Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 9 (1927)
- Issue
- Heft 2823 (7.1.1927)
- Date
- 1927-01-07
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Kr. ASS Wien, Freitag 7. Uäim-r 199? «-«- 8 Lagesbericht. «in jüdischer Iouknalist. 3» Jakob Kean-z' «0. GebnetStag. Unser Kollege Jakob Krauswird heule 60 Jahre alt. Seil 40 Jahre« steht er als Publizist int Dienste der Oeffentlichkeit und seil sieben Jahren gehört er der Redaktion dieses jüdischen Blattes an, die in ihm nmi Mitarbeiter von strengster Gewissenhaftigkeit und von echtem kaineradschastlichem Wesen besitzt. Jakob Krausz ist ein jüdischer Journalist. Gr ist es nicht durch irgendwelche Süßeren Verhältnisse geworden; er ist es seit je, aus einem inneren Drang, und wohin immer das Schicksal ihn stellte, stets fühlte er in sich die Berufung, zu seinem Volk und von seinem Volk zu sprechen. Unserer Redaktion ist er der Mann, der einfach alles weist. Er' spricht sämtliche größere Kultursprachen; er kennt die oftmals wirren und verschlungenen Wege des politischen Lebens; er trägt in sich einen imendlick^ii Schatz von Wissen. Für die jüdische Allgemeinheit, der er mit Herz und Verstand bis zur Aufopferung ergeben ist, ist er ein Kämpfer, der mit reichster Erfahrung und reifstem rUteil, vor allem aber mit Güte und Verständnis an die Dinge hemntritt. Er ist ein jüdischer Journalist, einer der wenigen, die sich zu einer geschlossenen jüdischen Anschauung entwickeln konnten, die diejüdische Welt, die in ihr lmrkenden seelischen und geistigen Energien kennen und übersehen, und die für sich selbst eine solche jüdische Welt darstellen. Was das Judentum bewegt und in seinem Herzen klingt, das nennt auch Jakob Krausz sein eigen und darum besitzt er die wundervolle Gabe, zu allen zu sprechen imdffett voneinander zu erzählen. Er gibt den Aschkeuasim und den Scphardim Kunde voneinander, er schreibt aus der jüdischein Gasse, diesem, Mikrokosmos voll Kaurpf, voll Sorge, voll Freude und Leid, er erzählt tarnt' jüdischen Fest, von den blassen Tabmudgelehrten und von der handfesten Heiterkeit der Schnorrer, er schildert die Kleinen und die Großen, er führt die Männer und die Frauen und die Kinder vor und er ist stets einer von denen, die er gerade mit dein Leser bekannt macht. Erist aber noch inehr. Ein eifervoller, geradliniger und zorniger Kämpfer für die Einheit der jüdischen Gemeinschaft, für ihr Recht, ihre politischen und kulturellen Forderungen; aus dem Herzen schreibt er und darum ist er ein Meister des politischen Ausdrucks, ein jüdischer Journalist, der kein. Kompromiß, kein Wb legen n.w keine Rück> sicht kennt. In der täglichen, oft von der Routine beherrschten Arbeit, die so mancher nicht zu erfassen weiß und in. der jeder sein bestes und seine letzte Newenkraft gibt, ist auch Jakob Krausz eingespannt, aber nie verliert er die jüdische Welt, nie den jüdischen Leser aus deir Augen, nie die Verantwortung vor dem eigenen Gewissen'und den Zweck, dem wir uns unt'erordnett: die 'jüdische Sache. Was Jakob Krausz mit seinem Namen zeichnet, Bilder aus den: jüdischen Leben, das schätzt und verehrt eine Lesergemeinde, wie sie so'mancher Berühnrte nicht besitzt. Wir aber, die Kollegen in der Werkstatt, kennen seine hundert und tausend kleinen Artikel und Notizen, die ohne Firma hinausgehen und in jedem Wort gut erwogene Bemerkungen sind eines ztvar stets kritisch eingestellten, aber dabei grundgütigen, der Wahrheit fanatisch dienenden Mannes. Das jüdische Publikum kennt seinen Namen und es würrscht ihm heute zu seinem 60. Geburtstag alles Gute. Wir wünschen uns, daß er unh. noch recht vieles gebe und noch recht lange uns als Meister und Vorbild, als ein Stück Misch» Welt zur Seite stehe. Jocko-b KrauSg wurde in der alten Judengsmeinde Neutra am 7. Jänner 1867 als Schn eines Kultusbeamten geboren. Er sollte nach dem Willen der Eltern Rabbiner werden und bezog nach Msowiernng des Gymnasiums das theologische Seminar in Breslau. Dock) den Kandidaten der jüdischen Theologie zog bald das lebendige jüdische Leben in seinen Bann mrd vor genau vierzig Jahren veröffentlichte er in der „Ncutraer Zeitung" einen Aufsatz, der scharf die Mängel der jüdischen Erziehung in der Schule kritisierte; beinahe hätte für diesen Aufsatz — KrauSg' Vater gebüßt, den der Kultusvorstand von Neutra für.den Artikel deK Sohnes verantwortlich machte. In Breslau wurde Jakob KrauSg nach ftinfsemestrigern.Studium der Theologie überdrüssig, und wandte sich, schon dort dank seiner scharfen und witzigen Feter gern gesehener Mitarbeiter der „Breslauer Morgenzettung" und anderer Matter (». a. satirisch-humoristischer Wochenschriften), bald ganz der Publizist^ zu. Er übersisdelte nach Budapest, wo er Mitarbeiter des KossuHblatteS „EgyeterteS" wurde, deS einzigen, dos damals ein« wirklich liberale Richtung vertrat. Vor etwa drei Jahrzehnten kam Jakob KrauSz nach Wien; hier arbeitete er in verschiedenen Blättern, darunter in der sehr verbreiteten Schnitzer'scheii .Zrengerzeltung". ES war in der Zweiten Hälfte der IWvorjahre; der Herz lösche Z'i o n i s m u s hatte auch das jüdische Leben Oesterreichs aufgewühlt und es war die Zeit, da die jüdische VollkSpartei entstand, jene Partei, die ein jüd'psch.nationales Gegenwarts- Programm aufstellte. Jakob Krausg Motz sich ihr sofort an und war der erste Redakteur ihres Organs „Jüdisches VolkSblatt", dessen Eigentümer und Herausgeber er später wurde. Das Blatt, da- Jakob/Krausz als echtes jüdisches Boüksbla'tt führte, trat mit Temperament und Elan Men die Unterdrückung der Nationalitäten und besonders für die Anerkennung der jüdischen Nationalität ein. Ein deshalb erfolgtes Verbot in Ungarn zwang zur Titeländerung in - „Nationalzeitung"; unter diesem Titel -führte Krausz das Blatt bis zum Jahre 1969. Als die Bestrebungen des damaligen Wiener Kultuöpräsidcnten,' Dr. Alfred Stern, aüf Errichtung des jüdischen G e m e r n d e b u n d e S gingen, war es Jakob Krausz, der seine Energie und Arbeitskraft in den Dienist dieses für die politische Stellung der österreichische» Judenheit so wichtigen Planes stellte. Auf seine Anregung fanden in den Jahren 1968 und 1609 die zwei großen österreichischen Juden tage in Wien statt. Die reiche politische Erfahrung Jakob Krausg', der nach kurzer Tätigkeit als Sekretär des jüdischen Ge- MLindöbundes ins S-Lkretarrat der Wiener Aultusgemeinde, vorwiegend f ü r d a s p o l i t r sch e Re s s o r t, übernouunen wurde, ließ die Wahl deS österreichisch-ungarischen Außenministers Aehrentihal auf ihn. fallen, als es sich -darum handelte, Sie nach der Annexron-Bosniens entstandene antiösterreichifche BMottbswegung in Salon t1 i und anderen Bal- ■nteinjüditcheiHaut ™ B ohne Standardwerke der Jüdlschch Geschfehte! Beachte? Sie rmssrs Gratisprämieuaktion kür unsereAbonuentett Worte Achod Hm»«s. Aus feinen Schriften. Das Gcheimnis unseres Bestandes als Volk liegt darin, daß schon in den ältesten Zeiten die Propheten unser Volk gelehrt, nur die Kraft des Geistes zu verehren und nicht in ehrfurchtsvoller Scheu vor physischer Macht in die Knie zu sinkerr. Darum kam es nicht in die Lage, wie die anderen alten Völker sein« Eigenart einem stärkeren Feinde gegenüber aufzugeben. So lange es diesem Prinzip treu bleibt, hat sein Bestand darin eine feste Gewähr, denn an geistiger Kraft steht es hinter den anderen Völkern nicht zurück und hat Zeinen Grund, sein Selbst auszugeben. * Die bestehende zionistische Organisation ist bei all ihren Schwächen vorläufig doch die einzige in unserem Volke, die im Ramm der nationalen Wiedergeburt geschaffen wurde. Ihr aber auch noch die Arbeit für die kulturelle Ren aissance ausbtzrden, ist unmöglich. Erstens, weil diese Organisation schon an der Propaganda für den zionistischen Gedanken, an der dlusklärung des Volkes und Unterstützung der zionistischen Institutionen vollauf zu tun hat und ihre Mittel nicht einmal diesen Aufgaben, die ihrer Richtung näher stehen;, gewachsen sind. Zweitens, weil eine Organisation nicht zwei solche Ziele verfolgen kann, die, trotzdem das eine vom andern bedingt wird, doch wesensverschiedm sind und andere Wege und andere Männer verlangen. Und drittens, weil wir noch picht in solchem Grade zu einer einheitlichen Auffassung des nationalen Gedankens gelangt sind, daß alle seine Anhänger über alle seine Einzelheiten in bezug auf das Ziel und in bezug quf die Mittel einer Meinung wären. . * Es gibt in unserem Volke Parteien, die sich im Innersten ihrer Ueberzeugmlg sehr weit voneinander unterscheiden. Dort aber, wo der Abstand ein innerer und wesentlicher ist, trägt die fortgesetzte Erläuterung der Ansichten, die kühle Leidenschaftslosigkeit nur dazu Lei die ganze tiefe Kluft, die die beiderseitigen Anschauungen voneinander trennt, mir um so. krasser vor Augen zu sichren. Der Friede dieser beiden Parteien kann sich also nicht auf die Gemeinsamkeit der' Anschauungen gründen — ein Ziel, das. stets. unerreichbar bleiben wird — sondern nur auf. jene heilige Tugend, die Tugend der Toleranz in Sachen des Glaubens und des Wissens. Wir dürfen von keiner Partei verlangen, daß sie Pie Erziehung chrer Kinder einer andern Partei überträgt/'die in grundsätzlichen Fragen über den Menschen und sein Leben ihr entgegengesetzte Anschauungen vertritt. Und wie die Freidenker auf.die ihnen anpassende Erziehung den Orthodoxen zuliebe nicht verzichten können, so können auch diese auf nichts davon verzichten, wovon der Bestand jenes alten Baues abhängt, dessen Erhaltung sie anstreben. Seine Kinder so zu. erziehen, daß sie, einmal groß geworden, ihm selbst geistig nahestehen, ist einer der natürlichen Wünsche des Menschen und daher auch eines seiner natürlichen Rechte, das andere ihm nicht rauben dürfen. Und weil unter der zionistischen Fahne die beiden Hauptrichtungen in unserem Volke sich zusanunengefunden haben, müssen beide die Grenzen erkennen, wo in den verschiedenen Zweigen des Lebens und speziell auf dem Gebiete der Erziehung ihre Wege auseinanderlaufen. Nach diesem Kriterium ist der Zionismus verpflichtet, von beiden Richtungen zu verlangen — und diesem Gebote haben sie unbedingt ohne Ausflüchte zu gehorchen — daß beide den Gedanken der nationalen Wiedergeburt in seinem neuen Sinne zum Fundament der Erziehung machen. Auf diesem Fundamente aber mag jede ihren Bau selbst nqch ihrer Weise weiterführen, nach ihrem Willen ohne fremde Einmischung darin schalten und walten. Braucht unser Volk überhaupt eine Hebung seines kulturellen Standes? Vor einigen Monaten versuchte ein Jude in einer russischer Zeitschrift zu beweise«, daß unser Volk in der kanstädten, die den Handel Oesterreichs nach dem BaSsri lahmgulegen drohte, durch diplomatische Verhandlungen zu mildern. Das Außenministerium zollte Krautzz» Tätigkeit in Saloniki in einem Dankschreiben an sie Wiener KultuSgemeind« wärmste Anerkennung. Nicht nur politisch, sondern auch im Sinne produktiver sozialer und kultureller jüdischer Arüeit hat sich Jakob KrauSß in weitem Maße betätigt. Er ist der Gründer des jüdischen S ch u l» c r c t n § für den neunten Bezirk, der als einer Ser ersten in Wien die nsrjüdische Kulturforderung einer wirklichen jüdischen Erziehung verfocht. Ihm ist die Gründung des Vereines „Einheit" zu danken, dessen jüdische Volksküche sich in und nach der Kriegszeit au einer wichtigen Fürsorgeinstitution entwickelte. Auch der Krankenhi0fsperein „Menschenliebe" im neunten Bezirk ist eine Gründung Jakob Krausz', ebenso Ser „Verein der Neutraer in Wien"; beide Verei-ne entfalten eine wertvolle charitative Tätigkeit. Das achte Jahr ist Jakob Krausz RedaktionSmitglied der „Wiener Morgeuzeitung". und seine Tätigkeit in diesem Blatte ist nicht bloß universell im vollsten Sinne des Wortes, sondern auch geradezu fundamental. Seine Wirksamkeit bestimmt in starkem Maße das geistige, das jüdische Profil unseres Blattes; daß wir mit Stolz von diesem geistigen Profi! sprechen dürfen, danken wir nicht zuletzt unserem Jakob Krausz. Und sagen ihm an seinem Jubeltage innigen Dank Sie Prager 6isler>flff3tt. Wie die Prager „Bohenna" aus zuverlässiger Quelle erfahren habe» will, steht die Untersuchung in der Eisler« affare vor dem Abschluß, da bereits alle Zeuge« cinvernommen worden sind. Dr. Eisler wird in den allernächsten Tagen auf freien Fuß gesetzt werden. Es handelt sich nur noch um die Erledigung der formalen Frage, ob Dr. Eisler gegen , eine Kaution freizulassen und in welcher Höhe die Kaution festzusetzen sei. ° Unwetter im Mittelmeer. Paris. 6. Jänner. Seit gestern herrscht auf den. Mittelmeere ein furchtbares Unwetter. Bon den verschiedensten Seiten treffen Nachrichten ein über Schiffe, di« in Seenot sind und solche, die bereits.dem Sturm z um Opfer gefallen sind. Heftige Erdbeben in Zerrtralarrrerika New York, 7. Jänner. Aus Guayaquil wird gemeldet, daß an der Grenze zwischen Columbien und Ecuador mehrere heftige Erdbeben verspürt worden sind. Z a h l r e i ch e P e r s o n e n k a m c n u m 5 Lebe n. Der Schaden ist beträchtlich. Sie Sripve. Ausbreitung i« Frankreich. Paris, 6. Jänner. Aus der Provinz treffen weitere Nachrichten über daS Umsichgreifen der Grippe ein. In Lyon sind gestern 60, in Marseille 61 Todesfälle zu verzeichnen gewesen. Auch in Deutschland. Worms, 6. Jänners Infolge der ungünstiges Witterung sind. hier zahlreiche Personen an Grippe erkrankt. Bon den in den ersten fünf Jännertagen gestorbenen 17 P e r s o n e n ist ein großer Teil der Grippe zum Opfer gefallen. Tat nicht das Recht habe, über sein Los zu klage«, weil seiye kulturelle Lage besser sei als die der Völker, unter denen es imchne. Die Juden seien sprach- und schriftkundig, besäßen Kenntnisse und ausgezeichnete geistige Anlagen, die es ihnen ermöglichen, sich überall den Lebensbedingungen weit leichter anzupasftu, als anders Völker. Wozu also ihre Klagen? Das können eben nur Grillen pessimistischer Schriftsteller sein, die die „Judennot" einfach erfunden haben! Dies ist der Gedankengang von Knechten, die ein größeres Ideal nicht kennen, als in allem ihren Herren gleich zu werden! Der „Herr" ist ihnen der Maßstab, nach dem sie sich selbst und ihren inneren Wert bemessen, und finden sic, daß dieses Maß schon erreicht ist und sie vor ihrem Herrn sich nicht zu schämen brauchen, sind sie zufrieden und wagen nichts weiter zu wünschen. Der freie Mann aber sucht den Maßstab für sich und seine Stellung nicht an anderen, sondern in sich selbst; sein Ideal ist nicht, die Stufe der Menschen seiner Umgebung zu erreichen,' sondern jene, die zu ersteigen seine seelischen Anlage» ihn bcsäh'gen. Und wenn die Daseiusbedingungen seine Entwicklung yemmen, ihm die freie und volle Entsaltung seiner Kräfte wehren und ihm verbieten, das zu sein, was er nach feinen eigenen Fähigkeiten sein könnte — dann kennt sein Schmerz und seine Not keine Grenzen, und er kan» sich nicht damit trösten, daß bei all dem seine Stellung die vieler anderer noch überragt. Fragt nur die jüdischen Jünglinge, die in irgendeinem Krähtvinkel unter unsäglichen Entbehrungen Erkenntnis suchen und sich darob vor Schmerz verzehren, daß sie nicht in die »weite Welt hinausziehen können, um ihre seelischen Kräfte nach ihrem Willen zu entwickeln — fragt einmal diese Jünglinge: Warum klagt ihr über euer Los? Auch in eurer jetzigen Lage habt ihr eine Bildungsstufe erricht, die jene vieler Großstädter überragt, und was wollt ihr mehr?" — Und sie werden euch sagen, toi* viel Stumpfsinn und Gefühllosigkeit der Mensch besitzen muß, der den großen inneren Schmerz nicht mitempftxden karr«, rvenn die Seele in sich viele Kräfte fühlte Wz nach Betätigung ringen »md keine finden!