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Wiener Morgenzeitung · 1927-01-04 · Heft 2820 (4.1.1927) · p. Seite 3

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
9 (1927)
Issue
Heft 2820 (4.1.1927)
Date
1927-01-04
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Kr. SSS0 M«t, Dienstag WlO«rr Msr-e«-rtt»«s 4. Jänner 1927 Gelte 8 Mer oder sozialer Ar., bedürft solcher „Priester". Wenn «rch die Not der jüdischen Massen unsäglich groß ist, die geistig-nationale Depravatioir, in der wir uns befinden, sei noch drückender, als die materielle Not. Die Voraussetzung zur Gründung einer nationalen Heimstätte sei daher die Schaffung eines nationa'-geisti^en Zentrums; denn „es fehlt uns vor allem ein Asyl, nicht für Juden allein, sondern stk das Judentum und den Geist unseres Volkstums." Wenn auch Achad Haam hauptsächlich die Jutwutumfrage betonte, so hat er die Wichtigkeit brr Judenheitssrage nie verkannt. Für ihn war abcr das geistige Zentrum die «sw und wichtigste Voraussetzung für die Schaffung einer nationalen Heimstätte. Noch vor dem Herzlschen Zionismus versuchte Achad Haam diese Lehren in der jüdisch-russischen Intelligenz zu verbreiten, zu welchem Zwecke er den Bund „Bnei Moscheh" begründete, der dre zukünftigen Führer des Volke» erziehen sollte. Obwohl dann der Bund aufgelöst wurde, vertrat Achad Haam konsequent seine Anschauungen, die im Zionismus keine „Hilfsaktion zur Errettung unglücklicher Brüder aus dem Osten", sondern eine Bewegung sahen, welche die Realisierung seines nationalen Ideals zum Ziele haben sollte. Aus diesem Grunde bekämpfte er auch stets das. philantropische System der jüdischen Kolonisation in Palästina. Er verlangte politische Sicherungen der Kolonisation und deren nationalen Grundlage. In diesem Sinne war auch Achad Haam, obwohl er schon seit Jahrzehnten schriftstellerisch nicht mehr auftrat, wahrend des Krieges in der zionistischen Organisation — allerdings hinter den Kulissen — äktiv tätig. Er war es, der Weizmann und Sokolow imJahre 1914 veranlaßte, eine rege politische Tätigkeit zu entfalten. Er lehnte gemeinsame politische Aktionen mit Nichtzionisten entschieden ab und verlangte die Festlegung der Anerkennung der historischen Rechte der Juden aus Palästina in der Balfour-Deklaration. Achad Haam, der Schöpfer des Kulturzionismus, hat also im gegebenen Augenblick die Notwendigkeit und Wichtigkeit politischer Aktionen, die uns dem Endziele näherbringen könnten, durchaus eingesehen. So konnte er noch vor seinem Lebensende mit Genugtuung feststellen, daß die zionistische Bewegung seine, Lehren akzeptierte, indem sie schon seit langem von der Voraussetzung ausgeht, daß die national« Erzieyungs- und Kulturarbeit die Grundlage jedweder zionistischen Betätigung sei. Wenn auch Achad Haam selbst die Führung nicht innchatte, so ist doch sein Geist seit langem schon die motorische Kraft unserer nationalen Bewegung. ■ ' ~ In diesem Sinne hat Achad Haam sicherlich ein historisches Werk vollbracht. In ihm betrauern wir nicht nur den großen hebräischen Schriftsteller, sondern auch den geistigen Führer unserer nationalen Renaissaneebewegung. Dem Toten von Tel Awiw wird die zionistische Bewegung und ihr junger Nachwuchs, dem sein geistiges Erb-i zum Lebensinhalte werden möge, stets ein treues Andenken bewahren. Achad Ha»«» Lebe» und Wirke«. Oscher Ginzber-g (mit seinem Pseudonym Nchald Haam) wurde am 35. Mn 6616 (1856) in Skwira (Gouvernement Kiew) geboren. Sein Vater gehörte einer angesehenen, frommen und reichen Familie an. Der Sohn erhielt zmrächst die übliche traditionelle Erziehung, die sich auf die Vermittlung des überlieferten Miglösen Wissensstoffes bsschräMe und sogar die Erlernung fremder Sprachen auhschklotz. Achad Haam mutzte sich so im Geheimen die Kenntnis der russischen Schriftzeichen aneignen. 1868 übersisdelte seine Familie nach dem Doofe Gufischitza und hier verblieb Achad Haam die nächsten 18 Jahre. Er vergröberte hier den Umfang seiner Kenntnisse der überlieferten hebräischen Literatur und galt schon mit 16 Jahren als ein großer Kenner des Traditions'stoffes. Im Jahre 1873 heiratete er. 1878 kam er zum ersten Male nach Odessa und Hier machten die Werke der russischen Gelehrten auf ihn einen so starken Eindruck, daß er seitidem begann, sich auf die Reifeprüfung vorzubereiten. Zur selben Zeit entstand bei ihm der Gedanke, nach Westeuropa zu gehen und an einer Universität zu stMeren. Er hielt sich vorübergehend in Wien aus, kchrte aber bald wieder nach seinem Heimatdorfe zurück. Lange freilich hielt es ihn in der Weltabgeschvödenhsit dieses Dorfes nicht. Sein Bildungsdrang führte ihn bald wieder mS Ausland. In den Jahren 1883 bis 1884 versuchte er in Berlin, Breslau und Wien erneut, das UniversitatSstUdinm zum Abschluß zu bringen, freilich ohne Erfolg. Nach Rußland zurückgekehrt, wandte er sich wieder dem Selbststudium zu. Im Jahre 1884 trat die entscheidende Wenidung in seinem Leben ein. Bei einem zweiten Besuche Odessas kam er mit denr damals gegründeten, unter Leitung Dr. Leo P. i n S ke r s stehenden Verein der Chowewe Zion in Berührung. Er schloß sich diesem Verein sofort an und gelangte m ihm bald zu einer führenden Stellung. Als die Kattow i tz e r K o n f e renz die Ehibbath-Zion-Bewogung auf eine philanthropische GvuMage stellte, trat Achad Haam gegen diese Bestrebung in Opposition, und scharte um sich einen kleinen Kreis von Gesinnungsgenossen mit dem Ziele, -!e Ehibbath-Zion-Bewegung zu einer umfassenden, nach innen gerichteten Renaissance.Beweg un g des Judentums zu.entwickeln. Dieser zahlenmäßig klein» Kreis von Menschen drängte Achad Haam, seine Anschauung über die Chibbath- Zion zu veröffentlichen. Achad. Haam schrieb 1889 in der Zeitschrift „Hameliz" seinen berühmt gewordenen Aufsatz „N i ch t b i e s i ft der W e ,g" (zum ersten Male unter seinem Pseudonym). In diesem Aufsatz führte Achad Haam aus, daß der Besiedlung des Landes die Erziehung des Volkes voraiMgehen habe. Gegen diesen Art'M und den von Achad Haam geschaffenen Bund „Bne Moscheh" erhob sich im Lager der Chowewe Zion heftige Opposition, der Achad Haam durch neue Artikel entgogentrat. Im Jahre 1891 besuchte Achad Haam Palästina und veröffentlichte seine Eindrücke vom Lande in dem Weiten berühmten Artikel des „Hameliz": „Wahrheit aus Palästina." 1893 besuchte Achad Haam erneut Palästina und berichtete wiederum über seine Eindrücke im Lande. Daneben beschäftigte er sich eingehend mit philosophischen Studien. 1896 begann er, die. Zeitschrift „Haschiloach" herauszugeben. In dieser Zeitschrift führte er gegen die .vonHerzl entfachteBewegung des Politischen Zionismus einen heftigen Kampf, weil nach seiner Meinung der politische Zionismus nur das Aeußere der Judenfrage, nicht aber ihre inneren Wurzeln sehe und auszurotten bestrebt sei. Als H e r z l s ..A l t n e u l a n d" erschien, lehnte Achad Haam dieses Buch als u n j ü d i s ch und von einer mechanischen Auffassung des Problems diktiert ab. Im Jahre 1900 besuchte er zum dritten Male Palästina. 1908 nahm er an dem allgemeinen Kongreß der Zionisten Rußlands ins Minsk, teil und hielt hier einen Dortrag über Renaissance des Geistes". In den Jahren 1905 und 1906, den Jahren der russischen Revolution, nahm er an den Kongressen für die Gleichberechtigung der Juden teil und trat leidenschaftlich für diese Gleichberechtiguirg ein. 1905 veröfentlichte er im „Haschiloach" unter dem Titel „Die Herrschaft des Derstandes" einen bevüihmt gewordenen Aufsatz über Maimomdes, 1907 in der palästinensischen ZIONISTISCHE SEKTION FÜR DIE WESTLICHEN BEZIRKE Heute, Dienstag, den 4. Jänner 1927, 8 Uhr abends im Vereinsheim Vlll. Bennoplatz la Vortrag Adalbert (Graf) Sternberg Aus meinem Buche: „Päpste, Kaiser, Könige und Juden“ Restliche Karten an der Abendkassa. ■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■ Zeitschrift ,Zaomer" den Aufsatz „Die Stunde ist gekomme n", in dem er mit dem größten Nachdruck die Schaffungeines geistigen Zentrums i n P a l ä st i n a fordert«.1908 übersiedelte Achad Haam nach London. Hier verblieb er bis nach dem Weltkriege, wo er seinen ständigen Wohnsitz nach Palästina verlegte. Achad Haam gehörte unstreitig zu den tiefsten Denkern des jüdischen Volkes. Insbesondere die Forderung der Erneuerung des jüdischen Geistes hat nirgendwo einen so tiefen Ausdruck gefunden, wie bei Achad Haam. Seine Aufsätze sind unter dem Titel „Al Peraschath Derachim" („Am Scheidewege") gesammelt in vier Bänden erschienen. Sie Lrauer-Anardmmym der NaaMche» LandrrkomUeer. Aus Anlaß des Todes Achäd Haams verfügt das Zionistische Landeskomitee, wie unS mitgeterlt wivd, folgendes: Sämtlichen Sektionen, Ortsgruppen, Son'dervevbänden, Korporationen und Vereinen wird es untersagt, wahrend zwei Wochen — bis „Ehamischa-Assar" — irgendwelche Veranstaltungen mit Tanz abzuhalten. Mittwoch, den 12. Jänner 1927 findet um HS Uhr abends in den Räumen des Zionistischen Bureaus, 1. Bezirk, Kärntnerstraße 28, unter Zuziehung sämtlicher Obmänner und Obmannstellvertreter der Bezirkssektionen, Ortsgruppen und Soniderverbände eine außerordentliche Parteiratssitzung statt. Mittwoch, den 5. Jänner bleiben die Räume des Zionistischen Bureaus geschlossen. Donnerstag, den 6. Jänner, 7 Uhr abends, findet die Trauersitzung des Zionistischen LandeskomiteeS statt. Das Landeskomitee wird in den nächsten Wochen eine große Trauerversammlung abhalten. Ort und Zeit wich noch bekanntgegeben werden. Die Sektionen, Ortsgruppen, Sonderverbände, Korporationen und Vereine werden aufgefordert, sich strenge an die obigen Verfügungen zu halten. Eine Trauert««-eb««« -es Klub- -er radikalen Zionisten. Der Klub der radikalen Zionisten veranstaltet morgen um H9 Uhr abends im Klublokal (Wien, 1. Bezirk, Cafe Atlashof, Souterrain) eine Trauerkundgebung für den verblichenen Mischen Denker Achad Haam. Dis Gedenkrede hält Herr Dr. N. M. G e l b e r. Aus Anlaß der Trauerkundgebung entfällt der Vortrag -des Herrn K a n&I* Sie ffioöltefotmftßflßfoöet Wische« Gemeinde. Der zionistische Drtngttchkeltsantrag. Morgen Mittwoch, den 5. tö. M. findet utn H9 Uhr abends eine öffentliche Plenarsitzung des KMusvoystandes statt. Auf der Tagesordnung steht der DringlichkeitSantrag der Herren Oberbaurat Stricker und Genossen wegen Einsetzung eines Wahlreform- Ausschusses und wögen Kre'ditbewilligung für die Anlage eines Katasters. „Sine versilamle Gelegenheit." Eine Zuschrift der Zionistischen Exekutive. Das Zentralbureau der zionistischen Welt« organisatton sendet unS die folgende Zuschrift: In seinem Artikel „Eine versäumte Gelegenheit", der vor krrzem in der „Wiener Mvrgenzeitung" veröffentlicht wurde, hat sich Herr Robert Stricker liber die mangelhafte Erledigung eines Ersuchens beschwert, das er vor einem Jahre an das Zentralbureau der zionistische Organisation in London gerichtet hat. Nach seiner Darstellung hat er das Bureau gebeten, eine Abschrift seines Artikels über Anleihefragen zirkulieren zu lassen. Das Bureau der Exekutive habe jedoch nicht Zeit gefunden, die Abschrift zu bewerkstelligen, sondern habe um Uebermittlung von Sonderabzügen gebeten. Herr Stricker habe auf diese Aufforderung nicht mehr reagiert, lvell er hierin einen Beweis mangelnden Interesses für hie Erledigung seines Wunsches habe erblicken müssen. Wir haben demgegenüber folgendes zu erklären: Herr Stricker übersandte mit Schreiben vom 7. Jänner 1926 eine Reihe von Abzüge» seines in der „Wiener Morgenzeitung" veröffentliGen Artikels und bat, den Artikel den Mitgliedern der Exekutive, des Finanz- und Wirtschaftsrates und des Aktionskomitees zugänglich zu machen. Das Bureau erwiderte darauf mit Schreiben vom 13. Jänner 1926: „Wir besitzen Ihr Schreiben vom 7. ds. und wollen sehr gerne, Ihrem Wunsche entsprechend, Ihren Artikel den Mitgliedern der Exekutive, des Finanz- und Wirtschaftsrates und des Aktionskomitees zur Kenntnis bringen. Würden Sie, da die uns zur Verfügung gestellte Anzahl der Exemplare nicht ausreicht, die Gute haben, zu veranlassen, daß uns weitere zirka 100 Exemplare des Separatabdruckes eingeschickt werden." Wie der Brief zeigt, gingen wir von der Voraussetzung aus, daß eine größere Anzahl von Separatabdrücken bei Herrn Stricker vorrätig sei. HeM Stricke;« hat es nicht für nötig gehalten, diesen Brief zu beantworten. Trotzdem haben wir mit Schreiben vom 13. Februar 1926 direkt bei der „Wiener Morgenzeitung" eine größere Anzahl von Exemplaren dieses Artikels wie auch anderer mit Anleihefragen zusammenhängenden, in der „Wiener Morgenzeitung" veröffentlichten Aufsätze bestellt und haben dieses Material zwar nicht unter allen Mitgliedern des Aktionskomitees, wohl aber unter den Mitgliedern der Exekutive, des Finanz- und Wirtschaftsrate- und der Anleihekommission zirkulieren lassen. Herr Stricker, welchem wir -diese Zuschrift det Londoner Bureaus bekanntgegeben haben, schreibt uns: „Die Zuschrift des Londoner Bureaus ist nicht geeignet, meine Auffassung zu ändern. Tatsache ist, und das wirb ja bestätigt, daß mein Memorandum den Mitgliedern des Aktionskomitees nicht übermittelt wurde. Tatsache ist ferner, daß die Korrespondenzbureaus der Exekutive in London und Berlin allwöchentlich allen Mitgliedern deS Aktionskomitees und auch den Zeitungsredaktionen Dutzendevon Artikeln und Abhandlungen zionistischer Funktionäre in einigen hundert Abschriften zukommen lassen, ohne Kosten und . Mühe der Vervielfältigung und Versendung zu scheuen und ohne an die Autoren daS Verlangen nach Beistellung von hundert oder mehr Abzügen zu richten, wie man das mir gegenüber getan hat. Bei aller Bescheidenheit und beim besten Willen kann ich nicht zugeben, daß alle diese gratis und in überreicher Fülle versendeten Artikel und Abhandlungen so unendlich inhaltsreicher und für die zionistische Sache toichtiger sind als meine Abhandlung, und so hoch über ihr stehen, daß die verschiedene Behandlung dadurch gerechtfertigt erscheint. Das konnte ich nicht zugeben, uird das gebe ich auch jetzt nicht zu. Aus diesem Grunde habe ich es nicht für nötig erachtet, dem Londoner Bureau zu antworten, und bir auch jetzt der Ansicht, daß ich recht daran tat." -ie Konferenz der Monisten ReWonlftr« fr Paris. Paris. 3. Jänner. Die Weltkonferenz der Zwnisten- Retzifionisten wurde am Samstag abends geschloffen. Der Sitz der Exekutive wurde nach Berlin verlegt. In den geschäftsführerrden Ausschuß wurden gewählt die Herren: Jabotinsky, Lichtheim, Großmann mrd Temkin. Es wurde ferner ein 64glieüriger Zentralrat für die verschiedenen Landesverbände bestellt. Der Vertreter Oesterreichs ist Herr Dr. Norbert H o f m a n n. Zunr Anwalt der Union wurde der bekannte Staatsrechtforscher Pwfessor Dr. Kuli scher gewählt. Keren Kajemeth.JubiläumSfeiern Heute, 8 Uhr abends» findet im Restaurant „Goldenem Stern, 4. Bez., Paniglgasfe 17, eine von der Settion 4—Ü veranstaltete Feswersammlung zur Feier des LSjährtgen Zu biläumS des Keren Kajemeth statt.Programm: Festrede Doktor Josef Löwentzerz, Bottrag, gehalten von Frau Doktor Nadja Stein, Massenadresse an den Keren Kajemeth.

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