Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 9 (1927)
- Issue
- Heft 2821 (5.1.1927)
- Date
- 1927-01-05
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
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Men, Mittwoch Wiener Morgenzettnng 5. Jänner 1887 Gelte S VopFriKl»» by B. Piper & Co., (12. f*0ft$ettttflg.) München. 1027. SHe föeicfite eines Juden ‘Von JCeontd Stoaamann. SKcrausgegeben von SRene tfülöp-ZMillei und 8tiedrich Eckstein. des BersorglmgshauseS herabzestürzr und b.ieb auf der Stelle *ot. Sic fxittc schon seit längerer Zeit SelbftmsrdM'ichten tTirr’- unheilbaren Tuberkulose peiink-cr- Men, 5. Jänner 1927. Die Xrötttmel ruft z«m Gtveitc. Im Zuge der vom HrereSinmister Vaugoi n unausgesetzt betriebenen Mtion zur Hebung der SchürgfähWeil der Mhrmacht erhalten jetzt die FußtrupPen, die sich Äther ans Märschen mit Hornisten begnügen mußten, nunmehr auch wieder Tamboure. Die Einführung der Trommel wird nicht mit einem Schlage, sondern nach Maßgabe der vorhandenen Mittel nach und nach geschehen. Es werden alfo auch in diesem Falle, so wie beim österreichischen Heere überhaupt die modernen Kampfmittel (zcm Beispi"l Tanks und Mswehrge« schütze durch kaschierte Mistwagen markiert werden, auch die Trommeln bei manchen Unterabteilungen noch eine Zeit lang supponiert werden müssen. Aber tie Hauptsache ist die Gewißheit, daß in a'bschbarer Zeit doch wieder die Schlägel auf dem Kalbsfell rasseln werten, denn ohne das Tschindarassäbum würde der ganzen Cthos-e der richtige Schmiß fehlen. Heeresminister Vaugoin hat mit KenneMick heraus- Pfunden, was der österreichische Steuerzahler bisher an der Wehrmacht vermißte. Es war die Trommel und nur die Trommel! Dazu Ist diese Wiedereinführung im Verhältnisse zu den respektablen Kosten vc§ Bundesheeres so billig, daß man cZ wirklich nicht begreifen kann, warum man den Steuerzahlern solange die wirklich aufrichtige Freude, die Wehrmännec im gleichen Schritt unter Tronmneffchall marschieren zu scheu, vorenihalteN hat.!K Programme. DaS christlichfoziäle Parteigrogramm, das letzthin veröffentlicht wurde, verlangt den Kampf gegen „die Uebermacht des zersetzenden jüdischen Einflusses auf geistigem und ioir t fd) a ft Cid) e nt Gebiet". Wir haben dieses Kare und unmißverständliche Bekenntnis zum Pogrom feftgenage.t. Es ist der A n s ch l u ß a n d a s Hakenkreuz, was wohl auch noch durch die Eingangsworte „als national gesinnte Partei" noch schärfer akzentuiert wird. Der „Reichspost" ist die Kritik, die, wir am Samstag geübt haben, nkcht genehm und sie beeilt sich, d'ic Eindeutige Erklärung zu kommentieren. Es handle sich doch nur darum, den jüdischen Einfluß zu bekämpfen, insoweit er zersetzend ist. Diese-freundliche Einschränkung, die zum Zweck des Wähler fang es vorgenommen wird, ist, um sich des sonst üblichen Kunschak-Jargons zu bedienen, ein Dreh, auf den niemand hereinfallen wird. Aber diese deutschmtlonatc Gesinnung findet nicht den Beifall der dentschösterrcichischen Sozialdemokratie. Das Zentra'vrgan hat noch nicht die Gelegenheit gesunden, seine Lüge über die Verb i ndn'ng von Zionisten mit dem Grazer W u t t e - B l a t t und von den christlichsozialen KncknckSeiern in der „Wiener Morgeuzeitung" zu beweisen. ES hat Wichtigeres zu tun und so wirst es sich wieder zum Wächter über den Antisemitisuttls der Christlichsozialen aus. Das ist ein hohes Amt, das die Mobilisierung aller moralischen Energien verlangt. So hat denn die „Arbeiter-Zeitung" entdeckt, daß es neuen einem zersetzenden noch ein aufbauendes Judentum gibt, das sie für sich zu reklamieren scheint. Sie akzeptiert den Dreh der „Reichspost" und tut so, als sei er aufrichtig genieint. So gelangt sie dazu, den Christlichsozialen „ein bißchen Antisemitismus" tadelnd vorzuhalten und es trifft sich gerade gut, daß sie noch in dein „Grazer Bolksblatt" ein Glücktvunsc.jchreiben der Grazer Hakoah findet, das weiter nichts besagt (obwohl es besser unterblieben wäre), als daß das Grazer Blatt Verständnis für den. Sport bekunden möge. Dieser Brief wird dazu benützt, den Gemeinderat Plaschkes, aus den der Hauptschriftseiter so böse ist, mit der Sache in Verbindung zu bringen. Was er mit dem Grazer Brief zu tun hat, das kann nur dar anftlären, der im Zentralorgan feine eklige Mauschelei dazu schreibt. Aber der Zweck heiligt auch den Nnsinn und erhebt rhu zum Programm... Das Wetter. Die Vorhersage lautet: Toüd, Regen in Schnee üiborijdjcni), allmähliche Tomperatura-bnahmc, stürmische uordwcist- Uche Winde. Rätselhaftes Verschwinde». Seit dem Silvester tag ist aus ihrer Wohnung die in einer Glühlampenfalbrik beschäftigte Wjährige Ella K r ep o t i n verschwunden. Sie war in der letzten Zeit schwermütig, weil sie befürchtete, daß sie von ihrem Posten, den sie seit sechs Jahren iunohat, abgebaut werde. Verwez.nrr Diebstahl in einer Trafik am Alsergrund. Gestern mittags gegen 1 Uhr erschienen in der 'Trafik Währing-erstratze 76, in -t«r sich die Verkäuferin Julie Lachinger befand, zwei Männer, von denen einer eine Zigarettenkassette, die in der Auslage ausgestellt war, zur Ansicht verlangte. Während die Trafilkanttn -io Auslage öffnete, wohin ihr der eine Mann gefolgt war, beugte sich der zweite Mann über das Verkauftpnlt iu,ii> griff in die Geldlade, der ec 100 Schilling entnahm. Die Trafikantin schloß sofort die Auslage, faßte den Täter an der Hand und hielt chn einige Minuten fest. Plötzlich riß sich jedoch der Dieb loL. lief davon und wuvbe auf die lauten Hilferufe der Trafikantin auch von Passanten verfolgt, es solang ihm jedoch zu flüchten. Der zweite Mann wurde festgenommen. Er .ist der bereits siebenmal wegen.Dietbstahlö vorbestrafte 26jährige Hilfsarbeiter Leopold Ka p ke. Er behauptete, mit dem Dieb nicht in Verbindung pU stehen und ihn wcht zu kennen. Kapke war ohne sich zu rühren in der Trafik stehen geblieben. Der Erfinder des Nohimbin gestorben. Im Alter von 62 Jahren ist in Berlin der Chemiker Professor Leopold Spiegel, dessen Forischungen über die Maloide.-er Uohinberinde, die fabriksmäßige Herstellung des als Nervenstärkungsmittel bekannten Präparates dos V o h i m bin ermöglichten, g e st o r b e n. Bvkessp neuerlich operiert. Wie die „Korr Herzog" aus Paris meldet, hat sich der ehe-malige Eigentümer des Kronos-Verlages, Emmerich Bekessy, der sich vor neun Wochen einer Nierenoperation unterzog..infolge akuter Erkrankung einer Blinddarmoperation unterziehen müssen. Wie man weiters hört, hat Bekessy seine Wiener Wohnung und sein Haus um 1.6 .Milliarden verkauft. Die SchöffengerichtsverhaMung gegen den Chef^dnüiustrator Bekcsfvs. Forda. W mit einem andere:: Angestellten des Verlages namens O'Brien der Erpressung angeklag: ist, sinket am 10. d. M. vor einem Schöffenfennt des Wiener Landesgerichtes statt. UeborsirdluttgSanseige. Die Kanzlei der Rechtsanwälte Dr. Hermann Ebner und Dr. Ernst Schubert befindet sich nunmehr in Wien, 1. Dez., Dötvelstraße '16. Telephon Wr. <58194 und 61004. Der journalistischerr Tvibüne blieb er wegen.der seinerzeit erfolgten Alb urteil u ug beraubt: deshalb äußerte er sich über Themen, die ihn bewegten, in seinen Briefen an Schriftsteller und Journalisten. So richtete er mehrfach Briefe an S t o l y p i n, den Mitarbeiter der reaktionären „Nowoje Wrenrja" und machte überhaupt iu Briefen an verschiedene Einzelpersonen auf das antisemitische Treiben dieser Zeitung aufmerksam. Im Jahre 1901 eröffneto Kowner einen Briefwechsel mit R o s a n o f f?) „Sie fragen mich, woraus ich schließe, daß Sie ein Antisemit seien? . . ", schreibt er in seinem zweiten Briefe. ,/Sic behaupten weiter, Sie interessierten sich sehr für das Judentum und Sie liebten sogar dessen äußere Erscheinung und die Gewandung seiner Bekenner, einschließlich der betroddelten Leibtücher und der Ohrlocken, dies aber nur „von der kulturellen Seite her", wie Sie selbst hinzufügen. Juden, die in ihrem Fleisch und Blut Juden sind, dürften Sie kaum lieben. Uebrigens liebe auch ich sie nicht, trotz meiner jüdischen Abstammung: nur quält mich entsetzlich ihre Armut, ihr Kampf um die Existenz, ihre unmögliche Lage in Rußland. Und eben aus diesem Grunde will ich mit Ihnen sprechen, wie ich schon einmal mit Dostojewski gesprochen habe, der meinem an ihn gerichteten Brief über die Judenfva-ge mehr als die Hälfte eines der Hefte in seinem „Tagebuch eines Schriftstellers" gewidmot hat. (März 1877.) „Die Sache ist die, daß ich Ende 1897 dem Justizminister Murawjoff persönlich ein „Memorandum" überreicht habe, in welchem die furchtbare Lage der Juden in Rußland geschildert und worin viel interessantes, aktuelles, zu ihren Gunsten sprechendes Material angechä-uft war. Unglücklicherweise hat das Memorandum offenbar auf Murawjoff gar keinen Einfluß ausgeübt, denn die Judenverfolgung wird mit jedem Tage ärger. Ist es aber nicht Zeit, damit innezuhalten? Sie schreiben in dem gleichen Briefe, „Politik und Soziologie gingen Sie nichts an." Ich aber glaube Ihnen das nicht und kann es Ihnen nicht glauben. Ein Mensch, der so viel über die verschiedensten gesellschaftlichen, also sozialen Probleme schreibt wie S'.e, sei es über Ehe, Scheidung, illegitime Kinder. Schulen, Unterricht und noch vieles andere, kann unmöglich gegen Politik und Soziolog'e gleichgültig bleiben. Da ich es nun eben für unmöglich halte, daß Sie die entsetzliche Lage" von'sieben Millionen Menschen, die in ihrem verdammten „Ansiedlungs- *) Es mag bei dieser Gelegenheit.erwähnt werden, daß Rosanoff seinerzeit, durch seine, freilich nicht sehr glückliche Ehe mit Polin« Suslowa, Dostojewskis „Ewiger Freundin", zu diesem Dichter in eine eigenartige neue Beziehung getreten war. lieber Polina Suslowa und ihre Beziehung za Dektojewsisi vgl. „TcsiojewE am Roulette", R. Viper u. Co. Im gleichen Verlag werden demnächst die aufschlußreichen Memoiren von Dostojewskis „Ewiger Freundin" erscheinen. Louis Marstalk 70. Geburtstag. Dia Adresse, die Louis Mars hall aus Anlaß seines 70. Geburtstages überreicht worden ist, trägt die Unterschriften von 7866 Mischen Funktionären in 343 Städten der Bereinigten Staaten und von 519 Repräsentanten aus Deutschland, Frankreich, Dänemark, Rumänien, Italien. Schweiz, Oesterreich, Ungarn, Jugoslawien, Argentinien, Südamerika, Kanada und Kuba, sowie ferner von 427 Repräsentanten der jüdischen wissenschaftlichen und pH itantropi scheu Institutionen. Die künstlerisch sehr sein ausgestatteie Adresse hat die Form eines antiken jüdischen Buches uni) enthält eine Anzahl Illustrationen, die die jüdische Kunst im 13., 14. und 15. Jahrhundert, im mittelalterlichen Deutschland, Italien und Spanien charakteristisch wl-sderg:'ben. Die Unterschriften gingen natürlich über den Rahmen eines einzigen Bandes hinaus, es mußten vier weitere Bände in Quartformat hergestellt werden. In der Adresse wird u. a, gesagt: Wir erinnern uns an die denkwürdige Zeit Deines Aufenthaltes in Paris im Jahre 1919, wo Du es durchgcsetzt hast, daß in die Friede nsverträ ge Klauseln für den Schutz der jüdischer, religiösen und p o l i t i s ch e n R e ch t e in Oft3 cutopd ausgenommen worden sind. Auch haben wir nicht vergesseil, daß es Dir gelungen ist, die Aufhebung des Vertrages Mischen den Vereinigten Staaten und Rußland als Folge der russischen Judenverfolgungen $u erreichen. gebiet" . . .*) ersticken, gleichgültig läßt, so mochte ich daß Sie mein „Memorandum" lesen und mir darüber einige Worte sagen. Ich finde dies deshalb rvünschens wert, weil Sie viel grlesen werden und weil ernste Leute oltf Ihre Worte hören." Im Frühling des Jahres 1908 wurde die Eristeri des russischen Judentums von einem jener schmachvollen Ereignisse aufs ärgste bedroht. Die erlahmende Regic rung beabsichtigte nämlich, ihre Stellung zu befestigen indem sie die unruhigen Geister von der Revolution ablenkte. In Kischinew fand ein Judenpogrom statt, und an den Zerstörungen nahmen unerhörterweise auch die lokalen Behörden teil, die dabei durch entsprechenidr Reskripte, von oben geleitet lvaren. Eine Reihe von düsteren Trauertagen brach über das Judentum herein. Die brennende Schuwch und die beispiellosen Leiden, die einem Häuflein Unschuldiger angetan worden waren, ließen den besten Teil der Gesellschaft in allen Ländern der Welt erschauern. Mi! Empörung und Unwillen antwortete, das menschliche Gewissen auf dieses wilde, von den Agenten der Behörden organisierte imd von ■ oben gebilligte Schlachten in Rußland. In diesen Tagen trat der vergessene PuAizist der Siebzigerjahre als unbekannter Emissär des Judentums in das Lager seiner Feinde hinaus. Kowner wandte sich mit einer geraden und offenen Anklage an den angesehensten Vertreter der „Nowoje Wremja", indem er von ihm Rechenschaft für die neue blutige, an den Juden verübte Heimsuchung verlangte. Er schrieb am 17. April 1903 an Rosanoff: ,$tf) schreibe unter dem qualvollen Eindruck des Judenpogroms in Kischinew. Obwohl schon zehn Tage seit dem schmachvollen Ereignis verflossen sind, können sich die Newen noch immer nicht beruhigen. Was soll das heißen? Wie lange werden solche Unmenschlichkeiten in Rußland noch möglich sein? An iiem Pogrom sind nicht nur wilde Raufbolde schuld, sondern auch die Behörden, auch die Presse und auch die Inden selbst. Die Untätigkeit der Behörden in dem gegebenen Falle ist erstaunlich! Jawohl, als die Fabrikarbeiter in Slatoust einen Ueberfall veranstalteten (das heißt, einen solchen nur vorh-atten), da konnte der Gouverneur ohne weiteres in die Menge schießen lassen, von der fAufzig Tote aus dem Platze blieben; hier aber plündert eine betrunkene Horde eine ganze Stadttötet Greise, Frauen und Kinder (es hnßt. daß Kinder von den Fenstern der dritten und vierten Stockiverke geradeyus auf die Straße, auf das Pflaster hinuntergeworfen wurden). ■ kForttetzung folgt.) *) Hier zählt Kowner eine Menge von Matzreyeln Mu» rawioffs, WannowSkis und anderer auf, die eine RechtSbe» schräntung des Judentums bezweckten: DaS Verbot, sie zu Unterrichtsanstalten oder dem Advokatenberuf zugulaffen, die Verweigemng des Wahlrecksis. die rechtlose Lage in der Armee, die bedingungslose Aussperrung der Juden aus allen Kurorten und anderes. Au« der Urgeschichte Palöftiaar. Man hat schon seit langem beobachtet, daß sich -unter den biblischen Namen palästinensischer Städte eine ganze Reihe von nnsemitischen, wie z. B. Jerusalem und G e b a l (Byblos) befinden. Daraus konnte man schließen, daß es in dem ältesten Syrien-Palästina eine nicht semitische Bevölkerung gab, der jene Ortsnamen ängehörten, eine U r b e v ö l k e r u n g, die vielleiicht in den biblischen Namen Rephaim, Enakskinder u. a. eine Spur hinterlassen hat. Diese zunächst recht unsichere Hypothese scheint durch einen Fund des Berliner Aegyptolsgen Kurt Sethe gestützt zu werden, den er in den letzten Abhandlungen der Berliner Akademie bekanntgegeben hat. Sethe hat aus 389 kürzlich größtenteils in der Nähe des alten Theben in Oberägypten Dr das Berlinerägyptische Museum erworbenen Scherben 80 Gefäße zusammengesetzt, die alle denselben Text tragen, der. aus der Zeit der' 11. Dynastie (um 2100 v. Chr.) stammend, Verwünschungen der Feinde des damaligen ägyptischen Reiches enthält, der inneren wie der äußeren. Unter den letzteren erscheinen auch die Länder Palästinas mit ihren Herrschern. Während aber deren Namerc semitisch sind, sind die Namen der von ihnen regierten Völker einer anderen Sprache zuzuweisen. Aus diesem Befunde hat Sethe mit einem hoherr Grad von Wahrscheinlichkeit den Schluß gezogen, daß jene Herrscher einem s e m i t i s ch -e n C rw b e r e r v o l k angehörten, das damals die von einer anderen Rasse bed-lkerten Landgebiete sich unterworfen hatte, um später MÄ ihr verschmelzen. Wie lveit -diese Semitisierung damall JIID1SCHE WEIT