Mannheim
Compact Memory

Wiener Morgenzeitung · 1927-01-09 · Heft 2825 (9.1.1927) · p. Seite 9

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
9 (1927)
Issue
Heft 2825 (9.1.1927)
Date
1927-01-09
Page
Seite 9 (sequence 9)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
90% known words query
IRI
…/2979076-2981905-2981913--28706-3016766
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

3 entity mentions

-üjien, Sonntag Wiener MsrgenzettßMs 8. Jänner 1927 Seite 8 'Jh. 2H2r, Das Buch der Zeit LITERATÜRBEILAGE DER „WIENER MORGENZEITÜNG* 9)eiien im Geist. Die Welt wirb immer grüßcr, je kleiner sie wird. Seit Flugzeug und Auto in ihre letzten Geheimnisse dringen, sehen wir erst, wie unerschöpflich sie ist. Mit der Kenntnis wächst die Begierde. Die neue Armut kettet den Menschen an Scholle, Beruf; seine Sehniucht, sein aktiver Drang sättigt sich am Buch. Der Roman hat beinahe abgewirtschaftet. Ter europäische M.chch interessiert nicht mehr. Man stürzt sich in die weite Welt, ins Jenseits der anderen Erdteile, inn Urvölker. Mit festgeschmiedeten Glieberit reift man im Buch, int Geist. Der schwedische Schriftsteller Sigfrid Siwerts (sehr bekannt durch einen großartigen Roman) entführt uns „Unter den Gluch'.mmel der Tropen" (Otto Quitgov, Lübeck). Es ist eine Filmreise, mit Kamera und Sachverständigen, und das Ergebnis ist ein entzückendes Buch. Siwerts reist nicht wie unsere großen Literaten es heute tun, um ein Buch aus der Welt zu machen, in dem dam das Persönchen des Autors diese Welt beschattet und größer wird als der Himalaha. Er schreibt nur so nebenbei, er schreibt „in Hemdärmeln"; man hört ihn reisen, sieht ihn erleben. Er kommt über London und Newyork nach den Fidschi-Inseln, Neu-Südwales, nach Sumatra. Sein Witz verläßt ihn nirgends, lind plötzlich hört man sogar den Dichter reden ... Er hat Geist, aber er teilt ihn nicht den Erlebnissen mit: er nimmt sie, in ihrer Eigenart, in ihn auf; die Welt befruchtet ihn. Nicht er sp'egelt sich in ihr: sie weitet ihn zu ihrem Spiegelbild. Man genießt die Welt und einen Menschen. Doppelter Genuß. Reise in erlesener Gesellschaft. Ein beschränktes Stück Welt, aber dieses bis ins Geheimste, Weftafrika, lernt man kennen bei Edgar Wallace. Er läßt in drei „Sanders"-Bänden (Wilhelm Goldmann, Leipzig) Küste, Fluß, Urwald, Negerstämme, Fetischismus, Kannibalismus erschreckend, erschütternd leben-' dig vor uns erstehen. Noch wo er offensichtlich novellistisch wird, ist seine Wahrheit und Echtheit hinreißend. In: Grunde will er englische Kolonialpolitik darstellen. Aber unter den Händen wird ihm die Absicht zu einem Werk schöpferischer Gestaltung. Da ist der Bezirksamtmann Sanders, der weiße König des furchtbaren, immer ungebändigten Landes. Seine Kaltblütigkeit ist ein schauerlicher Gegensatz zu der fessellosen, blutheißen Leidenschaft seines schwarzen Volks. Seine scheinbare Roheit ist in Wahrheit letzte Kultur, die bezaubert. Edgar Wallace, ein Kipling Afrikas, ist, wahrscheinlich ohne es zu wissen, ein ganz großer Schriftsteller. Er erzählt mit der Meisterschaft des Engländers, mit einer Dichte, die kein totes Wort enthält. Und das Bewegendste an seinen Bücher": die Menschlichkeit, ic allenthalben aus ihnen schlägt. Viel sachlich reist Emil Triukler „Quer dn.ch Afghanistan nach ^ndien" (Kurt Vowinckel, Berlin). Alle Reize des Buches gehen von Land und Leut.n, nicht vom Verfasser aus. Aber ist es nicht der größte Vorteil eines Reisebuches, daß f e i it Berufsliterat es schreibt? Die Phrase hat nicht Platz in solchen Aufzeichnungen, die Sachlichkeit ist das Maß aller Dinge und Geschehnisse. Trinkler ist Geologe, aber er hat auch den Blick für Mensch und Tier. Man könnte sein Buch als einen Bcndecker beuützeu. Herrliche, Photographien geben ihm die letzte Anschaulichkeit. H. M. Tomlinson lädt uns ein, seine „Aesthetische Reise zu den Gewürzinseln" (Verlag Kurt Vowtnckel, Berlin) initzumachen. Und das ist nun eine ganz und gar entzückende Reise in Novellen. Durch alle Wunder der Südsee. Java, Flores, Celebes, Bali. Es. fehlt kein Paradies der. irdischen Paradiese, und Tomlinson, ein reizender englischer Führerengel, führt uns mit Witz, Geist, Anmut seiner Rasse von Insel zu Insel. Beinahe schamhaft verliert er sich hie und da in dichterische Ekstase Daß er, bei aller Verführung, nicht darin stecken bleib!, sondern lachend auf die schöne, feste Erde zurückfinbet. macht sein Buch , unwiderstehlich. Man ist wie ein Verliebter, nran wird eher die Reise als den Reisenden vergessen. Man weiß wirklich nicht, was hier bezaubernder war: die Welt oder ihr Betrachter? ... KurtMÜnzer. Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums. In dem soeben erschienenen Heft 11-12 1926 nimmt Professor Schektelowitz das Schlußlvvrt zu der Frage, ob das Judentum Dognren besitzt. Cr erklärt» daß die Grund*ehren des Judentums als Dogmen, aber nicht im christlichen Sinne des Wortes, zu bezeichnen sind. Gleichzeitig eröffnet Rabbiner Dr. Goldmann eine Aussprache über die Frage nach dem Sinn dieser dogmatischen Grundlehren und ihrem Verhältnis zu einander. Ferner schildert S. Baron auf Grund unverl ffenUichter Urkunden die Bestrebungen, bei den Verhandlungen des Wiener Kongresses die Gleichstellung dev Juden durchzusetzen. Professor Bernhard Heller berichtet über bedeutende Crsch"ittungen auf dem Gebiete der Midraschforschung. VON BÜCHERN, DICHTERN UND VERLEGERN. Enthüllung outdj Den .. .eistift „Diu Gezeichneten des Herrn Dolbin". sZwei Bände, Krystall-Verlag, Wien). Das Porträt sucht den Menschen zu ersch ießen, die Karikatur ihn zu enthüllen. Die Grenze zwischen beiden verfließt, und in der jüngsten Karikatur tritt noch der Siun des Porträts zutage. Dies kurz gegen Hans Tietze, der zu einer Sammlung von Karikaturen des B. F. Dolbin ein Vorwort gegen die Kari'atur geschrieben hat. Dolbin hat sich in einer, sein Karikaturenbändchen „Auf den letzten Blick" begleitenden Selbstanzeige mit so viel Geschick, als es ein Zeichner anfbringeir kann, gegen die Betrachtungen des Kunsthistorikers getvehrt. Weit besser besorgen dies seine Zeichnungen, von denen jede ein Treffer ist. Wenn rnan ettva unter den Künstlern, die in diesen, Bändchen vereinigt lind, auf die Karikatur des Malers Karl Hollitzer stößt, so findet um:, in den paar krausen Strichen die ganze nichtssagend schwammige Existenz solches österreichischen Antlitzes, die in Kunst und Leben gleichermaßen von dekorativster Unwesentlichkeit ist. „Literarische Kopfstücke" ist das Bändchen aus bei, „Gezeichneten des Herrn Dolbin" betitelt, das Wiens Schriststellerei karikaturistisch enthüllt. Mfrrd Polgar hat in einer ein wenig distanzierten Einleitung die meisten der Karikaturen analysiert. Das Wesentlichste an ihnen wie an allen Zeichnungen Dolbins ist, daß sie darauf aus gehen, den intellektuellen Schwindel zu enthüllen. Die Franz Blei-Karikaiur zeigt nicht bloß, wie sie Polgar charakterisiert, den asketischen Voyeur, sondern auch das Erlogene dieser Maske, hinreißend der Bart, der Hermann Bahr ausmacht, neber den in raffinierter Grausamkeit die wässerige Leere eines von einer geradezu sadistischen Phantasie erschauten bartlosen Bahr-Gesichtes gestellt ist. Me Existenz eines Bela Balasz wird durch zwei kothurnig hohe-Schuhabsätze und eine auforingliche schwarze Smokingmasche (jener zeigt, daß er weiß, daß ,mm zun, Sinoking eine schwarze Masche trägt und stelzt auf Gernegroß-Stöckeln einher) schonungslos enthüllt. Wiens geistiges Antlitz sollte sich vor diesen, Dolbin Wen! Er sieht zu viel, die Leute sind gefährlich... S. S. Der hebräisch-jiddische Verlag „Kcal", der vor einigen Jahren als Zweig der Uustein'schen Verlagsunternehmungen in Berlin begründet wurde, ist in den Besitz der Verlagsbuchhandlung „Achiewer" üöergegangen. Diese wird die hebräische Abteilung des „Klal"-Verlages nach Palästina verlegen, wo sie (in- Jerusalem -und Tel-Awiw)- ihr Hauptgeschäft, hat. die jiddische Abteilung jedoch weiter von Berlin aus führen. eingelangt Pierre Loti Im Lande der Pharaonen Reymont Polnische Bauernnovellen I' Flaubert Tagelraoh aut Aegypten I> Sinclair Kan nennt »loh Zimmermann Naoh der Sintflut Pro Band nur $ 2 DG" BÜCHER SCHWEMME TW R. Llfwlf, Wien. I. Retenturmsir. 22 Reue Zanjlttetolttt. Geschichte des Tauz-s. — ztttlti,ch-Ekstatifch,s. — Der Reformator Laban. Wie sehr auch die Kunst des Tanzes oder — präziser gedeutet — der Tanz dem Tag dient und geistige, for mende Arbeit nur selten ihm besch-ieden ist, so versucht man ihn dennoch allenthalben zu deuten und Gipfelpunkte zu fixieren, wo kann, ein Punkt erreicht worden ist. Mehr als Wiedergabe der Tanzfiguren gelingt m,r Wenigen. Der Prozeß selber hat noch keinen temperamentvolleju Deuter gesunden. Worüber man sich klar geworden, ist die Tatsache vom Tanz als einem Detail im Kultnrbild der Völker. Eine Darstellung versucht Dr. John Schikvwski in einem reich illustrierten Werk „G eschichte des T anzes", das soeben im Verlag der Büchergilde Gutenberg, Berlin, erschienen ist. Wenn nach seiner Definition der Tanz nichts anderes ist als die Kunst, seelischen Zuständen und Vorgängen durch rhythmische Körperbewegung sichtbaren Ausdruck zu. geben, so hat er dem urwüchsigsten Trieb der menschlichen Natur die wichtigste Funktion zugewiesen und damit zugleich einen historischen Ausgangspunkt für seine Darstellung geschaffen. Die Tänze der Urvölker entsprechen ihrem plastischen Stil und zeigen deutlich, daß sie die Vorlage für die Tänze der heutigen primitiven Völker sind. Die Entwicklung des Tanzes vom naiven Gottesdienst bis zur Scheidung zwischen Ausübenden und Publikum u,tb in weiterer Folge bis zum Tanzvirtuosen (Entstehung der Bühne für den Tanz) bildet den Inhalt des Schikowskischen Buches, das eine fmürerbare Resonanz auslöst, nämlich den Wunsch, dem Tanz eine über das Mittel geselliger Unterhaltung hinausgehende Bedeutung zu geben, indem man ihn als Mittel der seelischen Neugeburt der gesamten Kulturmenschheit ausnützt. Was das Buch Schikowskis wertvoll macht, ist die kluge Systematik und nirgends über die Ufer tretende Lebendigkeit der Darstellung, die sich an Geschichtliches, Motiviertes, Deutbares hält und niemals versucht, abstrakten Formen mystische oder symbolische Deutungen zu geben. Berufstänzerinnen werden daraus wertvolle Anregungen holen können. Der heilige Tanz wird zum erstenmal in einem Buch von W. O. E. Oesterley „The Sacred Dance" (Cambridge University Preß) einer näheren Untersuchung unterzogen. Me ursprünglichste Wurzel des Tanzes findet Oesterlch, ausgehend von dem angeborenen Nachahmungstrieb des Menschen, im Bestreben, sich - den in der Natur zeigenden übernatürlichen Kräften zu nähern: Nachahmung der vom Winde bewegten Bäume, des fließend an Wassers, dev Tiere. Und als interessantestes Motiv: nie wird zwecklos getanzt. Ehrung übernatürlicher Mächte, Bereinigung mit dem nachgeahmten Wesen, Förderung des Wachstums der Früchte, Opfergabe — all diese Funk tionen fittbeit in der Prozession ihren Kristallisationspunkt. Bekannt ist der Tanz Davids bei Einholung der Lade, der siebenmalige Umzug der Judeu um Jericho, nne denn überhaupt die Bibel mehrfach Tänze der Frauen und Mädchen mit verschiedenen, aber durchwegs kultischekstatischen Motiven erwähnt. Eine natürliche Aeußerung des Lebens — das ist auch die Ursache der Verbreitung des Tanzes durch alle Kulturstufen und Gesellschaftsschichten, eine Erhöhung des Lebensgefühls beim zivilisierten, . eine Begleitung durch alle Daseinssituationeu ^eim primitiven Menschen. Tie Welt der Tanzsormen erklärt Rudolf von Laban in seiner „Choreographie" (erstes Heft), verlegt bei Eugen Mederichs in Jena. Was Laban weit über alle Tanztheoretiker, rhythmische Gymnastiker, Tanzästhclen und zur Tanzakrobatik Erziehenden hinaushebt, ist sein mit schöpferischer Genialität gepaarter Forscherfinn, oer den Aufbau und Abbau einer Tanzform, die Überleitung in verwandte Formen und von diesen in entferntere mit hellseherischem Instinkt nicht nur deuten, ,andern wissenschaftlich begründen kann. Das Ueberraschende, Wertvolle, Besondere seiner Choreographie besteht darin, daß er zum erstenmal die Bewegungen beschreibt und als Ziel die Beherrschung der Bewegung durch die Erklärung angibt. Er besitzt die Kunst, die Elemente der tänzerischen Formen (-lehre) in allen ihren Werten, Zusammenhängen und Waichlungen zu beschreiben, und hat auch die Notierungsmöglichkeit der Tanzüew, nig in ihrer heutigen Form erreicht. Labans Choreogr.. ,ic ist der Grabgesang für das akademische Ballett. Oskar R o s e. n f e i b. „Tie österreichischen Ehegefetze" rnit beu einschlägigen Erlägen uno Verordnungen, herausgegeben von Magijtratsrac Tr. Stefan Rieder. Bermg der Ltaarsdriickerei Wien. Auch für den Juristen ist es ziemlich schwer, sich in dem Wust der österreichischeu Ehegesetzgebung zurecht zu finden und - le Gesetzesstellen, Hofkanzlerdet'rete und Vorschriften gegenwärtig Zn haben. Tas vorliegende Handbuch, das in übersichtlicher Weife die Materie Memisiert, wird sowohl dein praktischen Juristen, wie dem Verwaltnngs beamten und Laien ein werttwller Behelf sein.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.