Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 8 (1926)
- Issue
- Heft 2811 (24.12.1926)
- Date
- 1926-12-24
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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V!'!?! ■! ■' '.'WmitHW U. LHW.i'JWME'WS » nt. SS11 Kkm, Freitag Me«sr Morge«-rttu«g 24. Dezember 1926 Geile S wünschen Sie Siegen.? Sie -arr»k««rzler-ßiugal>e gegen »rn Sela« Hnpia. üom Senat abgelehnt. Die sogenannte deutsche Slndenlenkamnver, die sich trotz ihrer Minoritätsstellung als deutsche Studentenschaft bezeichnet, hatte, wie gemeldet, Kn September an den akademischen Senat eine Denkschrift gerichtet, in der unter antisemitische« Schimpfereien gegen die letzte Dekan-wahl an der rechts-, und staatswissenfchaftlichen Fakultät Einspruch erhoben wird, weil das Ergebnis, die Wahl des Professors Hupka, dem „gesetzlich gewährleisteten deutschen Charakter" der Universität widerspreche. In der vor kurzem erteilten Antwort auf bbfß Denkschrift hat der akademische Senat eine Erörterung der gegen die Gesetzmäßigkeit der Wahl vorgebrachten Einwände mit der Begründung abgelehnt, daß ihm die lieber Prüfung einer von dem Profcssorenkollcgium einer Fakultät vollzogenen und vom Unterrichtsministerium bereits genehmigten Wahl nicht zustehe. Das Profcssorenkollegium der rechts- und staatswissenschaftlichen Fakultät hat in seiner Sitzung vom 18. Dezember diese Entschließung des akademischen Senats zur Kenntnis genommen und beschlossen, öffentlichzuerklären, daß die Gesetzmäßigkeit der Dekanswahl, die es aus eigenem Rechte und in seinem alleinigen Wirkungskreise vollzogen hat, außer jedem Zweifel steht. MlllrWÄrelorm und V«,gestalt«« der Bürgerschule. Dem Wirrwarr der zahllosen Mittelschultypen soll noch im Laufe des Schuljahres 1926-27 durch einen Gesetzentwurf ein Ende bereitet werden, über dessen Grundzüge gestern in einer Pressekonferenz im Unterrichtsministerium u. a. folgende Mitteilungen gemacht wurden: Die Mittelschule soll als achtjährige Bollanftalt behandelt werden; ihr wesentlichstes Ziel besteht in der Bermiltlung der Hochschulreife. Die Buntheit der seit dem Umsturz aüsgetauchten Versuchstypen haben zu einer Unterbindung der Freizügigkeit der Schüler geführt. Dem soll durch die Zurückführung der Mittelschulen auf möglichst wenige, kläre Formen gesteuert w.rden. Ferner soll auf die Wünsche der Hochschulen Bedacht genommen werden. Die Unterstufe der Mittelschule wi.d möglichst vereinheitlicht werden, wodurch es möglich gemacht wird, die Entscheidung übyr den künftigen Studienweg und Beruf tveiter hinauszuschiebsn. Auch den Absolventen der Bürgerschule soll der Weg zum Hochschulstudium geebnet werden; dies wird durch e'.ne R e s o r m der(Bürgerschule geschehen, die den begabten Bürgerschüler zunächst den Uebertritt in die Mittelschule erleichtert. Zu diesem Behufe ist auch eine Novellier tung des ReichsVolksschulgesetzes erforderlich. Die Regierung will nichts unversucht lassen, um noch vor Ende dieses Schuljahres zu einer gesetzlichen Reform des Mittelschulwesens zu gelangen. Taserplofion im Bahahof von Sofia. Sofia. 29. Dezember. (Bulg. Tel.-Ag.) Das Zentralbalmhvfgebäude ist durch eine Leuchtgasexplosion stark beschä gt n orden. D r Sellv^rlr.'ter des S at'o"s"orstan- HIT711 «Arm* IlllrlrIV z. trenne Boom* Öarts neu, mit modernstem Komfort eingerichtet. Erst« ktas$t|e, streng koschere Küche unter Aufsicht des Rabbi* na*s. Zimmerbestellung rechtzeitig erbeten, illustrierte Prospekte auf Verlangen kostenlos 6s?. ' T; des, Popow, und einige and re Angestel ten wurden schwer verletzt. Der S^ade ist sehr le ähttich. Durch die Urtr'uchu g nu de f stgest.l t, das; d'e E. pll s'on. an ia> Bersten eines großen Rohres zurückzuführen ist. Das Gas war in die Apparatekammer gedrungen und sing Feuc r, als-e'n- W ichensteller mit der Lamp: in der Hand d:n Raum betraut. 36 Zage lang gehangen. Um nicht i» das Spital eingelic-fert zu werden. Aus Ezernowitz wird uns gemeldet: Ein Dienstmädchen hielt sich, um nicht krankheitshalber ins Spital eingeliefert zu werden, auf dem Dachboden in einer Kiste 36 T a g e l a n g v e r b o r g e n. Die letzten 12 Tage oerbrachte es, aus Furcht, entdeckt zu werden, ohne einen Bisse« Nahrung zu sich zu nehmen. Am 37. Tage seiner freiwill'gen Haft verriet es sich, da es in Wasser geweichte Brotkrumen, die den Vögeln ausg.'streut waren, atz und man das rasche Derschwinden des Brotes wahrnahm. Die jungerkLnstl-rrin" mutzte ins Spital ein-grUefert werden; man hofft, sie am Leben zu erhalten. 8er zweiköpfige Adler. Die russiichLN „Schwarze Hundert" in Paris. ' Seit einiger Zeit entfalten die Führer der einstigen russischen „Schwarze Hundert", die die Judenpogrome im zaristischen Rußland zu organisieren pflegten, in Paris und Frankreich eine rege Tätigkeit. In den Fabriken in der Umgebung von Paris, wo zahlreiche Russen als Arbeiter tätig sind, wird eine Art Pogrom-Propagarwa entfaltet. Dieser Tage begann in Paris die berüchtigt gewesene russische Pogrom-Zeitung „Der zweikäpfige Adler" neu zu etscheinen. Das Blatt stellt sich unter die Flagge des ‘ Großfürsten Nikolai Nikolais kwitsch und gibt als Hauptziel an: Organisation eines Selbstschutzes für das russische . Volk gegen Knechtschaft und Vergewaltigung seitens des Inte,tit..ertionalsn.Judentum s. Die Pariser russische Tageszeitung „Poslednja Nowosti", Organ der konstitutiönellen Demokraten, meint, man darf diese verstärkte Propaganda der russischen Pogromsührer nicht auf die leichte Schulter nehmen da nun Paris das Hauptquartier der russischen Pogrombanden zu werden scheint. Die brutale Störung der W i n awer-Gedachtnisfeier war ein erstes Zeichen. Die Zeitung „Hajnt" schreibt: Man müsse die französische O ffentlichkeit darüber anfklären, daß Pogromsührer von Beruf die Atmosphäre i« der Hauptstadt Frankreichs vergiften. Amerikanische WetterregulierungsoersuchL. . ^ror einigen Monaten wurde iveuige Mei.eu von Los Angeles in Kalifornien der Bau eines metallenen Turms vollendet. Ohne jede äußere Verzierung, wie ein düsteres Monument ragt das Metallgerüst etwa 130 Fuß in die Höhe. Die wenigen Passanten, die ihr Weg an diesem Turm vorbeiführte, fragten sich mit begreiflicher Neugierde, was eigentlich b'tfct Ban bezwecke. Hatten sie das Glück, von einem an der Arbeit Beschäftigten eine Antwort zu erlangen, so lautete sie kurz und bündig: „Dies ist der Wetterturm des William Hatgtzt und des David DavieS." I Wetterturm; man dachte eben an eine nreteorologische Beübachtungsstation, von deren Spitze man bequem Versuchsballone in die höheren Schick) en der Atmosphären mit allerlei kuriosen Signalapparatcn hinauflassen könne. Nur wenigen Eingeweihten war es bekannt, daß der Turm der schrullenhaften Professoren nicht der Beobachtung der Wetterlage, der Temperatur, des Luftdrucks und der Windrichtitngeit diene. Dieser düstere Metallbau w.rroe zn einem anderen Zwecke errichtet. Durch die Instrumente, die da) Innere des Neubaus barg, sollte der Wetter ckraraktev nicht beobachtet, sondem b e st i m m t w e r d e n. D.e Professoren Height und Davies g'aubten näm'ich eine Methode gefunden zu haben, um den Wolken nach ihrer Willkür zu befehlen. Sie wähnten sich bank ihrem Turm in der Lage, Regen nach ihrem Belieben zu er-- zeugen. Keinen künstlichen Regen, der etwa durch ein geeignetes Rohrsystem aus einem Reservoir das Wasstr regenartig verteilt. Das Geheimnis der von Haight und DavieS gefundenen Kunst war von viel erstaunlicherer Natur. D'.e Amerikaner gaben vor, die Wolken zum Regen zwingen zu können. Wie alle bizarren Erfindungen, war der Turm während seines Baues die Zielscheibe der Spaßvögel und der Witzbolde. Um so größer dürste jetzt die Ueberraschung sein, als nun zahlreiche amerikanische Blätter zu melden wissen, daß die ersten Experimente im Wetter türm restlos gelungen sind. An vier aufeinander folgenden. Tagen sei es Mr. Haight und seinem Mitarbeiter geglückt, Regen von verschiedener Dauer zu erzeugen. In drei dieser vier Falle vermochten die Amerikaner das Einsetzen des Regens, zehn Stunden vorher fast auf dis Minute genau zu bestimmen. In einem vierten Fall verzögerte sich der durch Wettermaschmen hervorgerusene Regen um etwa ander.halb Stunden. Die von den beiden Amerikanern gefundene technische Regulierung des Wetterch>araklcvZ beruht auf der wissenschaftlich bereits gesicherten Erte^.ntuis, daß das Eintr.'teu der Regenfälle in erster Linie vom Spannungs^rad der atmosphärischen Elektrizität abhängt. Gelingt es, diese Luftelektrizität irgendwie zu be-.inflnssen, so ist die Möglichkeit einer künst'ichcn Erzeugung des Regens gegeben. Der Wetterturm von Los Angeles ist einer mächtigen elektrischen Batterie, vergleichbar die nach einem bestimmten System innerhalb eines auf viele M.i'en reichenden Umkreises die Spannung der Elektrizität steigert und die Lust gleichsam elektrisch schwängert. Die im Weltertur.n ausgestellten Dynamomaschinen erzeugen mit Hilfe eines vervollkommnten Verfahrens elektrischen Strom von einer ungeheuerlichen Spannung, die w.it über eine Million Volt erreichen soll. Diese Elektrizität wir') dann in di: Atmosphäre gesendet. Die ungewlhn ich intensiven Schvingungen sollen selbst bei klarem Wetter in überraschend kurzer Zeit zur Bildung von dichte« Wolkenmasfsn und dann zu einem ausaiebiqen Ni'dersch'ai führen. Bücher für Manet. Es gibt Männer — man sagt, hier und da auch eine Frau, für die Literatur erst jenseits der sogenannten schönen, der Belletristik, beginnt. Sie wissen nicht, wessen sie verlustig gehen. Verzeiht ihnen, Meister des RomanSl Wissenschaft darf es auch nicht sein, aber doch Schriftwerk, das aus'. Gebieten des Wissens seinen Stosi holt und in seiner Behandlung die Kenntnisstnfe des nur allgemein' Gebildeten berücksichtigt. Solcher Bücher gibt es allmählich viele. Bücher für den außerhalb seines Berufes mehrseitig interessierten Mann, der in den Wissensgebieten des Zeitalters sich zurechtzufinden sucht. Bücher für die Frau, die am Teetisch auch einmal über die Fragen der Saison hinaus anregende Gespräche liebt. Da hat Hans Blüh er, dessen Wandervogel- und Männererotik-Ruhm merkwürdig schnell verblaßt ist, ein Buch „Traktat über die Heilkunde" geschriebert (DiederichS, Jena). Beinahe verspätet beschäftigt er sich mit modernen Neurosenlehre, aus der feine früheren Schriften, geistvoll, eigenpersönlich fortschend, hervorgegarrgen sind. Mer heut — ist er müde, verausgabt? Das Buch könnte von einem seiner Nachahmer stammen, man findet ihn so selten darin. Es gibt weniger als alle seine früheren. Er beginnt zivar bei Hippokrates und endet bei Coue, den er sehr klug und menschlich durchschaut; aber dieser große Bogen, den er spannt, klingt etwas hohl. Dennoch^ auf der ersten Seite schon, spürt man den Geist, groß genug, um trotz seiner Selbstüberheblichkeit zu fesseln» den Verstand, bessert Schärfe beinahjüdisch ist. Roch ein wenig Herz dazu, noch ein paar Giidänken, die nicht von ärgeren abgeleitet sind, und Hans Blühen der die Juden mit Komplimenten und ShrsurchtshezeugnnM aus Land und Volkstum hinausschmeißen M, wäre selbst einer. Der Okkulljsmus, trotz Aufklärung, Widerlegung, Niederlagen, blüht immer weiter und treibt hier und dq wunderliche Zeugnisse. Gegen die Proteste gegen fein« phy,i»alllcheu uno te.ep.a|iiju>en r»>l,eubäruugen protestier seinerseits wieder der Baron Schrenck-Notzing in der Sammelschrist „Die Physikalischen Phänomene der Großen Medien" .(Union, Stuttgart). Eines von den Büchern, die jeder lesen sollte, der rwch nichts von der. Materie weiß oder einen Üeberblick über die gesamte finden will. Denn er hat' darin zusammen Meinung und Gegenmeinung, Zweifel und Bekräftigung, und zugleich hört er.den Tonfall spiritistischer. Rede und Widerrede. Es .ist fast Pflicht des gebildeten Zeitgenossen, nicht Stellung zu oKulteu Frage» zu nehmen, aber doch sich über sie zu orientieren. Und triefe Schrift hier erspart ihm die großen Wälzer der Gcisterbeschsvörer und weißen Magier, . Einen vorzüglichen Üeberblick für Nichtvorgebildete gibt Prof. Alexander P.ilrz in feiner starken Broschüre „Ueber Hypnotismus usw." Es sind seine gesammelten Wiener Urania-Bcrträge (Deuticke, Leipzig-Wien), und die Besonnenheit mrd Klarheit, mit der er darstettt, sind bei Behandlung dieser Materie leider nicht immer üblich unb^ selbstverständlich. Von höchstem Reiz ist es, danach das famose, spitzfindige Buch von Christian B r u h n zu leserr „Ge-, lehrte in Hypnose" (Pharus, Hamburg), in dem er psychologisch durchaus überzeugend den Reinsall okkult Gläubiger nachweist. Die großer; Magier selbst und ihre Ge-' folgschast 7- Thomas Mann, Prof. Drinfch, Graf Kahserling — nimmt er unter die Lupe seines scharfen Verstandes, seiner übrrklaren Logik urrd entdeckt die Bruchstellen ihrer Einsicht und Erkenntnis. Selbst da, wo man 'Üm ^in .„Zu viel! z u exakt!" ^zuruft, folgt man ihm aber mit dem schadenfrohen Betgnügen, das urrS Leim Anblick lächerlich Deköuvtierter immer so tiesmnerlich erfüllt, Es ist nicht schmeichelhaft, auf die großen Medien die größeren Berlr cher sogen zu la'sen, Haarmann, Anzerstein usw.; doch da liegt da) Heftlein „Becbrecher-Dlimnrerurrg" von Rich Herberty. (Pechstein, München.) Man wird es nicht lesen, ohne gevarrklich befruchtet zu werden, ohne eine neue, psychologische Einstellung zum „Scheusal" zu bekommen. Anachse sowohl wie weltanschauliche Erweiterung kommen darin zu ihrem Recht. - Aber tiefere Belehrung, begAckenoere Einsicht in das seelische Gewebe von Mensch übe'.Haupt, gibt C.'G. Jung in seinem. Büchlein „Das Unbewußte im normalen und kranken Seelenleben" (Rascher u. Co., Zürich). Wem Freud zu radikal,- Adler zu einseitiz ist, der wlvd bei Jung, der auf den Fundämrnlen beider, die klare Gotik seiner Lehre auftürmt, willkommen sein. Der Gegner der „üblichen" Analyse, wird von diesem großen Geist überzeugt werd-en. Siird Jungs frühere Bücher dem Laien vielleicht unzugänglich, - zu schwierig, gedanklich zu überlastet, so ist diese Schüft auch dem Ahnungslosen verstand'ich. Die güsti^e Überlegenheit, die ordnende Kraft seiner Erkenntnisse, dis Milde sei- . ner Einsicht, die Sicherheit seiner Therapie, ja: die S cki ö n- . h e.i t seiner Lehre machen heut Jung zum l'ebenswwtesten und geistig umfassendsten Propheten der modernen analyti-- schen Psychologie. Geist, anderer Art, menschlicher Nnd religiöser, künst- 'lerifchrr und seelischer Art spricht aus ztvei Broschüren: Martin Buber „Rede iliüer das „Erzieherische" und F r a n z R o s e n z w e i g „D'e Schrift und Luther" (Lambert Schneider, Berlin). Wcr die im gleichen Berlage erscheinenden schönen, gedanken^chve.en, edlen Hefte der ■> „Kroatur" kennt, hat Bubers weife Rede schon gelesen. Es sind Wort und Gedanke darin, die von eilten« Dichter flaut* men. Rvsenzwrig schreibt sozusagen eine Vorrede zu sei- . rrer, mit Buber gemeinschaftlich begonnenen Verdeutsch mg d«;r „Schrift". Eindeutschung muß man sagen; die beiden großen Geister machen uns das Geschenk des Alien Testaments; wir besaßen es nicht vorher. Es ist ganz wurcher- ' bar, wie in Rofenzwrigs Büchern ein tiefes Wissen, Ahnen und Begreifen sich in gelassen strömende Darstellung um* setzt, Diese beiden Männer sind Philosophen höchster Orb* »ung, also Weife und Dichter zugleich» BiMK ~r.‘