Mannheim
Compact Memory

Wiener Morgenzeitung · 1927-01-01 · Heft 2818 (1.1.1927) · p. Seite 7

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
9 (1927)
Issue
Heft 2818 (1.1.1927)
Date
1927-01-01
Page
Seite 7 (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
91% known words query
IRI
…/2979076-2981905-2981906--28633-3016686
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

3 entity mentions

Nr. 3818 Wien, Samstag 4. FSnner IM? wie«« Mvegen-ettmis JÜDISCHE WEIT SIoeMlcheHaurM»ugdekSSrftl««adji»IS. . Aus Warschau wird uns berichtet: Die hiesige jüdische Gemeinde besitzt in der Nowolipkigasft 52 ein Haus, das ihr im Jahre 1918 von de« Fürstin Radziwill geschenkt wurde. In der Schenkungsurkunde erklärte die Fürstin, daß sie dieses Haus der jüdischen Gemeinde aus Dankbarkeit und Anerkennung für die Dieliste widine, welche die Juden ihrem Vater, gleichfalls ein Radziwill, leisteten, wie auch als Ausdruck des Mitleids u nd Protestes gegen die Verfolgungen, welche die Juden in den ersten Jahren nach Polens Befreiung auszustehen hatten. In dem notariellen Schenkungsakt stellte die Stisterin bloß die Bedingung, daß in dem genannten Hause, das sich in der Nachbarschaft einer Kirche befindet, eine jüdische Erziehungsanstalt errichtet werde. Acht Jahve sind seither vergangen, aber die frühere Gemeindeverwalkung hat nichts unternommen, um das Stiftungs- Haus der Fürstin Radziwill auch wirklich in den Besitz der Gemeinde zu übernehmen. Angeblich wurde das deshalb versäumt, weil sich in dem Stiftungshaus eine Anzahl christlicher Anstalten befinden, die unter Patronanz der katholischen Diözese stehen und man in jenen unruhigen Jahren aus Angst vor unliebsamen Folgen die Uebernahme des Hauses nicht riskieren wollte. Das Haus gehört rechtlich der jüdischen Gemeinde, wird aber von der Pfarre verwaltet. Nunmehr beschloß der Vorstand der jüdischen Gemeinde, das Stiflungshauä endlich auch faktisch in den Besitz der Judengemeinde zu übernehmen. In den über diese Frage mit den Leitern der im Hause untergebrachten christlichen Anstalten gepflogenen Besprechungen anerkannten diese wohl das Besitzerrecht der jüdischen Genreinde, doch erklärten sie es für ausgeschlossen, in dem der jüdischen Gemeinde tzehörenden Haus eine jüdische Erziehungsanstatt zu errichten, ha dies mit Rücksicht auf die Nachbarschaft der Kirche zu unerwünschten Folgen führen konnte. Die Kirche erllärte sich übrigens bereit, der jüdischen Gemeinde ein gleichwertiges Haus in Tausch zu überlassen, doch konnte die jüdische Gemeinde dieses Anbot ohne Zustimmung der Stifterin, Maria Radziwill, welche noch am Leben ist mrd im deutschen Teile Ober- Wesiens wohnt, nicht annehmen. Die Verhandlungen hierüber nrit der Stifterin sind im Zuge. ■BBBBBBBBBBBBBIiBBBflflBniBnnKBB!llBBnBBflBBID OEST. PATENT CL“FII D* «.-PATENT Das Elastische fllßkissen, ideale Schuheinlage beseitigt sofort FuS-Ermüdungssdimerzen, Sohlen- | Bei Postbestellung brennen und Plattfußbeachwerden Schuhnummer angeben APOTHEKE, Wien, 11.. Ennsfiasse 23 Reue Walsenfiedlungen in HalWma. Auf Initiative des bekannten Pädagogen, Dr. Siegfried Lehmann, des früheren Leiters des Kownoer Kinderhauses, hat sich vor einigen Monaten die Gesellschaft jüdische Waisenhilfe E. B." in Berlin gebildet, die sich die Errichtung einer Jugendsiedlung für Waisenkinder in Palästina zum Ziel gesetzt hat. Auf Grund der pädagogischen und sozialen Erfahrungen, die Dx. Lehmann bei seiner Arbeit in Litauen gesammelt hat, soll in. Palästina eine Kindersichlung entstehen, die bei voller Berücksichtigung der modernen psychologischen Erziehungsmethoden, vor allen Dingen auch die landwirtschaftliche und handwerkliche Ausbildung der Waisenkinder fördert. Der Jüdische Nationalfonds hat für die Zwecke der KindersiHlung das ftühere BersucPgut von Ben Schemen zur Verfügung gestellt. Diese zum Teil ausgebaute Farin ist sehr günstig gelegen und hat ein sehr gutes Klima. Nachdem bereits im Sommer eine Kindergruppe nach Palästina überführt worden ist, wird zu Anfang des nächsten Jahres mit der Ansiedlung einer zweiten Kindergruppe aus Kowno begonnen werden. Dem Zentralkomitee in Berlin (Sekretariat Berlin W. 50, Passauerstraße 24) gehören u. a. an: Frau Prof. Albert Einstein (Vorsitzende), Max Brod, Martin Bub er, Frau Bankdirektor Fehr,. Frau Lola Hahn- Marburg, Frau Siegfried Hirsche Halberstadt, IUTHAG0N Vorzügliches Präparat gegen alle durch Gallensteine Ä£” Bestens bewährt auch gegen Magendruck, Aufstoßen u Uebelkelten infolge Magenüberladung. Aerztllch erprobt und begutachtet Erhältlich m allen Apotheken! Preis pro Plasche 8 4.80. — Erzeugung: Alte Feldapotheke, Wien, I. Stephaosplata a ObermagistratsratDr. Ollendorff, Rabbiner Dr. Warschauer. Landeskomitees bestehen in der Tschechoslowakei, in Litauen und in Holland. BernachMfftguW des Grabes von Mendeke Mayer Skorim. In der Mischen Presse Soivjetrutzlnnds wird Klage darüber geführt, daß das Grab des „Großvaters der jüdischen Literatur" Mendole Mocher Sforim in Odessa völlig verwahrlost und nahezu dem Verfall anheim gegeben ist. Die Erbitterung hierüebr ist um so größer, als ja in Odessa und auch in anderen jüdischen Städten Rußlands eine Anzahl tü di sch er 'Kult n ran st alten auf den Namen Mendeles gegründet wurden und fortbeftehen. Da» Grab ist vis heute noch nicht einmal durch ein Grabmal bezeichnet. ES wird die Hoffnung ausgesprochen, daß dieser unverantwortlichen Pietätlosigkeit binnen kurzem ein Ende bereitet werden wird. Sine Derezgaff« kn einer polnische« Stadt. Der Stadtrat von Belechatow in Polen» beschloß auf Antrag der jüdischen Stadträte, eine Gasse der Stadt nach dem verstorbenen jüdischen Dichter I. L. P e r r z zu benennen. Ein neues ziouiftilchss Blatt in der Bukowina. In Czernmvitz erscheint unter der Leitung des in allen zionistischen Kreisen geschätzten Dr. Manfred R e i f e r, ein zionistisches Wochenblatt in deutscher Sprache unter dem Titel „Neue jüdische Rundschau". Das neue Organ, das sich sehr gut repräsentiert, wird dem zionistischen Gedanken neue Freunde werben. Dafür bürgt die Persönlichkeit des Herausgebers. sduoatnQüassfn ßfohat \34a KMMLLKÄ. WLÄSÄ ^^munaäbe ndscHuhe 0&l> Copyright by B. Piper * Co., München. 1987. (10. Fortsetzung«) . S>ie {Beichte eines Juden Von Seanidl @vossm*mn. SKcrausgegeben von diene dulöp-SffCiliei und Friedrich Gckslclm „Das schreckliche Kettenklirren, die vielen der zur Hälfte rasierten Köpfe, die das menschliche Antlitz verunstalteten, die ungeheuren Scheunen, von denen jede einzelne fünfhundert Leute beherbergte, alles das brachte mich um meine Fassung, obwohl ich aus dem Gesängnisgebäude gekommen war, welches, was Reinlichkeit und hygienische Erfordernisse betrifftalles eher als musterhaft war." Diese bedrückenden äußeren Bedingungen verblaßten aber angesichts der neuen moralischen Folter, die Kowner bevorstand. Als er von Moskau abtransporliert wurde, mutzte er sich der, für alle Arrestanten der steuerzahlenden Stände geltenden Vorschrift der Fesselung unterwerfen. Er hat in seinen Erinnerungen aus: dem Gefängnis eine atemversetzende Schilderung It'ffer Zeremonie hinterlassen; sie erinnert an die berühmte Stelle aus Victor Hugos Erzählung: „Der letzte Tag eines .Venirteilten", wo eine analoge Gefängnisszene davgestellt wird (Le ftrrage des forcats). , „Da ich wußte, daß den Arrestanten der steuerzahlenden Stände, bei ihrem Transport von Moskau nach Njischnij, Handfesseln an'gelegt werden, war ich aus allen Kräften bemüht, mich von dieser, mir schrecklich erscheinenden Qual und Schande zu befreien." Seine Bemühungen waren jedoch vergeblich. Die Beförderung der Arrestanten ging in durchaus schonungsloser Meise vor sich. „In Handfesseln!" Dieser Ausmf wurde bei der Uebernahme von Gefangenen am häufigsten laut. Es bedeutete, daß der untersuchte Häftling mit einem anderen zusammen in Handfesseln gelegt werden solle. Die Arrestanten durchschritten eine Reihe von Soldaten, die ihnen die eisernen Armfpangen anlegten. „Als die Reihe an mich kam, erbleichte ich auffallend. Der Verwaltungsbeamte der Gouvernementsbehörde sah, daß ich im eigenen Anzug, also ziemlich anständig gelleidet war, und hielt mich für eine» Privilegierten; sein an dem gleichen Tische sitzender Sekretär j.doch, der in der Präsenzliste nachgesehen hatte, tat den gewohnten Ausspruch: ,Jn Handfesseln!' Der Arzt sah mich, wie mir Wen, gewissermaßen zw'iselnd an; aber der die Eskorte'führende Offizier maß mich aus irgendeinem Grunde boshaft vom Kopf bis zu den Füßen mit den Augen und wiederholte mit lauter Stimme: An Handfesseln!' Das Herz erbebte mir, wankend trat ich von dem Tisch weg und wandte mich der Soldatmkette zu. Der unheilvolle Ausruf ,Jn Handfesseln' wurde nach mir in verschiedenen Tonarten wiederholt . . . Bebend trat ich zu dem mir folgenden Soldaten mrd streckte die Hand aus. Er legte mir einen Ring an und begann mit den Augen nach einem Arrestanten zur .Paarung' zu suchen. Es wurden nämlich immer zwei Menschen zusammmgefesselt: dem einen wurde der eiserne Ring an den rechten Arm angelegt, dem anderen an den linken, zwischen den Ringen befand sich eine Kette, die, nur einen halben Arschin lang war, wodurch das ,Paar' während der i ganzen Relle unzertrennlich blleb. Für einen Menschen, der! an 3b etwas nicht gewöhnt ist, bedeuWtWftv Me«« W e'me wahre Folter..." - Unterwegs wurden die Häftlinge beständig Durchsuch-mdgen unternwrscn, mitunter auch „Neufesfelungen", wie dies bei Kowner der Fall war. Sein Gefährte wurde sechz^ Werst weit von Moskau von der Partie abgetrennt, woraus Kolmin n'n beiden Händen gefessel wurde. In diesem Zustande wurde er, als Schwerverbrecher, an das Transportgefängnis in Njischnij abgeliefert, das ihm, selbst nach der Moskauer Gefängnishast, wie Dantes Holle erschim. Zum Glück war derAufenthalt hier uuvvqxübergehend. Bon dem Transpottgesangenenhaus in Njischnij wurden die Arrestanten in Barken auf ihre weitere Reise befördert. Der Aufenthalt unter dem Verdeck bedeutet ein enges, dunkles und erstickendes schwimmendes Gefängnis. Die Arrestanten wurden nur zu einem kurzm Spaziergang au? das Verdeck gelassen. Während dieser Ueverfahrt fand eiil charakteristisches Gespräch statt, über welches Kowner Be* richtet: „Als wir zu dem Spaziergang auf das Verdeck hinaus-, gelassen wurden, rief mich der Offizier, sobald er mich unter den Gefesselten mit den rasierten Köpfen, jedoch im! - eigenen Gewände, erblickte, zu sich und fragte ,Du bist wohl ein Handwerker?' ,Leider nur ein literarischer,' antworMa ich.» ,Was heißt das?'- fragte er mich erstaunt« - ich bin ein literarischer Handwerker," wiederHlde ich und erzählte ihm in kurzen Worten meine Vergangenheit- ,Wie kommt es denn, daß Sie nicht privilegiert sind?' fuhr er erstaunt fort. ,Leider verschafft das literarische Handwerk keinerlei Privilegien," sagte ich. ,Das ist insbesondere zur Zeit der Schüblingsreift bedauerlich ..fügte ich hinzu, und sprach zugleich auch meine Bitte aus, in die »adelige' Kajüte versetzt zu werden. i ,Gut, ich werde demerltsprechand verfügen,' sagte Ver Offizier und entfernte sich. Kaum waren fünf Minuten vergangen, als der Unteroffizier auf mich zutrat und mich aufforderteln die Adelst kajüte zu übersiddeln. Ich beeilte mich natürlich!, dürft Gnade auszunützen." Aus Perm, wo Kowner sechs Tage in einem Mappengefängnis zubrachte, wurden die Gefangenen in Troiken weiterbefördert; in jeder saßen sechs Mann. Diese Ueberfahrt fiel gerade in die heißeste Zeit, wo daS gleichzeitige Dahinrollen von fünf bis sechs Twiken ganze Mollen erstickenden Staubes auswirbelte. „Es kostet Mühe, sich die qualvolle Lage dieser unglücklichen Gefangenen vorzustellen, die, an Händen und Füßen geftsselt, zu sechs Mann eng gedrängt auf der Fuhre saßen und vom frühen Morgen bis Mm späten Abend von der Julisonne gebraten wurderr." ^Fortsetzung folgt.) M liMMMM! Oie Lammlungen bei Hochzeiten und Farailienfeierlich« keiten bilden eine wichtige Einnahmsquelle für den EREN K A I E N E T Gebt uns Namen und Ort solcher Feierlichkeiten unverzüglich telephonisch oder schriftlich bekannt Tel. 77-4-85 ti. 77-4-08

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.