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Wiener Morgenzeitung · 1926-12-24 · Heft 2811 (24.12.1926) · p. Seite 5

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
8 (1926)
Issue
Heft 2811 (24.12.1926)
Date
1926-12-24
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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WMLMMOWNSWNW« m. «i wwn^ jyifiWj ilililw* WKW^VHj”IUKRg A. Dezember 1986 Sette 6 fV)pyri*h» bj B* kt-vr 4 Co., MdBel». 1«7. (4. Vomttmg.) £He &eidkte eines Juden. Von jCeonid drOMmonn. $(eramgegeh$n von tRsni 9ülöp*üdtilet und friedlich Eckstein. Der stärkst« statuS in statu ist auch bei im* jeren russischen 'Juden unbestreitbar. Und wenn dem sa ist, wie sollten sie nicht, wenig«ten^ zum Teil, mit der Wurzel unserer Nation, mit dem russischen BolkSstamm in Zwietracht geraten? Sie weisen auf die jüdische Intelligenz hin, doch gehSren ja auch Sie zur Intelligenz, und sehen Sie... Wer lassen wir das» es ist ein langes Thema. Ein Feind der Juden war ich jedoch me. Ich habe Besänne unter den Juden und Jüdinnen, die auch heule noch -u mir kommen, um über verschiedene Gegenwinde meinen Rat einzuholen; sie lesen da) „Tagebuch eine) Schriftsteller-", und obwohl sie, wir alle Juden, wo er sich um das Judentum handelt, empfindlich sind, sind sie nür doch nicht feind, im Gegenteil, sie kommen zu mir. Was den Prozeß drr Korniloff betrifft, so bemerke ich nur, daß Sie darüber nichts wissen und folglich auch nicht kompetent sind. Was sind Sie aber doch für ein Schüler! Mit einer solchen Anschauung von dem Kerzen und den Handlungen drr Menschen bleibt weiter nichts mehr übrig, als in materielle Genüsse zu versinken... ... Aber ich kenne Sie überhaupt nicht, trotz Ihres Briefes. Ihr Brief (der erste) ist hinreißend schön. Ich will aus ganzer Seele glauben, daß Sie aufrichtig sind. Mer wenn Sie es auch nicht sind -*■ da) tut nichts zue Sache: denn die Unaufrichtigkeit ist in dem gegebenen Falle eine höchst verwickelte und überaus tiefe Angelegenheit. Glauben Sie an die völlige Aufrichtigkeit, mit der ich Ihnen die mir gereichte Hand drücke. Erheben Sie sich jedoch im Geiste und formulieren Sie Ihr Ideal. Sie haben es doch bisher gesucht, oder nicht? Mit ausgezeichneter Hoachtung . Ihr Fjodor Dostojewski. ^)er Ton Lkeses Briefes unterscheidet sich merklich von den übvigen Antworten Dostojewskis an feine un- Sskanuten Korrespondenten. Dostojewski hat den eigenartigen Charakter der sich an ihn wendenden Person gewürdigt und vermeidet es völlig, einen Ton der Belehrung. der Ermahnung oder Predigt anzunehmen. Gr stell't sich mit dem Autor dieser Boichke auf das gleiche Niveau, trachtet nach derselben unverhüllten Aufr'cht'gkeit und vermeidet sorgfältig jede Anspielung auf seine eigene sittliche Uoberlegenheit. Der berühmte Schriftsteller bekennt sich als mit dem verurteilten Verbrecher gleichstehend, und das ohne Pose, ohne die geringste Heuchelei. Er durchschaut augenblicklich hinter den in dem empfangenen Briefe austauchenden Themen jenes nicht direkt ausgesprochene, aber einzig wichtige Problem, über welches er, den Gesetzen der höchsten Instanz eines freien Gewissens gemäß, sein endgültiges Urteil abgsben soll. Es ist dies das Problem von der Schuld Kownrri, und von der Möglichkeit, ihn, nach den höchsten sittlichen Erwägungen eines individuellen Geistes, freizusprechen. Und wir können nicht umhin, die, Geradheit und Entschiedenheit zu würdigen, mit der Dostojewski seinen Freispruch fällt, indem er Kown-er erklärt, «r betrachte seinen „Prozeß" ebenso, „wie Sie ihn selbst beurteilen". Das ist jene weitherzige Geste der Vergebung, deren Kowner zwei Jahre hindurch so qualvoll und vergebens geharrt hatt«. Bei all-sdem weist er jedoch, mit außerordentlicher Behutsamkeit, mit feinem Herzenstakt und, indem er sich sorgfältig hütet, die gemarterte und m Tode gehetzte Seele auch nur im geringsten zu verwunden, auf mögliche Fehler in der Aufstellung des Problems hin. Mit ausnehmendem Scharfsinn errat er das eigentlich» Gebrechen an der moralischen Organisation KownerS, das Fehlen eines kategorischen sittlichen Prinzips in seiner Weltanschauung, und darum spielt er auf die Notwendigkeit einer „Fahne" für jedes suchende Bewußtsein an (es ist unstatthaft, bloß ein .„Mensch ohne eine Etikette" zu sein). In den Schlußworten ist das gleiche weise Durchschauen und die fast mütterliche Milde in dem versteckten und kaum he.rausfühlbaren Vorwurf: „Erheben Sie sich im Geiste und formulieren Sie Ihr Ideal. Sie haben es doch bisher gesucht, oder nicht?" Kowner war über alle Maßen glücklich, als er Dostojewskis Brief erhielt, und drückte ihm in warmen Worten das Gefühl der tiefen Geelenfreude und der grenzenlosen Dankbarkeit aus. Er zeigte sich sogar über Dostojewskis Zweifel an feiner Aufrichtigkeit gekränkt und. ließ bei diesem Anlaß eine merkwürdige Beurteilung der modernen Schriftsteller laut werden. (ftotrc'uttfl tot»*./ Mische Bett. Mische laudwirttchaftUche ftobnifiittan iu Leutschlanv. Aus Berlin meldet I. T. A.: Die Hauptversammlung des Reichsbundes jüdischer Frontsoldaten beschloß, eine großzügige Siedlungsaktion innerhalb des Bunde- und des gesamtest deutschen Judentums einzuleiten. Es soll ein Siedlungsfonds gebildet werden, aus dem auf einem eigenen Gute, nach einem genau vorgezeichnetelh von ersten Fachleuten geprüften Plan, geeignete jüdische Landwirte und Gärtner auf eigener Scholle mit Hilfe des NeichssiedlungSnetzeS angesiedelt werden sollen. ras Snima eines »erschollenen. Das Warschauer Rabbinat versendet folgenden Aufruf: Der Warschauer Einwohner Aron Minz fuhr im Jahre 1019 in geschäftlicher Angelegenheit nach Rußland und ist seither verschollen. Seine junge Ehegattin wurde auf solche Weise ein: Agunah, eine verlassene Frau. Nun meldete sich ei« gewisser Herr Singer, welcher den verschwundenen Aron Minz nach einer ihm vorgewiesemn Photographie erkannte und als Zruge bekanntgab, er fü unmittelbar Vox dem Schewuothfest im Jahre 1910 mit zwei anderen Juden und einem russischen Studenten auf einem Wagen von Minsk nach Baranowicz gefahren. Bei der Brücke, unweit von Kaidanow, wurde der Magen von einer Militärwache gestellt, die Personaldokumente der Reisestdest wurden revidiert. Mit Ausnahme des Minz und des Studenten wurden die übrig:», ha ihre Dokumente in Ordnung^ gefunden wurden, freigelassen. Aron Minz und der Student wurden unter dem Verdachte, daß sie Spion« seien, an Ort und Stelle erschossen und ihr Leichnam in den nahen Fluß geworfen. Ueber die Erklärungen de- Hrrrn Singer wmdr ein ivenaues Zeuge »Protokoll au'gnomm:» und das RaSSknat bittet nun. die anderen zwei Personen, wiche nach Aussage des Herrn S.cnger bei diesem Vorfall anwesend wärest, wo immer sie sich gegenwärtig aüshasten möge«, über den Fall genaue Einzelheiten bekanntzugebest, eventuell beim Rabbiner ihres Aufenthaltsortes Aussagen zu Machen. Auch der Rabbiner von Kaidanow wird um Nachforschung gebeten. Der Ausruf trägt die Unterschrift: Rabbiner H. Ch. Michelsohn, Warschau, PanLka 26 i. 4. $800 EinwandenmgSzertifikate für Palästina. AuS Jerusalem wird uns berichtet: Es sind 1600 Einwinderungszertifikate für Frauen und Männer im Alter von 18 vis 4K Jahren, sowohl für gelernte wie ungelernte Ar-, beiter' bewi list worden. Diese Zertifikate sind zur Per-, teilung an die verschiedenen europäischen PalMnaämter in den sechs Monaten endend mit dem 31. März 1937 bestimmt, und die Exekutive berät jetzt über deren Verwen-> d««S. Rabivdranath Tagore fcirn nt^t nach- PaMina komme,t. Ter istdt'che Tichter-P'.i osoph Rakindranath Ta?ore. der vor kurzem in Aegypten gewel t hat, schrieb von dort an seine pa.iiüirien'ischen Freunde, er habe zu seinem Bedauern seinen Plan, Palästina zu besuchen, aufgebe.n müssen, er fei schon zu lange seiner Heimat fern und Müsse nun jedem Wunsch, auch andere Länder zu besuchen, entsagen. Daö Gemeindehaus der Züricher Kultusaemetnde. Aus Zürich wird uns berichtet: Die lie.i^e jüdische Gemeine hat den Bnu eines großen, modernen GemeindehmssS beschlossen. Der Kostenvoranschlaä beträgt 1,180.000 FrcS., die durch eine Erhöt-unz der Au.tussteuer um 60 Prozent bereistgebracht werden sollen. Für den Fall, als auch der Bau einer M o » u m e n t a l s h n a g o g e in derselben Z st zur RüSsührung ae.'äugen sok te, wird der Bauzuschlag zur Kultussteuer 100 Prozent betragen. . Die jüdischen Wühler, von Toronto. Aus Toronto wird uns geschrieben r« Am 1. Jänner finden hier die Wahlen in den Gemeinderat statt, dessen Zusammensetzung auch für die Juden, und besonders für die emgewandsrten Juden von großer Wichtigkeit ist. Infolge irgendeiner Intrige wurde die Wahl qufeinen GamStag festgesetzt, um auf diese eWeise eine Anzahl jüdischer Stimmen loszuworden. Die uden beschlossen heraus, den ganzen Wahlakt zu boykotersn und ihn zu bekämpfen. Der Stadtrat beschloß hierauf, die. ursprünackw festgesetzte Zeit zur Abgabe der Stimmen »m einige M Swendstunven zu verlängern. Bühne und Kuuft. .Phffdra.' Duegthoaier. Glaubwürdig hingrstellt unter dvn Himmel Griechen, lands sind die Menschen in R a c i n e S Trauerspiel. Sie stelzen nicht, sie schreiten, stark sind ihre Gefühle und sie wlsßm zu sterben. Das Burgtheater versteht cs noch immer, dieses „Paradepferd der französischen Bühm", wie es Schiller nannte, mit Anstand vorzusühren, und Schillers, des Ueberfetzers, Jamben sind im Burgtheater gm aufgehoben. Den Thesaus des Herrn M a r r, D e v r i e n t s meisterhaften Bericht vom Tetze des tzyppolyt, die Damen Wohlgemuth (Aricia) und Mayer (Venune) haben wir schon vor Jahren xpwürdlgt, als Burgtheaterdivektor Hermann Bahr die „Phädra" hsrausbrachte. Neu Jda Roland in der Titelrolle. Die Tragödie der Liebcsraferei liegt ihr:,Lein heimlich schleichend Feuer ist es mehr, mit voller Wut treibt sie der Venus Zorn." Entfesselte Leidenschaft, vom klassischen Maß der Geste» des Wortes gebändigt, nicht erstickt. Vom ersten Seufzer bis zum letzten Hauch klug abgewogene, forgfamst disponierte Dynamik — aber trotzdem eine Künstlerleistung, der ihre technische Vollkommenheit nicht Abbruch tut. Hyppolyt, der Jüttgling skytischen Geblüts, vom Dichter als wilde Heldennütur wohl geschildert („wild ist er, wie der Wald, der ihn erzog"), aber im Drama die personifizierte Zurückhaltung und CchiäsalSergcbenheit, ist kein dankbarer Part. Herr Hart mann spricht ihn mit männlich-edlem Vollklang. Der Abend übtzs starke, stellenweise zündende Wirkung. O. A. »Ser große Staff." Reuaissaueebühttt. . Ein gestreckter Sketch, für dessen drei Akte Fred H e l -- l e r und Adolf Schütz (ein Zeitungsmann und ein Schauspieler) verantwortlich zeichnen, gibt Joses Jarno Gelegeichnt, alle Register seiner vornehm-nonchalanten DarstellungZart spielen zu lassen, läßt Stella S o r m a in feschen Breeches und Autojacke die Rolle eines weiblichen Sherlock Holmes entzückend ernst nehmen und bringt die talentierte Maria W a l d n e r als Filmstar in einer netten Kombination auf die Bühne. Die Konstruktion drS auf Spannung gearb.iteten Spiels klappte, und auch der Beifall setzte pünktlich ein, wo er erforderlich war, sublimierte sich am Schluß zu Blumenspenden und Hervorrufen. . S. v. Ai« den Theateru. ' SSmt/ichs DYe-tebleiben hrute geWüssen. Burgiheater. Morgen, 8 Uhr nachmiitagK» »Sadtz WindermereS Fächer"; haSb 8 Uhr abends,.^Spier im Schloß". / -- . Aiabem i e thea te r. Morgen. Z Uhr nachmittags. „Der Krampus"; ji8 Uhr abends. „Das Prinzip*. .Deutsches Bolksthea te r. EamStag, Sonntag» Dienstag, Mittwoch und am Silvesterabend „Der Garten Eden*. Nachmittagsvorstellung«»: Samstag „Liebe und Sport", Sonntag ..Der Feidhercnhugel". .. TheateranderWien. Morien gelangt zum ersten Male als Nachmittagsvorstellung die Eryst-MariWa-Brun» Granichstaedtemsche Operette „Das Schwalbennest" ' zur Aufftihrung. . Modernes Theater. Samstag und Sonntag Nachmittagsvorstellungen l'ei kleinen Preisen; Samstag: „Die Art sich hinzu geb en". Sonntag „Die Büchst der Pandora^. Beginn 8 Uhr nachmittags. „Wien wcht wieder." Zum 100. Male staunte mau gestern im Stadttheater über Prunk und Pomp der glauzvollen Biber, die strah'enden Frauen und den raffimerten Apparat der technischen Effekte. Diese neue Revue der glitzernden Ausstattung ist ein „Goldener Sonntag" mit solchem Auslqgenprunk, daß sich der.Witz der Herren Farkas und Grunb aum ziemlich überflüssig vorkommt. \ Des Richard-Strauß-Grsetz. Der Vertrag, den die Bundestheaterverwaltung mit Richard Strauß abgeschlossen hat, und bei dem eö sich um die Ueberlassung des Grundes im P e l v e-> der«, auf dem die Billa des Komponisten erbaut wlrd. alS Rekompens für die Dirigententätigseit Strauß' in der StüatSoper handelt, ist, wie wir erfahren, vom Finanzministerium genehmigend erledigt worden. Da sS sich hiebei um ein Eigentum des Bundes handelt, das vergeben wird, muß die dlcsbc- Mliche BertragSbsstimmung in Form eines Gesetzentwurfes dem Nationalrat zur Beschlumassung vorgelegt werderr. Wie wir erfahren, wird di« diesbezügliche Vorlage noch vor Neuj a h r eingebeacht werden. . . Gilbert in Konkurs. Das Amtsgericht hat über das Vermögen des Komponisten Jean Gilbert den Konkurs «röstnst und damit einen Zusammenbruch von geradezu amerikgnuchen Dimensionen besiegelt. Gilbert strebte eine Aueinherrschäft aus dem Operettenmarkt an. Er brachte in Hamburg die Bolksoper und daS Karl-Schusze-Theater an sich und begann, ein Operettenchearer nach dem andern seinem Konzern «inzuverleiben. In Dresden. Frankfurt am Main,'Mannheim und W i en.' wo er da» Ronachertheatrr übernehmen wollte, schaffte er sich eine maßgebende Stellung. Die Beträge, die ihm von seinen Freunden zur Verfügung gestellt wurden, reichten aber njcht au-, und er mußte Geld zu schweren Vedinaunen ausnehmen. Zunächst kam «S in Hamburg zur Katastrophe. Nur f»' D r«sd«n konnte der Betrieb aufrecht erhalten werben. Jene Gesinnungsgenossen, die sich an der Massenadresse an den Keren Kajemeth durch Ausfüllung der Keren Kajemeth Telegraifimblankette nicht beteiligt haben, mögen dies tun. Vermögende leisten Ueberzahlungen. Reiche tragen sich in das Jubiläümsgoldenbuch des Keren Kajemeth ein.

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