Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 9 (1927)
- Issue
- Heft 2819 (3.1.1927)
- Date
- 1927-01-03
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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$cite 3 «tt, Montvg Wiener Morgenzeitnrrg S. tzanner 1927 Ne. MS Weizmanns Bostoner Siede. Die groge Rede des Präsidenten c-er Hw- -.rrDschen Weltorganisation, «die am LL. Novemvor iCcc ftrtTjrCvJoiifcrcno bcv Vercin'grcu Palästina-Mtion in Boston gehalten wurDe. { ocu wir dem haupts«chkicki!shen Inhalte nach vercitZ nütgeteilr. Da die Rede nunmehr im Wortlaut vorlicgt, halten wir eS für angegetgt, den ersten Auszügen nunmehr eine genauere Medergabe foHzen zu lassen: Wir stchen jetzt vielleicht vor dem entscheidettden Morncttt in der Geschichte der Bergung, weshalb ich mich verpflichtet halte, einen genauen Bericht über di« Lage abzugeben. Unsere Beziehungen zur Mandatarmacht, 1>ie die Grundlage unserer politischen Tätigkeit bilden, sind derart, daß lote uns nicht als Bittsteller, sondern alS Menschen, die, gestützt auf ihr Recht, Forderungen auf* stellen, an sie wenden. Diese Rechte sind im Mandat formuliert, wobei ich schon jetzt erklären will, datz dte Manvatarmacht noch nicht alle Punkte des Mandateerfüllt fjat. Biele wichtige Punkte harren noch einer günstigen Erledigung. Niemand von uns kann und darf daran zweifeln, daß wir das absolute Vertrauen haben, daß der Tag nicht mehr fern ist, an dem das Mandat in seinem vollen Sinne der Eckstein der englischen Poll tik in Palästina feilt wird. In diesem Vertrauen müssen wir uns in Geduld sasseu. Wir müssen die Schwierigkeiten, die die Mandatarmacht zu überwinden hat, berücksichtige». Diejenigen, die keine Geduld haben, sollten zumindest jeiwn Menschen, die GHuld und Ausdauer haben, Gelegenheit geben, die Last zu tragan unter politischen Bedingungen, die unsere Arbeit vielleicht schwerer machen, als eS hätte sein sollen. Wemt auch ich mir hier Kritik erlauben dürste, so würde ich, um der politischen Lage gerecht zu werden, gleichzeitig auch sagen müssen, daß gerade die Vorsicht der Mandatarnmcht, die der erste High Commissioner Sir Herbert Samuel repräsentierte, uns die Möglichkeit gegeben hat, überhaupt etwas zu tun. Nicht nur die 16.000 englischen Soldaten, die aus den Schlachtfeldern Palästinas gefallen sind, sondern auch die vorsichtige und taktvolle Verwaltung deZ ersten High Commissioner haben in Palästina Frieden und Sicherheit geschaffen. Frieden und Sicherheit sind vor allem die Grundlagen unserer Weit, ohne sie hat unser Werk, dort keine Zukunft. Wir kämen vielleicht etwas rascher vorwärts, vielleicht aber auch viel langsamer, als es bisher der Fall gervesen ist. In einem Dilemma, entw^er rin rascheres Tempo oder ein großes Risiko, das entstchen könnte, in de» Kauf zu nehmen, haben wir, so schwer cs uns auch fällt, uns entschlossen, eine Politik der Mäßigung zu predigen. Es ist leicht, eine heroisch: Geste zu machen und zu sagen: „Wir fordern, fordern und fordern". Auch ich könnte diese Forderungen in einem Stil formulieren, der gewiß den Beifall dieser oder jener Versammlung finden würde. Aber wir haben es mcht mit zionistischen Versammlungen zu tun, sondern mit einer harten, falten Welt, die nichts von Zion MH, sondern jüdisch Fragen auf eine ganz andere Weise behandelt, mit einer Welt, die die jüdische Wiedergeburt und die Wiederauflebung weder verstanden hat noch hat verstehen wollen. Utid diese Weltwürde uns auf unsere Forderungen kalt antworten: „Statt diese pder jene politisch Lage in Gefahr zu bringen, ziehen wir vor, für das jüdische Naiionalheim nichs zu tun." Wir haben die schwere Aufgabe, nicht nur die Juden aufzuklären, sondern auch dir Nichtjüven, damit sie begreifen, toas Zionismus ist und wonach er sttebt. Unsere Beziehungen zur Palästina-Regierung tverden vou einem fundamentalen Faktor beeinflußt: von unserer Stärke im Land selbst. Ob es uns paßt oder nicht, wir haben, und zwar mit Recht, die Demokratie zum leitenden Prinzip in unserer Organisation gemacht. Demokratie aber rechnet — glücklicher- oder unglücklicherweise — mit den brutalen Zahlen. Und wir sind doch in Palästina nur 160.000 gegen 600.000 bis 600.000 Nichtjuden. CS ist toahr, die Bedeutung dieser 150.000 ist größer als die derjenigen, die die Majorität bilden. Es soll hiermit kein Schatten aus die Majorität geworfen werden. Sie war in vieler Hinsicht weniger glücklich als uw. Sie hat nicht die europäische Zivilisation genossen. Aber als Ersatz dafür ist sie seit vielen Jahrhunderten im Lande, während wir dort neu sind. Es ist toahr, eS ist unser Land; aber für sic ist es auch ihr Land. Und um diese doppelter. Interessen in Einklang zu bringen, ist es nötig, daß wir sie verstehen, * genau wie wir erwarten, daß sie uns verstehen. Hiervon läßt sich die Palästina-Regierung in ihrer Politik ständig leiten. Ich will eine Tatsache erwähnen, oie letztens vor gekommen ist. In Palästina herrscht bekanntlich eine Krise, und eine Krise muß öunb Taten und nicht durch Worte bekämpft werden. Kürzlich fand eine Beratung Lord P l u m ers mit seinen Beamten statt, um Mittel zur Behebung der Krise zu finden. Bei dieser Gelegenheit erklärte Lord Plumer, daß es ohne Rücksicht darauf, rver immer für diese Krise verantwortlich sein möge, Pflicht dieser Beratung sei» eine Aktion zu unternehmen. Der Schlüssel zur Besserung der politischen Lage liegt nicht in Programmreden in Netvyork und in London, ja nicht einmal in parlamentarischen Debatten in Westminster, sondern ganz tu der Hand der Juden selbst. Cs gab eine Zeit, wo das Schicksal des Mandates, sogar nachdem es vmn Völkerbund schon genehmigt war, auf des Messers Schneide stand. Es tvurde aber auf Grund von zwei Tatsachen zu unseren Gunsten etüschieden: auf Grund der Leistungen der Juden in Palästina und der materiellen Stütze, die gleichzeitig mich eine moralische Stütze ist, die hauptsächlich! von den amerikanischen Juden gegeben tvird. Unsere Beziehungen zmn Völkerbund i haben sich bedeutend gebessert. Ts gab eine Zeit, wo man glaubte, daß der Völkerbund eine Att Appellationsgericht sein werde, auf dem man sich gegen die Mandatsmächte werde berufen können. Man vergißt aber, daß zuerst die nötige öffentliche Meinung geschaffen tverden mußte, damit unsere Forderungen überhaupt Verständnis finden. Wir müssen den Mitgliedern der Mandatskommission das Lob speichen, daß sie die Palästina--Fragen mit viel größerem Ernst betrachten als zahlreiche Experten und Touristen, die ins Land kommen. Welchen Riesenschritt vorwärts rvir gemacht haben, wurde mir vor einigen Monaten besonders klar, als ich Gelegertheit hatte, mit dem Oberkommissär dort Syrien über unsere Arbeit zu sprechen. Das einige, was der Oberkommissär erklären mußte, nachdem rvir alles öesprocheri hatten, war der Ausdruck des Wunsches, die ■^Kein jüdisches Haut * I ohne jH/j Standardwerke der jüdischen Geschichtet Beachten Sie unsere Gratisprämienaktion für unsere Abonnenten Zionisten möchten doch in Syrien wirken, da dies auch in Syrier: eine stabile politische Lage ermöglichen würde. Um zu resümieren: Die Welt schaut Ms uns alö auf eine neue Erscheinung tttH Osten des Mittelländischen Meeres. Anfangs betrachtete sic uns mit Argwohn, jetzt aber werden wir akzepttert. So weit sind wir gekomnten, und wenn wir erst weiter reüssieren, werden wir in dis Völkerfamilie um das Mittelländische Meer ausgenommen werden. Ost denke ich, daß tvir all diesen Dingen noch viel zrr nahe sind, um ihre volle Bedeutung crrnessen zu könnet:, genau so tvie man Ms einem Berge stehend, dessen Höhe nicht erkenneil kann. Bevor ich dieses Kapitel schließe, will ich noch eine ziemlich viel diskutierte Frage behandeln: die der StaatSländereirn. Ich will eine Erklärung auf eigene Verantwortung abgeben als eitler, der votl Palästina etwas tveiß. Die guten Staatsländereien sitrd beretts vergriffen; das noch freie Land ist wertlos. Ich glaube, daß es möglich sein tvird, sich mit den Arabern wegen der Ländereien in Beisan friedlich zu verständigen, und ich gehe so tv-eit, zu sagen, daß jeder Versuch, zu einer Verstätldigung zu kommen, von der englischen RegiertlNg gefördert werden tvird. Es darf aber nur eine friedliche und gemein-' same Verständigung sein. Wir dürfen mts nicht auf die englisch» Bajonette stütze», selbst wenn rvir in der Lage wären, die jetzigen Besitzer zu. vertreiben. Ich möchte nur an das Wort Bismarcks erinnern: „Aus Bajonetten kann man nicht für immer sitzen." Obwohl wir nur langsanl vvrwärtsgegangen sind, und obwohl die, RegiertlNg in ihrer großetl Vorsicht vielleicht manchen Fehler begangen hat, können wir.mit Stolz sagen, daß es heilte in Palästina keine englischetl Bajonette gibt. Wir können vor der Welt erklären, daß wir die ersten sind, die Palästina ohtre Waffen kolonisiert haben. Davon häilgt unsere Zukunft im Latlde in sehr hohem Mivße ab. Man beschuldigt uns, daß »vir bei unseren Beziehungen zu bou Arabern ein wenig furchtsam sind. Es ist toahr. Wir sittd zu vorsichtig, tvettn wir etwa vor den Arabertl Furcht haben, und cs gibt viele, die diese Furcht nicht feinten, speziell wenn sie in Berlin oder Parif sind. Mit nnvcrständlichet Leichtfertigkeit fordern sie, daß man die englischen Bajonette gegen die Araber benützen solle. Alles, was wir tun müssen, ist, brüderliche Beziehungen zu dem Volke im Lande zu schassen. Ich sage dies nicht nur aus Sentimentalität, sondern weil es, abgesehen von der menschlichen Seite, auch ein bestimmter Punkt unserer Politik ist. Wenn unsere Arbeit in Palä stina im Sinne der ivahren Gereckstigkeit geführt wird, nicht nur der Gerechtigkeit als bloßem Lippenbekenntnis, so wird sie auch der jüdischen Tätigkeit in Transjordanien die Tore öffnen. Ich kann dies alles dahin resütnieren, daß es heute politische Schlot erigkeitcn für eine ständige Vergrößerung unserer Tätigkeit nicht gibt. Die politische Lage ist jetzt so, daß, tvettn es rmr uns möglich wäre, wir »indestens 25.000 Juden jährlich ins Land bringet: köttnten. Ich möchte hier die öffentliche Erklärung abgeben, daß wir für den Ankauf vot: gettügend Lätckereien zu mäßigen Preisen in den verschiedensten Gebieten in und um Palästina schon jetzt fertige Pläne haben, die die Ansiedlung von mindestens 75.000 jüdischen Familien ermöglichet: würden. Das einzige, tvaS uu§ daran hindert, ist die Geldfrage. Man muß bedenken, daß für jede Familie, die auf dem Lande angesiedelt wird, zwei Familien in der Stadt Unterhalt finden körnten. Das würde also vorläufig eine dauernde Ansiedlung von LL5.000 Familiet: bedeuten. Diejenigen, die behaupten, daß Palästina zu klein ist, und irgendwo andere Möglichkeiten suchen, wissen nicht, daß jetzt dort der Weg für eine jüdische; Tätigkeit in breitestem Maße offensteht. Det: Schlüssel hierzu habt Ihr, und nicht Lord Plumer oder die englische Regierung. Unsere Grundlage muß die Landwirtschaft sein; ohne eigene Landwirtschaft kann eine nationale Siedlung nicht entstehen. Falls unser Werk auf solider Basis errichtet tverden soll, muß es sich auf Landarbeit und Bode« stützen können. Falls wir dort systematisch und regelmäßig statt der bisherigen fünf Millionen Dollar jährlich zehn Millionen Dollar ausgcben könnten, könnten wir regelmäßig 25.000 Juden jährlich hinbringen. Ich glaube, daß dies realisiert werden kann. Ich glaube, daß die Juden der ganzen Welt einen derartigen Bettag aufbringen können. Ich glaube, daß die Juden Amerikas dies könnten, ja sogar, daß die Inden Newyorks es könnten, ohne sich dabei irgendwie weh zu tun. Ich komme jetzt zu einem Punkt, der zu großen Differenzen, und wie ich zugeben n:nß, zu großen Schwierigketten geführt hat, zum Kapitel Jrwish Agency. Man muß das Hinterland der zionistische« Organisation vergrößere Ebenso muß die Zahl der Helfer, die heute bereit sind, etwas für Palästina zu tun und unsere Beranttvortlichkeit mit uns zu teilen, vergrößert werden. Ich tveiß zu gut, daß viele von ihnen all unsere Nöte in ihrem Herzen nicht fühlen. Ich weiß auch, daß Palästina nicht die änzige anständige Lösung des jüdischen Problems für sie bäeutet. Wtt gebet: kein J-Tüpftlchen unserer Hoffnungen und Aspirationen auf. Wir fordern von %itat k-ürre Unterschrift für etwas, das nicht im Gtnklang mit ihrem eigenen Glauben und Gewissen stcht. Wir können Juden nach Palästina bringen, ltnr können Boden bekommen, können blühende Gärten pflanzen, könne» zusammen eine Universität aufbauen, können eine wirkliche Zivilisation schaffen. Wtt überlassen cs de» Geschlechtern, die nach uns kommen, die politische Form, die kulturelle Form Palästinas zu bestimmen. Ich bin, wie ich glaube, ttotz aller Differenzen, trotz der «aingesammelten Verbitterung berechtigt zu sagen, ■ daß rvir Frieden, Harmonie und Kooperation für diese Arbeit schassen wollen. Ich hoffe, noch tun Lauft dieses Wintens einet: Schritt für die vereinigte Front, zumindest Sei der amerikanischen Judetcheit, machen zu können. Dies wird für die Juden überall etwas Großes sein. Es wird uns politisch stärken und moralisch neue Kraftquellen schaffen, die wir für Palästina brauchen. Wir führen jetzt Berhandlnnget: mit einer Gruppe, die ihnen gut bekannt ist. r Gegen dieses Projekt gibt es zwei Oppositionen. Die eine habe ich bereits erwähnt: es ist die innerliche innerhalb der Organisation selbst, die befürchtet,. diese Mithilfe könnte der Seel« der Bewegung schaden, toas n:at: berücksichtigen muß, um alles zu tun, toas diese Seite befriedigen kann. Es gibt aber noch eine andere Oppostion. Es gibt heute in der AZelt eine Kraft, die kein Interesse hah weder an Palästina twch am Schicksal der Juden, und der es nur um eine Zersplitterung geht. Für sie bedeutet der Plan der Jewish Agency ein Symbol der Einigkeit. Wenn wir diesen Plan zerstören, so werden wir bloß jenen, die Feinde Israels sind, in die Hände arbeiten. Es gibt keinen ebenen Weg ttad) Jerusalem. Der Weg ist schmal tmb muß mit Vorsicht gegartgen werden. Meine Ausführungen bezeichnen einen der Lk-e, und ich hoffe auftichtig, daß, wem: wir berufen mcibitt um vor der Geschichte Rechenschaft abzulegan, für das, toas nur getan und für das, was um zu hm versäumt haben, inan uns sagen tvird: Da» Gefchßvcht tvar klein au Menschenzahl int Vergleich zu der ttevaä» Wörtlichkeit, die es auf sich genommen hat, abe« a» «P ein Gescklecht, das das Beste für sein Volk grt<m HM.