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Wiener Morgenzeitung · 1927-01-01 · Heft 2818 (1.1.1927) · p. Seite 10

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
9 (1927)
Issue
Heft 2818 (1.1.1927)
Date
1927-01-01
Page
Seite 10 (sequence 10)
Language
German
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Men Samsta«; Wiener MsegenzettauL ). Jänner 10? yit. ms _ NACHDRUCK VERBOTEN mein Geschäft mit Hunden. von Jaroslaü Hasek. Autar tsierfc Uebcrsetzang von fllsa Scftntz. X Zch halte schon von jeher eine Vorliebe für jede Tiergattung. Im zartesten Kindesalter brachte ich mir Mäuse nvit nach Hause, und ich hielt es zum Beispiel stundenlang aus, während bfc Altersgenossen i« der Schule saßen, mit toten Katzen zu spielen. Ich interessierte mich ferner für Schlangen. Einmal fing ich auf einem steinigen Bergabhang im Walde ein« Schlange und wollte sie mitnehmen, um sie jener Anna, die ich gar nicht leiden mochte, ins Bett zu stecken. Zum Glück kam gerade der Heger dazu, der konstatierte, daß Vas ebne Kreuzotter sei; er erschlug sie und nahm sie gleich mit sich, um eine gäetzllche Belohnung einzuheben. Vom 1& bis zum 24. Jahr interessierten mich 'Kamele und Elefanten jeder Art. Vom 24. bis zum 28. Jahr ging es langsam bergab mit mir und mein Interesse für Rindvieh und Pferde erwachte. Ich wünschte mir ein Gestüt oder ein« Zucht Siemensschen Rindviehs. Doch erfüllt« sich mein Wunsch.nicht, und es blieb mir nichts anderes übrig, als meine Liebe auf Tiere kleinerer Gattu nq zu übertragen. Ich zog die Hunde den Katzen vor, und während meines dreißigsten Lebensjahres entstanden zrvischen mir und meinen Verwandten einige Unstimmigkeiten. Es wurde mir vorgeworfon, daß ich mich nicht anständig zu ernähren verstünde und daß ich mich bis heute nicht darum bekümmert habe, auf eigenen Füßen zu stehen. Rasch entschlossen, machte ich meinen Verwandten di« Mitteilung, daß ich mir in Anbetracht meiner Vorliebe für Tiere ein Geschäft mit Hunden, einrichten wollte. ES bliebe zu erwähnen, daß sie davon keine Freude hatten. 2. Richtet sich jemand ein Geschäft ein, so muß er ein« Firmenaufschrift wählen, welche deutlich die Art seines Geschäftes bezeichnet. Die einfache Bezeichnung „Ein Geschäft mit Hunden" gefiel mir gär nicht, denn in meinen Intention«» lag es, ein Geschäft von besonderer Art zu führen. Int Konversationslexikon fand ich den Ausdruck ,Kynologie", was soviel bedeutet wie,^unde-Mffenschaft". Als ich Seim Institut für Bodenkultur vorbeiging, war das Unglück geschehen. Ich gab meinem Geschäft den Namen „Kynologisches Institut". Es war ein stolze, hochgelehrte Aufschrift, die ich als Inserat verwendete: Erziehung und Verkauf sowie Umtausch und Einkauf von Hunden auf kynofogischer Grundlage. Die großen Inserate, aus denen sich das Wort ,KYnologisches Institut" so oft wiederholte, versetzten mich selbst in stumme Bewunderung. Endlich war ich der Besitzer eines ,Institutes". Wer das nicht selbst erlebt hat, der weiß nicht, welch stolzes Gefühl, welch unendlicher Reiz darin liegt... Ich blickte voller Zuversicht in die Zukunft. Und trotzdem: ich bis jetzt nicht einen einzigen Hund befaß, wartete ich gierig auf eine Bestellung und suchte mittels Inserat einen ehrlichen, anständigen Diener, militärfrei, der, wenn ihm die Hunde einmal ans Herz gewachsen sein würden, nicht wieder von ihnen fort in den Krieg müsse. 3. Auf das Inserat: „Ern Diener für die Erziehung und den Verkauf von Hunden gesucht" ging eine Menge Angebote ein, von derren einige sehr aufrichtig geschrieben waren. Ein Schutzmann vom Lande versprach, falls ich ihn aheptteren sollte, all« Hunde über den Stock springen und auf dem Kopf herumgehen zu lehren. Ein anderer schrieb, daß er gut mit Hunden umzugeheu verstünde, wml er jahrelang Leim Wasenmeister beschäftigt gewesen sei und man ihn wegen zu loyaler Behandlung der Erschlag«:«» entlassen habe. Ein anderer Bewerber verwechselte „kynologischeß Institut" mit einem „gynäkologischen Institut" und gab als Referenzen Gebäranstalte» und Frauenkliniken an. .Fünfzehn Bewerber hatten die Rechtsfakultät absolviert, zwölf waren Absolventen der Lehrerbildungsanstalt; ferner ging eine Zuschrift ein von: „Verein für das Wohl entlassener Sträflinge", der mich aufforderte, mich an ihn zu wenden, da ein sehr anständiger entlassener Ääfsendieb für die Stellung bei mir in Frage känre. Einige der Gesuche waren sehr traurig und hoffnungslos. Es schrieben beispielsweise manche von den Bewerbern gleich selbst; „Trotzdem ich schon im vorhinein weiß, daß diese Stellung für mich nicht in Frage kommt..." ES waren unter den Offerten welche, worin die Beloerber ihre Kenntnis der spanischen, englischen, französischen, türkischen, russischen, polnischen, kroatischen und dänischen Sprache hervorhoben. Ein Brief war sogar lateinisch geschrieben. Ferner ging eine schlichte, aber aufrichtige Offerte ein: „Sehr geehrter Herr? Wann soll ich den Dienst anfreien? Mit vorzüglicher Hochachtung! Ladislaus Schimek." DU dieser Bewerber eine so direkte Frage an mich stellte, blieb mir illchtS anderes Übrig, als ihm zu antworten, daß er am Mittwoch um acht Uhr seinen Dienst antreten möge. Ich fühlte eine große Dankbarkeit ihn: gegenüber, daß er mir die Mühe einer langen und anstrengenden Mahl erspart hatte. Mittwoch um acht Uhr trat also mein Diester seinen Dienst an. Es war ein Mann von kleiner Statur, blatternarbig, sehr lebhaft, der mir, gleich wie er mich erblickte, di« Hand reichte und lustig sagte: „Das Wetter wird sich wohl bis morgen nicht ausheitern. Haben Sie denn schon gehört, daß gestern um sieben Uhr früh ztvei Straßeirbahnen in der Petersburger Straße zusammengestoßen sind?" Dann zog er eine kurze Pfeife aus der Tasche uub erklärte mir, daß er sie von einem Chauffeur bekomnren hckbe uitd daß er englischen Tabak zu rauchen pflege. Dann erzählte er mir, daß int „Carmen" eine Kellnerin namens Pepina beschäftigt sei, und fragte mich, ob er nicht mit mir in die Schule gegangen sei. Dann begann er von irgendeinem Dachshund zu sprechen, den ich, falls ich ihn kaufen wollte, .unbedingt färben und ihm die Füße ein wenig verdrehen müßte. „Sie verstehen also etwas von Hunden?" fragte ich erfreut. „Freilich! Ich habe doch schon selbst Hunde verkauft und hatte dadurch auch schon eine Geschichte bei Gericht. Eines Tages führte ich einen Boxer nach Haust, als mich plötzlich ein Herr aus der Straße stellte und behauptete, baß das sein Hund iväre, der ihm angeblich vor zwei Stunden verlorengegangen sei. ,Wieso wissen Sie, daß es Ihr Hnnd ist?' fragte ich ihn. ,Jch weiß es, well er Mupo heißt. Komm her, Mupo!' Sie können sich gar nicht vorställen, rvie glücklich mein Hund an ihm empvrsprang. ,Bosko!' rief nun ich. ,Pfui, Bosko!' Und da sprang er wieder glücklich an mir empor. Es war ein kleiner Dummkopf. Das schlimmste bei der Sache war, daß ich bei Gericht vergaß, daß ich ihn damals Bosko gerufen hatte. Aber er hörte auch auf den Namen Bubi und gebärdete sich nur gegenüber immer gleich glücklich. — Soll ich mich nach irgendeinem Hund umsehen?" „O nein! Schimek. Mein Geschäjt soll reell betrieben rverden. Wir wollen erst auf einen Käufer warten, und unterdessen wollen wir in der Zeitung die Inserate der Rubrik Mermarkt' Nachlesen, um zu ivisse», wer etwas verkaüft und welche Rasse von Hunden. Sehen Sie, hier will eine Frau wegen■; Raummarkgels einen einjährigen weißen Spitz verkaufen. Sind denn Spitze so groß, daß sie einem so sehr im Wege sein können? Gehen Sie also in die Schallgasse und kaufen Sie ihn; ich gebe Ihnen hier zehn Mark." Er verabschiedete sich von mir mit der Versicherung, daß er so bald wie möglich wiederkäme, kaut aber erst nach drei Stunden — und in was für einem Zustand! Den harten Hut bis über die Ohren gezogen, torkelte er von einer Seite aus die andere, wie während eines heftigen Schneesturmes auf einem Schiffsverdeck. In der Hand hielt er krampfhaft einen Strick, den er hinter sich Herzog. Ich sah noch dem Ende des Strickes. Doch es hing nichts daran. „Nun — wie — gefällt —- er — Ihnen — ein feines Stück, nicht? Bin — ich — nicht schnell — zurück (er stieß auf und rempelte gegen die Zimmertürv) — Schauen Sie sich nur eirunal — seine Ohren an — So komm doch, Ochse — der stellt sich aber sein an — wie? Sie wollte ihn gar nicht verkaufen —" Da wandte er sich um und erblickte das leere Ende des Stricks. Seine Äugen traten aus den Höhlen, und er nahm das Ende irr seine Hand, befühlte es und sprach aufstoßend: „V — vor einer Stunde, w — w — war er noch dran..." Er setzte sich auf fett Stuhl, fiel gleich hinunter, mck an meine Füße geklammert, sich wieder ausrichtend, sagte er triumphierend, als ob er ttwas Herrliches entdeckt hätte: „Er ist uns scheinbar davongelaufen." Cr warf sich ans den nächsten Stuhl und begann zu schnarchen. So trat er seinen Dienst bei mir an. Ich blickte aus dem Fenster auf die Straße hinaus. Dort in dem Trubel liefen verschiedene Hund« herum. Es schien mir so, als ob ein jeder zu.verkaufen wäre. Der Mensch neben mir schnarchte fürchterlich.. Ich versuchte ihn zu rvecken, in der fixen Idee, daß irgendeirr Käufer komme, der nicht nur einen, sondern ein ganzes Dutzend Hunde kaufen wolle. Es kam jedoch keiner, und es toar vergebliche Mühe, Schimek zu rocckerr. Das einzige, rvas ich erreichte, war, daß er vom Stuhl hinunterpurzelte. Nach drei Stunden raffte er sich endlich auf, und seine Augerr reibend, sagte er mit krächzender Stimme: „Ich glaube, ich habe irgend etwas Schlimmes arrgestellt!" Er fing an, sich an die einzelnen Detalls zu erinnern, erzählte von dem Spitz, wie schön er gewesen und roie billig er ihn von der Frau gekauft hätte. Er mußte ihr bloß vier Mark dafür geben, weil er ihr versicl-erte, daß er in die besten Hände käme. Dann erzählte er, daß der Hund keinesfalls mllkommen rvvllte und ivre er ihn deshalb verdroschen habe. Dann ging er plötz» lich auf ein anderes Thema über mtb erzählte, daß er einen bekannten Gastuürt hätte, bei dem er sich eine Weile aufgehalten habe. Er traf dort einige seiner Bekannten. Man trank ein wenig Likör und Wein. Der Mensch ist ein sehr schwaches Geschöpf. „Nun, gut," entgegnen ich „Wie Sie sich rwch erinnern werden, bekamen Sie von mir beim Fortgehen zehn Mark. Geben Sic mir also den Rest zurück." Er wurde nicht im geringsten verlegen: „Eigentticksollte ich Ihnen den Rest zurückgebe«, doch wollte ich Ihn eil eine Freude bereiten und hielt mich bei einem Bekannten auf und gab ihm eine Anzahlung von drei Mark aus einen jungen Hund. Er hat nämlich eine so merkwürdige und interessante Hürrdin, welche gerade trächtig ist. Wir find begierig, was sie für eine Rasse ioerfen tvird. Das Wichttgstc ist, daß die Jungen schon alle bestellt sind. Dann ging ich beim Püiark vorüber; dort gibt es ein herrliches Kaninchen zu verkLuse».. „Aber bedenken Sie nur, lieber Schimek, daß ich kein Kaninchengeschäft habe." „Habe ich denn von Kaniruhen gesprochen? Das ist ei» Irrtum. Ich wollte sagen: Eine schottische Schäfer- Hündin. Die ist ebenfalls trächtig, aber dort habe ich keine Anzahlung auf die Jungen gegeben, sondern nur drei Mark als Anzahlung aus, bie Hündin; die Jungen behält der Besitzer, und die Hündin holen lvir uns ab, bis sic die Jungen geworfen hat. Dann ging ich durcb die Kronengasse.. „Ta hatten Sie ja schon kein Geld mehr...?" „Ganz richtig, da hatte ich schon gar kein Geld mehr boi mir. Hätte ich noch Geld gehabt, so hätte ich bei einem gewissen Herrn Novak einen großen haarigen Hund kaufen können, uitb ich würde ihm auch eine Anzahlung gegeben haben, oamit er ihn zu unserer Verfügung bereit halte. Jetzt will ich mich auf die Beine machen und in die Schulgasse gehen. Der Spitz, der mir enttvischt ist, ist gewiß unterdessen nach Haufe zurückgekehrt. In einer Stunde bin ich wieder mit ihm zurück." Diesmal hielt Schimek Wort. Er kehrte noch vor einer Stunde zurück, unb zwar vollständig nüchtern und ganz abgehetzt. Zu meiner größten Ueberraschung schleppte er einen schwarzen Spitz hinter sich her. „Sie Unglückswurm!" rief ick) aus. »Die Frau in-' serierte doch, daß sie einen weißen Spitz zu verkaufen habe." Eine Welle blickte er bestürzt auf den Hund urrd lief dann, ohne ein Wort, plötzlich wieder mll ihm hinaus. Nach einer Weile kehrte er mir einem fürchterlich schmutzigen, kotbefpritzten, weißen Spitz zurück, der sickganz wild gebärdete. „Es mar ein Irrtum," sagte Schimek. „Die Frau in der Schulgasse hatte zwei Spitze zu verkaufen: einen weißen und einen schüvarzen. Die hatte aber eine Freude, als ich ihr den schwarzen wieder zurückörachte!" Ich betrachtete die Marke des neuen Spitzes. Es war eine Vorstadtmarke. Mir war beinahe weinerlich zumute, doch beherrschte ich mich. (Schimek nahm unterdessen die Marke herunter mit der Bemerkung, daß sie gefährlich rverden könnte.) In der Nacht weckte. mich ein Scharren au der Türe. Ich öffnete, und der schvarze Spitz, unser Bekannter eines halben Tages, stürzte mit freudigem Gebell ins Zimmer. Vielleicht war ihm bange nach uns gewesen oder hatte er einen zu weiten Weg bis nach Hause. Sei es, wie es sei! Nun hatte ich bereits zwei Hunde itttf brauchte nur noch Käufer. ' 4. A>n Morgen um zehn Uhr trat ein Käufer ein. Er sah sich in der Wohnung um, indem er die Frage stellte: „Wo haben Me also Ihre Hunde?" „Ich habe keinen zu Hause, außer diesem schwarzen und weißen Spitz. Diese beiden, rvelche von Herrn Erzherzog Ferdinand bereits bestellt füll», richte ich gerade ab. Meine Hunde habe ich alle draußen auf dem Lande, weil ich die gute Luft für zuträglich halte' und sie dort vor Ungeziefer und Blatternarben geschlitzt sind, vor denen sie in der Stadt selbst der sorgsamste Hund,' Händler nicht bewahren kann. Das Prinzip unseres khnologischen Instituts ist es, unseren Hunden die Möglichkeit eines freien Herumlaufetts zu verschaffen, und dort draußen, rvo wir unsere Hundestätte haben, treibt sie mein Diener morgens ins Freie hinaus, und sie kehren nicht vor Abend heim. Das hat außerdem den Vorteil, daß sich die Hurrde an Selbständigkeit gerllöhnett, denn sie müssen sich tagsüber allein ihre Nahrung suchen. Wir haben zu diesem Zwecke große Revier« gemietet, wo sie sich vou Tieren jeder Art nähren können, und Sie sollten nur einmal sehen, une komisch es ist, wenn solch ein kleiner Zwergrattler einem Hafen nachjagt." Dern Herrn schien das recht gut zu gefallen, denn er nickte beifällig mit dem *Kopf, indem er sagte: „Sie

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