Mannheim
Compact Memory

Wiener Morgenzeitung · 1926-12-22 · Heft 2809 (22.12.1926) · p. Seite 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
8 (1926)
Issue
Heft 2809 (22.12.1926)
Date
1926-12-22
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
91% known words query
IRI
…/2979076-2981549-2981896--28537-3016582
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 3809 Wien, Mittwoch WIE* $*0?§«ttjjeittttt§ ist, die über allen Parteien steht und für alle Parteien wirkt. Nach den rezitatotischsn Vorträgen von Oskar Leiter betrat unter stürmischenOvationen Herr Johann Kremenetzky Tagesbericht Sakenkreuz>8«famie. Die Gchnhe des Invalide«. a.t jüdischer Invalid?, r. der im Dienst oe-r deutschen Vaterlandes fußkrank geworden war, /Hatte an 'das Verwrgungsamt in Münster (Westfalen) den Antrag auf Bewährung orthopädischer Schuhe g.'stclst, Das G.'such wurde bgelehnt mit der Begründung, daß „Plattfüße eine mitische Eigentümlichkeit" sind. Diese Jnsaurie wurde sorat rechtskräftig. Erst nach monate'angen wiederholten Beschwerden der Jnvalidcn-Organisation sprach das Bersornmgsgericht in Arnsberg dem Manne seine Schuhe zu. Die Buben in dein Amt zu Münster wurden, noch nicht gemaßregelt. Die akademische Gchaiide. ^on akadeurischer Seite wird die „Nene freie Presse" auf die berüchtigten Anschlagtafeln an der Wiener Uuiver jität ausmerksaul gemacht. Wir haben diese Frechh i'eu wiederholt besprochen und die liberaltuende Presse hat geschwiegen. Erst die Unflätigkeiten gegen den Dekan Hupka haben chr die Zunge gelöst. Es wird aber, auch jetzt viel zu we"ig beachtet, daß diese Anschläge mit der Genehmigung des Rektorates, einer amtlichen Stelle, erfolgen. Wir geben eine kleine Probe dessen, was dieses Rektorat mit der amtlichen Genehnngungsstampiilie verlieht: Das Judentum in Oesterreich; Jude.lach, Iüdclach hepp hcpp hepp; Der völkische Ludendorff, Ja-, sas Schnldb u ch. „Die Juden find die minderwertigste Köter« rässs, die ruf der Welt ihr Unwesen treibt;" sie sind „eine scheußliche B a sta rd ra ss e, d-ie größte Promenadenrasse. welche, behaftet mit allen Lastern eines typischen Bastards, überall Fäulnis und Morast verbreitet". „Sie wollen ihre Leichen nicht sezieren lassen, weil sonst herauskommen würde, daß ihr Körper der Sitz aller Alb no r m , tä t e n ist und daß. ihr Gehirn andere Windungen hat als nichtjüdische Gehirne, weshalb gerade der unsinnige Pazifismus nur in jüdischeu Gehirnen geboren wurde." Das' alles und noch ärger ist an den Tafeln der Uni- 'icrsität zu lesen. Di?ser Univer'ität, deren wissenschaftlicher Betrieb nur durch Geld, das bei reichen Juden geschnorrt wird, aufrechterhalten werden kann. El« IubllSumsmeetlng de« Acren Kajemeth. Die jüdische Jugend feiert Kremenetzky. Montag abends fand in den Olympiasälen ein Massenmeeting der jüdischen Jugend Wiens statt, um den 26jährigen Bestand des Jüdischen Nationalfonds zu feiern. Zu der Veranstaltung lvaren die' studentifchen Verbindungen wie auch.die Mitglieder der Jugenddereinigungen „He-chaluz", „Haschomer Hazair", Makkabi IX und Z. M. V. Mirjam sehr zahlreich erschienen. Die Versammelten, unter denen sich der Gründer des Keren Kajemeth, Herr Johann Kremenetzky, ferner der Präsident der Zionistischen Organisation Oesterreichs^ Herr Dr. Leo G o l d h a m m e r, u. v. a. befanden, begrüßte der Präsident des österreichischen Keren Kajemeth, Herr Adolf B ö h m, der in seiner Ansprache insbesondere die V e r d i e nst e d e s G r ü nders desNatio na l f o n d s würdigte und die großen S ch w i e r i g k e i t e n hervorhob, die Johann Kremenetzky bei der Schaffung des heute so populären Fonds überwinden mußte. Herr Böhm verwies darauf, daß der Jüdische Nationalfonds, abgesehen. von seiner großen sozialen uird nationalen Bedeutung, insbesondere darin seinen ewigen Wert besitzt, daß er eine Institution die Tribüne, um f% die ihm erwiesene herzliche Kund« gebung zu danken. Herr Kremenetzky sagte, er fühle sich zu stark gelobt und gefeiert, denn er habe doch nur seine Pflicht erfüllt, wie sie jeder von uns erfüllen mutz. Es freue ihn aber ganz besonders, heute bei dex Jubiläumsfeier des Keren Kajemeth unter der jüdischen I u g e n d zu sein, denn die Jugend war es, die ihn bei der Schaffung des Nationalfonds auf das tatkräftigste unterstützt hat. Herr Kremenetzky erinnert an eine Ge« . schichte von.Maurus Jokai, in..dex jemand nach langen. Jahren in die Heimat züräckkehrt und alles verändert vorfindet, nur die Kinder sind dieselben geblieben. Ja, die jüdische Jugend ist dieselbe geblieben und es ist ihre Pflicht,.das Werk des Nationalfonds von Generativ n z u Generation zu tragen. Pon dem gedanklichen Entwurf Professor Schatz i r o s sagte der Redner, bis zu dessen praktischen Durchführung war ein langer, schwerer Weg, „den ich aber gehen mußte, weil ich i n d e n N a t i o n a l f o n d s betriebt; w a r". Herr Kremenetzky schildert die großen Schwierigkeiten, die im Aktionskomitee selbst zu überwinden waren, denn die Mitglieder fürchteten, durch die Schaffung, des Nationalfonds die Mittet für die Erhaltung her Organisation zu verlieren. Eine Reminiszenz sei ihm besonders im Gedächtnis haften geblieben. Es war in der Zeit zwischen, dem vierten und fünften Kongreß, während der Beratungen des Aktionskomitees in der Türkenstraße 9. All seine Uebervedungs-kunst nützte nichts, die Mehrheit des Aktionskomitees war gegen die Gründung des Fonds Und zumindest den Zeitpunkt wollte man weiter verschieben. „Da kamen mir Tränen in die Äugen", sagte lächelnd Kremenetzky, „und das war', das beste Argument. So wurde der Jüdische Nationalfonds beschlossen." Der fünfte Kongreß hat diesen Beschluß legalisiert und nun kam erst die schwere Arbeit des Geldeinsamrnelns. Man mußte von Familie zu Familie gehen, die ganze Ueberzeugungskmft aufwenden,. um Spenden zu erhallen. Man müßte in erster Linie hie Rabbiner überzeugen. Charakteristisch für die damalige Mentalität der meisten^uden gegenüber dem Jüdischen Nationalfonds ist eine Antwort, die Alexander Scharf einmal anläßlich eines Gespräches mit Kremenetzky, in., dem es sich um eine Spende Scharfs für den Kqren Kajemeth handelte, gegeben hat: „Den Wagen, um Herzl i n s N a r r e n h a u s zu führen, kann ich Ihnen beistellen", sagte damals Scharf..^'Die unaufhörlichen Be-' mühungen Kremenetzkys um Spenden für dem Nationalfonds trugen ihm damals den Beinamen ,So Hann o h n e L a n d" ein, er. der kein Land hatte und für ein Land sammelte. Zum Schlüsse feiner Rede versprach Kremenetzky, auch weiterhin für den Jüdischen National-; fonds intensiv tätig zu sein, verlangte aber gleichzeitig von der Jugend, ihr Bestes für die Erlösung des palästinensischen Bodens und den Aufbau des Landes zu geben. Der Rede des greisen zionistischen Vorkämpfers folgte nicht enden wollender Beifall, den ihm alle Versammelten stehend zollten. Die eindrucksvolle Fsier würde mit einem Oboekonzert Dr. Se i d ne rs und einer Aufführung:, „Das jüdische Lied im Bilde" durch die Mitglieder der Z. M. V. Mirjam beschlossen. Ein Wiener jüdischer Maler. Viktor Tischlers Pariser SpnderansstölluW. Wenn man in Paris Gutes von den Wienern sagen will, so preist man ihre kultivierte Anmut. Denn es ist, trotz der snobistischen Leidenschaft für Boxkämpfer und Negeraffeieien, auch noch heutzutage bei weitem angenehmer, in Gesellschaft von gut erzogenen Leuten zu verkehren. Die Kunst aber im allgemeinen, die dexjetzigen Stunde insbejandere (und die von Paris ganz besonders), vertrügt sich schlecht mit den „guten Manieren". Nicht, daß in Paris das Bphcmemit dem Künstlerleben identisch iyäre -w diese Zeiten sind langst vorbei aber wßil die Salonluft meistenteils deprimierend auf die schöpferische Phantasie wirkt. Tischler ist ein charmanter Mensch. Begreiflich, daß inan hier, in Paris, an der Tiefe seiner künstlerischen Ge-, staltungökraft zu zweifeln geneigt war. Nun muß ich seststellen, daß er nicht ein österreichischer Künstler, sondern ein Künstler schlechthin ist. Das will heißen: die ästhetischen Hauptprobleme, für welche die gesamte europäische Kunstwolt sich aufs neue zu interessieren beginnt, stehen ihm sehr nahe. Dabei versteht er es, das Recht auf die Sonterexistenz seiner persönlichen Individualität zu vertreten. Seine Pariser Ausstellung hat einen reellen Erfolg, weil es uns, die.wir der spekulativ-zerebralen Kynst schon müde sind, recht angenehm ist, hier wieder die schöpferische Phantasie von unmittelbaren Gofühlsempfindnngen so stark beeinslußt zu sehen.. Seine Bilder deuten klar auf einen lcgisch und konstruktiv denkenden Geist. Nun hat, man mit der pseudo-paiven Unbeholfenheit zu lange und zu viel koktzttiexk als Paß wir Tischlers Mut, seine intellektuelle Kultur zu.z-tzigqn, nicht goutieren sollten. Er spricht mit schönem Stolz von feinem streng sachlichen Verhältnis zu «der Natgr seinem Modell. In einer seiger letzten Landschaften fällt mir der,sehr ausdrucksvolle Kontrast zwischen der materialistischen Steifheit eines massivroten . Fobrikslamins und dem licht-schlanken Formen einer" weißen, im Hintergründe stehenden Kirche aust „Tischler, wo haben Sie seiin so. interessantes Motiv gesunden?" „Es existiert: nicht'in dieser Form — dieses „Motiv" habe ich selbst hrmponlext, um den Effekt, welchen Sie k schön finden, herauszubekpmmen." Der „sachliche" Naturalismus Tischlers besteht eben darin, daß seine Bilder unwiderlegbar wahrscheinlich, nicht aber, daß sie tvahr sind — es j-st seine synthetisch individuelle und leine analytisch objektive Darlegung der Plastischen Wirklichkeit. Tischler ist durch und. durch Maler, womit gesagt werden will, daß in seiner Kunst rein malerische Elemente die entscheidende Rolle spielen. Darin ist er im vollen . Einklang mit den Vorläufern der in Paris immer dcut-. licher werdenden Rückkehr zu der romantischen Staffelei- - Malerei. Konsequent bemüht er sich deshalb, seine Kompositionen aus die Lichtujjfb Pigmentwerte der Farbe zu stellen und damit die Qualitäten des eminenten Zeichners zu vcrliriden. Tiefen Grundsätzen verdankt Tischler die gewissenhafte Solidität seiner Kunst, welche ihm auch in Paris Erfolg sichern wird, denn die wirklichen Kenner verhaften sich den zahlreichen, wenn auch manchmal sehr geschickten „Trucs" gegenüber immer skeptischer. Die „Richtungen", mit welchen die hiesigen Kunsthändler den Kaufappetit dep blasierten Snobs zu reizen versuchen, sind nur Eintagsfliegen, ditz-kamy.mit ernster Kenntnis dex malerischen Technik überhaupt yepglichen werden könmm. ' ' ' ' ' In Paris leben jetzt zirka SÜ.oüü Maler, Bildhauer u>sü). der Kämpf wn die Whaltüna der eigenen, künstlerischen Persönlichkeit istunser diesen Verhältnissen erbittert, denn die gegenseitige Beeinflussung nimmt die A. Dezemver nfflß Sette LBwenfranzbranntwaln 8chntcmArke. in i t Menthol ist die erste Hilfe in jedem Haushalte, bitte sich zu überzeugenf üeberall erhältlioh. OOOOOOOOOOCX>OOOOOOOOOOOOOOCXXX)OOCXXX)Oa Die Krakauer jüdische Gemeinde für de« Jüdischen Nattonalfeuds. Wie uns aus Krakau gemeldet wird, hat der dortige Kultusrat in seiner letzten Budgetberatung^' sihung auf Antrag des Dr. S ch w a r z b a r t h beschlossen, in das Budget eine Post von 4000 Zloty für den Jüdischen Nabionalfonds einzustellen. Für den Vorschlag stimmten auch die Asfimilanten bis aus zwei Enthaltungen, gegen die Post stimmten bloß d<i e agud i stis ch e n M i t g l i e d e r des Kuttusrates. Tagung der Blindenlehrer Sefterrrich». - Gestern und vorgestern Hut hier die Tagung der Blindenlehrer Oesterreichs stattgefu.nden, die sowohl erzieherischen wie sozialen Fragen der Mnden gervkdmet war. Den Vorsitz führten Direktor Altmann und Professor Waneeet als Vertreter der beiden Wiener Anstalten. Direktor AI t« man n wies daraus hin, daß für die BImdenerziehung sowohl allgemeine pädagogische und psychologische Gssichtspunkte, ränn aber auch ganz spezielle MeHclden in Betracht komnren. Ten ersten Vortrag allgemeiner und grundlegender Art hielt hierauf Professor Dr. Büh-ler, der Inhaber der Wiener Lchrlanzel für Philosophie, über „Die Krise in der Psychologie". Er betonte, wie wichtig der allgemeine UeDcrblick über die Strömungen in der Seelen», künde' für den Mindenlehrer ist. Hofrat Fadrus von der Schulreform-Gruppe des Unterrichtsministeriums, sprach über „Die pädagogischen Strömungen der Gegenwart", indem er die verschiedenen Einflüsse zeigte, die zur Schulreform führten und namentlich die heutige Entwicklung in Wien in die allgenreine Bewegung zur Modernisierung des Unterrichts- ■ Wesens einordnete. Der Affistent des Wiedener Krankenihaüs^, Dr. Somm e r, sprach über ,^otalu n tcrsnchungen an blinden Kindern". Vs handelt sich um die Erforschung des gesamten körperlichen Organismus bei Blinden und ihre physischen Besonderheiten, die sich namentlich bei den von Geburt aus ^Blinden zeigen. Es sind ' bestimmte Degenerationserscheinungen vorhanden, dis nicht bloß die Sehorgane angehen. - Professor Wan eeet besprach das Problem der Seh- Schwachen und ihr Verhältnis zu den Minden. Die Seh- Schwachen belasten die Blindeninstitute mÄ den Mindenunterricht, zum Nachteil beider Gruppen, die scharf zu scheinen sind. Die Frage ist vorwiegend eine soziale. Frau Profqssox I a n d a sprach über die blinden Kinder im vorschulpflichtigen Alter und die Schaffung von besondere« Kindergärten in den Mindenanstalten. Gerade fe« blinden Kinder, die.Wer soviel weniger Begriffe verfügen. die dem sehenden Kinde durch das Gesicht bermittÄt werden, sind auf eine sorgfältige Vermittlung des notwe»- . digsten WiffenZ angewiesen. FyxmM einer epidemischen Infektion an. Desto angenehmqr ist es, deshalb festzustellen, daß Tischler sich durch diese? große Menge die eigene Dahn zu brechen verstanden hat. / Seiner schöpferischen JndivSdualität ist diese verfänglich« Situation nicht gefährlich gelvovden. - Sehr richtig betont der bekannte französische Kritiker Waldemar George in seinem Vorworte zu dem Ausstellungskatalog die in den Werken von Tischler so intens siv austretende Lebensfreude. Seine Ausstellung in den schönen Räumen der Billietschen Galerie, besonders ' die Laudschaften, Stilleben usw., wie er schon hier, in Frankreich, gemacht hat, bezeugen einen Optimismus, der um.so aufrichtiger ist, als er das Ergebnis langer und aufmerksamer Beobachtungen der Natur zu sein scheint.- Diese Eigenschaft verleiht seinem Merke eine heute leider nur srltene Qualität — eine tiefe, innere Harmonie zwi- - schen Äschler, dem Menschen, und Tischler, dem Künstler, . P a r i s, im Dezember 1936. Siegmund St. Klingsland. " Lerakedlkchter Sogol. „Der Revisor" im Theater in der Josefstadt. Die fast hundert Jahre alte Komödie von Gogol hat ztvei Grundelemente: die Satire auf das russische „System" und die Menschheits-komödie, die diesen „Rfvlsor" zu einem urvvergänglichen Werk, seine zwei Hauptfiguren, den Gorodnitschi und Chlestakoff, zu gültigen Menschheitstypen macht. Die Satire, die noch bis Voxkurzem aktuell war, ist heute, acht Jahre nach dem ^turz des „Systems", geradezu überraschend unwirksam. Wäre also zu erwarten, daß ein europäisches Theater, das nach dem ,Mvifor" greift, die Mewschheitskomödie zum Ausdruck zu bringen sucht. Dazu gehören freilich Schauspieler. Reinhardts Schauspieler im Theater in der Josefstadt, die für den Revisor" eingesetzt wurden,

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.