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Wiener Morgenzeitung · 1927-01-01 · Heft 2818 (1.1.1927) · p. Seite 9

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
9 (1927)
Issue
Heft 2818 (1.1.1927)
Date
1927-01-01
Page
Seite 9 (sequence 9)
Language
German
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?h\ 2818 Wien, Samstag Wiener Morgenzeiwng 1. Jänner 192? Seite 9 Das Buch der Zeit LITEB ATURBEILAGE DER .VHETSTER MORGENZEITDUO B»S Sch»»spirlrra »nö ihrer KuM. tzuliris Bab: „Schauspieler und Schauspielkunst". (Verlag Oesterheld u. Co., Berlin.) Aus dem .Schutzumschlag, recht durcheinander geschüttelt, eine tüchtige Zahl von Lichtbildern der beliebtesten Schauspieler und Schauspielerinnen. Dieses Aushängestbssd ließe auf biographische Skizzen, Bühnentratsch, Interviews, Kulissenraportage schließen. Aber es steht ganz 00:1t das Wort „Bab", und tatsächlich enthält der starke Band nicht, was der reißerische Umschlag verheißt. Keine KommerMder des Luxusphotographen, der dem Publik'un die Lieblinge des Dheaters im Kostüm, im Boudoir, am Stammtisch und beim Rollenstudium naheüringt, keine Photographien und Filmstreife::, sondern tatsächlich Porträts, von einem markigen, charaktervollen und denkenden Künstler entworfen. Schade nur, daß man das Wort „entworfen" anwenden mußte. Denn es fehlt diesen ganz außerordentlichen Porträts, was bei geschriebenen Menschenbildnissen und besonders bei Künstlerbikdnissen erforderlich ist: sie'sind nachlässig, flüchtig geschrieben, es fehlt die letzte, bei manchen Stücken sogar die vorletzte Feile, und diesen tatsächlich eindeutigen, in der Konzeption und vergleichenden Gegenüberstellung tielfgründigen Darstellungen wäre sorglichste, bis auf das kleinste Bindewort gemünzte Sprache zu wünschen gewesen. In dem Gedenkblatt für Willy Hand l, den verstorbenen Wiener Freund und Mitarbeiter Babs, diesem herzhaften Erinnerungsblatt, welches auch Julius Bab, dem Menschen, ein Denkmal setzt, gibt Bab das Selbstbekenntnis ab, daß ihm die Reinheit, Sicherheit, Festigkeit, Schönheit der äußeren Form nicht in dem Maße gegeben sei, wie sie sein toter Freund besaß. Gleichwohl ist die Lektüre dieses bezwingend sachlichen und lebendigen Buches für alle Kunstfreunde ein seltener Genuß. Me weit entfernt Babs Werk von der sonrnalistifchen Tagesplauderei ist, wie er seine Aufgaben formuliert und seine Kunstkritik produktiv zu gestalten sucht, entnehme man aus einigen Ueberschriften der Kapitel seines neuesten Buches: „Wegener und Durieux, oder der östliche Einschlag." — „Jannings und Klopfer, oder Leib und Seele." — „Schildkraut und Granach, oder ostjüdische Generationen." — „Orska, Bergner, Massary, oder Stoff, Form,. Meisterschaft." Die Abschnitte über Bassermann und Pallenberg geben tiefsten Einblick in das Schaffen dieser Großen, wertvoll auch für die Künstler selbst, denn Bab zeigt die Grenzen ihrer Kunst auf. (Was Bassermann betrifft, finden wir eine in diesen Blättern vertretene Meinung bestätigt, daß nämlich der Besitzer dos Island-Ringes kein idealer Darsteller klassischer, insbesondere Schillerscher Gestalten ist.). Es gibt in diesem Buche keine Seite, deren Inhal nick' wesevbaft wäre, keinen Vergleich von schauspielerischen Persönlichkeiten, der den Leser nicht zwänge, innezuhalten und den Weg, den Bab weist, in Gedanken weiterzugehen. Ganz meisterlich scheint uns insbesondere die vergleichende Gegenüberstellung von sechs Darstellern des Shylock zu sein. Erfreuliche Feststellung dieses Berufenen,' mit einer Fülle von Beispielen belegt, gegen welche die jetzt so beliebten Unkenruse nicht aufkommen: In der Zeit nach dem Weltkriege sind viele, hoffnungsvolle und eigenartige Theaterbegabungen aufgetaucht. Bab ist sich dessen bewußt, daß das echte, naturhafte Talent in allen Bereichen eine gar seltene Sache ist, und darf schließlich doch resümieren, die Gegenwart verfüge über eine schauspielerische Generation von ungewöhnlichem Reichtum' des menschvndarstellerischen Talents. Dabei ist Wien von Bab nicht berücksichtigt. Es fehlt ihiu ja diesmal Handl, der kongenial^ Wiener Mitarbeiter. Die Pünkösdy ist erwähnt und Lilly Marberg, die er in einer Keinen, feinen Betrachtung zu den „Entfesselten" zählt, und die großen österreichischen Begebungen Edthofer und Hedwig Keller, die doch eine Zeit lang in Berlin wirkten, hätte er nicht übersehen müssen. Aber auf Vollzähligkeit macht diese prachtvolle Porträlsammlung keinen Anspruch, und sie entstand nicht, um durch eine „erschöpfende Darstellung der zeitgenössischen Schauspielkunst" erstaunen zu machen. Bab ist kein gelahrter Professor, sondern ein begeisterter Liebhaber des Dheaters. Die Bedeutung der Männer und Frauen, die auf der Bühne wirken, zu erkennen und sich ihrer Kunst hinzugeben, ist chm Lebensfreude. Als Motto setzt er seinem neuen Buche die Worte Alfred. Polgars voran: „Das zweithöchste Glück her Erdenkinder ist die Persönlichkeit des anderen." O. A. G. K. Chestertons neuer Roma» „Menschelltilld" Uegl in einer sehr geschickten und gut nufgernnchten Uebersetzung des Musarion-Verlage's, München, vor. Ein anderes Werk von G. K. Ehesterton, daZ. sechs seiner besten Kriminal-Erzählungen unter dem Titel „Ein Pfeil vom Himmel" vereinigt, ist soeben im Verlag ..Di« Schmiede" Berlin, hernuögekommen. VON BÜCHERN, DICHTERN UND VERLEGERN. 6itt Wiener Bach. Anton Wlldgans: Wiener Gedichte (mit Zeichnungen von Ferdinand Schmutzer). F. G. Speidelsche Verlagsbuchhandlung, Wien und Leipzig. Vor allem: Ein wunderschönes Buch. Schmutzers Radierungen aus dem alten Wien, aus dem versinkenden neueren, geruhsam-bürgerlichen Vorstadt-Wien, im Filmdruckversahren vervielfältigt und auf ausgezeichnetem Papier abgezogen, gehören zu den besten Kunstdruckprodukten. Anordnung des Satzes der Gedichte, der reine, klare Druck selbst, die Umschlagszcichnung und das Format — alles zusammen ergibt den Vollklang eines Wiener Werkes von Kultur und Anmut. Und es erscheint zur rechten Zeit,- denn die Gedichte, welche aus früheren lyrischen Werken Anton Wildgans' herausgchoben sind, gelten dem Wien, das vom Technismus noch nicht überrumpelt war, in welchem die Pferde noch nicht auf das Au-sterbe-Etat gesetzt, die stillen Plätze noch nicht durch Autohupe und Motortzeratter aufgescheucht, die alten Bürgerhäuser mit den hochgiebeligen Dächern noch nicht demoliert waren: „Keuchende Pferde stampfen schwer geschirrt, die Achsen ächzen, und das Pflaster klirrt", singt Wildgans von der Lastenstraße, die jetzt nur mehr „Kraftwagen" erschüttern, und: „Irgendjemand hat den Grund erworben, wo sich bald ein neues Haus erhebt, doch im alten habe ich gelebt, und mein Vater ist darin gestorben." Abschied vom Wien der Väter. — Man wird dieses Buch auch außerhalb Oesterreichs lieben. —s. iuic Musikbücher. Im Verlag „Bücher der Heimat", Altötting, sind Biographien Schuberts und Bruckners aus der Feder des Wiener Musikgelehrten Alfred Orel erschienen, welche den Vorzug gedrängter Kürze mit Sachlichkeit des Inhaltes und Volkstümlichkeit -der Darstellung verbinden. Orel bemüht sich, die Künstler aus ihrer Zeit heraus und aus der musikalischen Land'chaft, aus der sie erwachsen sind, vor dem Leser erstehen zu lassen, und die gleiche dankenswerte Anschaulichkeit belebt die Einleitung zu seinen kürzlich im Wiener Verlag Hart leben erschienenen „Wiener Musikerbriefen aus zwei Jahrhunderten". Von Mozart und Gluck bis zu Hugo Wolf und Gustav Mahler legen vier Tondichter, die von Wien dauernd oder vorübergehend gefesselt wurden, Selbstbekenntnisse ab. Dank der menschlich eigenartigen Sphäre der Briese in Inhalt und Ausdruck und nicht zuletzt infolge des im Laufe der Generationen allmählich wechselnden Briefstiles vermögen auch musikalische Laien diesen Zeit- und Kunstdokumenten Interesse abzugewinnen. Ueber „Grundfragen oes Musikhörens" veröffentlicht Hermann Stephani im Verlag Breitkopf und Härtel eine derzeit aktuelle, in verschiedenen Einzelheiten anfechtbare Broschüre, welche die Frage nach der Art der Beziehungen der Intervalle zueinander auswirft, ohne sie beantworten zu können. Usbrigens ist auch eine vorbehaltlose Entscheidung darüber, ob man den wirklichen Klang der Musik objektiv erfaßt, oder ob nur subjektiv oie Klänge aus der Klangphantasie oes Tondichters in der Tonvorstellung des Hörers neu erstehen, gar nicht jenseits der Tonpsychoiogie möglich. Ms weiters die Gefahr der Atonalität und ihrer Reform- Notenschrift anbelangt, so sieht der Autor die Dinge wohl viel schwärzer als sie sind, wenn er auch mit keiner Ansicht grundsätzlich recht hat: „Der Atonalismus ist als relativer in hohem Maße fähig, die Kunst zu bereichern; zum absoluten Prinzip erhoben, ist er ihr Tod." flb. Klaus Mann, der bereits berühmte Sohn seines berühmten Vaters Thomas Mann, hat bei seinem Verleger Gnoch in Hamburg ein neues Buch, .Kindernovelle", erscheinen lassen, das eine Art Idylle und Liebesgeschichte ist und in dem sich, wie in den bisherigen Büchern Klaus Manns, der Geist „der jungen Generation" verrät. NEUERSCHEINUNGEN. Josepha Kraigher-Porges: Lebenserinnerungen einer alten Frau. 1926. Verlag Grethlein u. Eo., Leipzig-Zürich. Eine Kindheit im Kärntner Dorf. In Arbeit, sonnigem Spiel und frommem Kinderglauben verfließend. Kein spannendes Buch, aber eines für die Muße, das in anziehender, feingestrichelter Wesensart Landschaft. Menschen, Seelen, Empfindungen rückschauend gestaltet. Es gibt kluge Sätze in den Buch, wie: „Wenn du auch das allerschönste Hochdeutsch sprechen könntest, immer würde deine Heimat... in deiner Sprache mitklingen." Und wer mit Liebe liest, wird viel Liebe in diesem altvaterisch scheinendeu, aber echten Buch finden. —h. Karl Teller: Altneue Menschen. Ein Judenroman. Verlag Dr. R. Färber. Mährifch-Ostrau, 1926. Karl Teller, ein junger jüdischer Mittelschullehrer, hat seinen Roman, wohl die Erstlinge feines poetischen Schaffens. Martin Buber zugeeiiqnet, ,Hem wahren Lehrer der Jugend". Mehrmals begegnet uns denn auch auf den Blättern der RomanbaiMung selbst der Name Martin Buber, — an Stellen, die bedeutsam und für die seelische oder geistige Haltung dieser ,/altneuen Menschen". Ein Ausschnitt aus dem Leben Mischer Jugend, künstlerisch gesehen und künstlerisch gestaltet, mit einem starken Einschlag erotischer Problematik und intelle^tualiitischer Dialektik. schwebt der Roman Tellers Mischen der Sbbäro ..reiner" Kunst und „reiner" Tendenz. Der tatsächliche Gebens- 'md See'enkämpf unsrer ftwertb — die territoriale Begrenzung wirkt mit als landschaftlich künstlerische Nuance —> ist genügende Rechtfertigung auch für diese Komplexe Schaffens¬ und Kunstart. Es spricht für die innere gehaltene Kraft des Antors, daß er mit alltäglich Realistischem. Nüchternem seinen Roman eiiiiciict uiid Schritt für Schritt ihn plastisch wie architektonisch zu einer Steigerung und einer Höhe der Charaktere und Situationen heraufzuführen vermag, die unS bis zum Schluß in Spannung hält. ' B. T. Werner Sombart hat seiner groß angelegten „Geschichte des modernen Kapitalismus" einen dritten (Schluß-) Baud angefügt, in dem er das Wirtschaftsleben im Zeitalter des Hochkapitalismus behandelt. „Sisre Eschkol u/fchocharuth" heißt ein neuer Bücherkatalog des Verlages Eschkol in Berlin; er ist ein bemerkenswerter Schritt in der Entwicklung der Werbung für das hebräische Buch. Die angezeigten Bücher sind lefenAvert. Sind ja darunter die ausgezeichneten Werke von Jakob Klatzkin („Schkiath hachaiim", „Sutoth", „Anthologie der hebräischen und arabischen Philosophie in hebräischen Uebertragungen" und „Mifchnath rischonim". Eine Anthologie der anttken Philosophie"), die Monographie von Sank Tschernichvwskt über „Immanuel Haromi" und des letzteren „Machberoth", herausgegeben von Ehaim B r a u d c. Das dreibändige Werk von Simon Bernfeld „Sefer hademaoth" ist eine erschütternde Darstellung der Pogrome. Der Katalog zeigt ferner Bücher von H o r o d e tz k h, B aruch, Tawidson an, sowie die große Enzyklopädie des Judentums, die in zirka 15 Bänden erscheinen wird. „Kirjath Sepher". Die Vierteljahrsschrift der jüdischen National-' und Universitätsbibliothek in Jerusalem „Kirjath Sepher" ist diesmal als Doppelnummer in erhöhtem Umfange erschienen. Die Nummer enthält wie gewöhnlich Nachrichten der Bibliothek,-eine Bibliographie der Palästinadrucke und der Neuerscheinungen auf dem Gebiete der Judaistik, sowie Studien von I. L. Fleischer, O. Sasson. I. R i v k i n d, I.. S o n n e und andere. Außerdem enthält das Heft zwei Drucke aus den Handschriften der Bibliothek. — G. Schalem ediert „Das Buch der Palme" des Abn Aflah von Syracuse auf Grund der in der Bibliothek vorhandenen Handschrift unter Vergleichung mit der Pariser und Müchner Handschrift und B. Dinab urg veröffentlicht Briefe von B. I. Rappaport aus der Zeit seines Prager Aufenthaltes. — Dis Zeitschrift ist durch die jüdische National- und Universitätsbibliothek in Jeru'a^em erhältlich. Der Abvnnementspreis betragt 10 englische Schilling jährlich BÜCHEREINLAUF. Prof. Dr. Wilhelm Altmann: Otto Nicolsi, Briefe an seinen Vater. Verlag Gustav Bosse, Regensburg. Martin Andersen Nexö: Schwarze Erde. Verlag Philipp Reciam jun., Leipzig. Franz Blei: Leben und Traum der Frauen. Verlag. Gebrüder' Paetel, Berlin-Leipzig. A. E. Brehm: Kreuz und qu-er durch NordostafrUa. B erlag Philipp Reclam jun.. Leipzig. Von Constantin Brunner und seinem Werk. (Veröffentlichung der Constantin Brunner-Gemeinschaft), Verlag Gustav Kiepenhaucr, Potsdam. A. v. Le Coq: Auf Hellas Spuren in Ost-Turkestau. I. T. Hinrich'sche Buchhandlung. Leipzig-. Dr. Lauko: Die jüdische Musik (aus dem Original übersetzt durch Frau Gisela Aranyi. Bratislava). Dr. Fritz Löwenstein: DaS jüdische Palästina. Herausgegeben von den Direktorien des Keren Kajemeth Lejisrael und Keren Hajessod. Jerusalem. Hugo Marti: Rumänisches Intermezzo. Versag A. Francke A. G., Bern. S. Wininger: Große j-üd-ische National-Mographie (2. Band). Buchdruckerei „Arta", Cernauti. „Die Kreatur" (heransgegeven von Martin Buber. Joseph Wittr'g und Viktor von Weizsäcker). 3. Heft, 1926.Berlaa Lambert Schneider. Berlin. . Von den Meisterromanen u. Novellen Jinaiote ürance sind nur mehr ganz wenige 3fkervf. $on»CeinenAäniie m. reichster Goldprägung «um* 9meise van nur i Bücherschwemme R.Löwit Wien, I., Rotenturmstr. %% vorrätig: Der Brunnen von Santa Clara. Die Perlmutterdose * Die Sehnsucht des Johann Seroien Der Aufruhr der Engel Auf dem weißen Felsen Blaubarts sieben Frauen Die Götter dürsten Bratküche zur Königin Pedauque Clio Komödiantengeschichten

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