Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 9 (1927)
- Issue
- Heft 2825 (9.1.1927)
- Date
- 1927-01-09
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Wien, 0. Innner .192” -Leite 1 Tie SkWe. Köln. 8. Jänner. Die Grippe I'at in een vrci ieinen < igen auch hier e r b e b l i ch z u g c n o m m e n. Bei den diesigen Krankenkassen liegen ungefähr KXX> K r a n kh e i t s m e l d n n g e n vor '?ütd, aus Solifni z und Um gel'ung werden zahlreiche r a n k I, e i i $ f ä 11 e gcmeldn. 400 Personen in Berlin erkrankt. Berlin,. 8. Iänn.r. Auch lner wird nnnineyr eine .:ros;e Anzahl van Grippesällen verzeichnet. Nach den auitlichen Feststellungen sind gestern insgesamt 1 0 0 B t r f o n c n an Grivve ertrankt: drei davon sind gestorben. Wie entgeht man der Grippe? In der ./chesnndueit^ecken" der Düsseldorfer Ausstellung lesen ivir: Da die Grippe eine Erkrankung ist, die ausschließlich ans dem Wege der sogenannten Tröpfchen - I n f e l t i o n übertragen wird, besteht praktisch eigentlich die Vköglichkeit, sich bis zu einem gewissen Grade v or-Jlit st e ck u n g zu sch ütz t n. Würde sich jedermann zrir Gewohnheit machen, beim Nictzen oder Husten ein T a s ch c n t u vor den M n n d zu lmlten. so lväre schon b i e L g e w o n n e n, denn die durch die Nase streichende Atmungsluft würde keine Speichcltrüpfchen mehr, die andere Leute infiszieren könnten, mitreitzen. Es ist übrigens schon das Angewöhnen des Atmens ^durch die Nase und nicht durch den Mund, wie es leider meistens geschieht, rin wichtiges Moment zur Verhütung von Ansteckungen. Sie Tanzwut. Es ist heuer genau so wie im vorherigen , und den vorausgegangenen Jahren: Es geht uns miserabel, es klappt nirgends, wir haben kein Geld und wissen nicht, wo aus und wo ein, aber — man. tanzt. An allen Ecken und Enden der Stadt locken Ankündigungen verheißungsvoll zum Tanz. Und man tanzt, wie man niemals.-früher tanzte. Mit Leidenschaft, ja geradezu mit. Wut. - Penn . der Tanz von heute, der Tanz der Nachkriegszeit, ist ein Narkotikum geworden, das über den sorgenerfüllten Alltag hinwegtäuschen soll. Es haben sich auch die Aus-' schreitungen eingestellt, jene unvermeidlichen Auswüchse, wie sie jede Epidemie im Gefolge hat. So ist aus den, ruhigen Gesellschaftstanz von einst, der nur der Unterhaltung und der gesellschaftlichen Annäherung gedient hatte, die moderne exotische Tanzbewegung hervorgegangen, eine' Krankheit, an der unsere Zeit leidet. Die Tanzwnt als Krankheit hat seit dem Mittelalter - in verschiedenen Formen ganze Völkerschaften ergriffen. Sie war ein charakteristisches Merkmal des kriegsdmchtobten Mittelalters, wo in Begleitung der verheerenden } Kriege und epidemischen Krankheiten, wie Pest und Cholera, der Tanz — teilweise mit religiösen Zwangsvorstellungen — als Krankheit Jahre hindurch seine Opfer in breiten Bolksmassen forderte. Immer waren es psychologische Ursachen, die den Tanz in krankhaft gesteigerter Form auftauchen ließen. Wie sich aber im Laufe der Zeit alles verfeinert, so hat sich auch , die Tanzwut als Krankheit von den brutalen äußeren Formen, wie sie uns beispielsweise im „Veitstanz" und in der „Tarantella" entgegentraten, äußerlich gebessert. Es kam die Periode der epidemischen Tar^moden. Nach dem Westfälischen Frieden, das heißt nach dem Uebergang von dem Mittelalter in die Neuzeit gab sich die große Entspannung der Seelen ebenfalls in einer durch ganz Europa verbreiteten Tanzleidenschaft künd. Die damalige Tanzwelle war aber nur wenig mit religiösen Vorstellungen verbunden und flaute schon nach wenigen' Jahren, als b<a? Leben neu aufblühte in den zerstörten' Landen, ganz ab. In den napoleonischen Kriegen wurde ebenfalls viel getanzt; da tanzten nicht nur die Soldatenwerber den jungen Leuten zur Verführung etwas vor, es wurde auch im Lager getanzt, vor und nach der Schlacht, nach großen Siegen und zum Einzug in eroberte Städte. . Das klassische Zeitalter des Tanzes aber war der Wiener Kongreß. Napoleon war besiegt, der große Alp¬ Wrrner Ni - rgc nzettnng --»- 3 PRÄMIEN NACH WAHL FÜR UNSERE JAHRESABONNENTEN 4 PRÄMIEN NACH WAHL FÜR UNSERE HALBJAHRSABONNENTEN BEACHTEN SIE UNSER INSERAT AUF SEITE lä druck, der über Europa lag, gewichen. Eine übermütige Stimmung hatte alle erfaßt und man tanzte nach Herzenslust. Das große, glänzende diplomatische Korps Europas, das noch vor kurzem vor dem Eroberer gezittert hatte, traf in'Wien zusammen, um die Welt neu einzutöilen, eine neue Welt zu schaffen, die Wölt der heiligen Alliance — und man tanzte. Alle zeitgenössischen Memoiren sind voll von Beschreibungen glänzender Tanzfeste und von Volksbelustigungen, wo Tag und Nacht hindurch ohne Unterbrechung getanzt wurde. Ja selbst wenn man die Todesanzeigen jener Zeit durchlieft, so läßt sich feststellen, daß damals der Tanz auch das Leben vieler Menschen kostete, die an der Schwindsucht dahingegangen sind. Beraten und beschlossen wurde auf dem Wiener Kongreß nur tvenig, denn es war keine Zeit dazu, mau mußte tanzen. Und es ist ja zum geflügelten Wort g-lvorden, daß auf die Frage, was der Kongreß macht, die stete Antwort gegeben wurde: „Der Kongreß tanzt." , Dann kam die Revolutionszeit über Europa, das sturmumstrauste Jahr 1848, das die. Fesseln des 'Absolutismus abznschütteln versuchte. Kaum war der 'erste, nur scheinbare Erfolg errungen, da begann mau auch schon zu tanzen. Man tanzte mehr, als man' Revolution machte und die größten- Volksaufläufe konnten von der Polizei mit Leichtigkeit dadurch aufgelöst werd.cn, daß man. rasch eine Tanzunterhaltung improvisierte,, zu der sofort jung und alt, Revolutkonnär. und Unbeteiligter, hinströmte. Auch nach den Kriegen von 1866 und 1870/71 ergriff die Tanzkrankheit große Teile von Europa. In Berlin und in Wien, 'in Baris wie auch in Rom wurde ausgiebig getanzt. Es 'entstanden tagtäglich neue Tänze und die berühmtesten Helden des Tages waren jene,Tanzmeister, ..d.ie. irgend.'etrj.e. neue Verrenkung her..Mine, und der Arme:..erfunden hätten. .''V T - Daß diese Erscheinungen nach dem Weltkriege ebenfalls auftraten, darf uns daher nicht wundern. Die riesige Anspannung aller Nerven, die die Welt durch fünf, lange Jahre zu ertragen hatte, machte sich in einer physischen Bewegung, die psychische Hintergründe hat, Luft: So tanzte man. . Es entstand sogar ein neuer Beruft der der Eintänzer, und für die Barbesitzer kamen gute' Zeiten. In allen Weltgegenden sammelten Müßiggänger, die zu einer ehrlichen Arbeit' nicht mehr taugen, die. tv-iledn Tänze, indischer Bajaderen, südamerikanischer.Gauchos, afrikanischer Negerstämme und indianischer Hirten,' machten daraus ein euroväisches Gemengsel, mischte es mit längst erstarrten, alten Tanzschritten und und vergeuden dann Geld, Kraft und Nerven. Alljährlich ko Minen die Berufstanzlehrer aller Länder zu internationalen Konferenzen zusammen, um die neuen Tänze zu bestimmen. Oft werden aus verschiedenen musikalischen Einfällen Schrittweisen zusammengestellt, und die nach dem Urteil der Mehrheit bestens Figuren zu einem neuen Tanz bereinigt. Mit dieser Errungenschaft reisen dann die einzelnen Delegierten nach Hause, wo dann-der neue Tanz, dem die Eigenart des Landes dann noch die letzte. Rundung gibt, seinen siegreichen Einzug beginnt. Ueber Tango, Fortrott, Blue und Boston sind wir nun beim Charleston s angr'angi. cinrr ganz besonderen Art der Gliederve'' rentiü’ii. Ehm-ichon beherrscht den Ballsaal, bis er i.-, nächsten Ja!)!' von einem neuen Schritt abgelöst wird falls die. Welt bis dahin nicht etwa in das normale G leise zurnckgefnnden haben sollte. — eick Reujahr im feinen Wen. An ei, in C y i n a ist der Tag, der ein neues Jaip. eiuleitet, ein Jubeltag, dem eine Zeit fröhlicher Feste folgt. Er fallt nicht mit dem europäischen Jahresanfang zusammen, sondern mirb a» dem Tag gefeiert, an Sk,-,. gleichzeitig mit dem Neumond die Sonne im Master mann den 15. Grad si'idl. Breite erreicht, ein Zcitpnn-:, der Anfang Februar eiutritt. Bon irgendeiner Ar beit während der Neujahrszeit ist keine Rede. Damit die bösen Geister vertrieben werden, knallen den ganzen Neu jahrstag und die ganze darauffolgende Nacht au allen Ecken und Enden Feuerwerke. In den chinesischen Familien wird der Neujahrstag gewöhnlich im Hause selbst ge feiert, vor allem mit üppigen Mahlzeiten, deren Hauptbestandteile — Trepang, faule Eier und rohe Fische dem europäischen Geschmack allerdings wenig Zusagen. Der zweite Tag gehört dann den Glückwunschbcsuchen, bei denen man sich beschenkt. Das alles sind die guten Sitten des chinesischen Neujahrs. Die Kehrseite der Freude fehlt jedoch' mU; Mele Menschen stehen -am selben Tage vor dem Selbstmord; es sind die, die ihre Schulden nicht bezahlen können. Der Neujahrstag ist nämlich auch gleich zeitig der Termin, an dem alle im Laufe des Jahres ge machten Schulden bezahlt werden müssen. Mer es nicht kann, hat „sein Angesicht verloren" das heißt jedes An sehen und Kredit, und muß die Hoffnung ausgcben, sich jemals wieder empörarbeiten zu können. Auch in I a p a n ist Neujahr ein lärmvolles Fest, das Gelegenheit zu allen möglichen Vergnügungen bietet, da es auch als Frühlingsfest gefeiert wird. Die offizielle Feier dauert drei Tage, den 1., 3. und 5. Januar, aber in der Regel beginnt das Volk mit dem Feiern schon Mitte Dezember. Auf den geschmückten Straßen herrscht reges Leben. Die Kinder lassen zahlreiche bunte Drachen steigen'okrer'-ziehen, als wilde/Tiere verkleidet, lärmend umher, um das neue Jahr „aus' dem Schlaf zu wecken". Die ganze Bevölkerung ist unterwegs, um sich gegenseitig Gratulationsbesuche zu machen, die schon beim Morgengrauen beginnen. Die jungen Japanerinnen haben ihr besonderes Neujahrs spiel in einem „Dichterlötto", bei dem sie im Kreise am Boden kauern-und stets mit großer Spannung dem Verlauf des Spieles folgen. Ter buddhistische Neu ahr an ang zerglie^e t sich in eine ganze Reihe von Festen, die in manchen Landstrichen als Frühlingsanfang begangen werden. In Nor d-' indien wäscht man sich alles vom alten Jahr noch anhaftende Unheil mit einem Bad in einem heiligen ' Strötr?'yö.M'Dk.ibe; in S üd i nd.ierr.beschenkt man sich mit leckören Dingen, zündet KreNdönfeüer an und treibt allerhand Karnevalsunsug. Wahrend der osstzielle Jahresbeginn in Indien in den Älpril fällt, wird das Neujahr oft aber auch schon im März gefeiert, während die Kaufleute ihr Rechnungsjahr im Oktober beginnen und' es damit einleiten, daß sie das sogenannte „Lam^-enfest" feiern, das der Glücksgöttin Lakschmi geweiht ist. Iie 2uoe von 189V. Die Einwanderung nach Amerika. Washington, 8. Jännner: Präsident C o o l i d ge hat: dem Senat einen Bericht übersandt, der die Verminderung der Zahl der Einwannderer, die nach dem 1. Juli - dieses Jahres jährlich nach den Vereinigten Staaten zugelassen werden dürftn, um 11.126 vorsieht. Die Quote für jedes europäische Land wird im Verhältnis zu der fremdländischen Bevölkerung der Vereinigten Staaten im Jahre 1890 festgesetzt werden.. Es ergibt fidf> eine große Verschiebung der Quoten; z. B. werden dem irischen' Freistaat jährlich 13.862 Einwanderer gestattet, statt der augenblicklichen Quote von 28.567, Großbritannien und Nord-Irland erhalten 73.039 statt 34.007, Deutschland 23.428 statt 51.277, Oesterreich 1468 statt 785. Jedes Land erhält eine Mindestquote von hundert. ö Tage Inventur-Verkauf bei BrUder SCHIFFWA11, 48 Außergewöhnliche Gelegenheitskäufe in: £etnen, €tiiffons, 9radf, feiden, f amten, ftoffen, Vorhängen, ‘Teppicfien. (Bettvorlegern Oamen- und Herrenwäsche, Strick-und Wirkwaren, Modeartikeln, Schneider- und Modistenzugehören etc. etc. «ii tief reduzierten Preisen! m Besichtigen Sie unsere 26 Schaufenster —- es ist für Sie von Vorteil?