Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 8 (1926)
- Issue
- Heft 2814 (28.12.1926)
- Date
- 1926-12-28
- Page
- Seite 5 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 91% known words query
- IRI
…/2979076-2981549-2981901--28592-3016642- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nr. 2815 Men. DiMSivg W1e»er MorgeU-Elt»«- 28. DszenGer IMS GstteS Cofsjtintoi by L. Pipe? » C&. Mäiwhftn. 2987- (S. Förtsetattng.) jDie 'Beithte eines Juden Von Jteonid Qroasmann. ffUrausgegeben von Stonä Sfutöp-SHiUet und Btiedrich Eckstein, Auch kann ich es mir gar nicht erklären, wie Sie auf die Idee gekommen sind, ich „haßte" die Russen, und noch dazu „gerade Mil ich ein Jude bin"?**) Mein Gott, wie sehr sind Sie iM Irrtum! Wie konnten Sie nur aus meinein Briefe eine solche Ueberzeugung gewinnen? Wissen Sie, daß ich die verprügelte, mühebeladene Masse des russischen Volkes unvergleichlich mehr liebe, als die jüdische? Wenn ich von den sechzig Millionen der russischen Masse rede, wie von GötzeMenern, so sind das nicht „Worte entsetzlichen Hasses, ausgesprochenen Hasses", wie Sie dies behaupten, sondern, ganz im Gegenteil, es sind dies Worte des tiefsten Mitleids, weil eine so ungeheuere Masse aus Ihnen ja bekannten Ursachen in solcher Unwissenheit gehalten und im höchsten Grade eingeschüchtert ist und nicht den geringste» Begriff von der Lehre Christi und von: wahren Christentum hat.... Wie stark meine Liebe zu jeder ausgebeuteten Masse im allgemeinen und zur russischen im besonderen ist, geht aus einem Auszug aus meinem „Tagebuch," hervor, beit ich mir erlaube, hier hgrzuschen: Das ist lange her! Und zwar war eS im Jahre 1866, alS ich noch jung, als meine Seele noch ganz unsrhuldig war, „als in der Brust des Lebens Kräfte kochten", als das Herz überströmte von edlem Streben nach allem Lichten und Guten und von einer tiefen, bewußten Liebe zu einem guten, jungen Mädchen, mit dem ich beschlossen hatte, gemeinsam zu leben und zu sterben... O, das ist sehr lange her! Aber nicht davon ist die Rede! Ich bin dort Kiew nach Odessa gereist, mi dort für meine damalige, herrliche Liebe ein Nest zu bauen. Es war im Frühling. Zu jener Zeit gab es noch keine Eisenbahn ztnischen den beiden Städten, und ich fuhr daher mit einem jüdischen Balagole (Fuhrnrann). Er hatte viele Fahrgäste, die Straße war die denkbar schlechteste, die Pferde schleppten kaum ihre Beine weiter, und wir hatten auf dieser Fahrt viele Unannehmlichkeiten zu erdulden. Nicht weit von Balla begegnete ich einem russischer: Obersten des Ruhestandes, eüwm Gutsbesitzer, einem rauhen, harten, aber allem Anschein nach ehrelH.rften Menschen. Wir fuhren etwa eine Tagereise miteinander. Unser Gespräch wandte sich der kürzlich vollzogenen Befreiung der Bauern zu. Der Oberst gehörte zu den Leuten, die mit dieser hohen Tat der Befreiung höchst unzufrieden wären, und er beklagte sich geradezu bitter übe. die Neuordnung der Dinge, die ihn gänzlich zugrunde gerichtet hatte, indem sie ihm die Möglichkeit nahm, von fremder Arbeit zu leben, das Leben des andern aufzuzehren... „Ich bitte Sie," sagte er hitzig, „ich hatte nicht viele Bauern, im ganzen etiva zlvvihundert Seelen, aber ich war unumschränkter Herrscher über sie, ich varfügte übcre Leben und Tod des Bauern, seine Frau diente meiner Lust, seine Tochter war meine stumme Sklavin. Und jetzt? Jetzt sind eben d.iese selben Tiere mir nicht allein keineswegs mehr untertan, sie lachen mich beinahe noch aus, höhnen mich, beleidigen meine Frau, meine Familie, indem sie den Hut vor uns nicht lüsten... Ach, mein Gott, wie ist das schwer, wie ist das schwer!" Und mein Partner brach in einett Strom bitterer Tranen aus. Ich ernnderte, indem ich meine unverhohlene Freude darüber äußerte, daß die Herrschaft ähnlicher „Herren" ihr Ende gesunden hatte, nahm den „kleinen Bruder" in Schutz, debattierte, bewies die ganze Menschlühkeit und Gerechtigkeit der großen Reform und äußetcke mein Entzücken darüber, daß die Sklaverei in ihrer primitiven, rohen Farnt endlich abgeschafst war. Steller: Sie sich nun dieses Bild vor! Der russische, durch Fleisch und Blut mit den: Volke verbundene Herr vergießt bittere Tränen darüber, daß sein „Bruder", der durch Herkunft, Glaube, jahrhundertealle Bande mit ihm eins ist, aufgehört hat, ein stummes Tier zu sein, daß er sich von den: schmachvollen Joch befreit hatte, uiü> der crrme Jude, der nichts mit dem russischen Volke gemein hatte, der in Rußland nur wie ein unvermeidliches Uebel geduldete, rechtlose, machtlose, verstoßene Jude freut sich im Gegenteil aus ganzer Seele, daß eine ihm fremde und feindliche Masse zu neuem Leben berufen und nicht mehr der Knute und dein Stock des „Herrn" unterworfen ist. Je aufrichtiger der Kummer des „Herrn" war, je reichlicher dessen (Krokodils)tränen flössen, desto beseligter wogte die Brust des verachtetet: Juden, iveil eine so schmachvolle Willkür iiber die menschliche Persönlichkeit nicht mehr bestand. So groß ist die Macht der einigen, die Welt beherrschende:: Wahrhell, so groß der Einfluß des die Welt, die ganze Menschheit umspamienden Fortschrittes! Und nun urteilen Sie selbst, ob ich diesen „entsetzlichen Haß" Hegen die Russen hege und gerade deshalb, weil ich ein Jude bin! Ich schwöre Ihne», ich habe mnne Ansichten nicht um ein Haar geärtdert u:tb ich liebe 6:3 auf den heutigen Tag das ehrliche, arbeitsam; russische Volk heiß, ja ich fühle mich wntauS mehr als Russe, denn als Jude. Nichtsdestoweniger (oder gerade deshalb) fahre ich fort zu behaupten, daß sechzig Millionen dieses Volkes ohne jeden Begriff vcm Christentum (natürlich von dessen ritueller Seite abgesehen) dahinleben und sich durch nichts von den Heiden unterscheiden. Nebeitbei gesagt, warum meinen Sie, daß ich als Jude „im höchsten Grade inkonwrtcnt" sei, über da) Ausmaß und die Kraft des religiösen Gefühls und darüber zu urteilen, „inwieweit der ein'ache russische Mensch ein Christ sek"? Ich kenne die Geschiche des Christentum^ sehr gut, ich wage es zu. behaupten, daß ich au'd dcssen Geist kenne, ich kenne die russische Geschich'e. ich kn:ne schließlich das Leben des russischen Volkes zienrlich genau. Warum bin ich also inkcm'etent? Aber lassen wir das! 'Fortsetzung folgt.) LSwenfranzbranntwaln mit Menthol das ideale Eiarslbemittei i Uebarall erhältlich. Schotamaeko. OOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOQCXX»OQQOOOOOOC> vereine, BortrSge uns Bersammlange«. Zion. Jugendorganisation Prater, 2. Bez., Jungftrahe a. Heute Zusammenkunft zwecks Festsetzung der Vortragstermin-: der kommenden Wochen. Donnerstag. 30. Dezember, 8 Uhr: Bor-- trag des Herrn Drl N. M Gelber. 7— Zionistische Sektion 20 (Jägerstraßc 30). .Heute um 8 Uhr abends Vortrag des Herrn Dr. Gelber über „Zionismus vor Herzl". — Maimonides-Institut Wie», Hetzgasse 40. Mittwoch, 6 bis 7 Uhr: Dr. A. Kamiicka: Reden des Propheten Joel. 7 bis 6 Uhr: Maimonides: Der religiöse Optimismus. Donnerstag, halb 7 Uhr: Dr. N. Goldstein: Schemnth rabba. halb 8 Uhr: Talmudisches Eherecht. — Der Dukowinaer Zentralverband verteilt an unbemittelte Bukowinaer Brennmaterial (Kohle). Anmeldungen täglich von 12 bis 1 Uhr in der Geschäftsstelle, 1. Bez., Eliabethstraße 9 Telephon 2442. — Zionistische Dezirkssektiou Wieden-Margareten. Heute, 8 Uhr abends, im Terrassencafe, 6. Bez., Margaretenplatz, Ausjchußsitzung. Die Mitglieder wollen pünktlich und zuversichtlich erscheinen. — Jüdische VoMbibliothet „Zion". Heute, halb 3 Uhr abends, im Vereinslokal, 2. Bez., Glockengasse 30, dringende Aüsschutzsttzung. j * JÜDISCHE WEIT | * I Kit Prozeß um eine alte Iudenkontributkon. Auö einer vor dem Ländg.richt in Hanan durchgeführten Verhandlung erfährt man, daß es he:lle noch eine jüdische Gemeinde in Deutschland gibt, die verpflich'.et ist, der evangelischen Kirchengemeft-.d: des Ortes eine ausgesprochene Judensteuer zu entrichtet:. Dem Prozeß liegt folgendes zugrunde: Die evange.'ische Kirchengemein'^e zu Mansbach versalzt alljährlich vor: der dortigen Synagog:ng.m:i:ck)e und ihren Mitgliedern Abgaben, zwar soll die Synagogengemeinde jährlich zu Michaelis ein Pfund Gewürz, die einzelnen Mitglieder, soweit sie verheiratet sind und eine eigene Wohnung haben, sollen zu Michaelis je eine Gans liefern. Die Abgabe ist seit mehreren hundert Jahren entrichtet worden. Sir ist auch in der Dotationsurkmche für die Pfarre: Mansbach enihaltcn. Lediglich während der Franzosenzeit war die Jud:nfchaft von der Abgabe befreit. Nach Beseitigung des Königreiches Westfalen ist der frühere Zustand wieder hergestellt worden. In der Folgezeit wurde, insbesondere auch mit Rücksicht auf die inzwischen durch dr: ktlrhrssisch: Gesetzgebung e fol"'e Gleichftellung der Juden mit den übrigen Bürgern, die Entrichtung der Abgabe tviederholt verwei/ert. jedoch ergingen e i n e R e i h e v 0 n Erkcnntnissen, di' sämtlich die Jndenschaft zur weiteren Entrichtung der Abgaben verurteilten. D:r letzte Bescheid erging im. Jahre 1372. Seit dieser Zeit ist die Abgabe immer rveiter entrichtet worden, bis sich schließlich die Juden und die jüdische Gemeinde im Jahre 1922 wid:rum getveigert haben, dem Verlangen der K'.rch »gemeind: nahznkommen. Die K:rch«engemeinde hat daher die Abgaben für die Jahre 1923, 1923 und 1924 vor dem Larrdgericht Hanau erngeklaat und hat in erster Instanz ein obsiegendes Urteil erlangt. Das Landgericht ist der Ansicht, daß eine Befreiung von der kraft uralten: Herkommen bestehenden LeistungZPflicht nur darin gegeben wäre, wenn diese öffentlich-rechtlicher Natu r sein würde. Di: Abgabe sei indessen p r i v a t rechtlich e r A r t. Private Verpflichtungen in dem hier vorliegenden Sinne seien aber durch di: Gesetzgebung nicht b:sell:ft worden. Die Judenschaft von Mansbach hat durch den Rechtsbeistand, Herrn Rechtsanwalt Dr. W e: s b c ck e r - C a s s e l, gegen das Urteil Bnmfung an das Oberlandesgeeicht Cassel eingelegt. *4 Hier wendet sich Kmoner gegen Dostojewskis üeutzeum^en in feinen: im . Tagebuch eines Schriftstellers* rfchienenen Au, > ätze» über die Judenfraga Ser »Deserteur" Mrdechai Lewi. Gin MhabitttisrungSprozeß in Paris. Aus Paris wird uns berichtet: Die Liga für Menschen- und Bürgerrechte, zu deren Präsidenten jüngst Viktor Basch gewählt wurde, wird von aller W:lt mit Gesuchen wegen. Intervention zur Wahrung der Menschen- und Bürgerrechte überhäuft. Wo es nur angrht, nimmt sich diese Liga der bedrückten und verfolgten Menschen und Menschrngruppen an. Mancher dieser der Liga vorlirgenden Falle betrifft eins blutige Tragödie. Ein solchrr Fall ist. auch dev Prozeß, der: die Liga jetzt zur Ehren.'ettuug d e s j ü d i s ch e n Soldaten Mordecha: Lew: führt. Mordecha: Lew: war, als der Krieg ausbrach, Friseur in B a y 0 n n e. Er rückte zum 49. Infanterieregiment ein. Er | galt schon in seiner Heinrat, trotz seiner 35 Jahre, als ein ziemlich beschränkter Mensch, der sich, rächt immer über I die Situation, in der er sich befand, klar genwrden ist. Einmal bekam er Durst, entfernte sich, um irgendroo in der Nähe Wein zu besorgen, blieb sechs Stunden aus, während welcher gerade Revision abgehalten wurde. Lew: kam wohl selbst zurück, doch half ihm das wenig, er wurde vor ein Kriegsgericht gestellt und zum Tode verurteilt. Der schwachsinnige Mordecha: Lelm beteuerte immerfort, er sei durstig gewesen, der Gaume« habe ihn gerannt, er sei dem Verschmachten nahe gewesen und habe niemals an Desertion gedacht, was ja schon daraus hervorgehe, daß er selbst zurückkarm Am 30. September 1915 wurde Mordecha: Lew: zur Exekutiv n geführt. Es war eine graus am e Exetuti0n. Mitten auf freiem Feld stand ein junger Kirschenbaum. Weit und breit kein anderer Baum. Die zur Exekution kommandierte Mannschaft bestand aus lauter Rekniten. Lewi, begleitet von einem Feldrabbiner, stammelt immerfort, daß man mit ihm wohl einen Scherz machen Wolle, wie er ja zu Hause und auch im Regiment gewöhnt war, als halber Idiot die Zielscheibe des Spottes de: Kameraden und Bekannten zu fein- Aber es war kein Scherz, sondern grausamer Ernst. Lewi wurde an den Kirschenbäum gebunden und erschössen. S:iüe letzten Worte waren noch: „Rabbi, nicht wahr, man macht nur Spaß mit mir?" „ . Die Familie des „Deserteurs" Mordecha: Lew: ruhte nicht, bis sie das Datenmaterial zusammentrug» aus welchem hervorgeht, daß die Hinrichtung des Mordecha: Lewi nicht nur grausam, sondern auch ungerecht und sölbst bei Militärgerichten. prozessual anfechtbar wari Die Familie will das Andenken des Märtyrers reinigen und die Liga der Menschenrechte hat auf Grund des. Aktenmaterials die Vertretung der Familie des Mordecha: Lew: übernommen. Der Rehibilitierungsprozeß, für den die Pariser Presse großes Interesse zeigt, wird dennrächst durchgeführt werden. Srge« dr» rituelle Schächte«. Aus München meldet I. T. A.: Der Müttchener Tierschntzverein hat eure Eingabe an den Landtag gerichtet, in welcher an den Beschluß des LaMages vom 8. Jul: dieses Jahres, die Staatsregierung um die baldige Vorlage eines Gesetzentwurfes betreffend die Einführung des Betäubungszwanges vor dem Blutentzug bei den Schlachttieren zu ersuchen, erinnert und gebeten wird, den Erlaß dieses Gesetzes zu beschleunigen, daß es möglichst noch vor Weihnacht«» verabschiedet werde. Wie die ,Münchener Neuesten Nachrichten vor kur zem zu melden wußten, hat die bayrische Äaatsregierung in Durchführung des erwähnten Landtagsgesuches einen Gesetzentwurf fertiggestellt und darüber die folgende Erttärung abgegeben: „Der Entwurf eines Gesetzes über das Schlachten von Tieren ist vom Ministerium des Innern fertiggestellt. Der Ministcrrat hat den Entivurf noch zurückgestellt, nn: das Ergebnis der im Gange befindlickM, den rituelle:: Schächtvorschriften genügende» Betäubungsversuche abzuwarten." (UMer solche» den rituellen Schächtvorschriften genügenden Betäubungs- Versuchen sind Versuche zur Betäubung durch chemische Mittel zu verstehen. Anm. der Redaktion.)