Mannheim
Compact Memory

Wiener Morgenzeitung · 1926-12-21 · Heft 2808 (21.12.1926) · p. Seite 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
8 (1926)
Issue
Heft 2808 (21.12.1926)
Date
1926-12-21
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
89% known words query
IRI
…/2979076-2981549-2981895--28528-3016572
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

§rr. 2808 Wien, Dienstag S1. DezenEer IS« Seite S Tagesbericht. zahlet e««! (Die Vkrffeiradreffe a« den jubiliereirden Jüdischen Nationalfonds.) In üen letzten Lagen haben in Wien und in der uilerceichischen Provinz die öffentlichen Feiern aus Anlaß des Keren Kajemeth-Jubiläums stattgefunden. Sie waren die Einleitung für eine ebenso schöne als wichtige Manifestation: die Masfe nad re sse an die Leitung des Jüdischen Nationalfonds in Jerusalem. Alle diejenigen, welche sich hinter das Aufba uwerk in Erez Israel stellen, sollen unter Benützung eines Nationalfonds bla nkettes den Keren Kajemeth begrüßen. Durch die Massenadresse wird Doppeltes erreicht: Zunächst eine Stärkung des Fonds, denn wer immer dazu in der Lage ist, wird den normalen Preis des Telegrammblankettes (zwei Schilling) freiwillig erhöhen. Mer weit wichtiger nach ist die durch diese Aktion gegebene Möglichkeit, daß sich die Freunde des Keren Kajemeth zählen, daß die Summe der nach Palästina abgehenden Telegramme tatsächlich die Zahl der Anhänger des Jüdischen Nationalfonds ergibt. Es muß eine , fieberhafte Arbeit aller Vertrauensmänner des Keren Kajemeth, aller zionistischen Funktionäre und Vereins- Vorstände einsetzen, um eine möglichst vollkommene Liste der österreichischen Keren Kajemeth-Freunde zustande zu bringen. Mögen alle, die sich der Arbeit für diese Massenadresse unterziehen, der Wichtigkeit ihres Werkes bewußt sein. Es ist aber auch nicht gleichgültig für die leitenden Männer des Keren Kajemeth, zu wissen, wie groß die Zahl dor Anhänger des Keren Kajemeth in jedem Lande 'st. Die Verantwortung, die sie zu tragen haben, wird rrleichtert, die Zuversicht in das Gedeihen ihres Werkes vird gestärkt, wenn"das Direktorium nach dieser Aktion ermessen kann, wie tief der Gedanke des Jüdischen Nationalfonds verankert ist. Diese Aktion einer Maffenad resse an den Keren Kajemeth gibt die Möglichkeit, nicht bloß ,,Telegramm-- blankette". sondern auch die aktiven zionistischen Kräfte im Lande zu sammeln. Zählet euch! Keren Kajemeth-JubiiäitmSak'ioe«. Bei der am Sonntag durchg-eführten B ü ch s e na u f.'st e k l u n g i m 2. B e z i r k e wurden 130 neue Büchsen aufgestellt. An der Aufstellung beteiligten sich blgeitbe Gruppen: Jüdisches Realgymnasium, Haschomer Hazair, ,,Atid", Jugendgruppe Leopoldstädt, Erez Israel, Blau-Weiß und Hitachduth-Jugend. Theater. I. Meister Tyrolt. Nach der Sturzflut festlicher Reden, die er bewundernswert ertrug, versicherte Tyrolt leider, daß er Sonntag, den 19. Dezeuwer 1926 tatsächlich zum letztenmale Theater gespielt hat und man wird daran glauben müssen. Als die Nachricht von seinem bevorstehenden Abschiedsvorstellungen kam, versuchten wir an dieser Stelle wenigstens die wichtigsten der Gestalten wach zu rufen, die er auf den Brettern geschaffen hat,, dieser bespndere Mann, dem es noch ilmner als letzter Sinn der Schauspielkunst gilt, dem Werke des Dichters zu dienen, wenn er auch an jedem Abend nicht lveniger, gelegentlich aber weit, weit mehr, gab als . der Autor. Da er nun Schluß gemacht hat, werden die Bevorzugten, die dieser Vorstellung von Schönherr s „Erde" mit Tyrolt als alten Gruz beiwohnen durften, sich an die Erinnerung einer letzten Begegnung mit einem ganz Großen auf der Bühne klammern und sie als kostbares Gut in dieser harten, dem Leben und der Menschlichkeit widrigen Zeit bewahren. Denn „Leben" und „Menschlichkeit" verkörpert Tyrolts greiser Bauer Gruz. Die Leute am Bauerngut nennen ihn' nur deshalb den „alten Teufel", weil sie wissen, wie tief er sie durchschaut, wie winzig sie in seinemi Schatten sind, wie abhängig ihr Afterleben von seinem eigenherrlichen Leben ist. Ein Teufel? Sein Mitleid mit dem arnvm ~km{, dein der dumme Schmied den Nagel durch den Huf hiudurchgetrieben hat, strömt ivarm aus dieser alten, ewig jungen Brust. Die Sorge, was mit seinem 'Stück Erde geschehen wird, wenn er begraben ist, drückt schmerzhaft diese getvaltigen, sonst jeglicher Last spottenden Schulten:. Als Sonderling, als dmnoNischen Krastkert, als selbstsüchtigen Kauz, der das Regiment nicht aus der Hand geben will und sich mn das Vieh, den Halm auf dem Felde, den Zaun ums Haus mit betonter Fürsorglichkeit kümmert (»mr um zu zeige»:, daß'ihm das Schicksal der Menschen am'^ofe, ganz besonders das des zerbrochenen leiblichen Sohnes Hetüba ist), läßt sich der Schöllherrsche Bauer Gruz spielen. Aber in seiner Gestaltung wird der Großbauer Gruz heroisch, wird sein Witschöpfer Tyrpit L: besonderer Manu aus der Erde gewachsen, die sich wiuiz seiner Herrenhand fügt, dem Leben gewachsen, biti er liebt und meistert, aus sich selbst gestellt, um die hilflose Kreatur bekümmert, nicht Beumtreuungen in der Verwaltung ausländischen Sigentums in Amerika Aufdeckung großer Unregelmäßigkeiten. Newyork, 20. Dezember. „New Dort World" veröffentlicht eine Sonderdepesche aus Washington, wonach der Generalkontrollor dem Präsidenten C o o l i d g e einen Bericht erstattet habe, worin er erklärt, daß Bestandteile des feindlichen ausländischen Eigentums aüs dem Schatzamt auf die Seite gebracht und daß von der Verwaltung dieses Eigentums übermäßig hohe Ausgaben gmnacht wurden, die sich auf Millionen Dollars belaufen. Das Blatt zählt einige von den hunderten Unregelmäßigkeiten auf, die von dem Kontrollor aufgedeckt worden sein sollen. Sie »dittttttiia*» Berlin, 20. Dezember. Auf Grurid der letzten Hausdurchsuchungen wird von den Behörden die Ansicht vertreten, daß der Sportklub Olympia bis in die letzte Zeit Militärwaffen besessen habe uird als militärischer Verband zu betrachten sei. Dagegen habe nach einer Korrespondenzmeldung der Führer der Olympia Gegenbeweise angeboten und erklärt, daß nur in einigen Fällen bei früheren Mitgliedern Waffen gefunden worden seien, die noch aus dem Weltkriege stammten. Die Olympia sei im Jahre 1923 von maßgebenden Stellen zum Grenzschutz herangezogen worden und habe , damals Militärwaffen erhalten, die jedoch 1924 wieder zurückgegeben wvrhm seien. Diese Darstellung wird nun der Korrespondenz zufolge vom Staatsgerichtshof im Jänner nachgeprüft werden, und es' sollen als Zeugen maßgebeMre Vertreter des Reichswehrmimsteriums geladen werden. Her Kampf gegen das Pabvlfnm. Wie. der „Pefter Lloyd" aus Oedenburg meldet, hat die dortige Handels- und Gewerbekammer beschlossen, an die Regierung die dringliche Vorstellung zu richten, daß sie sich d e r A n r e g u n g O e st e r r e i ch s, betreffend die Aufhebung des Sichtvermerkes abschließe. SchlffsungMü auf dem Sudfon. Aus New York wird telegraphiert: Heute früh wurde auf dem Hudson von treibenden Eismassen ein Personendampfer so heftig getroffen,, daß er kenterte. Ungefähr 190 Personen wurden ins Wasser geschleudert. In der Nähe befindliche Fahrzeuge eilten sofort zur Hilfe herbei und retteten eine Anzahl! der ins Wasser Gefallenen. Bis jetzt sind 14 Tote festgsstsllt. Sine Sechsjährige ertränkt ihren dreiWrigen " Brudet. t:; . , Auf Anstiftung ihrer Muttes. , .-Mi> P re ßb urg Mrd gemeldet: Die 40jährige Susanns Ondrejcek wollte ihr dreieinhalbjähriges Söhnchen aus dem Wege räumen und befahl ihrer kaum sechsjährigen Tochter Elisabeth, ihren kleinen Bruder im Bach zu ertränken. Ten» Knaben gFsgirg es aber, aus dem Bach aber um die kleinen, schmutzigen oder in ihrer Hilflosigkeit. kläglichen Menschen. Selten wie Große in dieser klein gewachsenen Gegenwart ist diese Gestaltung Tyrolts und wenn man sich vor ihm, dem Besonderen, Starken nicht schämte, müßte'man wehmütig klagen, daß dies die letzte Begegnung mit Tyrolt, dem Bühnenkünstler war. Neben ihm seien die Mitwirkenden genannt, welche <m seiner Seite bestanden haben: hie Herren Eh mann, Kirschner und Kutscheva, die Damen Guttmann und -— ganz besonders — "M a rlln s. Pirandello, von Piraudello inszeniert. Zn. zwei Nachtvorstellungen des Theaters in der Josefstadt spielte das Theater Pirandellos zwei Stücke des Dichters, die nian vor Jahren im Rainrund-Theater sah und die jetzt Pipandello selbst ans die Bretter brachte. „Sechs Personen suchen einen Autor". Damals, am Rainmnd--Theater, war cs eür billiger "Faschingsull für den Hausgebrauch und gedieh infolgedessen wie eine Kalman-Operette zur Serienaufführung, die sechs wildfremden Menschen, tvelche die Bormittagsprobe eines neuen Stük-' kes unterbrechen, auf die Bühne stürzen und denk verdrnteir Direktor erklären, sie seien als Bühnenpersonen geboreullnb müßten in.ei»'Drama kommen.'hatten neben den Improvisationen des Direktors und seiner Schauspieler Bedeutung zweiten und letzten Grades. Pirandellos Wiener Mitautoren gestatteten nur hie uitb da einen "Blick all? den Ärlen "Kem des Werkes: Protest des heißen, tust- und qualvollen Lebens gegen den Unfug „Theater". , Hier — kraft der authenti scheu Interpretation Pirandellos *—, wird die Aktion der sechs, den Autor suchenden Personen, »zur Haupt-Aktion^ .Mit tvelcher Leidenschaft drängt sich' das Schicksal der Stieftochter des Paters ins erlösende Rampenlicht! Welch lächerliche Geschäftigkeit entwickelt der Direktor-Kommis, tvie dummdreist begaffen, bereden die Akteure, ihres Künstlerwertes bewußt, den „Dilettantismus" des Lebens! Es war wirklich nicht zum Totlachen, tvie damals bei der Serienaufführung, sondern ein heißes, mitblntigem Humor nur »»och zu tragischerer Wirkung anfgestacheltes Drarnta. Ätur einen Fingerzeig: Wenn die Kupplerin Madame Pace, durch Bühnenreqüisiten (nämlich Gegem stände ihres Berufes) heraufboschworen, plötzlich da ist, fühlte man wirklich, daß neben der vulgären Wirklichkeit das Wunder höherer Wirklichkeit wirkt. Marta Abba in der Rolle der Stieftochter, .ein Bün-- Wohin! Zur„GIUcksstelle! Die „Glücksstelle" meldet, daß ihre Schalter bis einschließlich 24 d. M. von 8 Uhr früh bis 7 Uhr abends ununterbrochen geöffnet sind. Nunmehr versäume niemand, sich sein Glückslos zur kommenden WeihnachtSziehung der Kläsienlotterie (28. und 30. Dezember) bei der „Glücksstelle" Jofef Stein, Wien, 1. Bez.,. Wipplingerstraße Nr. 21, an der ,Hohen Brücke", zu holen. y<t Los S. 4.—, H Los S. 8.—, % Los S. 16.—, 1/1 Los S. 32.—. Für Postbestellung ge° nügt Postkarte. Geh' nicht cm Glück vorbei I zu klettern. Er wurde bewußtlos .und halb erfroren aufaefunden. Bei der Gendarmerie beschuldigte die 6jährige Elisabeth die Mutter, sie zur Tat angestiftet zu haben. Mutter wurde verhaftet. Ser Papst über de« Fasrismar. Rom, 20. Dezember. In seiner im Geheimen Konsistorium gehaltenen Ansprache befaßte sich der Pabst haüpt-- sächlich mit dc « Lage der Katholiken in Frankreich und Italien. Der Papst erinnerte an 'seine Stellungnahme zu der Aktion F r a n e a i s e und wiederholte, daß es den Katholiken nicht erlaubt sek, sich an Programmen oder Schulen zu beteiligen, die die Politik über die Rvlli-- gio.n stellen. Die Katholiken dürsten Zeitungen weder unterstützen noch lesen, die von "Männern geleitet würden, die nach katholischer Moral verbammnngswürdif seien. Zur Lage in Italien gab der Papst seiner GenidItnung darüber Ausdruck, daß der Sturm des Entsetzens über das törichte Attentat gegen den 'Mann, der die Geschicke des Landes leitet, sich wieder gelegt habe. „Wir bedauern lebhaft," sagte der Papst, „daß, während sich die Bischöfe- Geistliche und alle Gläubigen den Dankte beten zur Errettung dieses Mannes anfchlossen. Gewalttat e n u n d Verwüstungen gegen Personen mid Institute und Bereinshäuser der Katholiken begangen wurden. Wir freuen uns über die weisen Regierungsmaßnahmen und die gerechten Genugtuungen. Leiber ist das Vertrauen noch nicht ganz zurückgekehrt. Eine dunkle Sov^ge lastet besonders auf"den Iugendorganisationen und den Werken der katholischen Vereiniqlmgien in Italien. Noch einmal scheint eine Staatsauffassng'durchzudringen, die nicht der katholischen entspricht, in dem sie dem Staat ztrw' Zweck und den Bürger zm Mittel einer allgemeinen Md uovolinerung macht." V - bei Leidenschaft und Schmerz, schön, verführerisch, durch ein unerhörtes Schicksal aufgewühlt, gelegentlich wie vom Krankensieber geschüttelt. Eine große Schauspielerin. Pilottv, als Vater, der in seiner dumpfen, verzweilten, fast kindlichen Verwirrung bedrückend wirkt, und der kluge, kultivierte Ru f fin i („Direktor/^) sind bedeutende Schauspieler. Das Gesamt-Ensemble hat Niveau, fesselt durch we'enhast fremdartige Färbung und Ueberfäröung der "Stimmungen «nd Kolltraste. Dieses südländisch kräftige Kolorit — fast ndr. dieses — unterscheidet die Darstellung der Komödie „So ist es. — Ist es. so?" durch das Pirandello-Theater yvn jener des Raimund-Theaters, die rühmlich war. Da'leben drei Menschen, Schwiegermutter, Gatte, Gattin, in gewiß sonderbaren Beziehungen, find aber, so wie sie nebeneinander leben, zufrieden. Die Stadt (Pirandello, der Spielleiter, stellt einige widerlich, perfide, ellgstirnigo Exemplare grotesk auf die Szene), die ganze Stadt schreit, sie müsse „die Paaahrheit" über dieses merkwürdige Trifolium erfahren, alle dsängeln sich an sie heran, werden, frech, rücksichtslos, greifen mit geiler Neugier in ihr Privatleben, bringen die dreizur Verzweiflung — und das Bürgergclichter ist schließlich so klug als wie zuvor. ' Fräulein Abba, rührend in der Verhaltenheit, in deck großen Szenen tatsächlich „große Szene" ohne Komödiantentum erzwingerrd, wurde stürmisch gefeiert. Der AMick des engelhaft schönen, milchweißen, frischen Mädchengesichteö' lwntev der Greisinnenperücke lenkte allerdings von der schMspielerischer» Leistung ab und inan komrte cs nicht bedquenr. Nach der Buchausgabe soll aber die Darlw eine „kleine alte Frau" sein und es bleibt nierkwürdig, tvarurn Pirandello, der Regisseur, das anmutige Paradoxolt gestattet.) Ueberaus scharf Umrissen und gespensterhast wirkend der Beamte Ponza Russinis. Dm „Zuschauer auf derBühlle", jenen philosophischen, die melkschliche Dunnnheit superb kritisierenden Herrn, der den Meuven des Stückes und denr Publikunl — wahrscheinlich diesen: wie fcueu fruchtlos zu erllaren sucht, daß jeder Mensch und jedes« Ding nur so ist, tvie es der Nachbar sieht und daß niemals «auchnur gipei mit gleichen Augen sehen, spielt der „Vater" des Vor abends, Herr Pilotto. Ein wohlgenährter, überlegelwx, zu lächelnder Ruhe gediehener Raisormeur. — Mn hatte das Vergnügen, Meister Pirartdello, den Fünfziger, der in den letzten neun Jahreit 35 Dranren schrieb, leibhaftig auf der Bühlre zu sehen. Er kam, Um den begeisterten Beifall zu quittieren. '

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.