Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 8 (1926)
- Issue
- Heft 2806 (19.12.1926)
- Date
- 1926-12-19
- Page
- Seite 10 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 1<) ISim, Sonntag Wiener Morgenzeitrms in. DezenA'e 1626 nt. 2806 N ACHDRUCK VCRSOTKN O « IM VORÜBERGEHEI a ktnp 1? 1 c An^r von ANUKcJ jUdUL; TSCH VON EVA LUTHER 4 Hm Juv; -varen noch gegen dreihundert Mann im ^giment, etwa zwanzig Karren — rvahrhaftig, ein Öliger Train mit eigenen Traim'oldaten. Gawriucha r>erLra1 den Proviantmeister, machte «; üti^cn, führte sozusagen Buck darüber, wieviel Hosen und Jacken aus den Ladern der Roten Armee bei Golta geholt worden rvaren, wieviel Tee, Barchent. Chrom und sonstiges Gut man mit Gottes Hilfe bei d-cr Blockstelle Zwanzig erlangt holte. wo auf den aufgerisjenen schienen ein Zug steckengebNrbcn roar — brc vorderen Wagen waren kopfüber den Abhang hinunrergestürz!, und die überlebenden Hamster waren in den Wald ausg.'lnifsen — und wieviel Schuhe, Schaslstiefe! und Mäntel mau zroischen den Trümmern den Lerchen abgezogen hatte. Und fünf Maschinen,irwehce waren auch da. Gegen Ende Juli lam ein Bote von Hauvtmann '..iaryla, vom rechten Flutznser her. mit der - untertänigen Bitte, den Dniepr zu uborschveiterr und die Leutchen zu einer Truppe zu vereinigen; nicht so daß sie sich unterordnen sollten sondern mit gleichen Rechten: abwechselndes Kommando und gerechte Teilung der Beute. Und Alexej Uschastys (Langohr), der Befehlshaber über dreihundert Mann und fünif Maschinengetvehrc (es gab noch einen Alexej Besuchij, ..ohne Ohren", den hatten sie im vorigen Jahre gefangen. ih:n die Ohren abgeschnitten nnd ihn an die Wand gestellt, doch, wie sich später herausstellte, war er nicht tor; er tvar mit den .Kugeln im Leibe davongekrochen und blicb am Leben), dieser Alexej Uschastyj also antwortete dem Muryla: 'Dch will nicht, weil ich selbständig sein will; und bei mir dienen keine „Leutchen", sondern revolutionäre Partisane, die Freiheit und Land für das russisch: Volk gegen die Kommissare und Juden verteidigen, mit geheimem, gleichem Wahlrecht; du aber, du Hundsfott, brennst Dörfer nieder und kriechst auf allen vieren zum Hetmansamt hinan. Fort mit den Hetmanen, den Offizieren und jeglicher Gewalt! Hurra!" Uschastyj di'ktierte, und Simeon, ein Seminarist aus Konotop, schrieb es mit einem Stück Kohle aus dem verlöschenden Lagerfeuer <n«f ein Brettchen aus Tannenholz: das Brettchen hatte Gawriucha glattgehobelt. Der Bote nahm das Brett, schob es unter sein Hemd und jagte davon, schweigend, wie er gekommen war, um das zugeschnürte Briefchen mit dem Lacksiege! zu überreichen. Später, als man sich nach Süden gewandt und das Nachtlager am Ufer eines Flützchcns aufgeschlagen hatte, krock) Simeon zu Uschastyj unter den Strauch. „Warum hast du nicht selbst an Muryla geschrieben sondern mich schreiben lassen?" „Weil ich nicht schreiben kann", sagte Uschastyj unwillig und'gähnte. ,,Schlaf, du Popensprotzling!" „Dn kannst nicht schreiben? Wer trägt denn «nn Notkzbüchl-ein int Stiefelschaft? Mit einem Bleistift dran? Und wer war es, der heute nachmittag immerzu darin kritzelte?" Uschastyj sprang hoch . . . Am Morgen brachen sie auf. Sie mochten fünf Werst geritten fein, als Gawriuä-a bemerkte, datz der Popensohn verschwunden war. Da schickte er, ohne den Hauptmann zu fragen, zwei Mann auf die Suche aus. Dafür wurde er von Us'txrstyj bestraft: er mußte vierzehn Tage lang vorn an der Front marschieren. Zwei aber kamen gegen Abend angejagt und brachten Simeons Stiefel. Er nvir ertrunken. Nachts zog Uschastyj sein Büchlein aus dom Stufelicl-aft. Die Blätter waren ganz dicht mit winzigen Schriftzügen bedeckt. Er verbarg es unter dem Hemd aus der Brust und lach-." „Misch' dich nicht in Ding?, die dich nichts angehen. du Seminarist Simeon aus Konotop!" In das Büchlein ahn schrieb er ein: ,.Jch bin gespannt, bis zu welchem Grade der Kaltblütigkeit ich noch gelangen werde! W.rde ich noch lange an die Büsch? das träumende Flüßchen und die verkrümmten Finger denken?" Im September waren von den dreihundert Mann nur noch fünfzehn üibriggeblieben; die Maschinengewehre hatten sie znrückgelajsen, a!S sie an einem taufrischen Morgen die Flucht vor den Rmgardisten ergriffen. Die Rotgardisten drängten übermächtig an, umgingen nachts die -Schar durch k'oblw.'ge. Totenstill war die Nacht nnd kein Ton zu hören, als die roten Sternchen du»y, das Gras schlich/.'» und ihr Netz zulammenzogen. Auch nur den Karren — dem Train — hatte es ein Ende: der Vrov io -ä meist? ,- Gaw'iucha bau Welt? an einer Kiefer und .’f.-ftt* mit sn'rausliär^ender Zunge die Radeln. Der zu einem Häufchen zusammengeschrumpste Trupp schi ppte sich schmutzbcdeckt nach der rumänischen Grenze hin. Mühsam stolperte das letzte überlebende Pferd vorwärts; Uschastyj sah sc st im Sattel, das Gesicht wie ein Wildleder-Handschuh; die Haut über Backenknochen und Stirn straff gespannt, die Lippen fest aufeinandergepretzt, und alles grau — Wangen und Augen, und das Büchlein im grauen Umschläge unter dem Hemd. An der rumänischen Greine gab es Rast für die fünfzehn; rumänischen Schnaps, besfarabische Mädchen Maisfladen: für den sechzehnten aber begann der dritte Akt der Komödie (der erste hatt? sich in MoZkaii abgespielt); ein Wirtshaus am Dnestr, ein russischer Offizier in Zivil. „Ihr habt ja tüchtig abgekricgt?" — „Tut nichts! Wir machen's schon wieder wett!" Ein Abtei! im Schnellzug nach Krfchiniow. zusammen mit dem Offizier; ein Hotel, Servietten, weihe Wäsche — noch den Läusen! — und dann wieder zurück in die südrussischen Steppen, in den Schmutz, zu den Karren, den Schluchten den Nachtlagern im Walde, dem Pfeifen der Äugeln und dem rauchenden Blut. Gegen Ende der Woche stießen sie auf einen Eisen bahndamm und marschierten an ihm entlang weiter. Zehn Werst legten sie zurück, räumten acht Bahnwärt-er- Häuschen aus. aber es war nicht viel zu holen: nur Zwiebeln, ein wenig Brot und Gerstengrütze. Nachts girlgen sie um ein Dorf herum und verbargen sich in einer Schlucht. Uschastyj erlaubte ihnen, etwas Spatz zu treiben und über die Hütten herznfallen. jedoch nur unter einer Bedingung: niemanden zu töten und die Weiber nicht anznrühren. Gegen Morgen, nachdem sie das Dorf in Brand gesteckt hatten, zog der Trupp weiter. Uschastyj wartete mit gestrafften Zügeln, bis der letzte Mann des Trupps im Walde verschwunden war, blickte auf den Rauch die Feuergarben und trommelte mit den Fingern auf den vorderen Sattelknopf. Jenseits des Waldes aber, als sie den Qualm, das Krachen der Dächer, das W'nseln der Weiber und Stöhnen der Männer weit hinter sich hatten, stietzen sie auf Zur heutigen Denkmalenthüllung loset Fopper-Lynheus* bieten wir die Hauptwerke dieses bedeutendsten jüdischen Philosophen und Sozialpollllkers an: Voltaire broschiert 8 12 — gebunden 8 15— Das Recht zu leben und die Pflicht zu sterben broschiert 8 480 gebunden S 6 30 Fürst Bismarck und der Antisemitismus broschiert S 4*80 gebunden S 6 30 Philosophie des Strafrechts broschiert S 2 40 gebunden 8 3 60 Ueber Religion broschiert 8 5 80 gebunden S 7*20 Gespräche gebunden 8 6 — Krieg, Wehrphicht und Staatsverfatsung broschiert 8 12 — gebunden S 15 — Die allgemeine Nährpflicht broschiert S 12— gebunden S 16 — Von allen Werken sind auch antiquarische Exemplare zu halben Preisen vorrätig mm pb im NWI „Der Mann und sein Weih“ Buchhandlung und Verlag R liMVIT / WIEN I Rotenturmstraße 22 Fleischmarkt 1 m einen Reiter: mitten tm Feld war eins Anhöhe, und auf ihr hielt der Reiter. Fünfzehn Gewehre wurden mit einem Ruck an die Schultern gerissen. Uschastyj gab seinem Gaul die -Sporen, von der Anhöhe aber ris eZ: „Halt! Halt!" Und der Reiter sprang vom Pferde, warf das Gewehr über d'-e Sä-ulter und ging mit emporgestr.ckten Armen auf Uschastyj zu. Sie bildeten einen KreiS: fünfzehn bärtige Kerle struppig und schorfig. Mit ln-isren Stimmen schrien sie- .,Heda! Heva!" Fünfzehn Kehlen; fünfzehn Lanodärte, und in der Mcltc ein Jüngling, ein Knabe — blauäug'-g und barrloS, und in den blauen Augen weder Furch! rroch Schrecken, ganz ruhig war der Blick. Unter dem Schirm der aiten, ausgeblichenen Kosakenmütze hing über die Slrrn in großen Locken, kraus, eine kastanienbraune Hacnsträyne. „Woher kommst dn?" ,.Bon Milowanow!" -Du lügst I" Ueber das Jungengesichl ein Lüchen. „Frag' doch Milowanow!" „Wo ist er denn?" „Hinter Brosniaki. S'eben Werft von hier." Die Bärtigen strahlten: Milowanow ist in der Nähe; da gibt's maö -u essen und Schnaps und neue Pferde. D.r Do'« hatte nicht gelogen, er führte sie zu Miloiwanow. Mit Schnaps wurden sie zwar nicht bewirtet, aber neue Pferde bekamen sie: Milorvanow h^tte eine ganze Herd? überzähliger Gäule gekoppelt bei sich. Und Uschastyj flüsterte den ganzen Abend mit Milorvanoiw am L-agerfeu."r; sie tranken Kognak — die Anführer! — nnd tauschten i,n Feuerschein irgendwelche Papierchen aus. Und als Führer, damit si? den. Weg nicht etwa verfehlten und ohne Zeitverlust zum Dnestr gelangten, gab Milowanow ihnen den jungen Burschen mit. „Ein Schlaukopf! Ein goldiger Bengel!" „Wer ist er?" fragte Uschastyf und stampfte mit dem schweren Stiefel auf die Kohlen — die Funken flogen, flammten noch einmal auf und erloschen im Dunkel. „Was weiß ich! Er ist uns voriges Jahr zugelaufen — und damit gut. Ein lustiger, braver Bursche. Unser Vorsänger. Gib ihm ein Maschinengewehr — er kommt mit dem Maschinengewehr zurecht! Stell' ihn an die Spitze einer Hundertschaft — er wird sic führen." Bei Tagesanbruch nahmen sie Abschied von Milotvanow und seinen Leuten und ritten im Trab davon. Es war kalt, der erste Reif lag wie weitzer Staub aus den Spitzen der Gräser. Der blauäng'ge Bursche schaukelte im Halbschlaf im Sattel und tagte träge: „Links, den Pfad", und er beugte sich auf di? Seite; unter der Mütze schimmerte rosig ein kleines Ohr. Und als es wärmer wurde, fing der Bursche an zu singen: er sang mit hoher, wohMin-gender Stimme; die Langibärte lauschten, Uschastyj pfiff durch die Zähne — ein wohlbekanntes Lied war es — oh, wie wohlbekannt! , Wie die Nacht'gall im Fluge, Flog die Jugend mir vorbei!" Weit dehnte sich d'e Steppe, am Horizont stieg Rauch auf — nach Odessa, zum blauen M?ere ging der Zug. Um Mittag führte ihr W>-g zu einem Wäldchen: wie ein dunkler Fleck lag es in der grauen Steppe. Uschastyj meinte, nun könne man Rast machen befahl, Ordnung zu halten, und legte sich selbst nie-der, um zu schlafen, b's die Suppe fertig wäre. Als sich aber die Langbärte vom Lager aus im Walde verteilten, um Beeren und Pilze zu suchen, stießen sie auf einen Karren. Im Karren saß ein alter Mann, mit ihm em Mädchen. Das braune Pf,rd war ausgespannt und graste frei. Den Alten fcsselten und knobel'.en sie rasch, das Mädchen aber schl?.ppten sie ins Lager. Nach Rang und Ordnung kam sie zu.'rst dem Hauptmann zu. Uschastyj fluchte und er-klärto, er wolle das Mädel nicht haben. Das Mädchen lag auf der Erde; die Zähne zusammengepretzt, stöhnte sie; die Langbärte standen um sie herum. „Wir müssen das Los werfen".' sagte Mobka mit dem Ohrring und lachte dröhnend: der Ohrring wackelte und hüpfte. „Wer kommt ztrerst an die Reihe?" „Wir sind fünfzehn Mann", meinte nachdenklich jener, der den Wagen zuerst gesehen hatte. Es war Patlatyj, der ganz mit Haaren bewachsen war. ,^Ob sie's durchhält?" Er schnripperte mit d?r 9tase. „Auch vierzig!" rief Mokka und nahm die Mütze ab. „Jungeus! Wer wirft die Mtze! , . . Wer am 535323530101022348485353485323532348235348232348234823485348002353485323234800535348