Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 8 (1926)
- Issue
- Heft 2810 (23.12.1926)
- Date
- 1926-12-23
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nt. 2810 Wien, Domrerstag ..gcit der Feiertage wird -te „Wiener Motgenzeitung* am Sonntag, Len L6. Dezember, nicht erscheine». Montag, den 27. Dezember, wird sie wie gewöhnlich als MittagSau5g.be erscheine». Die am SamStag, de« 25. Dezember, erfchrinsntde Nummer der „Wiener Morgenzeitung" ttegj mithin zwei Lage aug auf, wov.uf wir unsere Inserenten besonders aufmerr.am machen. Sewlklessjwaug an vea Wiener Schn.en. Was tut die Aultusgbmeiude gedu den Unfug- Wir haben erst vor kurzum eins Zuschrift aus unserem Lesittt<ise vcrösstntlicht, in der an Beispielen aus einer städtischen Voltsjchule im 2. Bezirk därgetan wurde, daß an jü-Lifchon Echulkirdern Gewissenszwang geübt wird, intern sie zur Teilnahme an religiösen Feiern der vorl^errscher.den Lonscssion gegnung-en werden. Daß dieser damals geschilderte Fall nicht vereinzelt ist (wie die bequeme Ausrede der verantwortlichen Faktoren stets lautet), fceudfcn Mc Falle ähnlicher Art, die erst jüngst in einer Erlang der zionistischen Religiorslehrer und der hebräischen Lchrerschast Liens, die von der Kultuskommiffion des Zionistischen Landcskomitees einbetusen worden war, vorgebracht wurden. Es wurde darüber Klage geführt, daß d e i soziald e m.o k r a t i s ch e Stadtschulrat den jüdischen.Religionsunterricht durch Herabsetzung der Stundenzahl und Zusammenlegung der Klassen drosselt. Im 20. Bezirk entfiel eine Ctur.de jüdischen Religionsunterrichtes, da die jüdischen Schulkinder an den Proben zu einerWeihuachtsfeierteilnehmeu mußten. Ein Protest war resultatloS, da die Schulleitung sich darauf berief, datz angeblich die Eltern der Teilnahme ihrer Kinder an'der Weihnachtsfeier zugestimmt hätten. Im 2. Bezirk mutzte ein jüdisches Schulkind, dessen Vater ihm verboten hatte, an der Nikolofeier teilzunehmen, nach dem Unterricht zurückbleiben und eine Stunde lang Kr ampusbilder zeichn e n. In allen Schulen dieses Bezirkes nmde best fördern ausnahmslos als Hausaufgabe im Zeichnen das Thema „E i n C h r i st b a u m" gegelen; Einwendungen jüdischer Eltern blieben unbeachtet. - Noch schlimmer ist es im 18. Bezirk, dessen Lehrerschaft anscheinend — dem Milieu entsprechend — don Unterricht aus der Perspektive des berühmten christlichgermanischen Schönheitsideals anfatzt. Dort wurde in einer Schule eine A d.v en t S f e i e r mit stark nationalgermanischem Gepräge veranstaltet, an der die jüdischen Schulkinder teilnehmen mußten. Der Hinweis-darauf, daß hier eine „rassische" Angelegenheit betrieben wende, wunde wieder mit der faulen Ausrede beantwortet, die Eltern der Kinder feien elnverstarchen. .. Angesichts solcher Zustände fragen wir nochmals mit größtem Nachdruck.:; Was tut die Kultusgemeinde? Es ist ihre Aufgabe, mit allen Mitteln durchzuscpen, daß der Stadtschulrat die jüdischen Schullinder nicht zur Teilnahme an solchen Feiern zwingt. Grobe lleberschwemmunze» in Rußland. 80 Personen ertrunken. London, 22. Dezember. Nach einer M'ldung aus Moskau wurden im Verlaufe eines Erdbebens eint ge Dörfer in der Nähe von Taschkent durch Ueberschwemmung en vollständig zerstört, wobei 8 0 P e r s o n e n e r t r a n k e n. Me«rr MergLtr^eMms_ SMenmeffe in Klaufenbukg. MlMkalfilleaz iw Tau,faul. Klanfcnburg, 22. Dezernb-r. (U. T. K. B.) Der Verein zür U n t e rstützung jüdischer Waisen hat gestern im Hotel New York ein Wohltätig, keitskonzert und einen Tanzabend deranstaltet. Gegen Mitternacht drangen etwa 120 mit Stöcken bewaffnete Studenten in den Saal, die Teller, Messer, Becher und Schüsseln in die Reihen der Tanzenden warfen. Mehrere Anwesende wurden schwer mißhandelt. Es entstand eine riesige Panik, umsomehr, da der Angmff vollkommen unerwartet glommen war. Der Platzkommandant, General' Popp- Da n i la, hatte .nämlich einen «n *. g e st8 rte n V e rla u f der'Veranstaltung persönlich garantiert. Die hcrbe'lgerufene Militär. Patrouille konnte mit dem Neniönstranten den Kampf nicht äufnehmen, und es wurde der bumultuösen Szene erst ein Ende bereitet, als eine Kavallerie-Eskadron und eine Artillerie-Kompagnie erschienen, die unter der persönlichen Führung dcs Platz, kommandanten und des Polizeipräfekten die Demonstranten zerstreuten. Einige. Demonstranten wurden verhaftet.' Sie zuftSnde an der Ilnwersttikt von Bukarest. Bukarest, 22. Dezember. (I. T. A.) „Dimineatza" schreibt: Seit dem 2. Dezember ist den jüdischen Hörern der j u r i d i s ch e n F a k u l t ä t jede Möglichkeit genommen, den Vorlesungen beizuwohnen-, sie werden systematisch von den cnzistischen Studenten v?rtrieben oder durch die S t u de n te nwa ch en an den Portalen einfach nicht hineingclassen. „Adoverul" schreibt: An der medizinischen Fakultät herrscht Ruhe. Aber um welchen Preis? Studenten wachen an den Portalen, lassen se-it langem schon keinen e i n z i g e n I u b e n hinein. Um es nicht zu Skandalen, kommen zu lassen, ziehen es die jüdischen Studenten vor, überhaupt nicht erst an das Gebäude heranzugehen. So wird ein Numerus nullus künstlich geschaffen. Der Minister für Volksbildung, Petrovici, versprach vor kurzem, daß strenge Maßregeln zur Aufrechterhaltung der Ruhe ergriffen werden würden.- Wenn die Ruhe so aussehen wird, wie jetzt die „Ruhe" an der medizinischen Fakultät, so bedeutet dies: N u m er u s nullus. " Dasselbe Blatt berichtet: Seit langer Zeit dürfen jüdische Medizin-Studenten an den Sokbionsarbeiten nicht teilnehmen, unter dem Vorwand, daß jüdische Leichen nicht be.'gestellt.wurden. In der letzten Woche wurden aber zwei Leichen von Juden in Las anatomische Institut gebracht. Die christlichen Studenten bemächtigten sich auch dicl'erObj'kts und ließen die Wischen Studenten zur. Sezierung nicht heran. ■ Aus Jas s y wird gemeldet:- In den letzten Tagen kamen mehrfach Ueber falle c n z i st i s ch e r Studenten auf jüdische Studenten und Passanten vor.: Der Polizeipräsekt K o r s e s c u ordnete an, datz mehrere G e n d a r m en- Patrouillen ständig, die Straßen durchziehen. Me SrllSrmig des rumSnWea Konsuls kn Feru'alkm. ' Jerusalem, 19. Dezember. (I. L. A.) Gestern fand in Jerusalem eine große Kundgebung gegen die Judenverfolgungen in Rumänien statt. Nach Schluß der Kundgebung begaben sich die Teilnehmer in geschlossenem Züge zum rumänischen Konsulat. Auf dem Wege stellte sich ihnen Polizei entgegen, die versuchte, den Zug! „Der König der Schnorrer." Kammerspiele. Die Aufführung hat bestätigt, lvas wir nach der Lektüre des Bühnenmanuskriptes vermuten durften: Zangwill hat aus seinem berühmten Roman ein wirksames Lustspiel geformt. Gefördert würde solche sonst fragliche Transformation durch den seltenen Vorzug des Romans, haß io ziemlich das ganze Personenverzeichms seiner Erzählungnicht .geschildert" werden mußte,.sondern vom Schreibtisch Zangwills in das Leben zurücktrat, aus dem ex seine Geschöpfe geholt hat. Menschen von Fleisch und Blut, aus dem Gewimmel der Judengasse herausgegriffen und so lebendig, daß sie auch schon im Roman „agieren". Der Vergleich mit dem großen Dickens drängt sich auf, dessen Nonrangestalten ebenfalls bühnenfähig wurden (während z. B. bei Zola die Dramatisierung niemals einwandfrei glücken konnte). * . Da wir den Inhalt des Stückes bereits erzählten,*) dürfen wir uns auf'die Besprechung des Bühnenabends beschränken. Es ist.eine Frcnde, wie Herrn L u d w i g Stärk der König der Schnorrer gelingt. Nicht genug zu würdigen, daß er in der Stadt der Eisenhach-Weis' und des Kai-Jargons der Verlockung nicht unterlag, aus „Menasse Bueno Barzillai Az?v:do da Costa" einen Schmul Aftorduft oder Maische Barkbindenbestandteil zu machen. Der spaniolische Grandseignour der Schnorr-' kunst —- jeder, Zoll ein König der Provinz, die er schröpft — hat nichts an sich von Zynismus, van der schmierigen, geduckten, berechnenden, rechtzeitig m ^piochortum *) Siehe „8?i«nex Morg«n^si'tung" vom!6. Dezember. umschlagenden Dreistheit der Figuren von Glingw und Ta-ussigs Gnaden »(die freilich der selige Eisenbach in seiner .Art mnvergleichlich gespielt hat). Menasse überragt die reichen Juden um mehr als einen Kopf, wenn er mit ihnen, den spanrolischen wie den askenasifchen (auf der Bühne heißen sie irreführend „deutschen"), schnorrend verhandelt. . Und zu den Stümpern seiner Gilds.verhält er sich wie ein biblischer Patriarch zu Großstadtjuden von heute. Daß man ihn bei der Dar» stell.ung in den Kammerspielen als solchen erkannte, ist hohes Lab für Ludwig Stärk. So gelingt es ihm, den ersten Akt, diese wirklich grandiose Polyphome von' Humor und scharfsinnigem Witz, durchzustehen.. Hier heißt es nicht, Pointen setzen, denn diese mit Talmud-- zitaten belegten Humore sind keine „Schlag-er". Hiev heißt es, den göttlichen Manasse glaubwürdig auf die Beine'stellen, sonst verpufft seiner Reden Tftfsinn und seiner Aktionen Großartigkeit — weil man sie ihm nicht zutraut? Matter war er in dem zwerchftllerschütternden dritten Akt, in der Szene vor dem Kahal, aber zweifele kos wird er auch hier in die erforderlich?» Maße wachsen und wäre schon jetzt wirEsamer, wenn die Regie — die sonst Niveau hat — die Herren vom Kahal nicht veranlaßt hätte, Haubenstöcke anglisierter Spanier zu spielen, denen so ziemlich afles Jüdische fremd geworden ist. Auch die erforderliche große Dosis fröhlichen, gütigen Menschentums hat Herr Stärk dem König der Schnorrer' nichtvorenthalten. Eiive Gestalt, klar geprägt wie der Menasse, ist die Mutter Grobstock,der Therese Bella». Nrrß jüdifche Frau, die ip ihrer wohllebenden Familie die Traditionen des Volkes zu erhalten sucht. Fxitz Strehley als Papa Grphsiock ist ein recht Phlegmatischrx Emporkömmling, der sich Ltzm Regiment Menasses weit gefaßter fügt, als es der Wirkung des Abends ° 28. Dezember 1926 Gelte 8 Schntxmark«. mit Menthol wird von Damen, Kindern u, Männern als erste Hilfe bei Erkältung usw. mit Erfolg benütat. Üeberall erhältlioh. ooooooooooooooooooocxsoooooocodoaoooooai aufzulösen. Dabei wurden .'st § Per s on e n verhaftet. Einer Gruppe von 300 Demoi/canten gelang es aber, zum Konsulat vorzudvingen. Es wurde aus der Mitte der Demonstranten eine Abordnung gewählt, die sich z um Ko n su l begab und diesen,'aufforderte, der rumänischen Regierung über den Protest her palästinensischen Judenschaft gegen.die Judenverfolgungen in Rumänien Mitteilung zu machen. Der Ko^rsul sprach der Abordnung gegenüber sein Bedauern über die Ausschreitungen gegen die Judenschaft seines Landes aus und sagte. . die Juden hätten Schulter an Schulter mit allen Bürgern Rumäniens für Rumänien gekämpft und geblutet, sie hätten darum Anspruch, die g l e i ch e n R e ch t e zu genichen, wie alle anderen Bürger Rumäniens. Er sei sicher, daß die Regierung der Unruhen Herr werden würde. Delesiertentag der jüdischen Slw dentenfchait Lesterreichr. , Vom 18. bis 20. Dezember fand hier der Delegiertentag des G e s a m t v e r b a n d c s jüdischer Hochfch'üler Oesterreichs statt. Die Eröffnung leitete der Präses der „Judäa", Herr abs. rer. pol. Chaim Gelber, der zunächst unter starkenr Beifall die als Ehrengäste er schic neuen Herren Oberrabbiner' Professor Dr. H. P. C h a j e s, den Vizepräsidenten der Israelitischen Knltusgenreir.'dc, Dr. Joses L ö w e n h e r z, . den Präsidenten des zionistischen Landeskomitees Dr. Deo G.o.ldh a m mer, das Mitglied des zionistischen Landeskomitces Salo Schmerler, den Leiter des Keren Kajemeth Dr. R. Tartakower, Hofrat Dr. Frankfurter, den Vertreter der Vereinigung jüdischer Aerzte, Dr. Weiß und die Vertreter des Weltvcrbandes jüdisch er^ Hochschüler Benjakob und Weißmann begrüßte. :, In das Tagespräs'dium wurden sodann die Herren Dr. Max Kiwe, Dr. Josef Gelbard und Dr. Samuel S ch..m e r l e r entsendet. „Der Vorsitzende Dr. Kiwe gedachte in eindrucksvollen,,Worten des in diesem Jahve verstorbenen Freundes «der. jüdischen Stuientenschast Herrn Hofrat Professor: Ehrm/ann und der verstorbenen Kollegen und .wies auf die traurige Tatsache hin, datz mehr als die Hälfte dieser durch S e lb stm o r d dem Leben entrisien würden. Er gedachte auch dos Cs/rnowigsr Studenten David Falik, der durch hakenkreuzlerische Hand niedergestreckt wurde. Der Delegiertentag ehrte die Toten durch Erhüben von den Sitzen. Oberrabbiner Proseffor Dr. Chajes gab der Zufriedenheit mtt der wirtschaftlichen und kulturellen Tätigkeit des Verbandes Ausdruck. Besonders wies er ans die vom Vorsitzenden erwähnten Umstände der Selbstmorde hin, deren Ursprung in wirtschaftlicher Depression zu suchen ist. ■IMLS1K!., LS,1 ■'."■IJ "Hgg" dienlich ist. Aus dieser Rolle läßt sich wsi-t mehr und weit, ergötzlicheres Kapital schlagen. Wie dem Hohlkopf, Benjamin, der es den Londoner Dandys gloichzutun' bestrebt' ist, der treffliche Paul V e'r h o e v e n die entscheidende Qualität schuldig blieb, nämlich die groteske Parodie. Nicht gar nicht geglückt scheint uns der Jankele Hoinz Leo F i s ch e r s zu sein. S o kann der Jüngling nicht tun und lassen, den der König der Schnorrer zu seinem Schwiegersohn erhebt. Ein schläfriger Junge ohne Rasanz der Rede und der Geste, ein Jammerlappen aus der.Glockengasse. Und soll doch bei dem großen Menasse die Prüfung auf Schlagferbigkeit und Schnorr- , genie.bestanden haben! Bemerkungen, die das Verdienst der schönen, wirkungsvollen, sehr sauber geformten und fein abgestimmten Gosamtauffühvung nicht schmälern wollen. Datz dem Ensemble der Bettler die C'I-genavt der Mimik und Me- \ lodik (der „Nigen") fehlt, den ihnen jede jüdische Bühne — es. müssen nicht gerade die „Wilnaer" sein — geben würde ist bei dieser deutschen AüffÄhrung' selbstverständlich und dem Spielleiter nicht anzükre'idem Aber der erste Akt hat Kraft und Tempo, ' das Jnteri-c-ur -des zwelken ist überaus anmutig, der dritte wird bei jeder Wiederholung besser werden und der «Schlußakt ist von warmer Lustspielstimmung , erfüllt. Das. Premieren- Publikum, nach der häufigen Begegnung mit der üblichen üblen Jargonposse don dem echten jüdischen Humor Zangwills auf das AngencHmste berührt, war sehr aufgeräumt. Werk und Darstellung, insbesondere die überragende Leistung Stärks. stinden reichen Beifall. Otto Abeles.