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Wiener Morgenzeitung · 1926-12-19 · Heft 2806 (19.12.1926) · p. Seite 11

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
8 (1926)
Issue
Heft 2806 (19.12.1926)
Date
1926-12-19
Page
Seite 11 (sequence 11)
Language
German
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Nr. SMS SB!«, «ottntag Wiraer M»r<,«n-err«nq wertsten wirft, der kriegt das Mäd^l zucrst. Mein ist die Mütze, mein wird daZ Mädel!" Und er ivarf die Mütze. Eine zweite Mütze flog hinterher, eine dritte, eine fünfte... Uschastyj warf den Kopf zurück, setzte sich aufrecht hin und reckte den Hals lang, um zu beobachten, wie die Mützen flehen. Ec hatte die Brauen g runzelt und sah gespannt zu. * „Und ich?" rief da dicht hinter ihm eine junge Stimme und stockte Plötzlich. Die Vordersten be'seite stoßend, stürzte der blau« äug'ge Bursche in den Kreis. Aber seine Angen waren gar nicht mehr blau — sondern tiefschwarz; dunkler als der Wald, dunkler als seine Mütze. Und — nur Uschastyj' bemerkte es — die Lippen waren ganz weiß und die Haarlocke klebte feucht an der Stirn. .Wirf!" schrie Mokka. Und die seitlich geworfene Mütze pfiff durch die Lust. Die Langbärte traten, einander stotzend, zur Seite. Das Mädchen auf d:m Arm ging der Blckuäugige zum Walde; gan-z gebückt ging er. so schwer war die Last. „Mogle nicht!" schrie Motka und rannte ihm nach. ,Hch Hab den Haupttreffer, ich komme dran! Hoho!" Die noch nich( an der R.ihe waren, traten von einem Fuß auf den anderen. Us.5astyj hatte sich wieder auKgestrcckt, die Sonne brannte heiß und es tat wohl ihr abwechselnd Rücken und Brust znznkchren — und er sprang auch als erster auf und-fing als erster sein Pferd ein, als Motka plötzlich schreiend aus dem Walde kam: ,Fr kn-ist aus! Er kneift aus! Kameraden? Kameraden!" U.nd Uschcstyj jagte dahin, um ihm von rechts den Weg abguschnsiden. und um den Wald herum. Durch EEtzMWWW>MWWW>W>>WWMWWW>WWW>>»WWW»W»W«S>'»»V»,»»»^?»* die Steppe sprengte auf fremdem Pf-rd der blauäugige, brav: Bursche, und im W'nde flatterte der blaue Weiber' rock, der quer über dem Werde h'ng. „Heda! Halt — halt! ..." Aber das Pferd raste weiter. Links jagten in weitem Dogen Motka und Patlatyj dahin. Motka hob das Gcwrhr . . . Ass sie schon die Pferde sattelten um das Lager' zu verlassen, und sie dem Bürschchen schon Stiefel uno Fäcke abgezogen hatten, und Motka die Stieftl anprobierte» und das Mädchen auf dem Reisighaufen nicht mehr atmete unter dem blauön Rock, den der letzte, der fünfzehnte, ihr übers Gesicht geworfen halte, trat Patlatyj zu Alexej und brummte finst.r, wie ein Bär aus dem Dickicht des Waldes: ' „Ein Mädel ..." „Nu. . ." „Was nu? Das Bürschchen da 'st -"'st Mäd-s. W'r haben die Backe hok-geztgen, und si.h nur . . Und er führte ihn zu dem Tvten. Mit hockgzogemm Dein lag der Bursche da, bis zum Kinn mit einem Mant.l b:d.ckt; die kasta..ien braune Haarstlähne ringelte sich — er log da der goldige Bursche, als ruhte er im Grase aus und als würden die halb geöffneten Lippen gleich mit hoher, wohltönendrr Stimme anfargen zu singest: .^ - - „Wie die Nachtigall im Flugs . . ." u . O du bekanntes allzu bekanntes Li.d! ... Patlatyj' bückte sich, nahm den Mantel hoch ird darunter sah Uschastyj den Nand eines feinen, gestickten Hemdttens und eine Brust -- eine kleine, pralle, tote Mädchenbrust. ' . Lange stand Uschastyj da. sein Gesicht glich einen- W.ildlederhandschuh — ganz grau überzogen war es. Und unter dem.H.'md ruhte das graue Büchlein — und Copyriubt by R. Piper A Co., (l. Fortsetzung) München, ISS7. tDie (ßeiihte eines Juden. tyon Seanid Sjossmamn. 7 SKeramgegeben von *Rene &ülöp-3hUller und SFtiedrich (sdc'iein. Für Ihr Meisterwerk halte ich jedoch den „Jdiotm"; die „Dämonen" habe ich viele Male gelesen, der „Jüngling" hat mich in Entzücken versetzt. Ich liebe in Ihren letzten Werken diese krankhaften Naturen, deren Leben und Handeln Sie mit so unnachahmlicher, so genialer M-e'sterschaft schildern. Während andere Ihre letzten Romane langweilig finden, kann ich, im Gr genteil, mich nicht von diesen Blättern losreißen. Ich lese fast jeden Satz einige Male und bewundere Ihre leben dige Art, alle Handlungen Ihrer Helden zu analysieren und die. bemerkenswerte Kunst, den Leser (nämlich mich) in beständiger Spannung und Erwartung ' zu halten. Sie verfallen nicht in Kleinliche, nichtige Schilderungen der äußeren Gestalt der handelnden Personen und hrer .Umgebung, in Beschreibungen von Naturbildern. Toiletten und anderer Nichtigkeiken, .mit denen unsere bekanntesten Schriftsteller so gern kokettieren, angofangen von Turgenieff > Gontscharoff und Tolstoi b's auf Boborykin (der in di-ser Hinsicht geradezu widerwärtig wird) Drfü'r brodelt in Ihren letzten Romanen (wir wollen es zngeben zum Teil ein erfundenes, aber'doch mögliches) Leben, Bewegung und Handlnng. wovon man in den Werken unserer meistgenannten Künstler., auch mit der Laterne in per.Hand, nichts finden kann. Was indessen Ihre Publizistik betrifft, so begegne 'ch wohl auch in ihr (beachten Sie, daß ich nur von meinen persönlichen Eindrücken spreche) genialen Funken des Geistes und der Analyse; meiner Ansicht yach jedoch leidet sie an Eincheitigkü't und an einer gewissen Sonderbarkeit. Das kommt, will mir scheinen, von einer nur Ihnen eigenen Geistesversassung und Logik, während die Mehrzahl der intellektuellen Menschen einfacher, irdischer und darum natürlicher denken als Sie. Bevor ich indessen auf einige Ihrer, in meinen Augen sonderbaren und unbegreiflichen sozialen und philosophischen Anschauungen Hinweise, halte ich es für Nötig. Ihnen in Kürze meine sittliche Physiognomie, meine Profession.de foi und einige Einzelheiten aus meinem Leben zu skizzwren. Mcmand weiß, glaube ich. besser wie Me. daß man sein Leben lang ein ehrlicher Mensch sein und, unter einem gewissen Druck, der Verhältnisse, ein großes Ve^ brechen begehen, dann aber wieder für immer ein vollkommen ehrlicher Mensch bleiben kann. Werden Sie eS mir auifs Wort glauben, daß ebey. ich ein solcher Mensch bin? - Ich bin ein Mann ohne Etikette (unter diesem Titel habe ich einen Roman in vier Teilen veröffentlicht, den das M'in'stevkomitee auf Grund des Gesetzes vom 7. Juni 1872, in eben diesem Jahre unbedingt verboten has). Ich öm in einer vielköpf'geü, armen jüdischen Familie in W'lna zur W.'lt gekommen, in einer Familie, wo die Leute einander um eines Stückchen Brotes willen verfluchten; ich habe e'ne r.'in talmudisch? Erziebunr. erhalten und bin, nach Wischer Sitte, bis zum sieb. zehnten Lebensjahr in klonen Städten, mit vorwiegend jüdischer Bevölkerung umh rgezcgen, wo ich auf fremde Kosten lebt-e. Mit ftbzehn Jahren wurde ich mit einem Mädchen verheiratet, das viel älter war als ich. Mit achtzehn Jahren ging 'ch meiner Frau durch nach Kiew, wo ich die russische Grammatik, fremde Sprachen und» die Elementargegenstände der allgemeinen Bildung vom A angefangen zu studieren begann. Ich trug mich mit der festen Absicht, .mich an der Universität inskribieren zu lassen. Das war zu Beginn der Sechz'gerjahre, als die russische Literatur und Jugend den Honigmond des Fortschrittes feierten. Dank meinen guten Fähigkeiten, erlernte ich bald die russische Sprache und ließ mich, gleich vielen anderen, von Dobroljuboff Tschernyschewsky. dem . Zeitgenossen",' von Bnckle Mill, Moleschott und änderen damals herrschenden Autoritäten gefangennehmen. Ich empfand .Hatz gegen den Klassizismus und ging darum nicht zur Universität. Da ich die hebräisch? Sprache und dis talmudische Literatur gründlich kannte, faßte ich den Gedanken, der Reformator meines unglücklichen Dylkes zu werden. Ich schrieb einige Bücher, in. denen ich auf Grund der europäischen W'ssenschaft, die.' Albernheit der. jüdischen Vorurteile nachwies; aber hie Juden verbrannten meine Büchet und verfluchten mich. Hierauf stürzte ich mich in die Arme der russischen Literatur. Ich zog nach Od.ssa, lebte dort ansschltetzlich von der Mitarbeit bei den lokrlen Blättern und korrsvoN' vierte mit Petersburger Zeitungen. Im Jahre 1871 ubersiedelte ich nach Petersburg. Dort'begann ich als ’ Mitarbeiter bei verschiedenen Zeitungen, wie „Die Tat", , Die Bibliothek", „Die universelle Arbeit" von Okreiz, „Die Petersburger Nachr'chten", und wurde später ständiger Mitarbeiter bei der .Stimme". Nachdem ich mich mit Krajewsk', überworfen hatte beschloß ich, die Literatur auszugeben, dem ermatteten Hirn Ruhe zu gönnen und irgendeine mechanische Arbeit zu ergreifen. Ich trat bei der Darlehens- und Diskontbank als (russischer) Korrespondent ein. Die neue, meiner Erziehung, meinen Gewohnheiten, meinen Ueberzeugungen entgegengesetzte Atmosphäre verpestete m«ch. Nachdem ich zwei Jahre läng in die Operationen der Bank Einblick gewonnen hätte überzeugte ich mich, das; alle Banken auf Betrug und Gaunerei arffgebaut seien. Ich sah wie die Leute Millionen verdienten, die Versuchung trat an mich heran, und ich beschloß, eine Sumine zu stehlen, die drei Prozent von dem jährlichen Reingewinn der Aktionäre der reichsten Bank in Rußland darstellte. Diese drei Prozent machten die Summe von hundertachtundseckzigtausend Rubeln aus. Dies war der erste (und letzte) Fleck auf meinem Gewissen, und der hat mich, vernichtet. In diesem von mir vovMen Verbrechen spielte die Liebe zu einem braven Mädchen aus anständiger Familie die.Hauptrolle. Bon Natur aus. temperamentvoll veranlagt, sehr g.sund kedoch häßlich, hatte ich nie die Liebe einer feinen Frau kennengelernt. In P.tersburg aber gewann ich d'e Zw «nrigung eines reinen und herrlichen Mdchsns, es war 19. Dezember 1930 Mte 11 Wichtist Mitteilungen ehr .,<3LÜCKSTELiE“ Die Schalter der „Gliickftelle" sind heute aut Gldeien Sünntag von 10 bis I Uhr und von 3 bis 6 Uhr geöffnei, an den Wochentagen, bis einschueßvch2i d. M.. ununterbrochen von 8 Uhr ftüh bis 7 Uhr abends. Nunmehr versäume niemand, sich sem Glückslos zur kommeriden Wethnachtsziehung der Klaffenlotterie (28. u. 3v. Dezeniber) bei der „Glückstelle" JosefStein, Wien. L Wipplingerstraße 2i, an det „Hvhen Brücke", zu holen. '/»-Los 8 4.—, ^.-Los S 8.— iUßo$ S 16.—, '!,-LoS 5 92.— Für Postbestellung genügt Postkarte. Gsh' nicht . am Glihk vorbei!; später trug eine s.hnige Hand mit kleiner Schrift die Worte ein: „Ein Batisthemd ... Ich gebe meinen Kopf> dafür, daß es nicht g>/stohlen war, sondern ihr Eigentum — und die Brust wie bei meiner Statuette von Bourdelle die ich mal an den Baron Osten verspielte. Was wird mir'noch alles duf meinem grausigen Wege b'g'gnen? Wundersam bleibst du doch, du, mein Land, mein, fluchbeladenes Rußland." > , Deutsch von Eva Luther. eine freie, tiefe und glühende, ja, eine glühende Liebe. : Sie liebte mich natürlich nicht wegen meines Aeußeren, sondern wegen einiger geistiger Vorzüge, wegen eines ' bißchen Verstand und Herzensgutes wegen meiner Bereitwilligkeit, jedermann Gutes zu erweisen, und ähn-' l lichem. Sie war schr arm, hatte nur mehr eine Mutter (der Vater war schon lange gestorben) und noch drei' ' Schwestern. Ich wollte sie heiraten, aber ich hatte keine sicheren Existenz mittel, denn ich diente in der Bank ohne jedweden schriftlichen Vertrag, nutz der Direktor konnte mich jeden Augenblick entlassen. Ueberdieß hatte ich Schulden, nicht große, aber sie ließen mir doch keine Ruhe ... (ich bin, was das Schuldenzahlen, betrifft, der denkbar größte Pedant:. Ist es nach alledem nicht natzürlich, daß-ich mich an den ol>en erwähnten drei Prozenten vergriff? Mit diesen dr:i Prozent hatte ich me'ue gebrechlichen Eltern,, meine zahlreiche, bettelarme Familie, meine minderjährigen' Kinder von der ersten Frau, das geliebte'Und liebende Mädchen, ihre Famille und nock viele „Erniedrigte und Beleidigte" versorgt, ohne irgend jemandem einen wesentlichen Schaden zugefügt zu haben. Das sind die wahren. Motive meines Verbrechens. . . Ich will mich nicht rechtfertigen, erkläre aber sogar Ihnen, daß ich, nachdem ich das Verbrechen begangen hatte, nicht d'-e geringsten Gewissensbisse weder empfunden habe, noch empfind'. ZwoifcHos ist mein Verhalten der gesellschafttichen und der Buchmoral entgegen, ich sehe aber darin in keiner Weise das entsetzliche Verbrochen, von dom fast die ganze russische Presse mit schäumondeni Munde gesprochen hat, illdem sie mich mit Schmutz bewarf und mich als eine Ausgeburt des Menschengeschlechtes idarstellte ... .... Aber Sie wissen schon, daß ich 5 die Früchte des Verbrechens nicht genossen habe. Ich wurde bald gefaßt und mitsamt meiner Frau festgenommen: sie ist im Gefängnis mir neuerdings angetraut worden*), dann wurden wir vor Gericht geführt, ich wurde verurteilt, sie aber frei ge sprachen. (Auch dafür sei den Geschworenen Dank gesagt!) Aber das arme Mädchen (Sie begreifen, daß, bei einer Trauung unter solchen Umständen, meine Frau auch nachher noch Mädchen geblieben ist) bat die Haft, meine Schande, die Trennung von "mir auf viele Jahre hinaus, nicht ertrggen und ist bald nach ihrer Freisprechung gestorben. Dieser letzte Schlag war für mich schrecklicher als alle vorhors»gangenen, und ich bin darüber beinahe wahnsinnig geworden. Ich' blieb allein, verlassen im G'5fängnis zurück, bespien, mit Schmach bedeckt, ohne alle Existsnzmittel. Ich weiß nicht, ob noch irgendein Mensch in der Welt eine ähnliche Folterqual der Seele aüsgestanden hat — aber da.rüb?r habe ich in meinem Tagebuch, das vielleicht einmal das Licht der Welt erblicken wird, ausführlich berichtet. '? . Doch nicht davon ist die Rede . . . Jch. bin überzeugt, daß S'e aus dieser sinnlosen, unzusammerchängenden Skizze, mttne sittliche Physiognomie begreifen rverden. (Fortsetzung * ♦) Offenbar hatte Kcwner beWojsen, seine erste Trauung durch 'das c-tf Ritual zu bekräftigen., und dieses hat, allein Anschern nach, im Sommer 1876 jm EefänaniS statvgefunden. Bor S erichr fungierte übrigens seine. Frau unser ihrem Mä-ch-enriamen, unter dein sie auch in dex Gerichts» Verhandlung aufirat. .

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