Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 8 (1926)
- Issue
- Heft 2806 (19.12.1926)
- Date
- 1926-12-19
- Page
- Seite 9 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Ar. 3006 Men, Sonntag Wiener MorsM-ettrMg 19. Dez-ember 192': Seite 9 Das Buch der Zeit LITERATURBEILAGE DER .'WIENER MORGENZEITUNG 'yW'rV-y.' ■?1 avTHT" 8m pslulsch-rsslischrr Autor. Josef Conrad: Le« Ce^cin.c.iMt. 8»oman. — Spiel des Zufalls. Romon. — JuMnü. Dve! Erza^lirnArn. (Im Verlag S. Fische r, Berlin.) Die Bücher sind aus dem Englischen übers.tzt. Der Leser müßte aiiuJjmen, daß er es mit einem englischen Fabulieren zu tun habe, fugend" und „Spiel des Zufalls" sind im Stoff dem Scelelen entnommen, und es ist alles so natürlich, so sollstverstündlich in Denkungsart, Schilderung und Ausdruck, das; man dies nur den Angehörigen einer Seer.aticn zuschriebc. Mer da ist „Der Geheimagent", ein halb politischer Roman, in welchem sich die Herkunft des Autors ausdrückt. Er spricht vom Zarismus, von dem unterirdischen Treiben der internationalen Revolutionäre in London, von dem Absch-eu der englischen Behörden vor d-en oft sehr wurmstichigen Weltverbesserern; man fühlt es plötzlich, das ist kein Engländer, sondern ein Slawe, der von beiden, vom Zarismus und den Nihilisten, genug hat und sich nur in der reinen, freien, aber herben Luft des westlichen Eurc.päcrtums wohl fühlt. Tatsächlich ist Josef Conrad ein Pole, den die Liebe zum Meer nach England gebracht hat. Der Roman aber, in dem er sein Herz sprechen läßt und rings um einen sinnlosen Mord und dessen sehr sinnvolle Bestrafung sein.' ironische Skepsis ausbreitct, ist nicht sein bestes Werk. Ungleich lebendiger und wärmer ist die Geschichte des Jungen, der aus der zucrst lecken, dann brennenden „Juden" über das Weltmeer führt. Hier ist Kraft, Tenchcrainent, Freude am Abenteuer, Stolz auf das Erlebnis. In der Lebensform des Engländers ist der Pole vollkommen zurückgetrcten, und nur die ersten Worte: „Diese. Geschichte hätte sich nirgends sonst als in England abspielcn können", lassen den von außen Fuschenden erkennen. Der Geheimagent Verloc treibt sich in der mit Romantik, Irrsinn und Verbrechertum geladenen Atmosphäre des Nihilismus herum. Er wird von der kaiserlich russischen Botschaft bezahlt. In Mailand tagt irgendeine internationale Konferenz gegen Anarchismus. Sie verliert sich in. diplomatischer Uferlofigkeit und bleibt in England unbemerkt. Verloc bekommt also von dem ersten Sekretär der Botschaft, Wladimir, einem Salonhelden, politisch aber ahnungslosen Zyniker, den Auftrag, ein Attentat zu fabrizieren, das gerade durch seine Unverständlichkeit der Phantasie des Spießers zeigen soll, daß der Anarchismus nicht erst ein Motiv für seine Taten braucht, daß er einfach vernichten will. Verloc, der in seinem obskuren Laden vcrne allerlei'Dinge für Junggesellen feil hält und hinten die großsprechonden Revolutionäre unter seinem Vorsitz versammelt, läßt sich von einem dieser Leute, einem Chemiker, eine Petarde Herstellen, hängt ste seinem Schwager, einem herzensguten, aber idiotischen Buben au und verschleppt ihn in einen Pavk. Die Zündung funktioniert, der Knabe wird in tausend Fetzen zerrissen und Vereloc läuft davon. Die englische Spionagepolizei findet in kürzester Frist den Täter und entdeckt feine Verbindung zur Botschaft. Durch einen Kommissär erfährt auch Frau Verloc läuft davon. Die englische Spionagepolizei findet fassungslosen Erregung ermordet sie den Spitzel und fällt dann, im Schrecken wegen des tröpfelnden Blutes, einem Lumpen in die Hände, einem angeblichen revolutionären Flüchtling. Er nimmt ihr den Lohn des Gatten ab und treibt sie in die Flucht nach Frankreich. Auf dem Dampfer springt die Verzweifelte ins Wasser. Diese wütende Kampfschrift gegen den soeleumordenden Zarismus er!»- FRANZ WERFEL DER TOD DES KLEINBÜRGERS NOVELLE DAS NEUESTE WERK DES DICHTERS Aui «tnem kleinen unterdrückten Leben wachst da. W und., eines heldenhaften Todes empor. Ein seitsyines Einzel* »chicksol wird durch die Macht dichterischer Vis n vii symbolischer Bedeutung erhöht und der erschüttert durchlebte' AUtog zu umfassendem Geheimnis gesteigert. Ganzleitienbcmd S f.so l1 \ U L ZSOLNAY VERLAG GchMIHG nert bald an Poe, bald an Dostojewski, und in der Mordnacht, in der Frau Verloc ihrem Mann das Messer ins Herz stößt, glaubt man, Raskolnikow hinter der Türe atmen zu hören. In einem fliegenden Tempo ist der Roman geschrieben, und die nachdenklichen Bemerkungen des englischen Polizcikomrmssärs zu dem Sekvctär Wladimir über „die ausländischen Spitzel, Polizisten und Hunde dieser Art" stammen aus der bis zum Haß entflammten Erbitterung des Polen. * Die kleine Flora de Varral, die Tochter eines Großspckulanten und Schiebers, freut sich in Reichtum und Unschuld ihrer harmlosen Kindheit. Ihrem Vater wird in London der Prozeß gemacht, und die Erzieherin, die ihn und das Ki.nd haßt, schreit dem MädchLn eines Tages voll Triumph i-ns Gesicht, daß es die Tochter eines Zuchthäuslers sei. Sie plündert das Haus aus Und macht sich mit ihrem Galan davon. Das Kind rettet sich verstört zu einer Aachbarsan.ilie, lernt dort den Bruder der Frau, einen Schiffskapitän kennen und liaben. Auch er liebt sie, aber beide wissen nichts von ihrer gegenseitigen Zuneigung. Cie heiraten einander; sie glaubt, daß er sie aus Barmherzigkeit aufnimmt, er meint, daß er ihr sein Heim gegm das ihr feindliche Leben bieten muß. Sie bringt ihren, eben aus dem Zuchthaus entlassencn Vater mit aufs Schiff.. Der alte Varral, zerfallen mit sich und der Welt, will an fattc Liebq glauben. Er verbohrt sich in den Gedanken, daß seine Tochter das Brot des Erbarmens essen muß, verfolgt den Schwiegersohn mit niedrigem Verdacht, und schüttet ihm'eines Nachts Gift ins Weinglas. Durch eine Luke hat — dies ist das Spiel des Zufalls — der zweite Offizier des Schiffes, der in seiner himmelblauen Jugend die junge, blasse, immer mutlose Frau anschwärmt, dem Anschlag beobachtet und rettet den Kapitän. Den alten Barral trifft der Schlag. Von nun ab ist wieder. Harmonie auf dem Schiff, die Gatten finden einander. Nach sieben Jahren wird das Schiff, von einem anderen überrannt und entzweigoschnitten. Die Mannschaft rettet die Frau, der Kapitän geht mit seinem Schiff in die Tiefe. Die Witwe wird dann die Gattin des zweiten Offiziers. Von der „Jugend" haben wir schon oben gesprochen. Es ist eine heiße, prachtvolle Geschichte, wie mit der glühenden Nadel rasch aufs Holz geworfen. An diese Erzählung schließt sich „Das Herz der Finsternis", der ziemlich unbegründete Titel einer Geschichte, von dem körperlichen und geistigen Verfall eines Europäers im tropischen Elfenbeinland, und dann das „Ende vom Lied". Ein alter Kapitän will, statt sich zur Ruhe zu setzen, für seine Tochter sorgen und nimmt noch ein Kpmmando auf einem Küstcndampfer als Teilhaber eines betrügerischen Spielers au. Der Kapitän, der seine Ersparnisse dem Kompagnon übergeben hat, verliert das Augenlicht. Der Teilhaber nützt dies aus, bringt ungesehen ein Stück Eisen in die Nähe, des Kompasses. .Das Schiff verliert den Kurs, fährt auf und sinkt. Der Kapitän stivbt, der Kompagnon erbt die Versicherungssumme. Auch an dieser Erzählung ist die lebcUswarme, rasche Darstellung hevvorzuheben. VON BÜCHERN, DICHTERN UND VERLEGERN. Fmn; Schu'z: Eros. Klassische LiebeSdichtung. (Rudolf Kaemerer-Verlag, Berlin). Beispiele für die „h-immlische" und für die „irdische" Liebe vor der Lösung des Krampfes, der die neue Zeit ankünldigt, haben der Sexualwissenschaft diel Stoff geboten. Immer aber war es die Dichtung, die das Allerletzte zu sagen wußte. Je mehr ie Sexuakethik der Antike der llamour Passion Weichen mußte, desto reicher wurden die Früchte einer Liebe, die nit allen Geheimnissen des Fleisches und der Seele überwuchert mar. Der Dichter will sie entwirren, er will eine Lösung finden; damit ist der Anfang der modernen Liebeslitevatur gegeben. Franz Schulz hat . aus den schönsten Werken der Weltliteratur die Stellen zusammengestellt, die von Leidenschaft und von Liebe reden. Da dürfte weder Aöäiard und Heloise noch Sttindberg fehlen. or. Coiitttsse de Noailles: Die Unschuldige». (Kurt Wolfs Verlag, München. — Ein eigenartiges Frauenbuch. Eine sehr reife, sehr überlegene Kennertn des Lebens und der Liebe enthüllt uns doch zugleich alle Bangigkeit, alle Vereinsamung der Frau, "oie nicht mehr mit der heiligen Naivität ahnungsloser Jugend blind zu glauben, töricht auf Tauer des Gefühls zu hoffen vermag. Nur im Momente noch scheint ihre wirkliche Gefühlskraft eingeschossen, in dem Augenblick, in dem zwei bis dahin Unbeschwerte plötzlich magisch mit dem Schicksale und Wesen des Anderen verkettet werden. Nur dieser Augenblick allein scheint ihr „Glück". P^imismus liegt über diesem Buche, melancholisclie Rezitation, und doch ist es tief gesättigt mit verschwenderischen Farben heißen und atnrenden Lebens. Ein flammender Herbst, noch reich an Duft und Schönheit, und doch voll Schauer, voll her Ahnung des Tores. Denn was wäre der Tod für diese Frau, — wenn nicht daö Ende ihrer Liebe? $n tausend Gestalten und Variationen, in Brechungen und Spiegelungen phantasiert diese romantische Dialektilerin der „Liebe, eine Schülerin von Anatole France, ihm in der llaMchen Schönheit der Sprache Ähnlich, über das ewig gleiche, immer neue Thema. ES dst'viel Kraft und Leidenschaft in diesem rösignierten Buche. M. H. * „Stole Jrrigaug', Roman von Erwin Strauik (Allgemeine ecmngsanstalt, Hamburg). Ter Wiener Schriftstecker schildert in der i!;m eigenen satprischeu, stellenweise ins Groteske springenden Schrcibweije das Wien der Jnstationszeit in gret'eu starhen, die manchmal allzu dick anfgetragen find. Tie Manie des Alleskönnenö, wenn man nur Geld hat, wird scharf gegeiselt und durch Jronia ad absurdum geführt. Tie bekanntesten Wiener Figuren werden in diesem Schlüsselroman aufs Korn genommen lind in der Marke der sichre bitterste Wahrheiten gesagt. Das Buch kommt leider etwas zu spät; die meisten darin geschilderten Typen sind bereits wie'er in das Nichts versunken, aus dem sie nie Hütten herbortreten sollen. r.s. Zn De Cvsters 160. Geburtstag hat der Verlag Kurt Wolfs, München, „Die Geschichte von Ulenspicgc'l", in deutscher Uebersetzung von Karl WolfSkehil, als Jestausgabe herausgebracht. Zu dein Buch hat Franz Mose reck 150 Holzschnitte geschaffen, wie sie so monumental und einheitlich seit Menzels Bibern zu Kuglers „Geschichte Jriedrich des Großen" kaum noch in ähnlicher Harmonie mir dein Text geboten worden sind. Nomain Rolland leitet dieses Buch durch einen VorÄang zur Legende ein. Marcell Proust's mit dem Goncourt-Prcis ausgezeichneter Roman „Im Schatten der jungen Mädchen" wir:, vom Verlag „Die Schmiede". Berlin, erstmalig in deutscher Hebersetzung von Walter Benjamin und Franz Hessel herausge- 'bracht. Dieser Roman bildet von zweiten Teil des große» Romanwcrkes „Aus den Spuren der verlorenen Zeit". Katalog der neuen heb ätschen Literatur. Die Jüdische National- und Universitätsbibliothek in Ierusa l c m hat soeben einen bibliographischen Kata log der hebräischen schönen Literat» r in der Zeit von Mosche Chaim Luzzntto bis heute (1729-1926, herausgegeben. Der Katalog umfaßt 3388 Nummern und folgende Abteilungen: Sammclbüchcr, Gedichte, Gelegenheitsgeli.bte, Dramen, E.zäh ungen, E 'ahs, Kindcrliteratur. .Ein Register nach Verfassern und Titeln der Bücher ist belgegeben. Der Katalog umfaßt 21 Druckbogen und ist um den Preis Um 3 Schi ring von der Bibliothek zu beziehen. Sigrid Undset, die in Deutschland heute zu den meistgelesenen Schriftstellerinnen gehört and deren Romantrilogie >,Kristin Lavranstochter" bereits in 160.000 Exemplaren verbreitet ist, hat vor fahren schon eine deutsche Uellersehnng ihres Romane-s „Frühling" erscheinen lassen, der damals kaum Beachtung gefunden Hai. Der große Erfolg von „Kristin Lavranstochter" hat nun auch das Interesse >des deutschen Publikums für diesen Roman geweckt. Es wurde eine neue Auflage notwendig, die nun in «bester Ausstattung vorliegt. Gleichheit:a mit diesem Erstlingsroman der Un-dset ist auch ihr neuer Roman „Jenny" bei der Universitas, Deutsche Verla "s-A.-G., Berlin, herausgekömmen. BS. DE CALLIAS Zerry und die Pariserin Roman Pappband M 4.—, Ganzleinen M S.— Dieses kühne Buch unternimmt nicht weniger, als eia brennendes, vielfach zum Schlagwort herabgewürdigtes Problem der Gegenwart auf seinen ' Wirklichkeitswert zu überprüfen, auf sein Bestehen vor dem mensdilichen Herzen, das sich so oft gegen alle Theorie aufbäumt. Die Heldin des Buches, BUdhauerin und bis in die Fingerspitzen ein Kind unserer Zeit, verzichtet um ihrer Unabhängigkeit und künstlerischen Arbeit willen auf die Ehe — aber nidit auf das Kind. Mit tiefem Wissen um die Setzten Geheimnisse des Kampfes der Geschlechter hat die junge Französin dieses Problem mit allem Zauber moderner, psychologisch vertiefter Erzählungskunst gestaltet. * AAGE BRODERSEN Regentropfen Die Geschichte etner Liebe Ganzleinen M 2.—, tialbleder M 3.~~ Seltsam verkettet sich das Schicksal dreier Menschen. Kleine Ereignisse — Regentropfen — lösen langsam aber mit unerbittlicher Notwendigkeit ihre Gemeinsamkeit. Lautlos und still, wie sie zusammenfanden, gehen sie auseinander. Unendliche Zartheit schwebt über diesem Idyll mütterlicher und bräutlicher Liebe, Psydiolögisch tief und fein empfunden, schildert der bekannte dänische Dichter seine Gestalten. VERLAG G. WELLER & CO., LEIPZIG