Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 8 (1926)
- Issue
- Heft 2805 (18.12.1926)
- Date
- 1926-12-18
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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! Serie 6 Men. Samstag W!e«rr M-rge«Mvn- 18. Dezember IM Nr. MV Vepzriol»» by &?Ip«r i O.»?.Iflneheti. 1327. Die föeidite eines Juden d <Von £eonid fttossmann. ZHerausgegeben von Stene Bülöp-ZHliller und Friedrich. Eckstein. Borbs merkung der Redaktion! .lbraham Urija Kowner (er änderte später 'einen Vornamen in Albert und fchließ.tch in Arkadij). dessen Briefwechsel mit Dostoieviki eines der wertvollsten kulturhistorischen Dommente ist, wurde im Kahre 1842 in Wima geboren, genoß die Übliche jüdische Erziehung im Eheder und in der ZeMtvah. wurde früh vetheirctet, floh jedoch, um seinen! Hang zur profanen Bildung nochzugehen, nach Kiew. Er veröffentlichte eine Reihe von Schriften aufklärenden Inhalts in h e b r ä i s ch e r Sprache und war ein ausgezeichneter Strirst, der ob seiner realistischen Schreibweise und seiner aufklärerisch rationalistischen Tendenzen den Beinamen „der jüdische Pissarcw" erfrie't. Dann wandte er sich der russischen Publizistik zu, wo er ebenfalls eine ansehnliche Rolle spielte. Km Jahre 1873 trat er. der publizistischen Tätigkeit müde, als russischer Korreipondent in die Petersburger Darlehens- und Diskontbank ein. Inzwischen hatte er Sophie Kannileßer, ein Mädchen aus einer blutarmen jüdischen Han^tre ke f'n i ie. kennen und liefen gelernt. Sophie wir schwer lungenkrank. Kowner hatte für sie und ilnre Familie zu sorgen und da sein kärglicher Geholt ihm keine Möglichkeit gab, aus den drückenden Verhältnissen herauszukommen, führte er mit Hilfe eines Verwandten einen „großen Couv" aus. indem er mit einem gefälschten Scheck 168.000 Rubel an diesen Ve wrndten auszahlen ließ. Der Helfer erhielt ein Viertel der Summe, im'it der er ins Ausland floh, Kowner, der mit dem Rest des Geldes ebenfalls aus Rußland flüchten walkte, wurde in Kierv verhaftet und erhie't vier Jahre Zuchthaus. Sein Prozeß erregte großes Aufsehen. Kowner verbrachte zwei Jalrre in den Moskauer Gefängnissen. Für die Motive'seiner Tat. die er offenbar unter dem Eindrücke des nicht lange vorher erschienenen Dostojcwski'cben Romans ,.RaSkolnikoff" verübt hatte, schien ihm Dostojewski Wohl als einziger Verständnis zu haben und darum beschloß er sich aus denr GesängniS gewissermaßen dem obersten Richterspruch des ■ „Raskolnikoff" zu unte werfen. Am 36. Jänner 1877 schickte Kowner den nachfolgenden Brief' an Döstojewsiki: Hochgeehrter Fjodor Michailowitsch! ' Ein sonderbarer Gedanke ist mir in den Sinn geko'rnmen, der Gedanke,. Jhnen. deu vorliegenden Brief.zu schreiben. Obwohl Sie von allen Ecken und Enden Rußlands Briefe erhalten und darunter zweifellos auch recht dumme und sonderbare, konnten Sie doch niemals erwarten. von mir ein Schreiben zu erhalten. Wer ist nun aber dieser Briefschreiber? . Ich bin erstens ein Jude, und Sie sind den Juden nichts.'weniger als wohlgesinnt (worüber ich übr'gens noch später reden werde); zweitens habe ich zu jener Art von Publizisten gehört, die Sie verachten; habe ich Sie doch (nämlich Ihre literarischen Arbeiten) heftig, voll Wut und Bosheit beschimpft. Wenn ich nicht irre, haben Sie zu jener Zeit, da Sie den „Graschdanin" redigierten, in einem Artikel über mich, ohne indessen mein Pseudonym zu erwähnen, außerordentlich scharfsinnig bemerkt, ich sei aus allen Kräften bemüht, mich mit Ihnen in eine persönliche Polemik einzulassen. Sie zum Kampfe heräuszufordern; Sie hätten aber meine Ausfälle mit Schweigen übergangen und meinen Ehrgeiz nicht befriedigt; und drittens, schließlich, bin ich ein Verbrcch.'r und schreibe Ihnen diese Zeilen aus dem Gefängnis. Eigentlich müßte dieser letztgenannte Umstand in Ihren Augen, eher eine Entschuldigung dafür sein, daß ich mich an Sie, als den Verfasser der rn Rußland jedermann (nämlich der geringen Zahl der Intellektuellen) bekannten ,,Memoiren aus einem Totenhause" wende. Aber ach! Ich bin keiner von jenen Verbrechern, mit denen Sie sympath'sicren könnten, denn ich bin wegen Betruges und Gaunerei gerichtlich angeklagt und verurteilt worden. Sie, der Sie alle mehr oder weniger auffallenden Erscheinungen des gesellschaftlichen Lebens im allgemeinen, und die Prozesse im besonderen, so aufmerksam verfolgen, werden«, glaube ich schon längst erraten haben, daß ich jener Kowner bin, der in der „Stimme" Feuilletons unter der Rubrik „Literarische und gesellschaftliche Kuriositäten" geschrieben hat. später in der Petersburger Darlehens- und Diskontbank ge-dient und am 28. April 1875, auf dem Wege einer Fälschung, der Kaufmännischen Bank in Moskau huNdertachtundsechgigtausend Rubel geraubt, sich verborgen hat. in Kiew mit dem ganzen Geld*) angehalten, -nach Moskau abgeliefert, in Untersuchung gezogen und zu vierjährigem schweren Kerker verurteilt'worden ist. Was ist nun aber der eigentliche Zweck meines Schreibens? ' Sie, als tiefer Psychologe, werden mir glauben, daß ich mir von diesem Zweck selbst keiue Rechenschaft zu geben vermag, und daß es sehr leicht möglich wäre, daß ich überhaupt keinen Zweck verfolge. Was mich angercg! hat, Ihnen zu schreiben, war die Herausgabe Ihres ..Tagebuches eines Schriftstellers", das ich mit größter Aufmerksamkeit lese und von welchem mich j"de Nummer immer wieder mit sich fortreißt, um Sie zu gleicher Zeit zu loben und zu tadeln, das, was mir paradox erscheint. zu verwerfen und zugleich Ihre geniale Analyse zu bewundern. Ich muß Ihnen gestehen, daß ich, obwohl ich einst herzhaft ü-ber Sie geschimpft und Sie verböhnt habe. Ihre Werke mit größerem Genuß lese, als jene aller anderen russischen Schriftsteller, und daß ich mit großem Interesse und mit LiE gerade solche Erzeugnisse aus Ihrer Feder lese, g gen welche sich sowohl das Publikum als auch die Kritikablehnend verhalten. Man muß sagen, daß auch die „Memoiren aus einem Totenhausc" eine herrliche Sache sind. ..Erniedr'gte und Beleidigte" ist sehr gut, „Raskolnikoff" ist unstreitig ein vorzüglicher Roman. (Ihre kleineren Sachen, wie „Eine dumme Geschichte". „Der ewige Gatte" und anderes, gefallen mir gar nicht.) (Fortsetzung folgt.) •) Diese Angcwi/ ist nicht gang richtig. KownerS Komplize. der nach rem Ausland geflohen war. hatte von der genannten Summe fün.fandv'erzigtausend Ru:,»I mitgeno'-men. einen gerinaHiigi^en Teil des Geldes überwies Kowner seinen / Gläubigern nach Petersburg. JÜDISCHE WEIT Las Testament von ürear Strauß. Aus New York wird uns berichtet: Dieser Tage wurde über die Verteilung der Hinterlassenschaft des im Mai d. I. verstorbenen amerikanischen Botschafters in Konstantinopel Oskar Strauß im Sinne seines Testaments entschieden. Das hintnrla'sene Vermögen wurde mi. 1.6 MM. Dollar, festgestelit, dessen größten Teil die Witwe und drei Kinder des Verstorbenen erhalten. Für Wohltätigkeitszweckr wurden ansehnliche Betrageaus^esetzt. Die große, überaus wertvolle Bibliothek des verstorbenen Dj plomaten fält der Jerusalemer National b i b l i a11 h e k zu. Die vier Erben haben das Recht, der Bibliothek Bücher zu entnehmen, doch darf die Zahl der Bände nicht mehr als insgesamt 400 betragen, der Rest müsse unverzüglich nach Jerusalem übersandt werden, soziale Fürsorge im Buvoet rer Warschauer «uliuLgemelnee. In der letzten, der Bu^getueratung gew'dnieten Sitzung der Warschauer jüdischen Gemeinde wurden nach län.^rtz.i Debatten fürverschiedene Zwecke der sozia eu Fürsorg: für das kommende GZchsstsjahr 630.000 Zloty und für di? in P äl ä st i n g bestreichen Emig ant:n aus War'chau einen Unterftützungsbeitrag von 25.000 Zloty in da; Bnd et ein* gestellt. Bei der letztgenannten Post sowie bei der für Pa* lästinazwecke vorgeschlagenen Post von 50.000 Zloty entwickelte sich eine überaus erreg'.e Di;kussion. in tvelcher die Vertreter der Aguda den Ueb:rgang zur Tagesordnung und die völlige Eliminierung jeder Subvention für Palästina-Wanderer oder für Pa ästina überhaupt sorierlen. Schließlich wu de die Post von 25.000 Zloty für Palästina- Emig'anten aus Marschau angenommen, hin'egen gelang es den Angestellten, die Besch'ußsassrnn ii'e: die Frage eines Beitrages für Pa ästr >a'.wecke ve eiteln Di''er,G genstand soll nunmehr in einer eigenen Borstandssitzung neuerdings behandelt werden. verband der Milchen Gemeinden in 2ft> gaNz-eu. Aus Lemberg wird uns berichtet: Die seit etloa einem Jahre geführten Vorbereitungen zur Gründung eine Berbaildes der jüdischen Gemeinden irr Ost^a iz'e.r, sind be reits so weit gediehest, daß schon in der nächsten Zeit die konstituierende Gründung s v e r s a m m l u n g des Verbandes wird stattimdn können. Bisher habe» mehr als hundert Gemeinden ihren Anschluß an de Verband ang m d t. Nah vollzogener Konftitui run; d'ee Verbandes wird die Lemderger jüdi'che Ge n.indr di: Jni tiative zur Schaffung eines Br r b a n d e s s ä in t l i ch e r jüdischen Gemeinden in Po.'en ergreifen Lonl» Mnschaür 70. vedurlrtag Am Dienstag, den 14. L.zember, rvnrde der hervorragende anrenkanisch-jüdische Führer L o n i s M a r s h a l l, der Präsident des Arncrican Jcivish Conrmrttee, 70 Jahre an. In der amerikanischen Judmheit weckte dieses Ereigri; großen Widerhall. Eine, die jüdrschcnOrganrsationen Amerikas vertretende Abordnung, geführt von Dr. Cyus Adler, erschien bei Lonr) Marshall und überreichte hm eine Adresse, die von 8.312 in der jüdischen Oefferrtnchkeit Amerikas tätigur Personen unlerzeich"«: irwrdeir ist. Louis Marshall tvurde auch vou d:nr j tzt in Amerika weilenden Präsidenten der Zionistischen Me'torgauisa^ tron, Dr. C h a i m W e i z ma n n begrüßt. Dorr der Leitung des Keren Hajessod in Palästina langle eine Begrüßungsdepesche ein. Es graluliertcrr. ferner das Komitee der jüdischen Delegationen in Pari) und rahlreiche andere jüdische Ors.a.üi'atlone r ru allen Läulerit. Einstein teleg aphierte: Ihrer Per'on u rd Ihres 'egeusrcichcn Wirk"«; für das jttdis'he Volk gelc.tft. au diesem Tage mit herz'icher Syinj>a hie Ihr Albert Einstein. Abg. Rabbiner Dr. Thon spricht von denr unveriängOchen Wer), das Mar'kal zur Zeit der Friedenskonferenz in Paris zugunsten der Sicherung der j5roischen Rechte vollbracht Hut. (I. T. A.) 18.000 Touristen werden In Palststiua etwariet. AuS Jerusalem meldet du I. T. A.: Nach Mitteilungen, die von mrswä ts eiüge'a.rst sr.id, wird ertva> tet, daß in drr kommenden Tou.isten'arson ung' ahr 12 000 Tounsten, meist aus Amerika. Paästina b suchen werden. Das Ton rften-Bur au d:r Zionistischen Orca rsation teilt mit. daß die Vorbereitll'r^en zum Torrristen-Empfang beendet sind. In Kantara. Haifa und Tcl-Awiiv werden Vertreter b.'s Bureaus die T nlristen empfangeu mih sie über die Touren usw. belehren. Da' Ierusa einer Hwlptlmecau hat verschr-dena.-tig: Touren, di: das.gesamte Land berücksichtigen, au?g'arbeitet. E » Towiet-Gelchrter in HMstina. Aus Jerusalem wird uns berietet: Der bekannte russische Gelehrte und Leiter der landn-irtschastlrchLN.Versuchsstation der Sowje.re^rerung Pros. Wawilow wei te längere Zeit in Palästina, lvo er die Entwicklung der jüdischen Kolonisation studierte und wiederholt Vorlesungen in der Versuchsstation der ziotriftischen Exekutive in Tel Awiw hielt. Prof. Wawilow erklärte, daß die in Palästina durchgesührten Versuche auf dem Gebiete der Landnürtschaft von hoher Bedeutung sind mrd auch in Rußlarrd mit großer Aufmerksamkeit verfolgt werderr. Seiner Ueberzeugung rrach geht die jüdische Kolonisation in Palästina den richtigen W e gi In seinem Land init neuer Kolonrsalioir komme den wissenschaftlichen Forschungen ungeheure Bedeutung zu, und sie müssen die.' .Grundlage der Arbeit bilden.- - ' . - - - .. '.. 7^ Eine Synagoge auf Abbruch verkauft. Aus Kamiu (Westpreußen, Regierungsbezirk Marienwerdermetbet die I. T. A.r Da in der hiesigen Synagoge seit den Kciegsjahren kein Gottesdienst mehr stattgefunden hat, cst beschlossen worden, ,ie schnellstens zum Mb euch zu verkaufen. . . Eine Lassalle Straße in Berlin. Im Berwalruugs-- bezirk BerUn Lichtenierg hat eine zum Bezirksteil Kaulsdorf gehörende Straße den Namen „Lassalle-Stratze" erhalten; die Genehmigung der staatlichen Aufsichtsbehörde ist jetzt erfolgt. Berelue. Derfammlungrn und Borttstge. Wiener Belh-Hamldrasch, 2. Bez., Tempolgasje 3. 3 Uhr. Lektor Dr. S. Rubin: „Mißverstandene Bibolstellen," Morgen, 5 Uhr. Lektor Dr. Gell'hauS: „M«-Mlta"; 6 Uhr. Dr.^ltt ub i n: Midrasch. — Montag, 6 Uhr. Dr. R ubi n: ,.er Schadenersatz cm talmudifchen Recht." — Maimouides-Jnstltut. Heute, 3—4 Uhr. Dr A. Ka m i nka: „DaS älteste Den.mal hebräischer Dichtung"; 6—7 Uhr. Dr. A. Kami nka: „Schluß'res Buches Ho-sca"; 7—8 Uhr. MaimoniücS, „Die Trübung des Intellekts durch die'Materialität". — B-ovein der Hebralschsprechende». Mir Rücksicht auf den zronistischen Parteivat sowie aus die Keren»ll.afemetih--Felern e n tf äN t die heutige Versamm-lr ng. Nächste Versammlung Samstag, den 26. d. — Toynbeehalle, 20. Bez.. Denikgasse 33. Heule. 7 Uhr aben'iS, Konzert. Mitwirkende: Grete Strauß. Alice Ieküinek, Helene Jfepp und Erich Simon. — Misvachr. Wien. Jeden Samstag, 7 Uhr abends, im Misrachil^l, 2. Bez.. Praterstraße '43, regelmäßig Zusaminenkünfte und Vorträge. —- Zionistische Kulturgruppe, L0. Beg., Karl-Meiß'-Straße 8. Heute. 7 IBr abends. Mitglicdewersam.m.!ung. — Hijachdulh-Jirgvnd, 2. Bcz.. Glocken» gösse 30. He:te. 9\h U0r nachmittags, Vorlesung aus dem ..Häfoel-Hazair" (hc>5räisch); um 5 Uhr.-Dovlesung.'aus den .Gesammelten Schriften^' von Dr. Ehaj.im Schiülowsch. Jugendliche Gäste will'-ommenl — JMschrr Hochschnlansschuß. Der ordentliche Delegierrentag findet heute um 5 Uhr nachmittags im Festsaa'e des Vereines .Zukunft", 8. Bez.. Benraptatz 1. statt — Bevrin Oesterreichischrr Chemiker. Heute. 6 .Uhr - abends, im Horsaal 1, 4. Bez., Karlsplatz 13, Vollversammlung. Vortrag Dr. Ignaz Po<llak: „Einige Nei erringen in der Mi'lroellementaranalyse (mit De» monstrationon)". Artlstenprüfnng im Apollothocrter. Die erste öffcn^CitSje Arti'ste«Prüfung der „Internationalen Arti'stenorganisgtion" im Jahre lk87 findet am 8 Jänner 1907 um 3 Wr nachmittags im Apollobheater statt. Karterroorverkauf an den bekannten Stellen. Allen Telephonavonnenten in O-efierreich «wird das neuer- Vyrz<llaN"asse 37. zwikcken 9—4 Wn» Armer, bedürftiger 67kkkhrigrr Mann. K'üppsl. mit län-, ^ich amlv,'wertem rechtem Bem. arm. hi^laS und -vwebbSnnmhia, da^e» l'-än'.sich vor k> r?em aus dem Spital entasten, littet nm i?>!"/e. N'!ntenb^"eidu"o und Brennmaterial. Sünden an die Adm. der ^Wiener Morgengeltung", M.