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Wiener Morgenzeitung · 1927-01-08 · Heft 2824 (8.1.1927) · p. Seite 4

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
9 (1927)
Issue
Heft 2824 (8.1.1927)
Date
1927-01-08
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Gerte 4 Gien, Samstag Wi««er Morgenzetkung Xr.mi 8. Jänwer 1927 Sei Raubmord in der Lirchtensteinsttaße. «tae twM AMHKM|i«> — 9m §tl»68rfel, In Kopftuch traft Mt Pappschachtel der Ara« Lnftiz. IV JfV Kt Ml 0 L Jtbf h r Je hfxf< O i €M d g Aerstllch empfohleri^-^ahnKrtttif« «rfttolt«. Im sicherheitsbureau erschien irr ovn gestrigen Nach- EagsstüMw't eine Dame, die erklärte, im gegebenen MXk treffsicher eine Agnoszierung der Kozsera mit einer von ihr nm die kritische Zeit beobachteten Person! durchführen zu können. Die Dame ist am 30. Dezember abends, also am Abend der Mordtat, in einem Straßenbahnzug der Linie „C2", von der Sezession kommend, über die Währingerstraße gefahren. Beim Bürgerversorgungshause sch sie auf die Uhr an« Bürgerversorgungshause, uni danach ihre Armbanduhr eiNzustellen. Es war genau einviertel neun Uhr abends. Die Zeugin süh, als der Straßenbahnzug die Steigung zur Bolksoper hinanfuhr, ihr gegenüber im anderen Abteil, nur durch die GlaÄMNd getrennt, eine scheu in Ecke gedrückte Kran sitzen, die vom Anfang iVu auf die Zeugin einen sehr verstörten Eindruck machte. Der erste Eindruck, den die Kronzeugin von dieser Frauensperson hatte, war der, als ob sie von einer Rauferei komme, beziehungSiveise, wie sie zuerst vermutete, unmittelbar nach einem Streit, ohne auf ihre Toilette zu achten, eingestiegen, sei. Die Kleider und insbesondere der Hut der Beobachteten waren arg de rangiert, die Krempe des Hutes verbogen. Die Dame hat ferner gesehen, daß die Frauensperson über die rechte Hand ein HandtLfchchen mit der Linken Hand hielt. Die Zeugin hielt die Beobachtete weiter im Auge und sah, wie diese plötzlich die rechte Hand hervorzog, die verbunden war, und zwar in der Weise, daß drei Finger der Hand unchüllt waren, während Daumen und Zeigefinger frei zu sehen waren. Die Zeugin beobachtete weiter, daß die Frauensperson schließlich aus ihrem Handtäschchen einen Streifen Papier zog, ihn zu lesen schien, den Streifen dann verwahrte und auf die verbundene Hmch ' chr WMM Taschentuch auflegte. Am Gürtel verließ die Beobachtet« den Straßenbahnzug ,und mit ihr auch die Kronzeugin. Nach dem Allssteigen sah die Zeugin noch, wie die Beobachtete den Zettel, den sie früher gelesen hatte, in kleine Teile zerriß und sie schließlich wegwarf und sich in der Richtung Währing entfernte. Auch war es der Danre aufgefallenj. daß die Verdächtige Perlenkugeln als Ohrgehänge trug. Bekleidet war sie mit dunklem Mantel mit lichtem Pelzbesatz. Polizeirat Dr. Pleiningrv veranlaßte nun sofort nach diesen Angaben, daß Wassielka Kozsera in ihren Kleidern vorgeführt werde. Die Kronzeugin erkannte bei der Anoszirrung auf den ersten Blick mit vollster Bestimmtheit in der Kozsera vie von ihr beobachtete Person. Die Kozsera schien schien im> ersten Moment durch tKe Konfrontierung frappiert, hüllte sich aber tzr tiefes Schweigen. Sie leugnete auch nach der Agnoszierung bei dem weiteren Verhöre nach wie vor die Verübung der Tat. G«che «»ch neue» Jutzlzis». Die polizeiliche Untersuchung geht ihren: Abschluß entgegen. Die Polizei sucht jetzt unter anderem die Geldbörse der Frau Lustig, in der sie ihr Privatgeld anfzuöewahren pflegte. Die Börse wurde weder bei der Leiche noch im Geschäfte gefunden. ES ist anzunehmen, daß der Täter oder di« Täterin auch die Börse mitgenommen hat. Auch die Pappen deckelschachtel, in welcher Frau Lustig die GeschästSgelder im Betrage von 400 bis 600 Schilling ansbewahrt hatte, fehlt. Ihre Znstandebringung Üfrmttc ein wichtiges Beweisstück für die Aufhellung der Tat liefern. Des Iveikere» soll Frau Lustig auch ein Weißes, schwarz gemustertes Kopftuch besessen haben. Die Polizei vermutet mm, daß die K o z s e r a das Tuch dazu verwendet hat, um ihre Wunde am Handrücken zu verbinden und es dann irgendwo weggeworfen hat. Auf die Herbeischafsung der Geldbörse, des Kopftuches und der Pappendeckelschachtel legt die Sicherheitspolizei großen Wert und ersucht alle jene, welche etwa einen dieser Gegenstände gefunden haben, ihn. im Sicherheitsburen« zu hinterlegen. Re «Me. 125 Todesopfer in Madrid. Madrid, 7. Jänner. Die Grippeepidemie in Madrid hat Angenommen. Die Zahl der Todesopfer beträgt allein in Madrid' gestern 126. In Barcelona soll «dagegen ein Nachlass VN der Epidemie gu verzeichnen sein. Erkrankung de- Schweizer Bundesprasidenten. Berlin, 7. Jänner. Nach einer Meldung des Berliner DagMatt" aus Genf ist auch BUndespräfident Malta an Grippe erkrankt. Erkrankungen I» Wie». In den letzten Tagen sind auch in Men die GrippeerrranLungert härisiger geworden, doch nehmen nach den Feststellungen der AerAte diese Grippefälle einen verHältnismäßig miken Verlauf. iAln alle Abonnenten, die uns die Ganziahrgebuhr für dieses Jahr bis 15. JSnner 1927 überweisen, senden wir nach Wahl Josephus Flavius, Sven Hedin oder Graet z 9er Brotprelr wird erhöht. Alts 80 Groschen pro Laib. 'Die Ärmfabriken, die ihre billige Vorratsreseoos -uk Gänge verbraucht haben und nunmehr zu ihren Erzeugnissen Mehle zu erhöhten Einkaufspreisen verwenden, beabsichtigen, den Bruchreis in den nächsten Tagen auf 80 Brosche n gu erhöhen. Die amtliche U e b e r p r ü s u N g der Kalkulationen hat ergeben/ daß eine Beüuständung dieses Preises dann nicht gu erfolgen hat, wenn «das Ausvackgewtch: (ofenwarm) gleichzeitig um zwei Dekagramm auf 128 Dekagramm pro Laib erhöht wird. Die genaueistc Einhaltung des AuSbackgewichteS wird behördliche vssits über' wacht werden Sas Strafverfahren gegen den Vor' stand der gadnstriedank. Dr. GaSvary und Kommerzialrat BVSbarrrr gegen Kaution auf freie» Fuß gestellt. In der Strafsache gegen den Vorstand der verkrachten Allgemeinen Jndustriebank ist ein Verfahren gegen mehrere ehemalige Vorstandsmitglieder eingeleitet wvr den. Der gewesene Devisendirektor der Bank, D«. Martin Flinker, war seinerzeit wegen Vergehens der fahrlässigen Krida angeklagt und nach mehrtägiger Verhandlung sreigesprochm ivochen. Das freisprechende Urteil wurde vom Obersten Gerichtshof aufgehoben und hierauf das Strafverfahren gegen Dr. Flinker eingestellt, bis auf ein Faktum, das in Schwebe blieb. Inzwischen hat der Untersuchungsrichter den ganzen Komplex der Geschäftsgebar un>s der ,Hndusbank" in den Kreis der Unteivsuchung gezogen und gegen die meisten Vorstandsmitglieder, Verwaltungsräte und Direktor der Bank das Strafverfahren eingeleitet. Im Laufe der neuen Erhebungen; wurde von der Staatsanwaltschaft beantragt, in das Verfahren auch die Angelegenheit Flinker einzubeziehen. Gegen diese Entscheidung erhob Dr. Flinker die Beschwerde an, das Oberlandesgericht, dem nunmehr der gesamte Jndnstriebarikakt übermittelt werden nmßte. s Mittlerweile wurde ziemlich, überraschend der ehemalige Verwaltungsrat und Mtglied des Vorstandes der „Jndusbank", der Budapester Rechtsanwalt Dr. Sasvarh verhaftet und Konnnerzialrat Bösbauer am verflossenen Montag unter Polizeiaufsicht gestellt. Bösbauer, der einige Wochen vor "dem Zusammenbruch Vite ,>Jndusbank^ in den Vorstand dieses Instituts gewählt worden war, ließ gestern durch seinen Rechtsanwalt eine Sicherstellung von 100.000 S. leisten, worauf die ihm von der Wirtschaftspolizei auferlegten Beschränkungen seiner Freizügigkeit aufgehoben tvurden. Dieü Kautionserlag sollte die Sicherheit dafür bieten, daß Kommerzialrat Bösbauer, der u. a. Eigentümer eines Zeitungs-, Druck- und Verlagsunternehmens im 3. Bezirke ist, sich einem etwa gegen die Funktionäre der „Jndusbonk" eingeleiteten Prozesse stellen würde. Dr. S asvary, der schwer zuckerkrank ist, wurde bereits gestern mittags gegen Erlag einer Kaution von 50.000 S. auf freien Fuß gesetzt. Leo Winz-, tat ich es mit Wonne, denn diesen Roman hatte ich innerlich stark abgelehnt, nnd zwar aus denselben Gründen wie Achad Haam — die jetzige Wirklichkeit widerspricht ihm ja in allem und jedem —, und dann hatte der Verfasser unter der Bedingung seine Einwilligung zur Veröffentlichung in deutscher Sprache gegeben, daß die Uebersttzung von mir hergestellt würde — was meiner Eitelkeit nicht wenig schmeichelte. Diese, Uebersetzung hatte merkwürdige Folgen. Leo Winz sandte loyalerweise einen Fahnenabzug an Herzl nach Wien mit der Bitte, auf Achad Haams Kritik zu erwidern, er wollte Kritik und Erwiderung nebeneinander im nächsten Heft bringen. In Wim hatte man von der Kritik erst durch diesm Fahnettabzng der deutschen Uebersetzung KenMnis, das hebräische Original im „Haschiloach" war unbeachtet geblieben. Winz wartete vergeblich auf die Erwiderung Herzls. Anstatt ihrer brachte die nächste „Welt" «inen wütenden Angriff auf Achck> Haam aus der Feder Max Nordaus. Es stillte eine Züchtigung, eine Strafe sein dafür, daß dieser gänzlich unbekannte kleine Odesfaer Jude es gewagt hatte... Nordan hatte offenbar nicht die leiseste Ahnung davon, wer Achad Haanr war, welche» geistigen Rang er einnahm, was er den besten unter den Hebräern bedeutete, er hatte offmbar nie eine Zeile von ihn: gelesene Der Artikel bot keine einzige Widerlegung, sondern nur eine unendliche.Reihe vmr Jnvektiven heftigster Art. NordcmS Temperament war imeder einmal mit ihm durchgvgangen. Es war vbmdrein eine Illoyalität von seitm der „Welt", ihren Lesern, die die Kritik Achad Ha-ams nicht kannten, bisse überheftige Erwiderung Nordaus zu Sieten, deren Maßlosigkeit ihnen entgehm mußte. Dabei war Achad Haam in seiner Kritik bei aller Aufrichtigkeit und Schärfe durchzuck vornehm und zurückhaltend, wie es seiner Natur entsprach, hatte kein heftiges oder gar herabsetzendes Wort gegen Herzl gebraucht; ihn dagegen überschüttete Nordan mit einer dich' ten Flut beleidigender Ausdrücke, wie sie in einenr literarischm Streit ganz unerhört waren. Das Empörendste im, dich die gesamte hebräische und zionistische Presse kein Wort des Tadels wider Nordan vorbrachte; Achad Haam hatte ebm viele Neider und wenig freunde, Max Nordan aber kW W Mmismus die zweitmächtigste Persö'tichkeit. Auf mich hatte Nordaus Arttzke ivie c.w Hei.igenschändung, eine Gotteslästerung gewirt., zumal hier ein frisch Angekonmrmer einen Alteingesessenen im Hause beschimpft und ihm die Tür gewiesen hätte... Ich ließ also der Ä Achad Haams über Herzls „Aütneuland" einen ungezeichneten Aeükel als redaktionelle Meinungsäußenrng unter der Üeberschrist „Die Juden von gestern" vorangehen, die mit Nordau gehörig abrechnete. Ich schrieb diesen Artikel mit Bedauem, denn obwohl mir Nordäus ganze literarische Art, seine radikale Richtung und seine Bersatilität nicht gerade zusagtm, so hegte ich doch vor seinem nngehmren Könneit und seiner Atbeitskraft den tiefstm Respekt, sein uneigennütziges, opfervolles Eintreten für die jüdische Sache flößten mir Hochachtung ein, und was ich von ihnr als Mmschen' Nmßte, lvar außerordmtlich sympathisch. Jndessm die Strafe für die Beschimpfung des verehrtm Lehrers und Misters durfte ihm ickcht geschenkt bleiben. Ich habe Nordau lange nach seinem Tode Genugtuung widerfahren lasser; in dem Artikel „Der Heimkehrmde", der zur UeberfülMng von Nordaus Gebeinen nach Tel Awiw in mehrerm Zeitungen gedruckt wurde. Wer der Verfasser jener Apologie Achad Haams war, erfuhr dieser erst im Jahre 1911. Int Jahre 1910 übersetzte ich die im „Haschitoachk^ erschienme nmndervolle Studie, Achlch-Haams, die ich unter dem Titel „Das Wesen des Judentums^ in „Ost Und West"' veröffentlichte. In einer Polemik gegen Mvnteftyres Evangelienkomnientar entwickelte Achad Haam in genialer! Weise das Wesen der jüdischen Religion als in der Psyche des jüdischen Volkes begründet. Auf originelle Weise tvidd die Ethik des Judentums, die auf der absoluten Gerechtigkeit beruht, als allein mögliche Grundlage einer internationalen politischen Moral nachgetoiesen. Achad Haam ivar seinem tiefster Wesen nach der vollendete „gute Europäer", wie ihn JaW Bürckhard und Nietsche wünschten, ins Jüdische umgeschnwlzen. Sein« BildtiN-g!var im ivesentttchen deutsch, d. h. sie floß ans deutischritz Quellen, doch beherrschte er daneben souverän die französische und englische Psychologie, Soziologie und Philosophie. Im Lichte dieser europäischen Wissenschaft betrachtet« er auch die Probleme des Judentums. 9»s 8nde de« övlelllubs im Palais Serchlold. Im Palais des ehemaligen österreichisch-ungarischen Außenministers Grafen Berchtvld, dessen Anteil an der Entfesselung des Weltkrieges unvergessen bleiben soll, etablierte bald nach dem Umsturz der ehemalige Hofzervuwnienmeister Prilevsky mit einigen abgebauten Hyfl beamten ein Kasino, das eine Zeit lang den Treffpunkt der österreichischen Monarchisteu, wie z. B. (Prinz) Liechtenstein, (Baron) Popper, Gesandter Wiesner, des ehemaligen Ministerpräsidenten Clam-Martinitz und des getvesenen deutschradikalen Abgeordneten und ersten arischen Gurken- Händlers Teufel ufw. bildete. Es wären insgesamt 135 Mitglieder. Bald fanden sich auch Bankiers, Kauf- Leute usw. im Kasnw ein, nicht um Politik zu tteibenz sondern nur Hasard zu spielen, weil man in dem in der abgelegenen Strudelgasse tm 9. Bezirke befindlichen Palais vor der damals nach Hasardspielern eifrig fahndenden Polizei Ruhe zu haben glaubte. Da die Monarchistenkonventikel weniger eintrugen als der Spielbetrieb, ja da Prilevsky sogar befürchten mußte, daß die Polizei gerade ivegen des Treibens der Monarchisten ans seine Spieler aufmerksam gemacht tverden würde, ersuchte er die Legitimisteir, ihre Zusammenkünfte anderswo abzuhaltm. , Zuerst zogyi die Monarchisten ans, nach und nach folgten die Spieler, denen einem nach denr anderen die MitÄ ausgingen. Bor einigen Tagen mußte der Spielklub gesperrt werden, da kein Geld mehr.vorhanden war und die Gemeinde Wien überdies die Wohnbausteuer auf 1600 S. pro Monat hinaufgesetzt hat. Vortrag einer Wiener Mischen Srirhrtrn in Pari«. Aus Paris wird uns geschrieben: „Der Einfluß des Psychischen auf düs Organische" war der Titel eines Bortrages, den der Privatdozent für innere Medizin an der Wiener Und vcrsität Dr. Felix Deutsch vor einigen Tagen an der Sorbonne in Paris auf Einladung der Grouped'eiudes philosv^ phiques et feientifiquepour l'examen des tandanceS nonvellß»

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