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Wiener Morgenzeitung · 1927-01-09 · Heft 2825 (9.1.1927) · p. Seite 5

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
9 (1927)
Issue
Heft 2825 (9.1.1927)
Date
1927-01-09
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Kr. SSW Wien, Gvnntag «. Mmer 19&? ®stte 8 5leuc Saunertticks. Moderne ArbeUsmethodev. Man mutz es den Herren Gaunern lassen: Sie oaifcit sich mit großer Geschicklichkeit den modernen Ver- Mtnissen an, um die jeweilige Konjunktur voll ausnützen zu können. Stets auf der .Aihe, erfinden sie immer neue Tricks, mit denen sie dank der Sorglosigkeit und der Leichtgläubigkeit des Publikums fast immer Erfolg haben. Einiges hier zur Warnung für Harmlose. Der Erpresser mit dem Geheimnis. Fabrikant von Erpresserbriefen im großen war ein Kaufmann. Er suchte sich aus dem Adreßbuch wahllos öle Adressen von Personen heraus und schrieb an diese Briefe, die mit einigen Abänderungen immer den gleichen Inhalt hatten. Er teilte darin mit, daß er in seiner Eigenschaft als Oberkellner zwei Herren bedient habe. Dabei habe er gehört, daß' diese einen großen Skandal vorhätten und den Empfänger des Briefes mit hineinziehen wollten. Er halte es für seine Pflicht, den Adressaten, davon zu verständigen. Dieser sollte sofort zu ihm kommen. Er wäre aber auch bereit, zu dem Adressaten zu kommen und dort weitere Auskunft zu geben. Zu diesem Zwecke brauche er aber einen Reisekostenvorschuß. Die Antwort ließ er sich postlagernd schicken, da angeblich seine Frau nichts von dem Geheimnis wissen sollte. Tatsächlich konnte der Gauner eine große Zahl von Leuten auf diese Weise hineinlegen, die scheinbar auch alle etwas zu befürchten glaubten. Der Landsmann. Ein junger Zeichner betrieb als Spezialität Diebstähle bei Zimmervermietern. In der Maske eines Studenten sprach er bei Frauen vor, die Zimmer an Studenten vermietet hatten. Er gab sich als Landsmann oder Schulkamerad des Betreffenden aus und erklärte, daß er soeben in^der Heimat gewesen sei und ein Paket von den Eltern des Studenten abzugeben habe. Eine kurze Zeit des Alleinseins benutzte er stets, um sich anzueignen, was er in der Eile erraffen konnte. Bei seiner Ergreifung konnten ihm etwa 37 derartige Betrügereien nachgewiesen werden. Liebe gegen Wechsel. Eigentümliche W-echselgeschäfte betrieben in der Provinz mehrere Stoffhändler. Sie suchten Bauern und kleinere Leute auf, die von Wechseln keine Ahnung hatten. Beim Kaufabschluß ließen sie eine angebliche Kaufbescheinigung unterschreiben, die aber in Wirklichkeit ein Wechsel war. In anderen Fällen waren sie mit jungen Mädchen bekannt geworden. Beim Abschied baten sie diese, ihnen zum Andenken ihre Namen aufzuschreiben, weil ihnen das Glück ihm Geschäft bringen würde. Die Mädchen schrieben ahnungslos ihre Namen auf ihnen vorgelegte Zettel und hatten damit Wechsel unterschrieben, die mit Ablauf der Frist prompt den Eltern vorgelegt wurden. Die Wechsel waren bereits durch drei und noch mehr Hände gegangen. Filmzauber. Daß auf viele junge Leute der Film einen großen Reiz ausübt, ist bekannt. Gar mancher möchte zum Film. Ein falscher Regisseur nützte dies aus und engagierte Ser jüdische Pissarew. Abraham Kowner im Spiegel seiner Zerr. Der Prozeß der Umformung und Verbreiterung der Knlturgrundlagen, welcher die jüdische Geschichte fast im ganzen verflossenen Jahrhundert durchzieht und auch im gegenwärtigen ltodj im Fluß ist, hat Einzelerscheinungen besonderer Art hervorgebracht, wie wir sie in der ganzen übrigen Welt selten finden. Strömungen, welche darauf abzielten, die gewollte historische Ausschaltung der Profangeschichte, die nahezu zwei Jahrtausende der jüdischen Existenz gekennzeichnet hatte, aufzuheben, mußten naturgemäß Typen erzeugen, die weit über das gewöhnliche Charakterschema des Ueberganges hinausgehen, etwas irgendwie Uferloses, alle Grenzen Ueberschreitendes au sich hatten. Ein solcher Typus ist Abraham Urja Kowner, dessen Lebensgeschichte ein romanhaft merkwürdiges Dokument bildet. Sie ist vor kurzem, nach Leonib G r oßma n n s Forschungen über KownerS Leben von Rene Fülöp-Miller und Friedrich Eckstein herausgegeben, unter dem Titel „Die Beichte eines Judeu" im Verlage R. Piper k Co. in München erschienen; einen Teil dieser Biographie, die sich wie ein Roman liest, hat die „Wiener Mvrgenzeituug" dank dem Entgegenkommen des Verlages jüngst veröffentlichen können; sie behandelt den Briefwechsel Kowners mit Dostojewski, Tolstoi, Rosanoff u. a., der sich hauptsächlich um die Judenfmge dreht. Ueber diese» Briefwechsel hinaus jedoch ist Konnters Leben, wie es in überaus anziehender Weise in dem erwähnten Buche dargestellt tvird, das Abbild eines der eigenartigsten Juden schicksale. Um Juden und Judentum drehte sich, so sehr Kowner in eine andere Welt strebte, fein ganzes Wesen, Werk und Wirken. Nicht immer im besten Sinne; aber immer in einenr solchen, der durch seine Besonderheit, geradezu Abenteuerlichkeit anzog. Kotvners Anfänge waren die der Aufklärung im jüdischen Osten. Schon als Schüler der Jeschitva von Mir hatte er heimlich das „Gift" der Aufklärung in sich geso- Statisten für angeblich in Arbeit genommene Großfilme. Er machte die jungen Leute gleich darauf aufmerksam, daß die Aufnahmen nicht ungefährlich seien und daß sie deshalb einer Unfallveificheruiig beitreten müßten. Den Mitgliedsbeitrag zog er ,,der Einfachheit halber" sofort ein. Am nächsten Tage merkten die jungen Schauspieler, daß sie geprellt worden waren. Ein anderer Schwindler suchte Atelierarbeiter und erklärte ihnen, daß sie der Organisation beitreten müßten, um Beschäftigung zu erhallten. Er prellte sie ebenfalls um das Geld, das sie stets gern zahlten, nur um Arbeit zu bekommen. Heil«« aus Mau« gugendzett. Anläßlich.des 80. Geburtstages des großen Erfinders und Forschers veröffentlichte John H. Hewett in den „Naturwissenschaften" allerhand Interessantes aus dein Iebeir und Arbeiten Edisons. Aus der Schilderung der Jugendjahre entnehmen wir folgende heiteren Abschnitte: Die meisten großen Gelehrten haben eitle klassische Erziehung genossen ttnd sind gut geschulte Mathematiker. Edisons Mutier war Lehrerin und ihr Einfluß auf den Sohn stark und dauernd. Aber der ganze reguläre Schulunterricht, den er genossen hat, bestand in drei Monaten Gern e i n d e s ch u l e in Port Huron. Er war nie ein Mathematiker und mit seiner ursprünglichen Philosophie argumentierte'er: „Ich kann immer «in paar MathttnaMü aitstellen, aber, sie können mich nicht anstellen." Edison experimentierte, ehe er lesen konnte, und verdiente Md, wahrend er arbeitete und sich selbst erzog. Und wie köstlich waren einige seiner ersten Experimente! Als er sechs Jahre alt war, sah er eine Gans auf ihren Eiern sitzen und beobachtete das Ergebnis. Bald danach war er verschwunden und nach einer längeren Suche fand man ihn in einer Scheune, auf einem Nest eigener Konstruktion sitzend, das mit Gällse- und Hühnereiern gefüllt war! Eines seiner anderen Experimente, ein paar Jahre später, als er etlva zehn Jahre alt war, verrät zweifellos die wissenschaftliche Wißbegicrde: er veranlaßte einen Jungeir, große Mengen von dvppelkohlensaurem Natron zu schlickten, in der besten Ueberzengung, daß das dabei erzeugte Gas es diesem ermöglichen würde, zu fliegen... Der Erfolg war durchschlagend! * Edisons Erfinderbehclfe waren von ihiir selbst angestw tigt. Er suchte die Stadt uach Flaschen ab, gab sein Erspartes dafür aus, sie mit Chemikalien zu füllen, und etikettierte sic — zweihundert verschiedenartige Flaschen — samt und sonders mit „Gift", unbekümmert um ihren Inhalt, um andere davon abruhalten, sie anzurühren. Sein K.u's Laboratorium war im Keller seiner Mütter und er hatte alle seine Ueberredungskunst anfzubieten für die Erlaubnis, sich dort aufzuhalten. Sein zweites Laboratorium war ein außer Dienst gesetzter Eisenbahnwagen für Raucher— außer Dienst gesetzt, weil nicht ventiliert — in dem Zug, in dein er Zeitungen verkaufte. Hier passierte ihm eines seiner Mißgeschicke seines jungen Levens; er verschüttete Phosphor, weil der Zug schleuderte mid setzte den 'Zug in Flammen. Er wurde mit seinen Habseligkeiten an irgendeiner Haltestelle hinausgeworfen und bekam bei dieser Gelegenheit von dein Zugführer eine so furchtbare Ohrfeige, daß sein! Gehör dauernd ernst geschädigt wurde. Er hat diese Verletzung stets von der philosophischen. Seite geiwmmen. Als Zeitungsjunge fing er an, sich für Elektrizität zu interessieren. Er war mit denc Eisenbahntelegraphen vertrant. Batterien, waren kostspielig, und so verwebte er. mit Rnbun^selekirkzität Ihre Gesundheit können Sie vollständig wieder zurtickerlangen, von allen Ihren Schmerzen werden Sie gründlich befreit, wenn SV DIANA- FRANZBRANNTWEIN MIT MENTHOL äußerlich zu Einreibungen, innerlich auf Zucker, tropfenweise genommen, verwenden. Das beste Hausmittel. ÜBERALL ERHÄLTLICH! das Telegraphensystem zu treiben, was er' aus Ofenrohrdraht und anderen primitiven Mitteln zusammengestellt hatte. Ep hatte keine Reibungselektrisiernraschine, und so benutzte eis die Hauskatze. Die Hauptschwierigkeit war, daß die Katze sich gegen das heftige Reiben wehrte und schneller laufe«; konnte als Edifon. Später wählte er dann den richtigen! Weg. öturmkatastrovhen in Südrutzland. S Dampfer unter gegangen. — 200 Personen von dem Sturm gelötet. London, 8. Jänner. Nach einer Meldung der British United Preß aus Sebastopol sind an der Küste der Halbinsel Krim zweitürkischeDampferin einem heftigen Sturm unter gegangen. 25 Mann der Besatzung sind ertrunken. Im gleichen Sturm sollen im Kaukasus gebiet mehr als 200 P e r s o n e n um gekommen sein. 6ln Mlndekheiten-Srgim. Prag, 8. Jänner. Wie eine Prager Korrespondenz erfährt, hat die Internationale Union für den Völkerbund den Vorschlag des schweizerischen Professors Bovet auf Herausgabe eines Minderheiten- Anzeigers genehmigt, der Artikel über die gesetzliche und politische Seite der Minderheitenfrage wie auch Exposes über historische, geographische, sprachliche und religiöse Angelegenheiten enthalten soll. Der Anzeiger soll auch die aus den Minderheiten hervorgehonden Anliegen und Beschwerden, die an den Völkerbund gerichtet werden, veröffentlichen,, wobei den interessierten Staaten die Möglichkeit geboten werden soll, auf die vorgebrachten Ansuchen der Minderheiten zu antworten. Zum Redakteur dieser Zeitschrift ist Sir W. Dickinson vorgeschlagen worden. 940.000 organisierte Faszifte». Rom, 8. Jänner. Der große Rat der fazsiftischm Partei hat in seiner heutigen Nachtsitzung sestgestellt, daß die Zahl der in die Parteilisten eingetragenenMitglieder 940.000 beträgt, die sich auf 9120 Faszii verteilen. Der Rat bestimmte, daß im Jahre 1927 keine neue Einschreibung erfolgt, daß man aber für die sogenannte. Vorhut junge Leute, die das 18. Lebensjahr zurückgelegt haben, in die Partei aufnehmen werde. gen. Er verließ Weib und Kruder, um tu Kiew feilte» wissenschaftlichen mtb literarischen Neigungen leben zu können« Zweiundzwanzig Jahre alt, gab er im Jahre 1864 zwei hebräische Abhandlungen heraus und erweckte damit in der ganzen jüdischen Welt, in der der Tradition ebenso wie in der der Aufklärung einen Sturnt. Denn er wandte sich im gleichen, Maße gegen beide Strömungen und vertrat ein« Anschauung, die fernab von den positiv gerichteten jüdischen Strömungen seiner Zeit lag. Sie waren ein geradezu ins Uferfofe getriebener utilitaristischer Realismus, wie ihn der russische Publizist D. I. Pissarew in seiner datnals in ganz Rußland berühmten Schrift „Scholastik des 19. Jahrhunderts" vertrat. Es war die Forderung, das .Handeln des Individuums ausschließlich von der Freiheit der Persönlichkeit bestimmen zu lassen, die von jedem patriarchalischen unb traditionellen Joch zu hefteten wäre, also eine Art nihilisttsch vorgedachter Nietzschranismus. Kowner, der ob seiner zwei Schriften „Dawarel so pH re Iisrael" und „C h e k e r D a w a r" den Beinamen „der jüdische Pissarew" erhielt, wandte die oben ffizzierten Anschauungen seines Vorbildes und Meisters auf die jüdische Entwicklung' an. Er, der ein geradezu klassisches Hebräisch! schrieb (er hat übrigens — auch ein bizarrer Zug — Schillers „Maria Stuart" itts Hebräische übersetzt), richtete in dieser Sprache seine zersetzende Kritik vor allem gegen die hebräische Literatur, die er als unfähig bezeichnete, die geistigen Bedürfnisse des Judentums zu erkennen, da sie lebensfremd sei und durch eine geradezu fetischistische Anbetung beu irdischen Bedürfnissen des Individuums entzogen worden, sei. Das Leben aber müsse von den Grundsätzen der Nützlichkeit ans eingerichtet werden und daher seien Ideale nur ein Erziehungsmittel. Ebenso stehe es auch mit den Idealen der Aufklärung, die nur tote, abstrakte Ideen vermitteln. So richtete Kowner die Waffen, die er sich aus Pissarews Schriften geschmiedet hatte, nahezu gegen alles, was im> damaligen jüdischen Leben an positivem Wert vorhanden war, und es konnte nicht wundernehmen, daß er der Gegenftandj schärfster, ja gehässigster Angriffe wurde. Kowner wurde in der jüdischen Gaffe als eine Art Ausgeburt der Hölle betz trachtet und als der bekannte Publizist der Aufklärung A. Gott lob er ein giftiges Pamphlet gegen den teuflischen Nihilisten richtete, erlangte es ungeheure Verbreitung, Kowner, dem man überdies allerhand dunkle Machenschaft ten gegen die Juden (Denunziationen und dergl.) nachsagte!, war geächtet und schwenkte ganz zur russischen Publizisttk ab. Dort fand er jedoch keine rechte Befriedigung, so daß er bald eine Korrespondentenstelle in einer Bank annahm; und dann! kam jenes merkwürdige Ereignis in seinem Leben, das man wohl nicht anders als die Konsequenz seines utilitaristischen Nihilismus nennen kann: der Griff in die Kaffen der Bank, in welcher er arbeitete. Er wurde gefaßt und zu schwerer Strafe verurteilt, ging nach Sibirien und lebte nach seiner Rückkehr lange Jahre in einer kleinen Beanttenstellung; alle! feine Versuche, in der russischen Publizistik wieder Fuß M fassen, schlugen fehl, die jüdische Gemeinschaft war ihm verschlossen, besonders seit er, um ein junges russisches Mädchen zu heiraten, die Taufe genommen hatte. . v -i' -In diesen langen fünfunddreißig Jahren einer bst geradezu grauenvoll anwuienden Einsamkeit kreisten Kowners Gedanken immer und immer wieder um jüdisches Leben, jüdische Entwicklung, jüdisches Wesen und die in der „Beichte eines Juden" veröffentlichten Briese an hervorragende Persönlichkeiten des russischen Geisteslebens, seine Menwranden an den Justizminister Murawiew über die Lösung der Judenftage in Rußland, seine im Jahre 1903 in irgendeinem obskuren russischen Blättchen erschienene merkwürdig selbstanklägerische Autobiographie, sie alle geben Zeugnis von einem auf Großes gerichteten Geist, der sich im Flug übernommen hatte und so in furchtbare Tiefen gestürzt war. Und die jüdische Entwicklung war in ihrem kulturrevolutionären Prozeß bereits zu neuen großen Zielen fortgeschritten, als' Abraham Urija Kowner seine müden Augen schloß. Er war eine Erscheinung, die, wie manches häßliche Gesicht, immer (wieder anzieht. Und „Die Beichte eines Juden" ist nicht! bloße historische Ausgrabung, sondern ein anziehendes Gemälde einer Seele. K G. Ar Leb.

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