Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 8 (1926)
- Issue
- Heft 2812 (25.12.1926)
- Date
- 1926-12-25
- Page
- Seite 10 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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II f;S fl it | ii Wiens« M-rgenz«ttn«r, Dezember lSW Ssrte r< '•in, Samt-, NACHDRUCK VERBOTEN BLUTIGES KINO VON KURT MÜNZER Nicht Prinz noch Baron, sondern einfach Harry MVvker, roar er. allen Stanbeshcrren dennoch iÄ>erlgon durch feine Millionen. Als er mit vierundzwan- ',ig Jahren seinen Vater, den Eisenkönig, verlor, war .r der einzig'? Erbe eines sagenhaften Vermögens. Er unr Mitglied feudalster Klubs, halt« einen Antoronnen-PreiS gewonnen, die ittwrschwinglichsten Ko« kokten der Weltstädte gehabt und hatte nur den einen Kummer, daß sein Vater den erblichen Adel abgelehnt hatte. Immerhin ivar sein Name besftr als „Durchlaucht" oder ,,HoheiL". Plötzlich erfasste ihn Sehnsucht nach Rufstand. Ein :oenig müde, blasiert, -indoleist, hoffte er, in Petersdnrg neue Sensation.'n zu finden. Er reiste im Auto, in einer staub-grauen Kaross'.'rie mit zicyelrolen Rad- ''veichen. Das Innere war ein Louis-Serzc-Zalon. Petersburg, enttäuschte ihn grenzenlos. Es waren a:<> g.wohnlichen Pariser Raffinements, bei denen er .'inen Zusatz barbarischer Leidenschaft erhofft hatte; aber eher fehlte ihnen die gallisch? Selbstverständlichkeit und Grazie, man ahnte statt SfÜ Branntwein als Stimulans. Er fuhr nach Moskau, wo ihn zuerst und sofort der Zauber dar heiligen Stadt erfasste. Die goldenen Kuppeln schienen datz Lickst aller Straßen zu vergiftden. Am zweiten Abend ging -cr zu den Zigeunern. In einem alten .Hause sang der berühmteste Chor. Er stieg eine hinfällige Treppe hinauf, passierte stille Vorzimmer und trat in einen Saal, der gewonnen war durch die Nied-erlcgung von Mauern zwischen kleinen niedrigen Stuben; er war dnmpf'g und heiß und vir?lfenstrig. Durch die blinden Scheiben blickte ein verwahrloster Park. Da saßen <twa ein Dutzend Frauen bunt und schön, zwischen ihnen junge Männer von starkem Reiz, kokett wie Sängerinnen. Zwei alte Zigeuner und eine scharlachrote Matrone rcg.lten die Gesänge. Mitten unter allen saß ein junges W'sen, süß und zart, mit komisch reichem .Haar, das sie kaum tragen konnte. Zöpfe üb-rr Zöpfe waren ihr dunkel und dick um den feinen K-opf .geatzt. Sie brach fast zusammen unter Bernsteinschmuck. Sie allein ging schwarz und schlicht gekleidet. Harry MörEer setzte sich auf ein weiches Sofa. Betrunkene Offiziere waren da, ein paar Stutzer, ein uralter, stiller, sanfter Herr und zwar prahlerische Frauen in den Annen ihrer üblen Galane. Sm alter Zigeuner trat zu dem Frerrvden hin und fragte, ob Malaschka für ihn singen sollte. Er sprach so etwas wie Französisch und zeigte auf das schwarze Mädchen mit der blaßen Haut. Harry gab ihm Geld und nickte. Und sofort erklangen, unendlich» Trauer verbreitend, Balalacken, und Malaschka. ohne aufzusiehen, saug. Vielleicht war ihre Stimme gewöhnliche ihr Ausdruck mangelhaft, aber sie bezauberte. Sie trat, noch mit dem l.tzten Ton. zu Harry heran, der ihr fein Geld in die Hände schüttete. Er war sofort bis zum Wahnsinn verliebt. Sie sang ein zweites Lied: „Sag' mir, süßer Abend, mit dem Dämmerlicht, Sag', warum komm! mein gold'ner Knabe wicht?" Dabei wiegte sie, sonst ganz unbewegt, ihre Hüften, und ihre ganze Gestalt war plötzlich in Rhythmus aufgelöst. Die verführerischste Keuschheit umstrahlte sie. Wie eine heilige Dirne stand sie da. ,Kommt mein gold'ner Knabe nicht mehr zu mir her, Darfst du, süßer Abend, auch nicht kommen mehr." Labei sank sie auf ihren Stuhl, die Instrumente verzitterten, sie veränderte sich, als stürbe sie plötzlich vor Sehnsucht und Trauer. Harry hatte noch nie eine schönere Frau g-es-.hen. Sie mußte ein leidenschaftliches Tier sein, ganz Instinkt, ganz vernunftlos, ganz dumpfe Dasei ns tust. Er winkte den Alten herbei und sofort war da auch ein schäbig eManter Mann, der den Unterhändler spielen zu wollen schien. „W: viel?" fragte Harry und wies auf Malaschka, die ihn starr, geheimnisvoll, verzerrten Mundes anblickte. Sie biß sich auf die Lippen, die ganz erbleichten. Der Alte begann in unverständlicher Sprache schn-ll und begeistert zu reden. Der Elegant sagte: „Sie ist Jungfrau, sagt er. Von uns hat sie wirklich noch keiner gehabt. Sie kostet zuviel." „Wieviel?" ries .Harry, dom -um erftciima! ein Wunsch nicht auf der Stell" n<ilUt wurde. „Allons!" Der Elegant lachte in das Ge'lttMtz de" Zig«"un-N'S hinein, /Mechstarcheud Rutel in sogt? er zu Harry. „Du, Väü-tch.'n, v-.'irsn '.w tagsüber de- -:\t behalten. Aber nachts muß sie auf drei Stunden in den Chor kommen." .Harry warf ein Dutzend La-usenbsrankscheine auf den Tisch. Der ganze Zigeunerlrausen war Plötzlich um ihn, erngt. schreiend, lachend, blutdürstig. Harry fühlte seine .Hand erfaßt, man zog ihn fort, durch die stark riechenden Zigallüer und die parfümierten Mädchen hindurch. Malaschka hielt ihn, zerrte ihn hinaus, ins stille Vorzimmer, hatte plötzlich ein rotes Tuch mngeschlagen, und ein gelöster Zopf fiel über ihre sckmak Brust. Sie ivarf ihre Arme um den blanden weißen Harry und sagte zischend zwischen den Zähnen: „Je t'adore." Gleichzeitig schrien beide auf. Lust sprengte ihre Adern. Malaschka stieß eine Tür aus, und in einer fensterlosen Kammer, in tiefster stöhnender Dunkelheit, umarmte Harry die kaukasische Jungfrau. Neue Lieder dir Zigeuner strömten dumpf durch di? Mauern, im Park sauste Wind. Die Liebenden lagen aus einem nach Ambra duftenden Haufen Frausnkleiber, in Samt, Seide und Pelztverk. Scharfer Juch eng cruch kam von einem Br.1t voll Schuhe. Unbefriedigt von unstillbarer Begierde taumelten sie auf, Malaschka stieß einen Wehlaut aus. Sie torkelten die Treppe hinab und eine Droscht brachte sie ins Hotel. Am nächsten Mittag entführte Harry die süße junge kaukasisch Zigeunerin. Mit Tausendfranknoten verschafft man. sich im schwerfälligen Rußland in einer Stunde die abenteuerlichsten Pässe. Sie fuhren im Auto nach der Krim. .Harry schickte den Zigeunern die gestrige Summe noch einmal. In vierzehn Tagen hoffte er mit Malaschka fertig zn sein. Aber noch nach zwei Monaten genoß er sie mit der unstillbaren. Lust des ersten Males. Er hatte sich nicht getäuscht. Malaschka war nichts als ein leidenschaftliches Tier, v-ernunstlos. nur Instinkt. T'.nb, B'gi-rde.- Harri lvar, als ve'- strömte sein Blut, er zerstoß in Räusche. Malaschka 'vrach nur ihre Muttersprach.' und Zebu Worte Fraw 'östsch. W'v ein Kind lernte sic ein paar neue Vokabeln hillzu. Aber sie bedurfte auch der Sprach? nicht. Sie war Tier, Sklavin, aber diente aus Leidenschaft und Liebe. Ihre Trc-ir? war blind und bedingungslos, selbst Schläge hätten ihre Hingabe g?steigert. Die Li-ebenden schifften sich in Kertsch ein und. führen um die Ast" Welt In Marseille gingen sie an Land und weiter nach Paris. Hier hatte unvermittelt -Harry genug. Es han-d-elt-e sich darum. Malaschka loszuwerden-. Dazu lvar Paris der rechte Ort. Harrys Kammerdiener, Gaston. war ein Mann von Geist. Er riet seinem Herrn, Malaschka zum Variete zu bringen. Da würde sie ihn ehestens vergessen. Denn beide fürchteten sich vor der Liebe des Mädchens; wie ein Hund würde es doch ständig zurück-kehren wollen. Gaston, damit betraut, sie zu verführen, wurde mit Kuh- und Bißwunden von ihr. abgewiesen. Harry setzte sich mit den Folies Bvrgere in Verbindung. Wenn er die Kosten für Reklame und so tveiter träge, so sollte Malaschka an den letzten drei Abenden des November a-uftvtten. Mit ihren russischen Liedern. Malaschka schlug nichts ab. Sie ging in Gewändern von Ccllots So?urs und Doueet, in Mänteln von Worth und Hütn von Madame Alphonsine und Esther Meyer, in Schuhen von Po'ivrel. Sie wohnte mit .Harry bei Nitz in einer Flucht von sechs Zimmern und halte eine Zofe und einen Lakai für sich. Eine Million in Perlen glitt über ihre Schultern und ein Ch'nchillapelz fegte d'e Rne da la Pciix, wenn sie ans dem Auto stieg und bei Ho-nbigant und Rebonx eintrat. Nun kamen .Zeichner, Maler, Musiker, Agenten an. Eine herrliche Reklame trug MalusÜikaS Namen in die Welt, ihr Bild leuchtete in allen Städten auf. ,,Makaschka". schrien die Camelots auf den Boulvarbs und Avenuen. Ihr Debüt nahte. Die elegante W-elt von Baris sah in den Folies-Bergere. Alle Kokotten fieberten im Foyer. Sogar Lacota war.da. Lacota tvax seit einen, Jahr „die" Frau von Paris. Sre war ein Mischling. Ein Tropfen schwar-en Blutes,! ein großväterlicher Mestize oder. Mulatte spukte in ihr. Sie war braun, mit N. gerangen, und hatte braunes .Haar mit metallisch rotem Glanz. Sie war das Geheimnis selbst. Immer schreiend bunt gell-eibet. mit Pelz. Blumen, Federn, Brillanten überladen, erschien sie wie die Göttin der Tropen. Sie rvar das Aufregendste, was je im Bois gesehen war; sie war schwer »u l>okommen. Nicht daß ihr Preis unerschwinglich war, aber sie hatte den fabelhiftsn Luxus, ihren Geschmack zu befragen: sie liebte blonde Mchm?r mit dunklen Augen. Deshalb lebte sie in Paris. Die schön-.n Männer der Seine haben dunkle Augen und helles Haar. Sie hatte sich erlaubt, zwei Monate lang einen Bäcker aus dem F<ickc»rg Sc-int Martin z-u liehen. Sic hatte k-eiir'rle'r Ein nahm«« in dieser Zeit gehabt; wenn sie liebte, war sie treu. Im Gegenteil. Als sie mit dein Bäcker fertig war, stand er als junger El-gant da, hatte zu arbeiten verlernt und wurde Zuhälter auf dem Monl-pnrnasse. Lacota war von dem Prinzen von Jmola nach Paris gebracht worden, der hatte ste in einem Lu-panir von Port Salb entdeckt. I tzt wohnte sie in der Avenue Ruysdae! am Park Monoean in einem köstlichen Palvitz mit Malereien von Schosser. Sie saß in den Folied-Bergere in einer Loge des Parketts, ganz allein. Ein rotlivrierter Lakai mit gepudertem .Haar,« ihren Lwblmgsa'ffen im Arm, stand hinter der Loge. Lacota saß mit ihren schwarzen glän zenden Augen, bunt wie ein Papagei, bis zum Walmsinn erregend, gehim-nikvoll da und suchte das Parkett ab. Neben ihr saß .Harry Mör5er und hatte über^Lacota sofort Malaschka völlig verg.ssen. Hier war die . nein Leidenschaft. - Als erst gegen Mitternacht hinter ch"in Vorhang Balalai-ken ertönten, wurde es sehr still in dem.helleü, glänzenden Saal. Die Leinwand hob sich und da sahen auf d?r Bübne zwischen dunklen Wänd-n sechs.russisch aufgemachte Musikanten nnd zupften die Saiten. Ihnen gag.'nüb-'r. auf einem kleinen weißen Sinbl, saß Malaschka. Wie in Mokkan. Schlickt und schwarz, mit B'rnstaius.im'NÜ belad.'N, die fast komisch v'e'l zu vielen Haare in dicken Zöpfen um den feinen Kopf gelegt. Sie sang sitzend das erste Lied und erntete ein fass-ungslo-seS ratbsies Staunen. Ab'r dann saug sie stehend: „Sag' mir. süßer Abend, mit dem Dämmerlicht —" und wi gte ihre Hüsten daß ihre Schönheit -uni NhnthmuL wurde. Aber auch ihre. Stimme war sckün gcword-'N, srau.entzaft weich und rund und voll. . Kommt m-ein gold'ner Knabe nicht mehr zu mir her, ^">rsst du. süßer Abend, a-uch nicht konrmen mehr." Und. sie setzte sich langsam nieder und Trauer umströmtc ste und Sehnsucht und tiefer Kum-rn-'r. Sie hatte ge- 'ehon, wie d-ie braune Lacota sich ii'b.'r die Logenbrnstung beugte, daß in dem Ausschnitt ih''es kanar'riN? gelben Brokats dir st ste n. Brüste mit den Kamelien da-, -wi'schen sich tief entblößten und einen wollüstiges Schauer entließen, und wie sie ettoas zu Harry sagte. Harrv stand ans... In der Garderobe warteten Mel Dutzend Maw scheu. . Sechs Agenten umringten Malasckka. Aber Mari-' netti. der König' d-?r' Agenten, hatte einen Kontrakt fix und fertig. Für drei Jabre und dreißigiausend Frank im M-onat garantiert. Malaschka stand h'lflatz in all dem Sprachg-"wirr. Sie verstand so wenig, wie sic sprach. Mavinetti stellte ihr einen korpulenten, zu kurzen, s'5-i^ln'psgen Herrn vor. einen Sk-clchdichtor, der ihr -sine Polle auf den Leib schreiben sollte, einen Sk tch, eine Panioinime, in der sie ihre vlissi-schen Lieber singen und welterschltternde Toil'tten zeigen sollte. Da trat .Harry ein. ble'ch erregt, fwbernd, die dunklen Augen im weißen Gesicht wie schwarze Flammen., „A moi!" sagte Malaschka schwach. ,.Je ne compren-ds Pas —". Harry sah auf den Kon-tmkt hinab,'überflog ihn, inackte aus „drei Jahren" ein Jahr,— ,.benn", sagte 'er höflich zu Mar-inetti. „in einem Jahr ist Madame das Dovpslte wert". Und zn Malaschka: „Unterschreib^"' Sie wagte nur einen Mick, dann unterschrieb sie. AVirrii!wrschwand, di.» Leute zerstreuten sich, die Zofe kleidete ste um. Als sie auf die Straße trat, stand Gaft-on am Artto. Monsienr ließ sich entschuldigen... Malaschka schli'f nicht. Sie stand aus ihren: 'Bette auf, ging hinüber in .Harrys Zimmer und legte sich in fein Bett. Sie trank seinen Derveine-Gernch mit ''amenloicm Entzücken. Sie lv'inte nicht, st» fieberte vor Liebe und Rache. Erst am nächsten Mittag kehrte Harry zurück. Malaschka sollte, am 1. Dezember , in W en sein, bei Rvnacher. Sie müßte am Dreißigsten unmittelbar nach der Vorstellung abretsen.. Sie -sägte nichts, aber sie litt und. Plante.; Lacota und .Harry liebten sich. Malaschka-Mrs, als müßte sie verschmachten. Sie hungerte und durstete,'es fraß an ihrem Herzen. ■ Am Nachmittag .des 30. November ließ eine schwarz gekleidete, tief verschleierte Tüm-e sich Vel Lacota in der Avenue Ruysdael wetten. Ste wurde empfangen, .von einer Zofe durch stille CalonS geführt ins Rokokvschlafztm wer, wo, Locvta, ewig bürstend nach Harry, ans einem Ti^ g-erstll lag. Tie Fremde stammel'e etwas, bückte siü) und zog aus der Manteltasche einen Perlmutterrevolver. Lacota wollte schreien, riß den Mund ans, aber/im selben Augenblick stieß die Fron de ihr den Revolver zwischen die Zähne und. drückte ab- Ein kleiner, matter Knall, und Blut, Gehirn, Haar spritzte an den dichten Schleier der Fpau. Lacota war zerschmettert und gräßlich nnzusohen. Die Fremde ging ruhig hinaus, durch die stillen Salons, die Treppe hinah. Der Schwei.'er öffnete ckr die Tür, nnd'sie trat ans dst Straße. Zehn Schritte weiter riß-sie /