Mannheim
Compact Memory

Wiener Morgenzeitung · 1927-01-06 · Heft 2822 (6.1.1927) · p. Seite 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
9 (1927)
Issue
Heft 2822 (6.1.1927)
Date
1927-01-06
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
91% known words query
IRI
…/2979076-2981905-2981910--28669-3016726
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

6 entity mentions

Nr. 2822 Wien, Donnerstag Wie«« Msegerrz-ttung 6. Jänn«r 19Z7 Gehe 8 Tagesbericht. rraueriunviebung brr Wische» Stndentenschaft |Bt «chad Han«. Versammlung des Gesamtverbandes jüdischer Hochschüler Oesterreichs „Judaea". Am Sonntag, den 9. Jänner, findet um *40 Uhr . ^rlnittags im Frstsaal des Hotels Continental (2. Bezink, Taborstraße 2) eine dem Andenken Achad Haams gÄvidmete Kundgebung des GesamtverbandeS jüdischer HochschAer Oesterreichs ,^Judaea" statt. Die Gedenkreden halten Oberrabdiner Prof. Dr. Z. P. C h a j e s, Direktor Dr. Viktor Kellner und Docktor N. M. Gelber. Eine Kundgebung in Warschau. Warschau, 6. Jänner. Im Theater Novy fand vor« gestern abends ein großes zionistisches Meeting zur Begrüßung des hier eingetrosfenen Generals Wyndham Deedes, des gewesenen Cheffekretärs der Palästina- Regierung, statt. Zu Beginn des Meetings machte Abgeordneter Grünbaum Mitteilung von dem Ableben Achad Haams. Die ganze Zuhörerschaft erhob sich vor: den Plätzen und verharrte einige Minuten in Trauer. Die Lichter wurden aus-gelö'scht, bk blau-weißen Fahnen senkten sich. Grünbaum h'M sodann eine Gedenkrede auf Achad Haam. Neuwahl der BftepMdeutru der Wleuer Kultusgemeinde. Dr. Löwenherz und Dr. Orustoin wiedergewählt. — Der Wahlreformausschuß noch nicht beschlossen. Der für gestern angesetzten öffentlichen Beratung Mer den DringllichLeitsantrag S t r i ck e r auf Einsetzung eines Ausschusses für die Wahlrechtsreform der Wiener Kultusgemeinde ging eine vertrauliche Sitzung des. Kultusvorstandes voran, in der die statutenmäßig in jedem Jahre erfolgende Neuwahl der Vizepräsidenten, des Dertreterkolleg'lums und der Kommissionen vorgenommen wurde. Die bisherigen Vizepräsidenten Dr. Löwe n h e r z und Dr. O r n st e i n wurden wiedergewählt, ebenso evfuhr die Zusammensetzung des Vertreterkollogiums keine Aenderung. Die Wahlen in die Kommissionen ergaben keine wesentlichen Veränderungen. Obmann der Kultuskommission ist Herr Kauöers, der Unterrichtskommiffion Dr. Ticho, der Friedhofskommission Herr K a u d e r s, der Spitalskomm'ission Baurat K e m p l e r, der Kommission für die Versorgungsanstalten Herr D o h a n, der Fürsorgekommission Herr Engel, der F'manAkommission Re» gierungsrat O P P e n h e i nt, der technischen Kommission Baurat K a r p l u s, der Personavkommission Dr. Ticho. In der sodann aufgetwmmenen öffentlichen Sitzung hielt der Präsident Prof. Sick dem verstorbenen Achad Haam einen warmen Nachruf, der vom Plenum stehend angehört wurde. Sodann wurde der Dringlichkeitsantrag Stricker zur Verlesung gebracht, der die Einsetzung eines Wahlrcchtsreformau sschusses verkannt mrd zu diesem Zwecke die Anlegung eines Wahl Katasters anregt, wofür 5000 Schilling auszuwerfen seien. Als Redner der Mehrheit stellte Dr. Ticho einen Bertagungsantrag, mit der Begründung, daß der Antrag Stricker im Widerspruch zu dem seinerzeit abgeschlossenen W a h l p a k t stehe. Namens der Zionisten ertviferte ihm Dr. Friedmann, daß ein solcher Bertagungsantrag ein glatter Bruch der Statuten sei, da laut 8 18 ein Antrag als dringlich zu behandeln ist, wenn er, wie dies auch hier der Fall' sei, von Neun Mitgliedern unterzeichnet ist. Auch der Klub für soziale Tätigkeit protestierte durch Dr. Glanz gegen einen solchen Gewaltstreich Dr. Plaschkes warnte die Majorität vor einem solchen Bruch der Geschäftsordnung. Der Präsident verkündete sodann einen Präsidialbeschluß, wonach in Anbetracht der vorgerückten Stunde die Verhandlungen zu unterbrechen sind; sie werden in einer demnächst einzuberufenden Sitzung fortgesetzt werden. Der Voranschlag zur Einsicht«ahme aufgelegt Der Voranschlag der Einnahmen und Ausgaben der Kultusgemeinde, ihrer Fonfe und Anstalten liegt bis zum 17. Jänner zur Einsichtnahme für die Gemeindemitglieder . im Sekretariat (1. Bez., Seitenstettengasse 4, 3. Stock) auf. Luigi LnzzM schwer erkrankt. Bei einer Zugsentgleisung verletzt. Rom, 5. Jänner. (I. T. A.) Senator Luigi L u z z a t t i, der einstige itailienische Premier, im Volksmunde der ,/große Alte" genannt, ist auf der Reise von Rom nach Mailand bei einer Zugsentgleisung verletzt worden. In Anbetracht seines hohen Alters — Luzzatti steht jetzt im 86. Lebensjahre — gibt man sich bezüglich seines Zustandes ernsten Besorgnissen hin. Srivveepivemien in Smova. In verschiedenen Ländern Europas herrscht derzeit «in* gefährliche Grippeepidemie, die immer mehr um sich greift. Nach einer Meldung aus Madrid sind die Nachrichten Mer das Umsichgreifen der Grippe in Spanien außerordentlich beunruhigend. In Bnrcc. lona allein schätzt man die Zahl der Kranken auf 100.00» Jeden Tag wächst die Zahl der Todesfälle an. Auch in der West, und Mtüelfchwe-iz nehmen die GrippeevlraiMngen bedenklich zu. Trotz des de» hältnismäßig leichten Clharakters der Epidemie sind zahlreiche Todesfälle zu verzeichnen. Im Kanton Genf sind nmd 25.000 Personen erlranlkt. Im Kanton Baselland werden immer mehr Schulen gesperrt. Auch im Breisgau nimmt die Epidemie zu. Frankreich ist ebenfalls von der Grippewelle überflutet worden. In Montpellier sind innerhalb drei Tagen 103 Person e n gest o rkbe n. In Paris ist die Zahl der an Gripp' Erkrankten zuvückgegangen. Nun hat die Grippeepidemie auw London erreicht und die Aerzte, die noch vor drei Tagen wenig zu tun hatten, arbeiten jetzt Tag und Nacht. Die Epidemie hat bis jetzt eine milde Form und äußert sich in Kopfweh, Stechen im Rücken und Benommenheit. Ganze Haushaltung e ir sind von der KranHeit ergriffen, so daß sich auf den Ruf der Türglocke niemand meidet; die Aerzte haben Tüvschliallen und Nachschlüssel bei sich, um in die Häuser Einlaß zu finden. Der Breslauer „rotenkopf". Antisemitische Ausschreitungen. Breslau, 5. Jänner. Nach einem Bierabend des völkischen Bundes „Totenkopf" begingen in der vergangenen Nacht etwa 12 Anhänger des Bundes in der Kaiser- Wilhelm-Straße sch Oe re Ausschreitungen gegen Straßenpassanten. Jüdisch aussehende Personen wurden angepöbelt und mißhandelt. Auch ein Raubversuch wurde unternommen und einige Schüsse fielen. Zu den Ueberfallenen gehören ein Rechtsanwalt, ein Referendar und mehrere Kaufleute. Als die Polizei herbejeilte, flüchteten die völkischen Helden. Drei von ihnen konnten sestgenoinmen werden. jn£einjüdischetHaut ohne Standardwerke der Jüdischen Geschichte! Beachten Sie unsere Gratiaprämienaktion für unsere Abonnenten Katastrophale Schueestllrme in Rußland. Furchtbare Berwüstimgeu. Berlin, 5. Jänner. DaS „8-Uhr-Blatt" meldet aus Moskau, daß ungeheure Schneestürme im Kaukasus und im Gebiet des Schwarzen Meeres furchtbare Verwüstungen angerichtet haben. In Baku und Tiflis wurden bisher vier Tote und 60 Verwundete gezählt. Mehr als 20 P e r s o n e n werden noch vermißt. Im Petroleumgebiet von Baku sind 140 Bohrtürme umgestürzt worden. Frecher Diebstahl in einem Londoner Waren» Han». Aus London wird uns gemeldet: Ein . unerhört kühner Diebstahl ist nachts in einem der großen Kaufhäuser des Londoner Westens ausgesührt worden, wobei den Dieben Waren im Werte von über einer Million Mark in die Hände sielen, ohne daß sie die geringste Spur hinterließen, die ihre Verfolgung erleichtern könnte.. Man nimmt an, daß sich die Räuber am Abend in der Möbelabteilung des Warenhauses versteckten und nach Feierabend eingeschlosten, wurden. Sofort nach dem Weggang der letzten Angestellten singen sie an, zusammenzuraffen, was ihnen wertvoll erschien. Es ist jedoch unerklärlich, wie sie die Wachsamkeit Traum. Von Franz Blei.* *) Das Träumen beginnt mit jedem Schlafen und endet mit ihm: es gibt ein Traumleben, das die Hälfte des menschlichen Lebens einnimmt, — was wir Träume nennen, sind erzählbare -Erinnerungsbilder einzelner Stücke aus dem Traumleben. .Die Ursachen, daß fliese Stücke, sich isolierend, hasten bleiben, Inseln gleich aus dem Meere auftauchen, eine kurze oder längere Weile dauern —, die Ursache hiervon wissen wir nicht. Denn nicht immer ist es die besondere Lebhaftigkeit oder Deutlichkeit eines Traumstückes, die uns es im Wachen erinnern lassen, denn wir erinnern« Uns auch an Traumstücke, die wenig oder gar nicht mit einem Sinn! ly.ber Affekt beladen und die nichts als trivial sind. Zum Mystischen Geneigte könnten sagen, daß init uns nur jene Traumstücke „merken", die für unser Wachleben bedeutungsvoll sind. Daher tvohl auch entstand das Deuten des Traumes: wir deuten seine Beziehung auf unser waches Leben. Wenn wir einschlafen, beginnt das Träumen. Es beginnt schon kurz vor dem Einschlafen: unsere wachen Denkgewohnheiten lockern sich, die eingeübten Formen der Ursache- und Wirkungverknüpfung lösen sich, die Vorstellungen von Raum und Zeit ändern sich ins Magische. In der Schlaftrunkenheit, die dem Einschlafen vorausgeht und dem Erwachen meist folgt, gibt es eine Traumtrunkenheit, Vorspiel und Nachspiel sties zweiten Lebens, des Traumlebens. ' Die wache Welt haben wir gemeinsam, die Welt des Traumes hat jeder für sich. Ich glaube, so was steht bei Aristoteles. Wer im wachen Leben seine eigene Welt hat, den nennt malt oft einen Träumer. Im Traurnleben wehrt uttb rächt sich das von der Gemeinschaft bedrohte, bedrängte, eingeengte, erzogene, erzwungene, gebildete Leben des einzelnen an der Gemeinschaft Ehe, Familie, Staat. Daher der oft auffällige kriminelle Charakter von Träumelt: der Traum ist Protest gegen eine dem Individuum lästige Bindung durch die Gemeinschaft. Der Träumende offenbart sich selber. *?Aus Blei's soeben im Verlag Gebrüder Paetel, Berlin- Leipzig erschienene» amüsanten Büchlein „Leven und Traum der Frauen". Es gibt immer wiederrehrende Träume: es drückt sich in dieser Repetition der die träumende Person wesentlich konstituierende Charakter aus. Es gibt Träume, die man erzählt bekommt und wobei man denkt: das könnte mir nie träumen. Die tviederkehrenfen Träume haben eine eminent chavakterologische Bedeutung. * Unsere Darstellungsfühigkeit im Traum ubertrifst die unserer Einbildungskraft himmelweit, sagt Schopenhau.r. Er bringt hier Beziehungsloses in eine Beziehung. Das Träumen hat gar nichts mit unserer Einbildungskraft zu tun, und diese gar nichts nrit dem Träumelt. Was schlechte Poeten ihr waches Träumen nennen, ist nur ihr sehr ungenaues Denken. Was uns in der wachen Phantasie „einfällt", ist immer vorläufig abschließendes Ende eines sehr fetermmierten Dsnkprozesfes, nur legen wir keinen Wert darauf, uns diesen Prozeß deutlich zu erhalten. Auch das Phantastische hat seine Vorbereitung in Denkbarkeiten. Gar nicht so das Phantastische des Traumes, der nichts als Witte, Affekt, Leidenschaft, Wunsch ist. Alles im Traum „Gedachte" ist seltsam bar des Sinnes, gemessen an dem.Sinnvollen des wachen Denkverhaltens. * Der schwärmerische Novalis meint, der Traum sei ei,« freie Erholung der gebuirdenen Phantasie, wo sie alle Bilder des Lebens durcheinandertmrst und die beständige Ernsthaftigkeit des erwachsenen Menschen durch fröhliches. Kinferfpiel, aus der immer etwas defekten sittlichen Grundhaltung der Dichter erklärlich. Der Traum ist wohl die Erholungspause auf dem Schulhof, aber wie furchtbar sind die da gespielten Spiele! Wir können nichts für das, was lvir träumen: das hat Oedipus getröstet. ES könnte wohl alle Menschen trösteir, denn eS träumen doch fast alle Menschen Schreckliches, Erschreckendes. Nämlich sich selber, wie sie sind. Wia sie nicht vor der: Menschen, aber vor Gott sind. Am jüngsten Tage wird Gott den Menschen richten, indem er dessen Traumbuch liest. Ich könnte mir einen frommen Schriftsteller denken, der schreibt: Gott schickt die Trämne, um fett Hochmut des Menschen zu beugen. ° Die zehn Gebote wären nie gegeben, worfelt als überflüssige mahnte die Menschen nicht der Traum, daß sie int Innersten ihres Wesens immer und g:rade das nur? zu tu" Wittens sind, was diese Gebote verbieten. * Durch die Ueberlastung des heutigen hypokriteu Menschen mit sexueller Problematik kommen die medizinischen Traumdeuter dazu, den Wald vor Bäumen nicht mehr zu sehen. Respektvoll verbeugen sie sich vor dem sexuellen Appetit des Menschen als einem Grundelemmt und notieren und deuten alle kleinen Geschlechtsnöte, Sexualsorgen und -mühen, Aberrationen und sonstigen Schmutzigkeiten, deuten auf sie aus allem, was ein heutiger Mensch redet, denkt, tut und träumt. Wemt es wirllich sich so verhielte, wie diese modernen medizinischen Trauntdeuter sagen, daß der übrige Mensch nur ein fast gleichgültiger und außerdem iroch sexuell verseuchter Anhang zu seinem Unterleib wäre, dann stünde der Aufwand, sich um solchen Menschen medizinisch-wisserHchaftlich zu kümmern, in einem sehr lächerlichen Verhältnis züm Anlaß. Aber der heutige großstädtische, nervös ruinierte, ständig gereizte, über- oder unterernährte, gegen jede» Sinn lebende Mensch gilt diesen Traumdeutern als der Mensch schlechthin, nicht rmr der heutigen, sondern jeder Zeit. Exakt, wie diese Wissenschaft ist, stützt sie ihre Theorien auf ihr Material, aber dieses Material taugt nicht, um daraus Gesetzmäßigkeiten wissenschaftlicher Art zu getvinnen, nicht einmal gültig für 'diese Zeit, geschweige für jede. Das Buch eines solchen Gelehrten müßte richtig heißen: Die Sprache des Traumes in der Wiener Praterstraße. Dentt schon in der Neubaugasse wir" eine andere gesprochen. Vielleicht kommt im Traumleben die Tiervergangenheit des Menschen zum Vorschein, hat da ihr seltsam verstelltes Weiterleben. Das im sozialen Sinne Sünd- - haste, Böse, Verbrecherische der Träume bringt auf di«-' fen Gedanken. Jean Paul sagt: Fürchterlich tief leuchtet der Traum in dem uns gebauten Epikurs- und Augiasstall hinein, und nur sehen in der Nacht alle die toilde" Grabtiere und Äbendwölfe ledig hernmstreifen, die <it>< Tage die Vernunft an der Kette hielt

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.