habgier des Italieners ward aber durch dieses Geschäft nicht befriedigt. Bei Gelegenheit eines Handels im Lande der Kihk geriet ein Neger von Tausenden, die sich um die Barken versammelt hatten, mit einem Matrosen in Streit, weif er von ihin betrogen worden war. Und als die Männer Ufcr murrten über Die schreiende Ungerechtigkeit der Weißen, befürchtete Nikola eine Gefährdung des Handels. Um den Schwarzen seine Macht zu beweisen, ließ er die fünfzig Negersoldaten, die seine Handelsflotte öeQtcitcU’U, aus das am User versammelte VE Feuer gebe,;, Mehr als zwanzig Neger sanken zu Boden. Erbebeno, wie vor dem unabwendbaren Gericht allmächtiger Götter, beugten die ahnungslosen Naturkinder ihr Knie vor dem Frevler. Heulend und klagend besichtigten sie die Gefallenen, deren Wunden das Herzblut entströmte; wie Kinder, die das Walten der Gottheit nicht fassen können, betasteten sie die Wunden der Lerchen, in denen kein Pfeil, keine Lanze stok; noch war den armen Sckm?arz?n die Feuerwaffe fast unbekannt. Und Nikola rühmte sich dieser Tat, bis ihn das Fieber dahinraffte und die Gemordeten rächte. Seine Grausamkeit' war kein Mt der Notwendigkeit, keine Handlung der Selbstverteidigung: die Tausende der versammelten Neger hätten das Häuflein ihrer Peiniger erdrückt, sofern sic gewußt hätten, daß es mit ihren Waffen besiegbar war. Heute sind lange nicht mehr alle G-egerstärnme so über den Weißen und seine Waffe im unklaren wie die betörten Kihk. Die Schilluk und Dinka, Takali und Darfuri, die Abessinier und Tabi wissen, was für ein Feind ihnen gegenübersteht. Immer seltener, immer beschwerlicher und gefährlicher wird die Sklavenjagd. Eine Sklavenjagd ist der vollkommenste Guerillakrieg. Ans beiden Seiten überbieten sich die Kämpfer an List und Grausamkeit. Ich schildere sie nach den Mitteilungen eines befreundeten türki'fchcn Majors. Die Rassua ist versaminelt. Geschütze und Waffen sind im besten Stande, Bespannungs- und Lasttiere vollzählig, die Soldaten selbst frohen Muts. Kamele tragen das Gepäck der Krieger und kleine Kisten mit Munition: leicht ziehen die Soldaten dahin. Man erreicht die Grenze des von den Türken unterjochten Landes und betritt das Gebiet der freien Schwarzen, den noch von keiner Axt entweihten Urwald. Die Kolonnen teilen sich und bahnen sich mühsam durch Schlingpflanzen und Mimosendickicht den Weg. Dichter und dichter werden die Urwälder. Kein Feind läßt sich sehen, zufällig aufgefundene Dörfer sind leer. Man begnügt sich, sie anznzünden. Weiter zieht das Heer in den Wald hinein und die Beschwerden häufen sich. Ungewohnt des ihm fremden Klimas stürzt das Kamel, vielleicht infolge der Stiche von Tausenden kleiner Fliegen, vielleicht infolge der ihm nicht bekömmlichen Kräuter; südlich des dreizehnten Breitengrades dauert es nicht mehr. Man verteilt seine Last an Soldaten und langsamer bewegen sich die Reihen. Tagelang schon marschieren sie und immer noch sehen sie keinen Feind. Und doch sind dunkle Gestalten ihrem Zuge gefolgt. Bon Baum 3» Baum schleichend, beobachteten schwarze Männer jede ihrer Bewegungen, zählten oder schätzten ihre Streiikräfte und benachrichtigten ihre Stammesgenosscn. Endlich werben sie von den Soldaten entdeckt; ein paar vereinzelte Schüsse genügen, Um sie ,zu vertreiben. Unbekannt in dem Urwalde. schleppt sich die Schar der durch Beschwerden aller Art schon geschwächten Krieger durchs Dickicht. Schon hat man die Geschütze notgedrungen zurücklassen müssen. Müde und matt erreichen die Soldaten einen freien, zum Lager passenden Platz. Nach kurzer Ruhe kommt reges Leben in sie. Die Aext-e fällen Mimosen, deren stachlige Aeste zur undurchdringlichen Seriba, das heißt zum Zaune vereinigt, das Lager beschützen: ein kleiner Räum beherbergt die. Truppen. Dunkel senkt sich die Nacht auf den Wald, erprobte ägyptische Soldaten halten paarweise Wache. Stille ringsum. Die Nacht im Urwald ist anfangs still, erst später ertönen allerlei Stimmen. In der Ferne hört man das grunzende Brüllen des Panthers, ein milchweißer Uhu ruft seinen Namen; schauerlich klingt er im Walde wider. Fast verhallend tönt das melod'rsche, glockenreine Gezirp gewisser Grillenarten zum Lager herüber; in einem entfernten' Sumpfe quaken die Frösche, tiefer im Walde heult die Hyäne. Dichte Schwärme summender Moskitos und Hunderte von Fledermäusen umschwirron die Köpfe der Wachen. „Hörst du nicht, Bruder? Raschelt es nicht im Gebüsch? Siehst du nicht dort eine dunkle Gestalt?" „Wohl, es wird der Marafil sein (die gefleckte Hyäne). Schieß nicht nach ihm, vielleicht ist es einer jener Verfluchten, ein Zauberer, der bie Gestatt des Marafil annahm." „Verflucht fei der Wald samt feinen Bewohnern! Mir dunkelts vor den Augen, ich bin müde!" Der Soldat schlunimert nicht, aber sein Auge ist trübe vor Mattigkeit. Er sieht nicht die in nächtlicher Finsternis wie Katzen heranschleichenden schwarzen Männer, die dicht vor ihm auf dem Bauche kriechen. Unhörbar pirschen sie sich an den Wall. Endlich bemerkt er sie. „Allah hu akbar! Esma ja achui, hauen aleiua ja rabbi, et abi-htl" (. Gott ist der Größte; .Höre, mein Bruder! HHf uns, o Herr! Die Neger!") Weiter? sagt er nichts, eine Lanze hat ihm die Brust durchbohrt. Vorder Seriba erheben sich Tausende schwarzer Männer, ein. heulender, langgedehnter Schlachtruf erschallt; das Grunzen des Panthers, das Heulen der Hyäne, der Todesruf des Uhus erklingt aus dem Munde der Neger. Und mit dem Schlachigebrüll durchzischt die kräftig geschleuderte Lanze d'.e Luft. Wo sie auch hinfliegt im Lager, sie füllt in die dichtestur Rotten der bedrängten Soldatendas Blitzen einzelner Gewehre zeigt diesen, daß sich auch unter den Angreifern Männer befinden, die Feuerwaffen ihr eigen nennen. Auf einmal entladen Hunderte von Soldaten ihre Gewehre und eine oder zwei leichte Kanonen donnern gegen den Feind, aber die Kugeln schaden nicht; längst sind die Angreifer wieder geborgen. Bäume, Erdmände. Boden-erhöhungen und die tiefdu-nklc Nacht beschützen sie. Die Kugeln der Soldaten pfeifen durch die Mimoienäste, ohne mehr zu bewirken, als den Feind vor einem neuen Angriff ab znschrecken. Der heranbrechende Morgen beendet den Kampf und beleuchtet das Schlachtfeld. Viele der Soldaten hat der Tod im Schlafe ereilt. Die Lanzen hefteten sie an die Erde. Andere sind unter Krämpfen verschieden, weil ein vergifteter Pfeil sie getroffen hat, noch andere liegen im Todeskampf. Bon den Schwarzen sieht man keinen Toten auf der Wallstatt; die Lebenden nahmen die Leichen mit, um sie nach ihrer Weise entweder zu beerdigen oder den Wellen des heiligen Stromes zu übergeben. Wohl dem 'Schivarzen, wenn er den Feind dazu zwingt, sich zurückzuziehen. Wehe ihm, wenn es nicht gelingt! Dann wird das Ncgerdorf umzingelt und genommen, und T'gern gleich stürzen sich die Soldaten auf ihre Beute. Greise und Kranke, kurz alle als Sklaven nicht mehr verwendbaren Feinde Voerden niedergemacht, denn Menschlichkeit gibt es im Kampfe nicht mehr. Die Fronen werden gesckchndet. den Grimm der Männer hat man qebänd'gt. Längst hat man sie entwaffnet und in die „Seheba" gesteckt, die scheußliche Sklavengabel. Vor ihren Augen schlachtet man Weib und Kind, Vater und Mutter, sogar die unschuldigen .Haustiere werden getötet. Zur Ehre der Weißen sei es gesagt, daß im Vergleich zu ihnen die Ncgersoldaten Teufel sind, Teufel, die mit wahrer Wollust die schauderhaftesten Martern für die Besiegten ersinnen. Nun werden die Gefangenen gemustert und alle Unbrauchbaren getötet. Nachdem der Sieger noch so viel Vieh zusammengetrieben hat, wie er finden konnte, tritt er den Rückzug an. Von den Soldaten, eingeschlossen, bewegt sich der Zug der Sklaven, gestoßen und gepeinigt, wie Vieh dahin. Der Kommandierende ruft Halt. Alles wendet den Blick nach dem brennenden Dorfe. Ob dort ein Schwer-verwundeter erst in den Flammen den Tod findet oder ein gemartertes Weib mit den Zähnen in die Erde beißt, um seine Schmerzen zu betäuben; ob mitten in einer vom Feuer ergijfenen Hütte ein einsames Kind um Hilfe schreit — den Sieger kümmert es wenig. So geht es weiter von Dorf zu Dorf, bis man entweder Sklaven genüg.hat oder dem. Klima nicht mehr widerstehen kann.' Sengend und brennend, mordend und plündernd ziehen die Soldaten nach Chartnm zurück. Drr Zug. geht langsam. Die schurerzgepeinigten Schwarzen, die noch ihre Wunden vom Schlachtfelde tragen und deren Hälse die Scheba wundreibt, sie können ebensowenig schnell gehen wie die schon halb verdursteten und verhungerten Weiber oder die Kinder. Ich habe einen Transport von Dinkancgern in Gliarlum an-kom- .men sehen, der Anblick war schauerlich. Wochenlang hat. er mir wie ein Schreckensbild vor der Seele gestanden. Es war am 12. Jänner 1948. Vor dem Negiernngsgebäude in Chartum saßen über sechzig Männer und Weiber im Kreis auf der Erde. Die Männer waren gefesselt. die Weiber frei, Kinder krochen auf allen Vieren. dazwischen herum. Mit stieren, toten und doch unendlich traurigen Blicken saßen die Unglücklichen ohne Schurz in der glühenden Sonne, klagten nicht und wimmerten nicht. Eiter und Blut quoll aus den Wunden der' Männer, aber kein Wundarzt bemühte sich mn sie; sie hatten nichts als heiße Erde, um das herabträufelnde Blut zu stillen. Ihre Nahrung bestand in rohen Durrakörnern, demselben Futter, das die Kamele fressen/ Unwillkürlich suchte der Blick in all dem entsetzlichen Jammer nach dem Entsetzlichsten. Eine Mutter mit ihrem Säugling war es, eine kranke Mutte: mit ihrem verlchmachtenden Kinde. Mi! Tränen in den Augen sah sie das Kleine auf allen Vieren zu sich kerankriechen... es verlangte die Mutterbrnst. Sie aber labte nicht mehr. Die Haut lag bei beiden in Falten auf einem Kiiocheugerippe. Mir war es. als schwebe der Todesengel bereits über Mutter und 5kind, als hörte ich gar schon das Rauschen seiner Fittiche; ich bat zu Gott, daß er ihn bald, bald senden möge. Ein Aegypter, der UntctofV.i-r inr W'-ch", trat auf uns zu. „Sieh', Herr, Allrb war Zuge gnäd''g gesinnt. Fünf Dörfer haben **'7 - erobert, über fünfhundert 'Heiden getötet Ah ja kelaa.' nfi h mala in, ja Allah urklnrs! (Oh. ihr Hunde, ihr Nicht'Zwürd'gen, auf. stanzet!) Wartet, ich helfe euch auf!" D r Unmensch, nahm in die eine Hand eine Peitsche und in die andere ' ein Musikinstri-ment, schwane beides empor und befahl durch einen Dolnretjcher den Negern, zu tanzen, zu singen.. Das ist die Sklavenjagd, die die Negierung öffentlich betreibt