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Wiener Morgenzeitung · 1927-01-09 · Heft 2825 (9.1.1927) · p. Seite 3

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
9 (1927)
Issue
Heft 2825 (9.1.1927)
Date
1927-01-09
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Vir. 26*-..» Wien, Sonntag Wiener Morgerrzsitung 9. ILnner 1927 'Deik 8 Tagesbericht. I« golvene ßfel der Familie Von MauruS Jokai. Es nxre in den ersten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts, als die fünf Söhne Rothschilds, nachdem sie das riesige Vermögen ihres Vaters unter sich aufge« '^a vra^ eines Tages der Kricfl ans. :vcan n/itim argwöhnisch und »rahm auch die Zollrevision ernster. Der fromme Eseltreiber wurde in einer kleinen deutschen Stadt von einem Zollwächter angehalten und nach verbotener Kriegsware untersucht. Er mußte beide Quersäcke ausleeren. Der Mann weinte in seiner Verzweiflung: Wie sollte er den Verlust jetzt wieder hereinbringm? Nun kam von ungefähr der Weife der Stadt hinzu, ein Junggeselle mit langem Bart, und er sprach zu ..‘amu zu bringen. Weil jedoch nur der eine Quersack be lastet war, zog dieser den Esel immer zur Seite. Da kehrte der (Aseltreiber wieder zu seiner alten Mr thode zurück, und da er bei einer Halde schöne Steine fand, füllte er damit den andern Quersack und gelangte so noch vor Torschluß glücklich in die Stadt. Trinke Kathreiners Kneipp Malskaffee Llrköftig — durch sein köstliches feinröftbitteres Aroma, eine geschmackliche Wohltat — auch für Dich! jc4£efch2 teilt hatten, jeder für fi«> cm ,elbständiges Bankhaus errichteten. Der eine ließ sich in London nieder, der zweite in Paris, der dritte in Wien, der vierte in Neapel, der älteste verblieb als Chef des Stammhauses in Frankfurt. Die vier Geschwister überraschten eines Jahres den ältesten Bruder mit einem sonderbaren Geschenk. Es war ein Goldschmiedemeisteriverk aus reinem Feingold. Ein Saumesel, mit zwei Quersäcken auf dem Rücken, daneben ein italienischer Treiber, der den einen Quersack nach abwärts kehrt und daraus Steine auf die Erde schüttet. Sollte das eine Verhöhnung sein? Dann war es jedenfalls ein Scherz, den sich bloß reiche Leute erlaube!» können. Anselm wies dem teueren Kunstwerk den am meisten ins Auge fallenden Platz an: er ließ es aus den Kamin stellen. Und einmal erzählte er dann seinen Bekannten die Geschichte des Goldesels. Es war zur Zeit, als noch eine italienische Gesellschaft den Postverkehr zwischen Italien und den deutschen Fürstentümern aufrecht erhielt, deren Esel die Paiete in Begleitung eines Treibers von Stadt zu Stadt trugen. Einem frommen Savoyardm kam nun die Idee, diese Verkehrsgelegenheit auch zu einen: kleinen Schmugglernebeneinkommen auszunützen. In Deutschland war auf italienische und französische Seide ein sehr hoher Zoll ausgesetzt, es lohnte sich daher, die kleine Differenz für sich beiseite zu legen, steht dock) auch in den zehn Geboten nicht ein Wort davon, daß man nicht schmuggeln dürfe. So gab er denn in einen Quersack unten die Seidenstoffe und oben die Postpakete. Damit aber das Gleichgewicht hergestellt sei, füllte der Treiber den zlveiten Quersack mit Steinen. ihm: „Ach, du und dein Esel, ihr seid ein Paar! Welch eine Dummheit, den einen Quersack mit Steinen zu fülle», um den andern im Gleichgewicht zu halten: mache aus der Last der beiden Säcke zwei gleiche Teile, die Hälfte hierher, die Hälfte dorthin: dann werden die beiden Quersäcke gleichfalls im Gleichgewichte sein und dein Esel braucht die Steine nicht zu schleppen. Dem Treiber ging plötzlich ein Licht auf. Das ist doch so einfach. Die eine Hälfte hier, die andere Hälfte dort. Er küßte dem Wohltäter unter vielen Danksagungen die Hand. Hierbei bemerkte er, daß dieser keine Handschuhe trug und daß auch sein Mantel sehr abgenützt sei. „Wie ist es denn mögliche" sprach er zu ihm, „daß du, der du doch ein so kluger Mann bist, ohne Handschuhe und in abgenütztem Mantel einhergehst?" Da antwortete üjm der wohltätige Weise: „Es ist wohl wahr, lieber Freund, daß ich der klügste Mann in dieser Stadt bin und jedermann einen guten Rat zu erteilen weiß, aber ich habe kein Glück. Was immer ich auch beginnen mag, alles schlägt fehl. Mn klein wenig „Glück" ist auf dieser Welt weit mehr als die größte Weisheit..." Der Italiener zog mit feinem Esel wieder weiter. Er füllte aber künftighin zufolge der erhaltenen Aufklärungen beide Quersäcke mit Stoffen, kam glücklich über die Grenze und kehrte mit doppeltem Gewinn aus Westfalen zurück. Da begegnete er eines Tages einem heimwärts ziehenden Kameraden, der ihm schon von weitem zurief: „Schlecht steht es, Freund, sehr schlecht!" — „Was ist denn los?" — „In Aachen ist Frieden geschlossen worden." — „Was kümmert das mich?" „Na und ob! Die Grenzzölle sind aufgelassen: als Folge davon sind die Preise der Seidenstoffe um neununddreißig Prozent gesunken: morgen werden sie schon um vierzig Prozent billiger tverden." ' Darob erschrak der Treiber sehr. Auf diese Art verliert er ja ein ganzes Vermögen. Und bestürmte seinen Kameraden so lange mit Bitten, bis sich dieser dazu bewegen ließ, die Seidenwaren des einen Quersacks zu übernehmen und unterwegs zu verkaufen, dort, wo man vom Aachener Friedensschluß noch nichts wußte; er aber nlte, so rasch der Esel lausen konnte, nach Münster, um den Inhalt des zweiten Sackes möglichst rasch an den Auf dern Marktplatze standen die bekannten Kaufleute in einer Gruppe beisammen. Ha, wie machten sie sich über ihn lustig, als er ihnen seine Seidenstoffe anbot. Mü dreißig, vierzig, fünfundvierzig Prozent Verlust mußte er sie ihnen geben. Da leerte er in seiner Verzweiflung auch die Steine des zweiten Quersaües aus. Kaum erblickten die Krämer die Steine, packten sie ihn beim Saume seines kurzen Rockes. „Wo hast du diese Steine gefunden? Ich gebe dir fünf 'Taler, wenn du mich hinführst." — „Ich gebe dir zehn!" — „Ich zwanzig!" — „Ich fünfzig!" — Zym Schluffe lizitierte man die gefundenen Steine schon bis hundert hinauf. Es waren Marmorstcine! Der arme Treiber wurde plötzlich ein reicher Mann. ...Diese Anekdote erzählte einmal der alte Papa Rothschild seinen Söhnen, die Lehre hinzufügend: „Hütet euch, Kinder, vor solchen Menschen, die viel Verstand haben! Ein wenig Glück ist mehr wert, als der größte Verstand ..." Sie Trauer um Achad Haam. Jerusalem, 6. Jänner. (I. T. A.) Aus allen Teilen der Welt sind viele Hunderte von Telegrammen emgelaufen, die der T r a u e r über das Ableben des jüdischen Philosophen Achad Haam Ausdruck geben. . 0. Die Gedenkfeier der jüdischen Gtndentenschaft WrenS. Heute um 10 Uhr vormittags findet im Festsaal des Hotels Continental (2. Bezirk, Taborstrcche 2) eine dem Andenken Achad Haams gewidmete Kundgebung des Gesamtverbandes jüdischer Hochschüler Oesterreichs „Judaea" statt. Die Gedenkreden halten Oberrabbiner Prof. Dr. Z. P. CHajes und Herr Dr. N. M. Gelber. Herr Heinz Leo Fische r wird ausgowählte Stellen aus Achad Haams Werken lesen. Zu dieser Versammlung ist die tzeschttts Wische lichkeit Wiens eingeladen. Achad Haam — der wMcheu jüdische« Fugend! Von Jakob KrariSz. In der Nacht vorn letzten Tage des alten auf den, ersten Tag des neuert bürgerlichen Jahres saß ich mit einenr jungen jüdischen Mediziner an einem Kafse-ehaustisch und> hatte rneine Freude daran, zu sehen, wie dieser junge Jude, der Sohn eines ehrsamen jüdischen Kaufmannes, von wahrer Sehnsucht erfüllt ist, sich in seine«! Judentrnn zurecht zu finden und für sein Volk etwas zu schaffen. Wir sprachen über diese und jene Erscheinung im Judentum und plötzlich, ganz unvermittelt, kommt aus dem Munde dieses aufstrebenden jüdischen Jitnglings die Bitte, ihn mit dem Leben und Wirken Achad Haams bekannt zu machen. Fast schamhaft kam dieses Geständnis seiner Unwissenheit über die schöpferische Gestalt des großen Denkers hervor. Er mußte ln der Tat kaum den Name» dieses größten Denkers des jüdischen Volkes in der letzten Zeit und als ich' ihm in kurzen Strichen, wie eS eben zu mitternächtlich, r Stunde an einenr Kaffeehanstisch möglich ist, Wesen und Bedeutiuug Achad Haams auseinandersetzte, fühlte ich, daß in der jüdischen Gedankenwelt dieses jungen Menschen sich plötzlich eine Wandlung vollzog, die ihn um ein großes Stück dem verinnerlichten Judentum näherbrachte. Dieses Erlebnis mit den! jungen Freund beschäftigte mich seit jenem letzten Zusammentreffen unausgesetzt, als meine Gedanken über die Erziehung und Bi düng unserer Jugend durch die Kunde von den! Tode Achad Haains jäh unterbrochen wurden. Ich derhehle eö nicht, daß mich ein schauriges, mystisches Gefühl beschlich, als ich daran dachte, daß in derselben Stunde, in der ein jnnger Jude das Bedürfnis anssprach, Achad Haam inrtcrlich geistig näherzukommm, hieser. Geistesriese der letzten Epoche der jüdischen Kulturgeschichte bereits mit dem Tode gerungen hat. Und nun frage ich mich, ob es nicht, besonders unter der westlichen jüdischen Jugend noch Hunderte gibt, die ebenso ivmig von Achad Haam wissen, wie inein jugendlicher Freund und ob nicht in der Seew einer ganzen Masse unjercr jüdischen Jugend das gleiche Verlangen lebt, mehr Einblick in die Werkstatt geistigen Schaffens unserer großen Lehrer und Denker zu gewinnen. Da scheint mir eine große, ganz und gar nicht zu rechtfertigende Lücke in dem System der Erziehung» der westlichen jüdischen Jugend zu bestehen. Die Schriflen Achad Haams sind, une kaum die Werke anderer jüdischer Dichter und Denker geeignet, unsere Jugend dem ursprünglich jüdischen, von keiner anderen Denkweise beeinflußten Deukelt und dem geistigen Bauen zuzuführen. Achad Haams Philosophie ist die ursprünglichst jüdische Philosophie und seine eiskalte, gegen sich und sein Volk unerbittliche Logik ist die reinste, höchste Kultur jüdischer Folgerichtigkeit. Hören tvir uns einmal die Reden und Gedankengänge unserer aufstrebenden Jagend an und wir tverden immer wieder Entlehntes oder an Freurdes Angelchnteö hören. Selbst die Argumentation für die Berechtigung und den Wert jüdischer Kulturenüvicklung tvird mit Begriffen und Terminologien tvesenSfremder Gedankenarbeit zu stützen versucht. Aber Achad Haams große Bedeutung für die Geistesrichtung der jüdischen Renaissance liegt eben darin, daß seine Philosophie in seinen: tiefgründigen jüdischen Wisse».: wurzelt und ganz unbekümmert um das philosophische Denken anderer Völker ob:r von Juden, die sozusagen philosophisch-assimiliert denken, sie dort weiterbaut, too sie durch daS Dazwischentreten der Haskala im Osten und der Mendelssohn-Richtung in: Westen unterbrochen oder verwässert wurde. Achad Haam wird von allen, die ihn näher kannten, als ein fast moroser, abweisender, verbissener Charakter geschildert. Das stimmt ganz mit -seiner Art, philosophisch zu denken und zu schreiben, überein: Genau so wie er kein. Freund von flachen, oberflächlichen Zwiegesprächen und Zeitungsintervietvs war, so umgab er sich gedanklich mit geistigen Schutzwällen, um nicht dem Einfluß fremder Logik zu unterliegen. Und es ist bezeichnend für ihn, daß er zu dm seltenen philosophischen Schriftstellern gehört, die ihre grundlegenden Arbeiten ohne eine Flut von Fußnoten schrieben, die Zeugenschast ablegm sollen von der Belesenheit des Autors. Achad Haains Schriften sind kein Aufbau aus sreindes Bauwerk iwch Zubau zu fremden philosophischen Gebäude. Sitz sind Reinkultur jüdischen Wissens, sie sind Meisterwerke von ungetrübtm: jüdischen Hirn und aufgewühltem jüdischen Gewissen. Unsere Jugend kennt nicht Achad Haam. Sie wird jetzt, da er in heimatlichen! Boden ruht, durch die Würdigung sei« nes Schaffens wie vor einer neuen OffmbaruNg stehen und vorwurfsvoll fragen, warum man ihr diese kostbare Wissen«, schaft vorenthalten hat und sie wird die Antwort erhalten müssen, daß sie bisher um diesen kostbaren geistigen Besitz ans dem Grunde gebracht werden «rußte, weil Achad Haam! nicht nur hebräisch dachte, hebräisch fühlte, sondern auch hebräisch schrieb. Was von Achad Haains Schriften ins Deutsche oder eine andere fremde Sprache übertragen rvurde, ist zum Teile polemischer Natur und läßt ihn mehr als Parteimann erscheinen, während die Übersetzung seiner rein philosophischen Werke bei dein besten Willen nicht die Präzision des Ausdrucks, die haarscharfe Logik des Gedankens widerspiegeln konnten, die Achad Haam in so hohen: Maße auszeichnete. Denn Ächad Haam hat nicht nur die neue jüdische Philosophie geschaffen, er hat ihr auch eine Sprache geprägt, di§ für die Nmbelebung unserer alt-neuen Volkssprache grundlegend und beispielgebend wurde. Wir sind tveit entfernt davon, die Theorim Achad HaamK als unumstößliche heilige Lehre hinzustellen, das würde seinem ganzen Wesen widersprechen. Er ancr.'annte keine andere Autorität als dm Geist der hebräischen Kultur, die nach Fortentwicklung zu einem Ewigkeitsdasein rief und noch inuncr ruft. Aber unerreicht ist sein schriftstellerisches Leben und Denken als eine Propädeutik in die jüdische Philvsophie überhaupt und als Lehnverkstatt für jüdisch-philoso^ phische uud jüdisch-kulturelle Arbeit. In diese Werkstatt sollte gerade unsere westliche jüdische Jugend geführt werden. Achad Haam hat die Impulse zu seiner Philosophie im Osten, in chassidischer Atmosphäre getvonnen, zur Reife ist sie erst im Westen gelangt. Was unsterblich an Achad Haains Schaffen ist, ist ein Vermächtnis an das gesamte jüdische Volk, Mk das heutige und an das Volk der Zukunft.

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