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Wiener Morgenzeitung · 1926-12-30 · Heft 2816 (30.12.1926) · p. Seite 3

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
8 (1926)
Issue
Heft 2816 (30.12.1926)
Date
1926-12-30
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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St.3W« Nie«, Do«mrrt<>4 Wi«rsr MsesMMttW ZV. OMncker M8 Es 8 zwischen zwei jüdischen Mentalitättn zv ziehen, zwischen der des Ghettos und unserer. Das Ghetto sucht seine Rache. Verlästert durch die Schöpfer des Zionismus rückst sich das Ghetto, indem es zwischen uns seine scheußliche Tradition wieder ausrichtet, die Servilität vor „hautes counnissaires" und Ministern zum Beispiel oder in der Anbetung des Gwir (des Reichen), die ihre Verherrlichung in dem Projekt der „Erweiterung" der Jewich Agency findet. Aber von allem geistigen Geschtoüren, die die Seele des Ghettos vergifteten, ist die unseligste sicherlich die Vorstellung von der uns umgebenden Welt, als einer Welt von Räubern. Es ist gerade dies, was die Flüsterer wieder in die Seele der Zionisten cinträufeln wollen. Geboren in der tausendfachen Bitterkeit, genährt durch Jahrhunderte der Erniedrigung und der Tortur hat diese Auffassung, das Kind eines historischen Alpdruckes, die ungeheure Verlogenheit eines Nachtgespensbes. Wir weisen sie zurück, sie ist nicht wahr. Die Umwelt ist keine Welt von Banditen, der Kollektivname des Nichtjuden ist nicht Human, ist Sokrates und Pluto», ist Dante und Petrarca, ist Garibaldi, ist Rousseau, Voltaire und Hugo, ist Lincoln, Wilson und Balfour. Der Nichtjude ist so groß wie wir, vielleicht großer als wir. Er hat viel von unseren Propheten gelernt, aber er hat auch siine eigenen Propheten gehabt, rein und edel wie unsere. Wenn wir heute zivilisierte Menschen sind, verdanken wir es ihm. Er war es, der den modernen Staat vom Volke regiert, geschaffen hat, er war es, der die französische Revolution gemacht, die Sklaverei abgeschafft und uns aus dem Ghetto befreit hat. Es ist eine Schande, all das zu vergessen, nur des Vergnügens wegen, den angeborenen Instinkt des Zynismus und des Mtßtrauens zu befriedigen, der sich nur verschwägern kann mit Verzweiflung und Untergang. Kürzlich hat ein sogenanntes Mitglied der Exekutive, sogenannt", weil es nicht vom Kongreß gewählt ist, mit spöttischer Miene von uns gesagt, daß wir glauben, daß jeder Engländer ein Engel an Güte fei. ES ist merkwürdig, den Wechsel in der Verterdigungsfront unserer Offiziellen zu verfolgen. Gerade aus diesem Milieu wurde seit Jahren die Märe verbreitet, daß der Revisionismus antienglisch fei, daß er die Engländer aus Palästina verjagen wolle, daß er den Haß g e g e n alles^ was englisch heißt, predige. Wir haben die Legende demontiert und. nun werden wir des anderen Extrems beschuldigt. Zwischen diesen beiden gleich lächerlichen Extremen ist unsere Haltung der Mandatarmacht gegenüber die folgende: Nicht jeder Engländer ist ein Engel. Wir kennen Engländer, die uns nicht gefallen und werden das immer sagen, auch wenn diese Herren hohe Funktionäre in London oder Jerusalem sind. Wir behalten uns das Recht vor, joden Engländer ob engelsgleich oder nicht, zu kritisieren, der die Verwirklichung des Zionismus zu hmtertroiben sucht, möge erBecmrter, High Coimnissioüer oder Minister sein. Aber wir glauben an d i e englische Na ti o n ebenso, wie wir an die französische, italienische od« irgendeine zivilisierte Nation glauben. Wir glauben fest daran, daß ein Appell an die Gerechtigkeit, vor das Tribunal der öffentlichen englischen Meinung gebracht, ein aufmerksames und gerechtes Tribunal finden wird. Dieser Glaube ist die unerschütterliche Basis unserer Loyalität gegen England, unerschütterliche Loyalität, s olange sie auf Gegenseitigkeit beruht. Diesen Glauben an das Gewissen der zivilisierten Walt, an die Allmacht einer gerechten Sache hat H e r z l uns hiirterlassen. Auf diesen Glauben hat er unsere Außenpolitik begründet und der Zionismus wird fallen an dem Tage, an dem er diese Tradition vergißt. Wir bleiben ihr treu. ALTERTUM und NEUZEIT JOSEPHUS FL AVI US U. SVEN HEOIN BEACHTEN S IE unsere Prämienaktion 1 Tagesbericht. Sie Seelenfitenerei in Maria Lanzendorf. Gin Dankschreiben an die „Wiener Morgenzeitung". Wir erhalten folgendes Schreiben: Wien, am 28. Dezember 1926. Sehr geehrte Redaktion! Der Unterzeichnete fühlt sich veranlaßt, der „Wiener Morgenzeitung" für ihr publizistisches Wirken in.Sachen des »Jakob Klein mann innigst zu danken. Sie haben durch Ihre Aufsätze vom 17., 18., 19. und 20. Juni, und durch Ihre spätere Stellungnahme, die Aufmerksamkeit der jüdischen und nichtjüdischm Oeffentlichkeit auf diesen Fall der Taufe eines jüdischen K'ndes, das dem Kinderasyl Maria Lanzendorf anvertraut worden war, hingelenkt und hervorragend daran mitgewirkt, daß das Kind wieder zu seiner Mutter gebracht Ivurde, die innig nach dem Knaben verlangte. Wie in vielen anderen Fällen, Ivo cs sich nun Wahrung jüdischer Interessen in aller Welt handelt, sind Sie auch diesmal nachdrücklichund erfolgreich für die jüdische Sache eingetreten und sind dem Unterzeichneteu, dessen Schützling der Satanower Judenknabe war, in seinen verzweifelten Bemühungen, das Kind der Mutter zürückzUgeben^und^ die'. Zustände in dem unt j ü di sch e m Gelbe geförderten.Kinderasyl' von Märja Lanzendorf aufzudeckcn, hingcbend zur Seite gestanden. Ich bitte Sie hiemrt unt- Veröffentlichung dieser Zeilen. Sa^omvn Kupfer mann/ Steinet Maria flute gestorben. In Montreux, wo der Dichter zum Kur» «wfenöhalt weilte, ist Rainer Ma r i a R i kk e am 29. DöMmber, 68 Jahre alt, nach viettvöchU ger Krankheit gestorben. Das Zeitalter des Technismus ist arm an großen schöpferischen Lyrikern und mit Rainer Maria Rilke ist eine der größten lyrischen Begabungen der Gegenwart frühzeitig dahingegangen. Sprössling eines alten Kärntner Adelsgeschlechtes, lebte der junge Rilke als Jüngling in Prag, Möndchen, Berlin, durchwanderte Rußland, siedelte ein Jahr später in die Worpsweder Künstlerkolonie und . ließ sich dann in Paris nieder. Hier kam er durch seine Gattin, die Bildhauerin ist, mit Rodin in Berührung und nahm an dem französischen Geistesleben teil. So hat dieser deutschösterreichische Dichter auch fremde Kulturen, insbesondere die französische, kennen gelernt und sie bereichert. Rilke schrieb bekanntlich auch Gedichte in französischer Sprache und wurde darob von den Dentschnationalen chauvinistischer Richtung auf das heftigste angegriffen. „Der Türmer" und die Tagesblättep die ihn des Verrates am Deutschtum bezichtigten, konnten die überragende Handlung des großen deutschen Lyrikers nicht verkleinern. Sein bedeutendstes Werk, das (dreiteilige) „Stundenbuch", zählt zu den herrlichsten Werken deutscher Lyrik. Neben diesem Standardwerk Rilkes ist insbesondere „Die W'ise von Liebe und Tod des Cornets Christian Rilke" berühmt geworden und bis in das 300. Tausend gediehen. Von seinen Jugendwerken sind die,Hrvei Prager Geschichten", „Das Buch der Bilder" besonders hervorzuheben. Sehr fruchtbar war der Dichter in Herr letzten Jahren vor dem Weltkriege. In rascher Folge erschienen die Bände: „Neue Gedichte", „Requiem", „Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge" und „Das Marienleben". Dann folgte eine zehnjährige Pause, bis im Jahre 1933 Rilke durch eine köstliche Gabe: „Sonette an Orpheum" und dann durch die „Tüneser Elegien" erfreute. Hervorragendes hat Rilke durch seine deutschen Nachfchöpfungen französischer Werke geleistet. Eine tief religiöse Natur, ein Mystiker, hat Rilke die innigsten und klangvollsten Verse geschaffen. Er war ein Meister der Sprache, ein Eigentöner von tiefster musikalischer Wirkung. Rncht zweier palitifcher Gefangener ans dem Warfchnner Gesstngnis. Warschau, 25. Dezember. Gestern gelang es zwei kommunistischen Führern, Leon Pur man und Zdzislaw Zdiarski, aus den: .Gefängnis zu entfliehen. Während des üblichen Bormittagspazierganges im Hof des Gefängnisses am Pawiak sprangen plötzlich die beiden über die fünf Meterhohe Mauer, die überdies noch mit einem Stacheldraht versehen. ist, auf die Straße. Ein bereitstehendes Auto nahm die beiden Sträflinge auf und entführte sie, ohye daß es von der Wache oder von den Vorübergehenden eingcholt werden konnte. Die Gefängnislvächter schossen den Flüchtenden nach, trafen sie aber nicht. Leon Purman, unter den Arbeitern unter Biftritzlys Bekenntnisbuch. Zrr feine« Roman „Jaurtm w'lejloih". Die moderne hebräische Literatur hat eigentlich nach ketnen Roman hervorgebracht. Die frühere Dichtergeneration (Mendale, Schalom Alejchem) ist zunächst nur zur Hälfte hebräisch und schließlich hat auch sie keinen Roman im wesentlichen Sinne dieses Wortes geschaffen, sondern etwas, das bei fast restloser Schilderung des Galuthlebens doch des Hauptmerkmales eines modernen Romans entbehrt: der wechselvollen Handlung. Auch in Palästina gibt es noch keinen eigentlichen Roman: die herrlichen und einzigartigen Werke von Brenner sin-d vielmehr Autobiographien, Analysen des eigenen Ich. als Romane, obwohl das letzte Buch Brenners: „Schechol wekischalon" (etwa mit „Gescheitert und gestrandet" zu übersetzen) schon sehr deutliche Ansätze zu einem Roman enthält. Die Tatsache des Fehlens eines Romans und übrigens auch des Dramas in der neueren hebräischen Literatur ist aber gar nicht unerklärlich. Das jüdische Leben in den letzten Jahren, sowohl in der Diaspora, mit dem plötzlich aufstrebenden Zionismus und der fortschreitenden Differenzierung des Volkes nach vielen Richtungen hin. als auch im werdenden, täglich sein Antlitz ändernden Palästina, ist kein fruchtbarer Boden für den Roman und. das Drama, zwei Kunstgattungen, die besondere Konzentration des Künstlers und des Stoffes erfordern. Die hebräische Poesie (im weitesten Sinne des Wortes also die Lyrik, das Poem, die Idylle) hat in Palästina und in der Galuth sowohl zahlenmäßig als auch qualitatw Trinnrphe gefeiert. Im Gedacht und auch in der Novelle, Literaturgattungeil, die den Augenblick erhaschen wollen, hat das stürmende Leben des erwachenden Volkes seinen Ausdruck gefunden. Damit diesem Leben auch sein Romancier und sein D amatiker erstehe, war die Distanz zu klein und das Leben zu veränderlich, zu bedeutungsvoll und zukunftsschwanger. Dies ist auch der Hauptgrund dafür, daß der Roman Nathan B i str i tz kV s: „Jmnim w'lejloih" (Tage und Nächte), der Vox kurzem im Verlag „Hainadpis" in Jerusalem erschienen ist, eigentlich kein Roman, sondern eine sehr umfangreiche Beichte, ein von zahlreichen Schild derunigen umrahmtes Selbstbekenntnis ist. Dieses „um- » sangreich" (das Buch ist zweibändig und umfaßt , über 600 Seiten) ist zunächst ein großer künstlerischer Fehler: Biftritzky berauscht sich allzu laicht am Wort, am Klang, und oft könnten ganze Seiten des Buches, ohne Schaden für das Verständnis des Ganzen, gestrichen werden; das, was. gesagt werden soll, könnte zumindest nur die Hälfte kürzer gesagt werden. Die zweite Quelle dieser die Kraft der Erzählung lähmenden und ihre Wirkung hemmenden Weitschweifigkeit liegt aber in der Natur des behandelten: Stoffes und gehört zu seinem Wesen. Das Aufzeigen dieser wichtigeren Quelle der Weitschweifigkeit Bistritzkys führt uns in den Mittelpunkt der kritischen Beleuchtung des Buches. Nicht grundlos hat-dieses Buch Bistritzkys, sofort nach seinem Erscheinen, eine so lebhafte Polemik für und Wider, sowohl in Palästina als auch bereits in einigen Ländern der Galuth, entfacht. Die Aufnahme des Werkes lvar geteilt, ihr Vorhandensein aber und ihre Intensität - deuten schon darauf Hin, daß das Buch etwas Wichtiges, Brennendes behandelt, denn im allgenieinen pflegen hebräische Bücher leider entweder überhaupt keine oder nur eine laue Aufnahme zu finden. Das Buch Bistritzkys ist aber tatsachlich dem brennendsten Problem des gegenwärtigen Palästina, der aktuellsten Erscheinung unserer Erneuerung gewidmet: dem Lebender Kwuzah, der Arbeitsgemeinschaft junger Juden in Palästina. Der Autor weilt als „Gast" in den Jahren 1919/1920 in einer Kwuzah von vierzig Burschen und Mädchen, die er „Giw'ath Arjeh" nennt und in die Landschaft des unteren Gallil einfügt (er war damals tatsächlich im Gdud als'Lehrer tätig), und schildert ihr Leben, ihr Leiden, ihre Sorgen und Kämpfe. Er stand abseits und hat wahrscheinlich deshalb nicht die Gemeinschaft, sondern ihre Differenzierthelt, nicht die K-wuzah, sondern den Einzelnen in ihr, nicht die Arbeit, an der er nicht teil» genommen, sondern die Sitzungen und Gespräche, die er mit angehört hat. dargestellt. Wir sehen in diesem Buch nicht die Gemeinschaft, wie sie im täglichen Werk sich aufbaut und stärkt, sondern wie sic auf jedem ihrer Glieder lastet, wie sich der Einzelne zu ihr stellt, wie er mit ihr und an ihr leidet und — wie sie langsam zerfällt. Und wie da geredet und geredet und gegrübelt wird. Dieses Bild der Kwuzah entspricht aber viel weniger der Wirklichkeit als dem persönlichen Eindruck, den der „Gast" von ihr entpfangen hat. Es ist ein - Bekenntnis, noch mehr, eine Beichte über sein Leid, das er wirklich gelitten, über seine Gedanken, die er gegrübelt und an denen er sich berauscht, mit einem Wort, über sein Loben, das er in diesen Jahren in Palästina gelebt hat. Jetzt soll aber diese wichtigste Quelle der Weitschweifigkeit aufgezeigt werden, von der vorher gesprochen wurde. Nicht nur feine, des Erzählers Vergangenheit berichtet er in der allzulangen Exposition, sondern auch die Lebensgeschichte jedes und jeder einzelnen der Vierzig, die todt zurück in die Galuth reicht. Die Diaspora-Vergangenheit spukt in der Kwuzah in tausend seelischen und körperlichen Formen umher, Wien und Prag, Russland und Polen. Es ist dies aber nicht eine willkürliche Weitschweifigkeit Bistritzkys, sondern Schicksal der meisten Einwohner Palästinas. Die Galuth wirft ihre Schatten aus Palästina. Auch die starke Sonne des Landes kann diese Schatten nicht ganz und nicht'plötzlich überstrahlen. Merkwürdig spiegeln sich in diesem Buch die Mädchen und die Erotik. Sie sind beide sehr ätherisch, geradezu Krankhaft ätherisch aufgefaßt. Die Eroberung der Mädchen ist für die Burschen zu einer Angelegenheit geworden, die alles eher denn natürlich ist und am allerwenigsten dem Geist der jungen Palästinenser entspricht. Den Pogronr in Jaffa üm 1. Mai 1920 erlebt hier die. zarte und sensible Geliebte des Gastes Benjamin, Mirjam, in einer dumpfen Sehnsuchtsstinunung. Auch Brenner, der damals ermordet wurde, inmitten von' arabischen Gärten, ist ohne Namensnennung gestaltet Die Atmosphäre der Bitterkeit und Verzweiflung, hie ix diesen Tagen die Menschen bedrückte, hat Bistvihky wundervoll, wenn auch hier vornehmlich bekenntnisarlig, impressionistisch lmodergegeben. Impressionismus ist im allgemeinen das Hauptmerkmal der besten Teil,? des Buches. Das Spiel von Licht und Schatten in der Natur und im Seelischen scheint Bistritzkys Metier zu sein: „Tage und Nächte" ist mehr als ein allgenreiner TiM. Der Roman des Aufbaues aber, der Roman der Kwuzah, der mehr wäre als ein subjektives Bekenntnis, aber auch mehr als «in Propagandawerk — gehört noch der Zukunft an. Leopold THaler.

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