Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 8 (1926)
- Issue
- Heft 2812 (25.12.1926)
- Date
- 1926-12-25
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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nt. 2812 MSN, Mener m.,-E-L. Tagesbericht. Si«e Kampfwsche gegen de« Numerus clausus. Der letzte in Paris abg«haltene Ko»cgceß d^ Weltverb an deS der jüdischen Fugend hat» wie wir seinerzeit berichteten, u. a. beschlossen, die dritte Woche deS Monats Jänner 1S27 inder ganzenWeltdem Kampf gegen bctt Numerus clausus zu»öidmen. Wie wir nun dem Zentralorgan deS genannten Jugend- Verbandes „Chalom" entnehnren, ist der Zentralrat des Verbandes soeben mit der Organisierung dieser Kampfwoche, die für die Zeit vom 15. bis 32. Jänner angcsöht ist, beschäftigt. Es werden alle Landesorganisationen der jüdischer» Jugendverbände eingeladen, an dieser Protestkundgebung wirkungsvoll rnitzuarbeiten. In den Städten, in denen Zn>cigvereil»e des Verbandes bestehen, werden diese rechtzeitig die Vertreter aller jüdischen Organisationen und Körperschaften der Stadt behufs Bildung eines Organisatii.nslomit.es für die geplante Manifestation einberufen. Ueberall norden auch Repräsentanten nichtjüdischer Gruppen eingeladen werden, an der Kundgebung gegen die Ungerechtigkeit des Nurnerus clausus teilzunehmen. Wie wir hiezu erfahren, hat die Idee einer solchen Manifestation in den westlichen Ländern smvie im Orient bereits ein lebhaftes Echo gefu»»dei», und nach den schon bisher bei der Zentrale des Wtltverüandes der jüdisch:« Jugend iu Paris cingelangtei» Zustimmungskundgebungen von hervorragenden nichljüdischen Persönlichkeiten zu urteilen, wird die Aktion zrveisellos sehr bedeutungsvoll norden. Sie Korona« »ggsilche Stimme". Die weiften F.ecken der Zensur. : Endlich ist die diesmal .rnit besonderem Interesse erwartete erste Nutnmer der Kownoer „Jüdischen Stimme" nach dem Militärputsch ciugetrossen.. Man erfährt aus ihr allerdings nichts anderes, als was der unter strenger Militärzcnfur stehende Telegraph ohnehin über die Grenze gehen ließ. Es sind Cominuniqurs des Generalftabes, ein zensurierter Bericht über die Vorgänge in der Putschnacht, der auch nichts Unbekanrttes bekanntgibt und offenbar vieles verfchrvcigt. Interessant ist vielleicht noch ein Ausruf des litauischen Schützenveröandes, in welchen» die Schützen vor selbständige» Aktionen geroarnt u»»d verhalten werden, die Weisungen der Zentralgewalt abzuwarten. „Der äußere Feind". — schließt der Aufruf — „ist jetzt für .Litauen besonders gefährlich, weshalb alle SHützm Wachsam Ivnd,siedey Angtz»»hiick bereit sein müssen, die Grenzen Litauens zu verteidige»»." 7 Mas -sonst'.»«:'dem ' Blatt an inleressantam' Material gefotzt gewesen sein mag, ist, wie die großen »veißen Flek- Icu auf allen vier Seiten verraten, der fürsorglichen Militärzensur verfallen. Selbst Inserate und sonstigL Ankündigungen haben den 'Verdacht des Ze»»sors erweckt, uird an ihrer Stelle gähnt der weiße Fleck. Wie in den herrlichsten Zeiten des Kriegs- und BelagerurrgszustarMeL trägt daS Blatt den Vermerk „Bon der Zensur zum Druck-: zugelassen". lieber die Lage der Jude»» in Kowno und der litauische»» Provinz, über die Haltung der jüdischen Scjlnabgeordneten enthält die Nummer kein Wort. War-- um nicht, »veiß wohl der Militärzensor von Kowrw an-, besten. Wte wchae« Sie Sude« in Wie»? Üm tmiHifi Woh«vaap»«»ur. Bon M. A« valöhawmer. Die soziale Gliederung der Juden Wiens*) erfährt nach einer gewissen Richtung hin eine blitzlichtarcige Beleuch.ung, wenn »vir die Wohnungtzverhälrnksse ln den vier Bezirken (Innere Stadt, Leopoldstadt, Alsergrund und Brigittenau) einer Untersuchung unterziehen, in denen ungefähr 6V Prozent der gesamten jüdischen Bevölkerung Wiens zusammengedrängt leben. Am 31. Dezember 1623 wurden in ganz Wien 44.886 Häuser gezählt; in den vier angeführten Bezirken gab es deren 741J; es entfielen also, ln Prozenten ausgeöi fielt, 16,5 Prozent aller Wiener Häuser auf die vier judenstärksten Bezirke. Von d.r GesamteinlvcHnerschaft Wiens, von 1,863.783 Personen, lebten zur angegebenen Zeit ln diesen vier Bezirken 860.526, oder 20,8 Prozent der gesamten Wiener Bevölkerung, Wir haben daher gegenüber dem BovölkerungSproz/ nlfatz einen Abgang von 4,3 Prozent Häuser. Schon aus diesen Zahlen ergibt sich, daß eine verhältnismäßig größere Anzahl von Menschen in den in diesen Bezirken vorhandenen Häusern untergebracht sein müssen, als dies in den anderen 17 D.zirken der Fall ist. Noch klarer kommt dies zum Ausdruck, wenn wir folgende Umstände berücksichtigen: Auf ein Hans entfallen in ganz Wien durchschnittlich 11,69 Wohnpartelen, in den von uns beobachteten Bezirken dagegen 13,68, es kommen daher in diesen vier Stadtteilen l6,73 Prozent mehr Wohnparteicn auf je ein Haus, als es in ganz Wien der Fall »st. Auf je eine Wohnpartei entfallen in d-en vier Bezirken 3,81 B e »v o h n {r, in ganz Wien dagegen 3,49, also um 9,17 Prozent mehr, als in dem. gesamten übrigen Wien. Daraus geht hervor, daß die einzelnen Mo-Hnparteien sich aus einer größeren Anzahl von Personen in diesen vier Bezirken zusnwmensetzen müssen, als dies in ganz Wien durchschnittlich der Fall ist. Tatsächlich gehört das Zimmer v c rm i c t e it, bezw. die Ueberlassnng von Bettstel-' len zu den Einnahmsquellen der Judenf ch a f t i n d i e s e n B e z i r k e n. Noch krasser kommen diese Verhältnisse zum Ausdruck,. wenn wir die auf ein Hans entfallende Bewobnerzahl be« rechnen ( auf je e i n H a » s entfallen in ganz Wien durchschnittlich 44,66 D e'w o h n e r, in den von uns untersnch- *) In der in der „Wiener Morgenzeitung" erschienenen Aufsatzreihe , D i e Juden Wiens E » n e statistische Studie." behandelt, die demnächst in Buchform im Verlag R. Löw t.t. Wien-Leipzig, er'cheint. lloyb.-TRIESTMO BXPEE85ü. fflSTDä«. FMEBHEHB «Ä« OES LEVANTE AESmEfi INDIEN JAPAN Für Erholungsreisen zur See tr i die billigen Aunofattrharfen I s # AUSKÜNFTE UND BERATUNG RE» DER I g GENERALAGENT IM, WEN I. KÄRNTNERRiNG 6. ] B TEL. 66 0.68 j %BBBMHBBBBMBBB&BBfjiaafEBOIBBBBBBBBBffBaBi?* m. Dezember tm MNe 9 Herren ‘Xteideradkmemme yteinridk WclnfterS« ,» V. ^i«utcift<fikDc Jitt. 0 XmaMn&-Awutf lHO— ten vier Bezirken 52,66, also um 18,65 Prozent mehr, als durchschnittlich in ganz Wien. DieHäuser indiese« vier Bezirken sind somit durchschnittlich un» beinahe ein Fünftel stärker belegt, als der Durchschnitt des Belages in ganz Wien beträgt. Von der gesanrten Fläche der Stadt Wien im AuSrnaße von 27.606.38 Hektar sind 3.361.02 Hektar bebaut. Von dieser bebauten Fläche entfielen auf die genannten vier Bezirke 611.67 Hektar, oder 19,2 Prozent. Es ist demnach tmt 2,6 Prozent weniger Fläche in diesen vier Bezirken bebaut, als es der Prozentanzahl der Bevölkerung in denselben entsprechen würde. Genaue Erhebungen Über, den Belag der einzelnen Wehnräume, gesondert nach Kons'ession, haben wir nicht. Die von dem Jüdischen Nationalrat im Jahre 1910 unternomniemn Stichproben ergaben, daß f a st 6 P e r s o n e n a u f j e e i n e n Wohn raum in den Kleinwohnungen dcS 2. und 20. Bezirkes kamen. Es ist bereits eine allgemeine Erkenntnis, und bedarf wohl keiner weitläufigen Ausführungen, daß die Wohnung die Grundlage eines jeden Familienlebens bildet, und außerdem von eminenter Bedeutung für die-Erziehung der Jugend und für bäc hygienischen und moralischen Zustände der' Ei »wohne »«schaff eines OrtcS ist. Ungesunde Wohnverhältnisse zerstören jedes Familienleben »md bringen ungeheure Gefahren kn gesirndheitlicker und moralischer Beziehung für die Jugend, aber auch für die erwachsenen Männer und Frauen mit sich. Die in der jüdischen Bevölkerung Wiens bestehenden, - von uns bereits zur Darstellung gebrachten Auflösungstendenzen werden nicht eingedämmt und schon . gar nicht beseitigt werden, also auch weiterhin in gleicher Stärke bleiben, wenn sich nicht auch für die Juden eine.-/ entsprechende Lösung der Wohnfrage finden wird... Bekanntlich sind albe Bemühungen.zur.wirtschaftlichen.und. kulturellen Hebung eines Volkes vergeblich, wenn nicht die . Wohnungsfrage einwandfrei beantwortet wird. ,.j Ohne die Bedeutung der von der Gemeinde Men a-nsgesührten'Wchribaulen c/nzweifelin zu wollen, ohne auch; die Tätigkeit der sozialdemokratischen GeNmindemajörität auf diesem Gebiete zunächst einer Kritik zu unterziehen, glauben wir. daß die b i s h e r i g e W o h ri b a up ol itik weder in» Inte reffe einer kulturellen undwirtschaftlichenHebungdesArbeiter- - standes im besonderen und der Wiener Bevölkerung im ' allgemeinen. noch der jüdischen V e v ö l k e r u n g überhaupt dienlich ist. Die Juden, die man als ein denkendes Volk zu bezeichnen sich gewöhnt hat, unter- ' lassen es ans Angst davor, durch eine kritische Behandlung einer sozialdemokratischen Maßnahme, die zu einem ent- ' gegengesetzten Resultat führt, in den Ruf der Antidemokratie oder Reaktion zu gelangen, die Politik der Sozialdemo- ' kratie vom Standpunkte der Nützlichkeit für die jüdische Bevölkerung zu überprüfen. Wir wiederholen ahrr sicherlich nur eiw.n Gemeinplatz, wenn wir die Ansicht ausspre- - cheu, daß jede städtische und industrielle Wohnweise Nach ländlichem Vorbilde umgestellt werden muß, d. h. daß das Ziel einer jeden stii'dtischen Wohnbaupolitik dahin gchen muß. die Bevölkerung mit Raum, Licht und Lust genügend zu versorgen und den zu unserem Nachteil ver- Kn zionistisches Theaterstück HanS Müller- „Menschen ohne Erde". — Uraufführung ,« der Neue« Wiener Bühne. Der Fall ist schamerig. Dieses Blatt dient der zionistischen Idee, uub der Referent hängt ihr seit den Jünglingsjahren a». Er sieht und prüft alles unter den» Gesichtsroinkel der Erneueruitg uub Errettung deS Judentums. Und die Wiederausrichitung jüdischer Würde ist ihm brenue»»des Verlangen, Hans Müller, den Dramatiker, hat er leidenschaftlich bekämpft, weil er sein Werk von der Konjunttur beeinflußt, seine Begabung durch Betriebsamkeit u»»d schleunigste Hi»»gabe an den „Zeitgeist" untergraben sah — kurz toeii das Kapitel „Die Juden und der Literaturrummel" u,»s Ziouisten nahegcht. Und nun hat Hal»s Müller ein zionistisches Stück geschrieben. Es ko»»»»te kein „Konjunkturstück" sein, »veil der Autor nicht im Wolke»»kuck»rckshei»n, fonberii in der Wiener Gesellschaft lebt m»d »veiß, daß neun.Zehntel seiner bisherigen jüdischen Verehrer nicht milhalten werden. Man tut ja gerne etwas „für Palästina", schämt sich nicht Mehr hebräischer Theateraufführunge»»,' nachdem die uichtjüdischeu Größen der Kunst und Literatur der Habimah ihre Verbeugung ge»nacht haben. Nach dreißigjähriger zionistischer Arbeit ist wohl auch die klägllchste Fasson M SelbstverleugnenS, UnterkrierhenS, schamlosen Preisgebens unmöglich geworden. Doch so ga,»z scharf, so gai»z eindeutig herauszujagen,- daß die- Judeir keine Deutscher» sind, daß cS die einzige die lchte Aufgabe dieser assimilierten, depravkerten, in hundertfache sklavische Abhängigkeit verstrickten Generation ist, der nächsten Generation die palästirrensksche Scholle zu geben «nv sie dort freie Juden tr>erden zu lassen das köimen sich die Herren von der deuti'chösterre7chisch!,»-Union und die Dan»en von der israelitischen Wohltäiere», das können sich die dmtsck,nationalen Jrrden und ihre Verbündeten, die I Agirdiftcu, »uujt btc^eu tagen, otc oit^gü* stück „Könige", sie ließe» das typische Nachkriegsstück „Die Flamme" gelten, sie machten ihre tiefe Verbeugung vor dein Glaubensgenosse»», der sich in» Bant'an gut anskennt („Die Sterne") u»»d teilten Schmerz und Freud der „Schwester Veronika". Mer »vas .er sich da . in diesem Stück ,Menschen oh»»c Erde" erlaubt, wie er nicht et»oa zugereiste Polnische, sondern effektiv Bodenständige hernirnmt, sie einfach als Lüstmenschen entlarvt — das ist ausgesprochen zionistische Entartung. .. Und nur können Hans Müller nicht beispringen! Die Tendenz ist uns sympathisch — aber das Stück ist schlecht. * Der neunzehnjährige Wolsgang, Sprößling und ei»»- ziger Erbe des Wiener Bankhauses Talmejsiug u. Sohn, ist heirnlich nach Palästina gegarrgen und lar»d»virtschpstlicher Pionier geworden. Er hat dort ei» Stück Boden eiüsumpst und kommt jetzt zurück Man erfährt, daß auf seinem „Streifen Erde" bereits die Orangen reisen. Papa und Mama rvußte» nichts von dieser Extravaganz. Man korrespondierte unter eines Deckadresse via Amerika. Jetzt soll er in die Firma eintreten. Er kan», um abzusageu. In der ersten Auseinandersetzung erklärt er, einem großen Werke zu dienen, das ihm nicht gestatte, die kaufmännischen Tradit»o»»e»» des HauseS Taimessing ftrtznsetze»». Den Vermittlungsvorschlag deS Vaters, in der guten alter» Firma das Geld zu verdienen, das er für die Verlvirklichung seiner , (jetzt noch nicht näher bezeichnten) Jdcc braucht, lehnt er ab. Und doch »väre Wolfgang zu Hanse dringend erforderlich» denn TalmessiitgS stehen vor dem Konkurs, und der Eintritt des jungen Mannes soll und roird den tiefgesunkenen Kredit hcbem Wolsgang (der Übrigms nicht »nie ein Chaluz aus- . sieht, welcher Entsumpfungsarbeit und Meliorifierrrrtg des I Bodens bis zur ersten Orangenermte hinter sich hat) empj jü»w Schnjuu,» nu~] vu iAUiia. vöie zu überzeuge»» und zu ge-vilrneu, ist scheinbar der Zweck seines EuropabesucheS. Aber die wenigen Stunden sci»»es Aufenthaltes M. drc-i Alte spielen zwischen halb sechs m»ü i»eun Uhr eineS Frühsoin»ncr»»uäMiUags — enthüllen ihm traurige Fa«, milicnzustände. Zunächst muß er einen Jour in der Billä Talmessing mittnache»», für einen Palästma-Pionier ein Greuel, dann e»»tdeckt er ein gar »richit sauberes Verhältnis der geliebten Mutter. Schon früher einmal hat Frau Renate dem Bankpräsid-enten Ernilian Gutherz die Rettung dcs Bankhauses Talmessi»»g mit einer Schäferstuitde bezahlt. Nun muß sie es roivder tun, die Opservolle, deirn es geht um das Schicksal des Gatten und um die Zurunst des einzigen Sohi»es. Wie dies in Dcamn» u>»-' vermeidlich ist, hat aber Wolsgang das Rendezvous beobachtet, ahitt Fr'irchterliches u»»d muß im dritten Akt aus Mrrtters Mund die Wahrheit erfahren. Da nun ergeben sich jene zionistischen Auseinanderschungen und Schlußpointen, die nur vorwegirahmor». * Der Konflikt ist nicht spezifisch jüdisch, Ltebeslohn für Firmenrettung ein schmutziger u»»d trauriger Handel, der an die Besonderheit „europäisches Großstadijudentum^ »»icht gebunden ist. Er soll auch unter Nich-tjudon vorkmnmen, und NM»»» es der Zufall »mll, daß nur einer der BertragSteile, der Geldmensch oder die gekaufte Frau, jüdischen Blutes ist, daun ergeben sich andere Schlüsse als zionistische. Nein, das Problem liegt tiefer und ist m den dreißig Jahren, seitdem der junge politische Ziorlismus den Begriffen „Juden,»ot" und „Jude»»sch»cksal" die damals unerhörten Parolen „Juder»volk" und „tzudenland" ent- , gegenstellte, viel zu differenziert geworden, als daß e§ sich in ein Sensationsstück mit reißerischer Fabel mrd abschließendem Tendenzdialog einfangen ließe. Tauglich ist; die M» »euschrsd 'nrng, nebst den ühli.hen Klischees durch s die exotische Figur eiues orientalischkn Bankmannes bc