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Wiener Morgenzeitung · 1926-12-29 · Heft 2815 (29.12.1926) · p. Seite 2

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
8 (1926)
Issue
Heft 2815 (29.12.1926)
Date
1926-12-29
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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m te 2 Men, Mitttvock Wße«tr Ms,ge«AOi»m,g ZS. DkzvMvr WS8 m. Mv iaiii«fliiii«iaiaiiiiiaiiii«aafiiiiiiii K L U B R A Djl K A L j^R ZIONISTEN^ Mittwoch, den 29. Dezember 1926. um halb 9 Uhr tbends, im Cafd Atlashof, I., Aspernplatz (Klublokal: Eingang Wiesinger strafe um die Ecke) fQubversammlung Thema: Der Antisemitismus and seine Begründung. Referent: Df. Deslder Priedmann. Rneie Aussprache. — Im Landesverband organisierte Zionisten als Gäste willkommen Das summarische Verfahren. ~y, Wien, 29. 'Dezember 1926 Die Manische Diktatur IM vier Personen, wegen Alten- .atSveÄvcht nach einem summarischen Verfahren erschießen lassen. Das titanische Feldgericht in Kowno hat vier Beschuldigte zum Tode verurteilt. Irr zwei Winkeln der curov-aischen Welt manifestiert sich somit jene politische Idee, die seit denk Kriege unter dem Namen des Fascismns die sozialem und wirtschaftlichen Schwierigkeiten mit dem einfachen Rezept des Todesurteils ans der Welt schaffen will. Sie konnte ihr ideelles Ziel bisher nicht erreichen. Denndie Personen, die an die inappelable Instanz des Scharfrichters gelangen, sind nicht die Träger wirtschaftlicher oder sozialer Systeme: sie sind höchstens Außenseiter. 2lber sie sind in dem Süigenblick zur Stelle, in dein die Diktatur eine Krastäußerung für notwendig hält. Es bedarf ivenig Nachdenken, sic der Schuld git überweisen, noch weniger, eine nanehnckare und brauchbareSchuld zu konstruieren.Sie sindda und das ist eine Krankheit, die den Hals kostet. Das. Gesetz der Diktatur will nicht bessern, auch nicht strafen. Es will abschrecken. Nie noch ist dies restlos gelungen. Denn dieses Gesetz hat höchst wohltätigerweise ehre Fortsetzung: es gibt der Gegendiktatur so etwas wie einen nwralischen Inhalt. Und so entsteht das, was n«m die Politik des FascisMus nenn$. Es ist die Abwandlung des Wortes Schießen. Nur daß diese grammatikalische Uebung zu den Friedhöfen führt. Es gibt Lärrder, in denen die Gewalt regiert und die eigenen Bürger zum Gehorsam gegen das summLri'ch: Verfahren erzieht. Der Wanderer kann dann erzäh.en, er habe sie liegen gesehen, wie das heilige Gesetz des Vaterlandes es befaP. Es gibt aber auch Länder, die parlamentarisch ordnungsgemäß regiert werden und in denen das Leben des Bürgers mit allen gesetzlichen Sicherungen umgeben ist. Mt > dem Lüben außerhalb der Grenzen gehen sie aber nicht so vorsichtig mn. Mmr rmmt das Krieg und hält zu seiner Pwklamierung die Ehre, die Würde, die Integrität des VateÄandes in Bereitschaft. Das ist . aber nicht immer unbedingte Notwendigkeit. Wenn Amerika in Nicaragua eimMrschiert und das besetzte Gebiet einfach. als neutrale Zone erklärt, werm dabei die Soldaten des angegriffenere Freistaaflaates in Erfüllung ihrer Wicht schießen und erschossen werde«, dann ist das nicht Krieg. 'Wer wie räht man Uesen Vorfall in den Archivschrank des Völkerrechtes ein? In Nicavagua Hat sich gegen den. konservativen'Präsidenten ein liberaler erhoben. Mexiko ist für den Liberalen. Für AnreriLa ist das der' Anreiz, sich für den Konservativen zu erklären und die Erklärung sofort durch die Marine zu bekräftigen. Dieses Nicaragua sperrte nämlich durch seine verdammte Souveränität den Weg zum anderen Ufer, wo man den Mexikanern, nämlich ihrem Petroleum viel näher ist. Amerika ist in heißer Liebe zpm Frieden entflammt. Es spuckt auf dieses Europa, in dem der Völkerbund sich immer Mischen Rauflustige schieben nmß. Gäbe es beit Völkerbund nicht, dann willen Ford und die Betlehemwerke längst schön an Lieferungen von Granaten, Giftgasen und den dazu gestrigen ftommen Erbauungsschriften verdienen. Amerika ist auch für die Freiheit und hat seinen Kontinent mit denr Stacheldraht der Monroe-Doktrin'abgesperrt. Die gilt aber nur für das europäische Gesiirdel. Die amerikanische Flotte muß doch schließlich ihre Existenzberechtigung erweisen und auf deir Ernstfall gedrillt loerden. Daher der Name Nicaragua. Ist das nicht auch eine Art des Fascisnms? Die Methode der Gewalt hat gar viele Gläubige. Sie ist nicht kompliziert und strengt den Denkapparat nicht an. Die Revolutionären früherer Zeiten mußten die Massen durch ein Progrannn, durch die Aufstellung von Argumenten an sich heranziehen. Sie mußten mit dem Beispiel vorangehen und auf die Barrikaden steigen. Der technische Fortschritt der nach denr Seelenaufschlvung zurückgebliebenen Zeit hat auch diese Propaganda revolutioniert. Per Diktator, der Beglücker des Volkes, sitzt daheim und erfreut sich des summarischen Verfahrens. Die. amerikanischen Staatssekretäre, die den verhungerten Jammergestalten durch die Eintvande-, rungsbill den Zutritt sperren, riskierenTeinen'Krieg.'Auf einen Knopfdruck landet ihre Marine. Es ist alles da. Bereit sein ist cckles. Der Fascismus, diese blutige Fratze der Geschichte, muß nicht notwendigerweise sich so präsentieren, wie das. der normale Zeitungslesev gewöhnt ist. Er ist das einemal Herr, das anderemal Mittel. Aber stets tritt er mit dem Todesdekvet auf und stets hat er die beglückende Phrase int Muitd. Gr ist dev Henker der Völker, so wie er in unsere Zeit paßt. JÜDISCH« TISCHOESELLSCHAPT LANDSTRASSE. Mittwoch, den 29. d., um V,9 Uhr abends in den Souterrainlokalitäten des Caf6 Lovrana, III. Löwengasse 36 VORTRAG des Herrn Rabbiner Prof. vr. J. Taglicht über das Thema »Aus dom Talmud“ Gäste willkommen. Palästina fehlt ein Kolonisations>Aegime. Motlnjtys zordmmae» auf »er Revisioaiften-Aeajereoz in Pari«. H. 36. Dozembel . Die g>»ve i.te K-o n f 11 e « 6 der Aiorüften-Re-- vstfümisten wurde heute m dem Beratrmgsstral der Mairie «des 9. Arondissements eröffnet. Die Anteilnahme des zionistischen Publikums war sehr stark. Der in einem alten Adelspalais befindliche Saal lvar von Zuhörern dicht gefüllt. Zn der Konfeveng sind Delegierte aus allen Ländern evschienen. Ein Teil der amerikanischen Vertreter verspätete sich, da die Ueborfahrt durch Stürme verzögert wurde; aus denrselben Gründe kann die Abordnung aus Paläst i n a e-rst am Mittwoch in Paris ankommen. Die Delegationeu aus Oe st er reich und aus Deutschland sind verhältnismäßig sehr stark. Der Vorsitzende der ersten Konferenz, Herr Wladimir Jemkin, oröffnete die Versammlung in hebräischer Sprache. Er begrüßte die Erschienenen und gedachte, in einem Nachruf der in diesem Jahr verstorbenen Angehörigen des Verbandes, unter ihnen der Herren D r. Wellisch rmd M. Balaban aus Wien. Sodann hielt der Präsident des Verbandes, Herr Madimir I a b o t i n s k y, in französischer Sprache: -das Referat über die politische Lage des Zionismus'. $tad) ihm sprach Herr Moir Groß man», worauf Herr Richard Lichtheim (Berlin) über die Jewish Agency referierte. Herr I a b o t i n s k y führte in seinem Referat Zur Zeit unserer ersten Konferenz, im April 1926, lebten die Zionisten in dem vergoldeten Nebel eines schlecht begründeten Optimismus. Aeußeve Umstände und vorübergehende Erscheinungen., die nichts mit dem Wesen des Zionismus zu tun hatten und nichts mit Palästina, insbesondere die Wirtschaftskrise in Polen, hatten zu dieser Zeit eine beträchtliche Austvandevung jüdischer Klemkapitalisten hervorgerufen, die sich nach Erez Israel lenkte. Bei ihrem Anblick vergaßen die Zionisten, daß das Land nicht im geringsten vorbereitet war für die wirtschaftliche Aussaugung eines solchen starken Zustromes und. daß. die zionistische Organisation ke in K o. Ion i s..a t i o n s pr o. g ramm vorbereitet hatte, das einer solchen Einwanderung gewachsen war. Unter dem Eindruck, der inzwischen eingetretenen Krise ist die zionistische Organisation in den schwarzen Nebel, des P e s s i m i s m it s geraten und diese moralische Krise hat vom Jischuw auf die Diaspora übergegriffen. Schon wird sogar im offiziellen Organ «der deutschen Zionisten, das man als das offizielle Organ der Exekutive betrachten kann, vorgeschlagen, von der Schaffung einer indischen Mehrheit und von der Massenimmigration abzusehen. Man übert-roibt den Pessimismus, sowie man früher den Optimismus übertrieben hat. Jabottnsky erklärt, nach einer eingehenden Schilderung der Krise, daß es nicht wahr sei, daß« das jüdische Volk in Arbeit und Geldloistung versagt hätte. Die nach Palästina getragenen Geldmittel und die dort geleistete Arbeit sind nich-k vergeudet, sondern haben sich in Substanzwerte umgewandelt. Gewiß besteht die Krise, aber ihre hauptsächlichste Ursache liegt in dem politischen Regime. Man braucht in Palästina ein Regime der 5^ o Ionisation. Das Kennzeichen einer kolonisierenden Regierung ist, -daß sie sich nicht genügen läßt, die ansäßigc Bevölkerung zu regieren, sondern versucht, die Wirtschaft des Landes für die systematische Aufsaugung der Massen vorzubereiten, die unterwegs find. Sie sieht voraus, daß die Einwanderer anbaufähigen Boden brauchen Iverden und trifft daher im vorhinein gesetzliche Maßregeln, um das Steigen der Preise für den brachliegenden Boden zu verhindern. Sie sieht, daß die Einwanderer industrielle Betriebe gründen, deren Erzeugnisse auf den inländischen und ausländischen Märkten Absatzmöglichkeiten finden müssen. Sie geht daher unverzüglich daran, die Produktion zu schützen, indem sie «der Industrie ' für den Jnunobiliarbssitz Steuererleichterungen gewährt und Tvansportbegünstigungen einführt. Sie paßt das Zollsystem den Bedürfnissen der jungen Industrie an, begünstigt die Einfuhr von Maschinen und Rohstoffen, die im Lande nicht gewonnen werden, während sie gleichzeitig die Einfuhr von Fertigwaren beschränkt, deren Konkurrenz der Industrie des Landes schädlich sein könnte. Sie sucht mit den Nachbarländern für die lokale Industrie vorteilhafte Handelsverträge abzufchließen. Gleichzeitig versucht die toiomsatlonsförk^rnde Regierung dem kolonisierenden Faktor i m Berwalt nngsd ie n st jenen Einsttch eiuzurämnen, der dem Anteil an der ökonomischen und intellektuellen Entwicklung des Landes entspricht —' und endlich: Im Bewußtsein, daß die Geschichte aller Kolonisationen durch Zwischenfälle zwischen den Kolonisatoren und der altansäßigen Bevölkerung oft gekennzeichnet wurde, unterhält sie im Lande Dicherheitoforumtionen, die durch ihre. Zahl und die Ansvxlhl bei der Zusanuicen setzung die öffentliche Ordnung und die Unverletzlichkeit des KolonifationswerLes sichern. Statt alles dessen — lvas sehen wir in Palästina? Unsere landwirtschaftliche Kolonisation 'ist nahezu gänzlich lahntgelegt durch die ungeheuren Preise, welche die einheimischen Großgrundbesitzer für deir vettvahrlosten und nicht bearbeiteten Boden an zahlen zwingen, den sie uns verkaufen die Gnade haben. Was wir für diese Dunams zahlen, steht unerhört weit über dem wirklichen Wert des Bodens. Es fällt mithin gar nicht in.den Möglichkeitsbereich des etiiaeltreit Kolonisten, ob er sich in der Landwirtschaft ansässig machen will. Der Mann aus dem Mittelstände mit seinem kleinen Kapital und der Arbeiter, der Ersparnisse gemacht' hat, können nicht lnehr davon träumen, ihre Stückchen Boden zu erwerben. W>ü>vden sie dies tun, so verschlänge der Kartfprvis des Bodens ihr gesamtes .Kapital. Das ist der Grund, weshalb die einzige Form, in welcher ■^keinjüdifchefHauf ohne Standardwerke der Jüdischen Geschichte! Beachten Sie unsere Gratisprämienaktion für unsere Abonnenten unsere landwirtschaftliche Kolonisation nach denr Kriege ihren Ausdruck gefunden hat, die Kwnzoth oder % ähnliche Gebilde sind, die unsere nationalen Fonds ,er? schöpfen und die Ergebnisse zeitigen, die vom Standpunkt einer Musterkolonisation. sehr schön genannt werden können, die aber keineswegs beachtenswert find im Hinblick auf .die. Zahb der Siedler.: - Wissen Sie, daß die gesamten landwirischastlichsn Kolonien des Ernek nicht mehr als 2600 Seelen beherbergen und verste>hen Sie mm, iveshalb kaum . 12 Prozent unserer Immigration nich dem Kriege sich in der Landwirtschaft ansiedeln konnten, während fast neun Zehntel gezwrtngen waren, in den Städten au bleiben und in .Handel und Industrie ihre Zuflucht zu suchen? — 'Und die Regierung? Sie kümmert sich nicht ^darum. Sie ist kein ,,rsgime colonisateur", all das geht sie nichts an. Die Verwalturrg gibt die Information, daß von den 27 Millionen Dirnam der Gesamtoberfläche des westlichen Palästina kaum 10 .Millionen oder weniger bebaut sind. Aber sechs Jahre Zivilverwaltung haben nicht genüigt — ich sage schon nicht, einen detaillierten Kataster anzulegen, aber.doch wenigstens uns bekannt zu gebeir, welcher Leit von den restlichen 16 bis 17 Millionen Dunam, die unbeistedelt und unbebaut sind, als anbaufähig angesehen werden kann. Erst vor nirgefähr einem Monat hat man einen Experten aus A e g y p t e n kommen lassen, der sich mit den Verinessungsarbeiton beschäftigen soll. Man hat keine Eile: Es ist kein vogime colonisateur. Eine Ilgrarreform, die allen nnbebanten Boden in eine staatlich t Bodenreser v e für die Erfordernisse der Kolonisation zusammenfassen soll, wie wir sie verlangen und wie W e d g e w o o d und K e n w o r L h y sie ins Auge fassen.. .? Man denkt, nicht daran, — die RogieruW ist kein regime colonisateur. Und was die Staatsländereien anbelangt, die man uns zu einem vernünftigen Preis ohne jede Reform überlassen könnte, so ist festzustellen, daß auch diese noch nicht vermessen und eingetragen sind, obwohl es sill) höchstens um 2 Millionen Dumnn (200.000 Hektar) handelte Die Regierung — so sagt man uns — w e i ß n o ch n i ch t genau, ivas sie in Palästina besitzt. Und den R c g i e r u ngsbode n, der mit Sicherheit festgestellt lvar, hat man zur Gänge den andern airgeboten, den Juden aber nichts gegeben. Mm zur Jrkdüstrie. Sie werden sich erimtern, bcifr vor einem Jahr Herr Delfiner, der Soidensnbrikant in Tel Awiw, einer der reichsten Industriellen von Palästina, seme Fabrik schloß und schwere Anklagen gegen ein Zol> system erhob, das ihn zu opvüirgen drohte. Einiffe Dutzend anderer Industrieller^ weniger kapitalsstark rr-nb weniger einflußreich, haben seither ihre Betrisha

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