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Wiener Morgenzeitung · 1927-01-06 · Heft 2822 (6.1.1927) · p. Seite 5

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
9 (1927)
Issue
Heft 2822 (6.1.1927)
Date
1927-01-06
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Wien, Donnerstag Wiener Morqenzrttung 6. Jänner 188? Veite 8 Kr. 8822 Bn geschlossener Sitzung wurden die Referate über Taktik und über Organisation erstatte!. In seinem P r e s s e. R e f e r a t wies Dt. Norbert Hoff m ann fjffi'ien) darauf hin, von welch großer Bedeutung das ^Lachsen der in den verschiedenen Ländern erscheinenden revisionistischen -Organe sei. In absehbarer Beit wird auch in Berlin unter Leitung L'ichthNmö eine revisionistische Zeitung für das gesäurte deutsche -Avrachgebict erscheinen. Das Knlturreferat rcstattete. -der hebräische Dichter J a k o d K a h n. Er kritisierte scharf die Programmlosigkeil der Zionistischen Organisation bekrcsfend die Kuli' turfragen, forderte die Intensivierung der kulturellen Arbeit durch Schaffung eines Kulturamtes und schlug mehrere Thesen vor, so if. a. dir Gründung eines WestUkröttttdes der Hebräischspvechenden >wch Art der Esperanto-Bewegung, um die Sprache mit mchr Energie propagieren zu können. Auch eine Der- Einigung ,,Chowewe Sefer Aülvri", wobei die Druckereien und Verlagsanstaltelt in Palästina sein müssen, sollte ins Leben gerufen werden und die Industrie fördern. Vefon-devL Aufmerksamkeit nrüsse man der Erziehung und deni Schulwesen im Lande widmen. Ferner forderte er die Schaffung'von Stipendien für hebräische Schriftsteller und Förderung der hebräischen Theater und Kunstunternehmungen. Herr P r o p e s (Riga) berichtet; über die revisionistische Jugendbewegung, die aus bem G-danken der Chaluziiith basiert. Ec stellte fest, das; die Jugendb ewe-g.n n a, die er nach Altersstufen in drei Gruppen WMe. frei von snseistischöm Geiste sei. Man müsse der jüngeren Msrsschichte eine allgemeine zionistische Erziehung ang>. Leihen lassen und erst die ältere mit d:r revisionistischen Ideologie vertrant umchen, um sie im gegebenen Momente ins Land bringen zu können. Wien, 6. Jänner 1927. Tos Detter. Der Einbruch oer Potartust hnr Niederschläge mir sich gebracht. Gestern abends setzte ein leichtes Schneetreiben ein. Die Vorhersage lautet: Zumeist sonnig und heiter, vielfach Morgenfroft, später warmes, veränderliches Wetter. Die Kongretzstadi. Die tzremdeuborkchrstvinmissiou versendet eine Mitteiluttg, derzufolge in diescin Jahre etwa 30 internationale Kongresse uno ähnliche Tagungen in Wien nbgehrüen werden. Die Mitteilung, die ja an sich erfreulich ist, erscheint in der Woche, in der an den Straßenecken eine Pogromzeitnng in Plakaten die Wiener ein ärt, sich an den Zivnistenl'ongref; zu erinnern. DaS ist toajjt nicht der Kvutrastwir-- tung wegen hervvrzuheben, sondern a!s Shmpwin der yremdenfeindlich'keit einer getvissen Schichte von Zeitgenossen die jeden Versuch vereiteln will, Wien zum internationalen Zentrum zu machen. Selbstmorde. Gestern hat ,1ch ose öüja'hrige Pflegerin Klara Grober wegen einer' Nervenleidens durch Gen uh einer ‘wjw^bv „ _ . , hat sich gestern in seWstm-ürberischer i?.lSsichi auf die Straße gestürzt und blieb mit schweren Verletzungen leblos liegen. Todesopfer deS Autos. Gestern abends wollte von der Straßenbahnhaltestelle in der Schottengasse ans eine Frau hinter zwei Stratzcnbahnzügen rasch die Fahrbahn übersetzen. Sie rannte an den Ketsch,iitzer eitles im mäßigen Tempo daher kommenden Privatautos au, wurde halb umgedreht und fiel auf des Hintsrhnnpt. Sie blieb bewltßtlos liegen. Der Lenker des Autos wollte sie in die Unfallstation bringen,, doch ist sie unterwegs gestorben. Nach bei ihr gefundenen Papieren dürste sic die 31jährige Mathilde Zuck erb erg, Cattagegasse 8, sein. Sine Liebestragöbie. Gestern früh sind zwei junge Leute iu einem Hotel in ternals abaestiegerr. wo sie sich in ein Zimmer zurückzogen. a man vis nacllrüttags nichts bou ihnen hörte, sah der Portier durch das Oberlicht in das Zimmer, wo er die beiden in den Betten, die Köpfe in Blutlachen, liegen sah. Die herbeigcholte Sicherheitswache fand in der Hand des Mannes eine Fronnnerpistole, aus der zwei Schüsse abgefeuert waren. Die Netlungsgesellschaft tonnte nur mehr den Tod ber beiden feststellen. Aus dein Vorgefundenen Absrhiedöbrsef geht hervor, daß der Mann, der 30jährige Schlosser Hans Divifch aus Mödling, zuerst seine Begleiterin, die 18jührige Private Marie End res, und dann sich selbst erstbesten hat. Es scheint sich um eine Tat aus unglücklicher Liebe zu handeln. Die Kindeslelch« Uw Misthaufen. Auf einem Kehrichthaufen in Meidling hat gestern früh ein Bettler, in einem Paket eingewlckelt, die gräßlich ver- Mmmclte Leiche eines offenbar nengoboreno» Km'oeS gefunden, von der der Kopf und der rechte Arm abgetrennt waren und fehlten. Der Körper des Neugeborenen war vollwaren und fehlten. Der Körper des Neugeborenen war volliwuiiiB aiwpcütitrcr. 2ne erryeoungen nacy ver -rrnoesmmrev sind etngoleitet. Straßenbahn und Kuhrtverb. Gestern ist an: Morzinplatz ein Straßenbahnzug mit einem Fuhrwerk zummmengestoßeu. Infolge des heftigen Anpralles bei dem Zusammenstoß wurde die im Straßenbahnwagen sitzende Hausbesorgerin Antonie Brana auf den Boden geschleudert und erlitt vielfache Quetschungen. Telephonische Autobestellung. Im Laufe dieses Monats werden aus verschiedenen Autostandpliitzen der Stadt 35 TelLphonautvumtert ausgestellt werden, durch die man telephonisch Autotaxi vor sein Haus wird rufen können. Der Aufruf wird nicht obligatorisch sein, das heißt, die Chauffeure können, wenn sie ihm Nicht i . Fo.ge leisten» wegen Fahrtverweigerung nicht bestraft werden. Und darin liegt das geschäftliche Risiko der Firma, , die die Apparate zur Aufstellung bringt und nüt täglich > 2000 Anrufen rechnet. Der Chauffeur muft, wenn er oem I Anrufe Folge leisten ivill, nach Vernehmung des Signals i 30 Groschen in den Apparat ein werfen, worauf erkr der Kontakt mit dem Besteller hcrgeftcllt wird. Ltteltt Telephonvetvindung Wien—Amsterdam. Wie aus Amsterdam gemeldet wird, wurde gestern die neue Telcpbonlinie nach Wien in Gebrauch gesetzt, die es ermöglicht, von den drei größten Städten Hollands, Rotterdam, Amsterdam und dem Haag aus, über das neue Kabel Berlin—Wien direkte Gespräche mit Oesterreich zu führen. Die direkten Gespräche sind zur völligen Zufriedenheit sämtlicher Interessenten verlaufen. Das tanzende Wien. Im Jahre 1S26 wurden beim Wiener Magistrat 22.165 Tan-veranstaltuirgcn angenieldet, um 199 mehr als im Jahre 1926. Einen besonderen Ansturm brachten die letzten fünf Tage des Jahres 1926, in denen nicht weniger als 1211 Feste beim Wiener Magistrat angcmeldet worden sind. In allen diesen Zahlen sind aber die Tanzveranstaltungen, die in den Konzertkaffeehäuscrn» Konzertrcstaurants, Bars und Tanzschulen stattfknden. nicht eingerechnet. Der Jahr für Jahr angekünvigte Rückgang der FestZchkelttn ist alw auch im vergangeilen Jahre ansgeblieben. Selbstmord des Derma'ters des Bir-apester jüdischen Spitals. Aus Budapest wird gemeldet: Der 70jährige Verwalter des hiesigen jüdischen Spitals, Ludwig Bertes hat sich heute ans Gram über den vor drei Wochen erfolgten Tod des Direktors des Spitals, Professor Benedict, vom vierten Stockwerk hinnbgestürzt. Er war auf der Stelle tos. E Bei Darmträgheit, Magenmtb Dnrmlatarry, Geschwülste der Dickdarmwand, Neigung zur Blinddarmentzündung beseitigt das natürliche „Franz-Josi'f"-Bitterwasser Stauungen in den Unterleibsorganen rasch und schmerzfrei. Langjährige Krankenhauserfahrungen lehren, daß der Gebrauch des Franz-Josef-Wassers die Darmverrichtung vorzüglich regelt. Flldisches Zentrum des Sozialen Hilksgemcinschalt AnMa Müller 2. Bez., Untere Angaktettstraße 3S. Aiontag und Doimerstag, von 8 bis halb 10 Uhr, liest Prof. Jona Gelernter: Neue hebräische Literatur und Sprache. — .Vorlesung «nd Interpretation des Buches f iob von Schloncah Auerbach findet jeden Dienstag von bis halb 10 Uhr statt. Der Hebräische Jugendklub ladet alle hebräisch sprechenden Jugendlichen zu den Konversationsabenden (Leitung Prof. Kestenbaum) welche jeden Sonntag und Mittwoch ab halb 7 Uhr stattsinden ein. Aerzt.'iche Beratungsstelle, Donnerstag, von 2 bisö Nhr. Erziehungsverntnngsstelle. Donnerstag, Vvn halb 7 bis 8 Uhr. Sonntag, den st. Jänner, halb 5 Uhr, Gedenkfeier f ü r A ch a d H a a m. Näheres Prvgmurm. wird :roch bekanntgegeben. haben wir einige unserer BUcherpramien reserviert. — Haben Sie schon Ihr Abonnement überwiesen GP,»»G» fahresabonnenten erhalten nach Wahl yaae&fkus &Iaa>iu9 SÄMTLICHE WERKE. In drei eleganten Ff achtleinenbänden Mehr als 2000 Selten, schönster, klarer Druck, hol2frelea Papier, oder Ifelnricfi ©raetx GESCHICHTE DER JUDEN. Drei vornehme GeschcnkbMnde. 2200 Selten stark, oder Sven Jfedtivu PALÄSTINA. Ein hurn.Lexikonbaml m OOOueuen Bildern aus Erez Israel in meisterhafter Reproduktion. Text v. d. berühmten Forschungsrelsenden. Halbialiresabomtenten erhalten nach Wahl: ütteoMtlor IfeexI FEU.LLETÖNS. Zwei geschmackvolle Geschenk* hönde. 700 Seiten stark Jtd&l# (ßötkmn. DIE ZIONISTISCHE BEWEGUNG. Zwei Bände in einem hocheleganten Großoktavband. Gebd. ca. 400 Seiten Herntuxnn ahfruröt nDAS OSTJÜDISCHE ANTLITZ, 53 Melsterzelchnungen. ^Ifppuvim U DAS SCHÖNSTE JÜDISCHE SAGENBUCH. BUMi 400 Selten In modernem Leinenband, Auch für die Neuerwerbung von Abonnontcm haben wir BUcherprämlen ausgesetzt. Teilen Sie uns umgehend mit, wer von Ihnen geworben wurde. Die »Wiener Morgenzeitung« kann auch In jeder Trafik bezogen werden. uopjnans 07 u. fiper <e c0.. (19. Fortsetzung.) München, 1037, SHe (Beidtte eines Juden. °Oon £&®nid H&T&ssmmmn. tfCerausvcgoben von $ene Qulöp-tMlillei und S-riedrich. Eckstein. Bedenken die doch, ivie entsetzlich! Wcks hätten wir empfunden, wen-n so mit unserem Kinde verfahren ivordeu iväre! Das Mut stockt einem in den Adern , . . Die armselige Habe bottelarmer Proletarier wird vernichtet, und die Bchövde sieht untätig zn . . . Daöei ist die judemfeindliche Presse, mit der „Nowoje Wvemja" an der Spitze, nicht wen^g schuld daran, indem sie von Tag zu Tag gegen die Inden hetzt, diese als Parasiten hinstellt, alle Beschmntmigen der Menschenrechteihnen gogemiber gntheißt und stets neue uwd neue verlangt. Es ist begreiflich, das; die wilde Menge die Juden als „ansierhalb des Gesetzes stehend" betrachtet und ü'N'nimmt, sie dürften ungestraft geschlagen und beraubt werden. Am meisten schuld finb aber Die Juden selbst, weil sie das Töten und Plündern zulasse kr. Bedenken Sie doch, datz in Kischinew mehr als scchz'gtausend Juden leben, unter denen es unzweifelhaft gegen ztvanzigtausend gesunde Männer gibt. Handwecter, Handelsleute, Ladendiener und dergleichen. Sie alle stellen sich der Inätenden Menge von drei- bis vierhundert betrunkenen Schulden nicht entgegen! Hätten die KischinÄver Juden Schutztruppen aus ihrer Mitte organisiert, die Plünderer wären iu einer Sttmde zerschmettert gewesen! Welche niedrige Feigheit! Und so ist es immer bei allen Pogromen, wo die Anzahl der Juden jene drr Plünderer um das Hundert- und Tausendfache überragt. Wie kann man sich einen so panischen Schrecken erklären? Alle diese Gedanken bedrücken mich auf das schmerzlichste, bis zur Schlaiflosigkeit, und ich weiß nicht, wie mich von ihnen befreien. Wie schändlich, datz die ,,Nowoje Wremja" den Kischmewer Pogrom gänzlich verschweigt! Als wenn er gar nicht gewesen wäre! Ich wsih, lieber Wassili Wassiljewitsch, daß es Ihnen schmerzlich sein wird, Aehnliches über ein Organ zu lesen, das Ihnen die Möglichkeit gibt, zu leben und zu arbeiten; dieser Umstand ändert jedoch nichts an der traurigen Wahrheit. Finden Sie keine Gelegenheit, irgendwo (natürlich nicht in der ,,Nowoje Wremja") den Gedanken auszusprechen, die Juden 'ivürdon von den unverdienten Pogromen nitd Rußland von der verdienten S'chrnach und den traurigen Folgen in der Zukunft nur durch eine bolle, r^chllichs Gleichst.llnng mit der übrigen Bsvölkerung befreit werden? Es ist mir gesagt worden, daß die Kischin-ower Pllinderer auch Christen ausgeraubt; und Kirchen zerstört hätten. Die Tataren werden ja auch j nicht geschlagen, hauptsächlich deshalb, weil sie vollberechtigte Staatsbürger sind. Solange jedoch die Ju-den das verdammte „Ansiedlungsgebist" haben, solange sie in vielen Menschenrechten beschränkt sind, wird nicht bloß die wilde Menge sich für berechtigt halten, die Juden zu töten und zu plündern, sondern es lverden, zu unserer Schande^ auch viele der Intelligenz angehörende Leute, wie Pjat'kowffi, Komaroff, Ssuworin, Kruschewanoff und Konsorten, es für ihre Pflicht halten, gegen die Juden zu Hetzen und alles erdenkliche. Ungemach ans ihr^ ' .Häupter herabzubefchwören." Kowitcrs Hoffnungen, in diesen schweren Tagen Rosanosfö Stimme zu hören oder gar ihn zu einem Schutz der „unschuldigeur Opfer" zu begeistern, erwiesen sich jedoch als vergeblich. Die Taktik der Ssuworinschen Zeitung siel allzusehr mit den offiziellen Absichten zusammen, als das; sich jemand hätte auf die Seite der empörten öffentlichen Meinung stellen mögert. Rosanoff schwieg über die Kischimüvrr Ereignisse, geradeso wie alle übrigen Mitarbeiter des halb offiziösen Organs es taten. Bald jedoch erhielt er aus Lomscha einen zweiten nn iuilligen Brief, der unmittelbar gegen ihn gerichtet war und in welchem Kotvner Rosanoff seine tiefe Verachtung ftir die Redaktion der „Nowoje Wremja" aussprach, die nicht nur die wilöcrr Nnmenschlichkeiten der Kischinewer Mordbube;; verschwiegen habe, nicht nur kein Mitleid für die Familiert der am Leben bedrohten Märtyrer und für die geplütckerten Bettler erwecke, nicht nur keine Hand zu ihrer Hilfe ausstrecke, sondern wissentlich und boshaft die guten Gefühle vieler Russen ignoriere, die laut und offen die Plünderer brandmarkten. „Ich kann es nicht fassen, von wo so viel Bosheit und Gemeinheit, so viel Feindseligkeit uttb Niedrigkeit bet unzweifelhaft intelligenten Menschen herkommt, die keine Fanatiker sittd, die wiederholt Mitleid und Liebe für jeden Unglücklichen, sogar fitr ben offenkundigen Verbrecher predigen. Warunt bilden die armen, unglücklichen Juden für Sie eitle Ausnahme? Wo ist das Böse, das die Juden gebracht haben, das ein so uttmenschliches Verhaltelt gegen sie von der Seite der Jrltelligenzkreise nitb der „Nowoje Wremja" rechtfertigelt würde? Die entsetzlichen Sßtttmieu der Kischimwer Mörder föimcu durch die tiefe Unwissenheit der Menge, durch wüste Festtagsschwelgereien, durch Blutrausch und räuberische Jllstinkte dem framden Eigen tmn gegenüber erklärt werden. ^Schluß folgt.)

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