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Wiener Morgenzeitung · 1927-01-06 · Heft 2822 (6.1.1927) · p. Seite 2

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
9 (1927)
Issue
Heft 2822 (6.1.1927)
Date
1927-01-06
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Sei fo 2 Wiener Morgeuzeitrmg 6. .Immer 1927 Was Hst Sie Sfteneichifche Zozia!- SemoMtis gegen Ae RenMaskebeioegkW des jüdisches Voltes? Bon I. Hellenberg. i. GoziaLifte« in der zionistischen Bewegung. Nimmt inan eine soziaiistische Zeitschrift des Auslandes zur .Hand, eine wissenschaftliche Revue, ein Monatsheft, so steigen einem Neidgedanken auf. Welch ein Unterschied zwischen der vorurteilsfreien, verstandnisvollTn Hckltung der ausländischen sozialistischer! Parteien nn serem Volke gegenüber und der beharrlichen Ablehnung, ja kalten Verhöhnung alles dessen, was das jüdische Herz bewegt, bei unserer vaterländischen sozialdemokratischen Bartel. Man vergleich nur die Berliner „Sozialistischen Monatshefte" mit dem wissenschaftlichen Organ der österreichischen Sozialdemokratie „Ter Kampf". Man lese die Referate Paul Kampfsmeyers über die Eerverkschastsberoe gnng: Welche ernste Behandlung der jüdischen Arbeiterbewegung in Palästina, ihrer politischen und wirtschaftlichen Tragiocitc. Man lese gar den Artikel Hermann Kranolds in der jüngsten Nunnner der genannten >Blouatsheftc über den Keren Kajemeth. Wie turmhoch über dem engen Provinzialismus irr der Auffassung, denr kleinlichen Totschlmigen in der Taktik der Wiener Partei i.'rgane. Nun ist es ja beraum, daß bedeuteude Persönlich feiten der Sozialistischen Internationale, Männer wie Eduard Bernstein, Leon Blum und viele, viele andere — dort den englischen Sozialisten gar nicht zu reden — sehr im Gegensatz zur offiziellen Vertretung der österrcichischen Sozialdemokratie, der jüdischen Aufbaubetvcgung nicht nur nicht feindlich gegenüberstehen, sondern, so oft sie dazu Gelegenheit haben, mit dem ganzen G>s -richte ihrer geistigen Persönlichkeit und Autorität für sie eintteten, sie zu fördern sich bemühen. Was aber weniger bekannt, in der breiten Oeffentlichkeit unserer arbeitenden Bevölkerung fast unbekannt sein dürste, ist, daß in der zionistischen Bewegung schlechtiveg Sozialisten in ganz erheblicher Zahl tätig sind. Wir denken da nicht in erster Linie an die formell cingeschricdenen Parteimitglieder, wie die Poalc Zion, sondern an jene Männer und Frauen in der jüdischen Renaissancebewegung, die nach ihrer sozialen Gesinnung und ihren: persönlichen Format einer, jeden Funktion innerhalb der sozialdemokratischen Organisation entsprechen, ja ihr zur Ehre gereichen tvürden. Denken wir dabei an einzelne, von Inden stärker bewohnte Bezirke Wiens,' „so können, wir uns den oder jenen Zionisten,- beispielsweifL'inder Leopoldstadt, ohne weiteres an Stelle des heutigen'sozial demokratischen Bezirksvorstehers vorstellen, ohne - daß sich die sozialpolitische Richtung der Bezirksvorstehung im allgemeinenirgendwie ändern müßte. Höchstens, daß der zum jüdischen Volke positiv eingestellte Vorsteher auch Angelegenheiten eines jüdischen Menschen ohne Acngstlichkeit, freimütiger gegenüberstehen würde, ohne Furcht, daß man ih>n sein Judentum zum „Vorwurf" machen fönuic. Wenn rvir etwa an dm neunten Wiener Bezirk denken, so können wir uns dm oder jmen Zionisten ohne weiteres an Stelle eines heutigen sozialdemokratischen Gemeinderates vorstellen, mit dein einzigen Unterschied, daß der Zionist keine Angst davor hätte, man könnte ihm feine Abstammung zu sehr anschen. Än sozialer Gesinnung würde er uiemaudem nachstehen. Wie könnte es denn auch anders sein! Ist doch die jüdische Renaissance selbst eine eminent sos o z iä l e Be w e g u n g. Sie ist das Berantwortungsbcwnßtsein des Einzelnen für das Schicksal des Gesamtvolkes und die Heranziehung der Gesamtheit zur Produktivirrung der Einzelnen. Abgesehen von den direkt sozialistischen Lebensformen, die unsere Arbeiterschaft in Palästina notgedrungen schafft. Abgesehm von der ausgesprochenen Planwirtschaft, der produktiven Sozialpolitik, die das Äesamtvolk, soweit es sich in der Exekutive eine bewußte Vertretung gegeben hat, in Palästina notgedrungen betreibt. Abgesehen von der Produktivierung des Bodens und der Arbeitsbeschaffung für Menschen. Abgesehen von der Wiederaufrichtung und Verjüngung einer vom Untergang bedrohten hohen geistigen Kultur. Aber auch die Zerstreuten in der ganzen Dielt, die Organisationen!vic die Einzelnen, die ihr Arbeit der Wiederaufrichtung des jüdischen Volkes gewidmet haben, durchloeht sozialistischer Geist. Würden doch die meisten Männer und Frauen, die jahraus, jahrein als Minoritätenverircter int Kampfe stehen, ohne Aussicht, je zur Macht zu gelangen, in jeder anderen Organisation mindestens ebenso gute Figur machen — rv-enn, ja wenn sie nicht von jenem hohen Ethos erfüllt wärm, das sie dein jüdische Volke innerlichst verbündete enacht. Wir sagen das nicht, um einen sozialistischen „Hech scher", einen Zulässigkeitsschein für die jüdische Aufbaubewegung zu erbringen. Sie bedarf dieser Bescheinigung nicht. Sie ist mindestens ebenso berechtigt, wie es die Einheitsbestrebungen des deutschen und jedes anderen Volkes waren. Und wenn sie direkt wenig mit Sozialismus zu tun hätte, wie etwa die österreichisch-deutsche Anschlußfrage, über die ja auch in sozialdemokratischen Parteikreisen nicht alle eines Sinnes sind, so würde es ebensowmig an jenen „Hechschxr" liegen, ihr erst die ideelle Weihe zu geben. In jedem anderen Lande ist denn auch das Berhhlbnis zwischen den Männern, die der jüdischen Renaissance, und denjenigen, die vornehmlich dem Sozialismus ans internationalem Terrain dienen, ein menschlich herzliches. , msmm uni, mm Kerrlkhe Crhoiungsreisen i Mittclrucers mit dom Doppolsi'hr.nnbendarcpfep STELLA DMTALIA Fahrplan dor nächsten Rolsen vom 1. bis 21. Februar 1927 nach ,om 34. Fobr.bia IV. Mürz naoh Aegypton n. Griechenland, •cm 16. bl» 88 März Frilhllngsffthrt nach Sizilien, om 3. bi« 25. April Osvcrn ln Spanlo.i, am -.9. April bis 13. Mni zti den klassischen Spielen in Syrakus. Unter Aulaulen nahlrolohor Zwischenhäfen Koetonlose Auskünfte, Prospekte and PlatabcBtcUangcn (OIULKH LINE Wion, I, Parkring Ly: Tel. 74-1-40 ohd Rclsebaroaus. "Wnu sucht einander zu verstehen und hegt Achtung vor- .einander, damit man sich gegenseitig verstehen kann. In keinem anderen Lande der Welt wäre ein Vorsitzender der sozialdemokratischen Partei denkbar, der es als Bürgermeister der Hauptstadt am Platze findet, den einfachen, allgemein üblichen Höflichkeitsakt der Gastfreundschaft gerade den völkerrechtlich anerkannten Vertretern der jüdischen Renaissancebewegung zu verweigern, ihre Einladung zur Teilnahme an der Eröffnungssitzung des in der Stadt tagenden Zionistenkongresscs znrückzuweiseii. eine Begründung zu geben, es handle sich um eine religiöse Bereinigung - eine Unterstellung, die schon seine hohe Bildung ihm hatte verbieten müssen — um dann hinzugchen und an einer Denkmalenthüllung für einen der größten antisemitisch klerikalen Demagogen, bei einer Demonstration, die alles, >vas schwarz in Oesterreich ist, auf die Beine gebracht hat, hochosfiziell teilzunehmen und als Redner aufzntrete». In unserer offiziellen österreichischen Sozialdemokratie, mit ihrer ängstlichen Scheu vor allem Jüdischen, im Zusammeichang mit einem Heiden respelt vor allem Antisemitischen, konnten uns solche „Er lebnisse" leider nicht erspart bleiben. Vielleicht ist in dieser „Stadt Luegers" für eine Bottspartei, die schließlich Wahlcrfolge erzielen will, ein solches Vorgehen noch irgendwie als politischer Opportunist mus auzusehen. Wir wollen uns nicht zum Richter aus werfen. Unserer bescheidenen Meinung nach scheint aller dings ein Opportunismus dieser Art des guten zu vie.< zu enthalten. Uns erinnert diese bedenkenlose Jagd nach dem Wähler, dem man alles, auch seine politische Ge. sinmrng, zum Opferb ringt, zu sehr an die abschüssige Bahn, die das ursprüngliche Christentum gegangen ist, indem es äußerlich die ganze heidnische Welt erobert hat, inner lich aber von ihr auf allen Linien geschlagen und besiegt wurde. Mer wir haben nicht den Ehrgeiz, Mg. weiser oder Führer der nichtjüdischen Volksmassen Wiens zu werden. Für die jüdische arbeitende Bevölkerung dieser Stadt liegt die Sache anders. CS ist klar, daß sie sich eine eigene, ihrer Mentalität entsprechende politische,. Vertretung schaffen muß. Weizmaims Antwort a« Pritchett. Stiften nnft Araber. Wir haben am 0. Dezember berichtet, daß der KommMr der Carnegie-Stiftung für internationalen Frieden, Dr. Henry Pritchstt, in feinem Jahresberichte das zionistische Werk feindselig kritisiert und als friedcnsgefährlich bezeichnet hcch. Diese Stellungnahme wurde in der amerikanischen Oesfentlichkeit und Presse viel erörtert. Präsident W e i z m a n n nahm deshalb Anlaß, die Angriffe Pritchetts in einer öffentlichen Rede in der Carnegie-Hall in New Uork zurückzuweisen. Wir lassen diese Rede nach dem „Jewifh Chronlclc" folgen: Diese NeuerstandeNen Freunde der Araber, welche in erstaunlicher Weise auf ganz unerwarteten Plätzen auftauchen,--vergessen, daß man dem arabischen Volk die sorgfältigste Ausinsrksamkeit enlgegenbringt. > Dvei arabische Staaten sirrd bereits anerkannt: der Hedjas, Transjordanien und Mesopotamien. Palästina stellt kaum ein.Zwanzigstel der als arabisch anerkannten Fläche dar. Und sogar in P alästina, dem Lande, das durch das Volk, das die Bibel hervorgebtacht hat, für ewige Zeiten jüdisch güvorden ist, finden die Araber die liebevollste Beachtung ihrer Rechte und sogar ihrer Empfindlichkeiten. Es . ist bemerkenAvert, daß, während diese Kritiker ihr Augenmerk auf Palästina konzentrieren und die. zionistischen Bestrebungen als die gefährlichste Erscheinung des nahen Ostens darstellen, dieses Land vielleicht das einzige friedliche und fortschreitende Fleckchen jener ganzen Gegend ist. In Syrien, in Aegypten gibt es keinen Zionismus — diese Länder starren seit vier oder fünf Jahren von Bajonetten. Palästina aber ist während desselben Zeitraums vollkommen ruhig geblieben und. die dortige britische Garnison ist allmählich verringert worden, so daß heute die dort nufrechterhaltene Besatzung aus nur 250 englischen Soldaten und einem Gendarmeriekorps besteht, das sich ganz aus der lokalen Bevölkerung rekrutiert. In der „wohlwollenden Feindlichkeit" Dr. Pritchetts sind die Symptome einer allgemeinen Furcht zu erblicken, daß die jüdische Arbeit in Palästina den ganzen nahen Osten aus dem Zustande der Unmündigkeit heraushebeN könnte, welche eine Anzahl von Mächten, einige * *tt Moskau, andere in Rom und noch andere in Nenchork. zu erhalten besorgt sind. Es gibt Einzelpersonen und wegungen, welche wohlüberlegt mit den p r i m i t i v e n Bejvegungen, welche wohlüberlegt mit den primitiven im nahen Osten spielen, um ihre eigenen Pläne besser fürberit zu können. Der Bau einer jüdischen Heimstätte in Palästina ist durchaus nicht jene obskure, intrigante An^- gelegenheit, Ivie sie von manchen Leuten hingestellt wird. Die Erlaubnis, dem heimatlosen und verfolgten jüdischen Volk Gelegenheit zum Aufbau einer Heimstätte zu geben, wurde n i ch t h e i ml i ch erreicht. Sie wurde von allen Unterzeichnern des Völkerbundpaktes gebilligt. Sie wurde besonders von den Vereinigten Staaten Amerikas gebilligt. Sie besitzt heute internationale RechtSgült'gkkit. und die Klauseln für das Abkommen, die nach langen Beratungen zustandekamen, sind genau so sorgsam für die Araber wie für die Juden erwogen. D i e z w e i t e H ü l f t e der Balsour-Deklarativn, die von der britischen Regierung in vollkommenem Einverständnis mit den alliierten und assoziierten Mächten erlassen wurde und die den Juden das Recht zubllligt, in Palästina ein Nationalheim zu errichten, garantiert auch dem arabischen Volk feine, vollen bürgerlichen, politischen und religiösen Rechte. Wo waren diese Freunde des Friedens und der Gerechtigkeit während der letzten zwölf Jahre, als Tausenke von Juden in dr« antisemitischen Z.:ntr>n Europas abgeschlachtet wurden, und alö 12 Millionen Juden zwischen Wolga und Rhein von geistiger und wirtschaftlicher Ausrottung bedroht waren? Warum hat die erste Notiz, die sie von der weltumfassenden Frage nahmen, die Form eines Angr'sfö aus das wichtigste aufbauende Werk, das die Juden in den letzten 2000 Jahren nnternsM-Mn haben? Die Juden wandern offen nach Palästina ein odet wieder ein, ohne Furcht und ohne Anmaßung. Da ■ uns endlich, die Gelegenheit gegeben wurde, d i e. .I u d e Ni f r a g c durch j üb is ch e Ar beit u N d jllidisch^ Selbstaufopferung zu lösen, haben wir uns zu Anstrengungen aufgerasft, . die die Achtung und das Lob der höchst anspruchsvollen unpolitischen Sachverständigen erregt haben. Wir kommen nach Palästina nicht als erobernde Kolonisatoren, nicht als Missionäre und Proselytenmacher. Wir haben es nicht nölig, unsere Ansichten irgend jemand aufzuzwingen. Wir haben ein festes Arbeitsprogramm. In sieben Jahren haben lvir hunderttausend Juden ins Land gebracht. Wir haben 60 neue landwirtschaftliche Siedlungen gegründet, lvir haben neue Städte erbaut, haben Aussichten für neue Industrien eröffnet und Methoden des fortschrittlichen Westens in ein Land gebracht, das in Uuwissenhelt und Vernachlässigung schmachtete. Je erfolgreicher wir waren, desto freundlicher gestalteten ^ich unsere Beziehungen zu den Arabern.- Vor sechs Jahren, als unsere Arbeit noch unerprobt und unsere Motive und Methoden noch unbekannt waren, erreichten die arabischen Befürchtungen ihren höchsten Grad.- Diese Befürchtungen lmirden von Politikern ausgenup" die insist keine Palästinenser waren, die weder die Interessen der Inden noch der Araber im Herzen trugen. Seitdem ist nicht ein einziger Fall v o n U n r u h e n vorgekommen. Heute hält es England, eines der vorsichtigsten Länder, nicht mehr für nötig, eine britische Streitmacht in Palästina zu erhalten, obzwar die,Araber die Juden an Zahl um das Fünffache übersteigen. Seit Jahrhunderten haben Araber und Juden es verstanden, zusammenzuarbeiten; sie werben .es auch in Zukunft tun. Die gegenwärtige Ruhe im Lande ist keine zufällige. Sie ist das Ergebnis jener sorgfältigen Aufmerksamkeit, die die Regierung und die Zionistische Organisation den Rechten der Araber zügewandt haben. Die Kritiker der zionistischen Beweguug werden ersucht, aus den Protokollen des Oberkommissärs für Palästina oder aus denen der Mandatskommission ein einziges Beispiel von Unterdrückung oder von Ungerechtigkeit nankhast zu machen! Nicht ein einziger Araber mußte der jüdischen Einwanderung wegen das Land verlassen. Mit modernen und rationellen lattd" wirtschaftlichen Methoden ist in Palästina Matz für Vas- Drei- bis Vielfache feiner jetzige« Bevölkerung. Die Juden haben den Besitzern jeden Zoll Boden bezahlt,, den sie bebauen. Die jüdischen Unternehniungen haben den Arabern direkte Vorteile hinsichtlich des Einkommens und indirekte hinsichtlich der Belehrung gebracht. Und all diese Tatsachen führen'zu einer wachsenden Zusammenarbeit zwischen beiden Völkern. Es ist aber absolut wichtig, daß „Freunde" dieser Art die Hände aus dem Spiel lassen. Palästina braucht keine Politiker von außerhalb, sondern Sympathie. Kapital und praktische Mitarbeit.

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