Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 8 (1926)
- Issue
- Heft 2805 (18.12.1926)
- Date
- 1926-12-18
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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£ wlfllVC wCOT0dlgC IVlIVtg W. Aqemvkr 1998 «f. 98* (KbwHki* WnBJWJ. Tagesbericht. Set HavpiichrWeiter ««ftetlitz. Zu dem Artikel „Ein Brief an den Hauptschriftleitcr Austerlitz" vom 15. Dezember erhalten wir folgende Be» richtigung: Die Behauptung, daß ich irgendwelche „Gehälter" als „Verwaltungsrat usw. usw. usw." beziehe, ist unwahr. Wahr ist, daß ich nirgendswo ein Verwallungsrat bin und nirgendswo als Verwaltungsrat „Gehälter" beziehe. Mit aller Achtung Friedrich Austerlitz. Sine Feier -es jüdischen Volker. Die Wiener Ftier deS Keren Kajeme lpFnbitänm. Heute beginnen in Wien die Feiern zum fünfundzwauzigjährigen Jubiläum des Jüdischen Nationalfonds. In vielen kleinen Kreisen neuer jüdischer Aktivität wird heute daran erinnert, wie vor einem Biertoljahrhundert das jüdische Volk sich das Instrument seiner neuen Entwicklung schuf. Diese Bezeichnung mag überheblich klingen, wer aber an die Entwicklung des jüdischen Volkes die große historische Perspektive anlegt, erkennt, daß die Jahrhunderte der Leiden, des abnormalen Zustandes in jeglicher Hinsicht hervorgerufen sind durch den Mangel an festem, Boden. Der Jüdische Nationalfonds trat mit der Parole auf: „Boden, für,das landlose Volk". Und in unfehlbarem Instinkt erkannte die Judcnheit der ganzem Welt die Bedeutung dieser Parole, den Boden Erez Israels dem Volke Israel auszulvscn. Aus allen Teilen der Welt flössen die Spenden für diesen Podensonds, und der.ärmste Jude gab gern den sauer verdienten Groschen her, um Kindern und Enkeln den festen Boden unter den Füßen zu geben, der uns und unseren Vorfahren jahrhundertelang gefehlt hat. Die Jugend stellte sich, kaum war der Jüdische Nationalsonds geschaffen, sofort willig in seine Dienste, willig und freiwillig: und willig und freiwillig gaben auch die Alten, mochten die neuen jüdischen Ideen des Zionismus ihnen noch so unverständlich sein, Spenden für die Erlösung des Volkes durch seinen Boden. Binnen kurzem erlangte der Jüdische Nationalfonds eine ungeahnte Popularität und aus den Kreuzern, die zusammenkamen, wurde eine große Summe, noch mehr, wurde eine gewaltige Kraft, die schöpferisch wirkte. Bald da, bald dort, wurden in Erez Israel Bodenflachen aus dem Gelde des Nationalfonds angekaust, wurden assaniert, bepflanzt, besiedelt, die Fläche wurde größer, rundete sich zu geschlossenen TerrainS, auf denen, schüchtern anfangs, etwas, ganz Neues, ein neues, lange nie gekanntes jüdisches Leben begann. Das bewirkten die Groschen und Kreuzer, die die Judenheit der ganzen Welt gespendet hatte, denn in ihnen lag eine Idee, lag die Lösung für oas Problem eines ganzen Volkes, die da heißt: der Boden ist unsere Zukunft. Vas Wenige, räumlich Beschränkte, was aus diesen Nationalfonds-Kreuzern geschaffen wurde, übte einen geradezu unfaßbaren Zauber aus. Denn es hÄf jene politischen Grundlagen schaffen, welche die Utopie zur Wirklichkeit werden ließen. Ohne die kleinen Siedlungen des Nationalfonds wäre die Balfour-Deklaration nicht gekommen, wäre die Nealentwicklung des zionistischen Palästina-Aufbaues nicht möglich geworden. Was 8er Nationalfonds geschaffen hatte, wurde der Prüfstein für die Fähigkeit des Judentums, seinen Volkswillen in die Tat umzusetzen. Und der Jüdische Nationalsonds wuchs. Heute besitzt er mehr als eine Million Dnnam jüdischen Landes; heute besitzt das ganze jüdische Volk diese Fläche palästinensischen Bodens. Fünfundzwanzig Jahre dieser Entwicklung sind verflossen und der Jüdische Nationalfond feiert sein erstes Generationsjubiläum. Das jüdische Volk feiert freudig den neuen Weg seiner Geschichte, den es eingeschlagen hat. Hier kommt es nicht auf den politischen Ausdruck an. Es geht nur um den Ausdruck schöpferischen Willens, der instinktiv fühlt, daß für ihn eigener Boden die Grundlage voller Betäligung ist. Darum feiern die großen jüdischen Zentren dieses neue Jubiläum der neuen jüdischen Geschichte mit Fahnen, Fackeln und Gesängen, darum fühlt auch das Volk, die Masie, daß die fünfundzwanzig Jahre Jüdischer Nationalfonds fünfundzwanzig neue Ärbeitsjahre für eine glückliche Zukunft sind. . Deshalb ist auch die Feier, die in Wien heute beginnt, keine bloße Maniiestotion eines bestimmten Kreises, sondern sie ist eine jüdische Feier, die Feier der Zukunft. * Bei der heute, 7 Uhr abends, im Lokale der Sektion Leopo.dstadt, 2. Bez., Zirk S'ipse 33, statlfindenden Tagung des P a r t e i r a t e s Ivird der Präsident der Zionistischen Organisation, Herr Tr. Leo Goldhammer» die Bedeutung -des Keren Kajemeth--Jubiläums besprechen. Feiern finden statt: Heute abendS: Prater, Frauengruppe, 2. Bez„ Jungstraße 8. (Festrednerin Frau Dr. Nadja Stein.) M'twirkende die Herren Rosenvach (Gesang), Schlager (Rezitationen). — Sektion 20. Bez., Jögerstratze 30. (Festredner. Adolf Böhm.) Morgen, Sonntag, abends: Sektion Prater, 2. Bez., Jungstraße 8. (Festredner Tr, Leo G o l d h a m m e r.) Mitwirkende Nenee Stein und die Herren Gang, Goldini, Schwager und Rosenbach. Sektion 2., „Hitachduth", Frauengruppe der Zionistischen Bezirks-Sektion Leopo dst?.dt, Jugentg.uppe Leopolö-. stadt und Erez Israel, 2. .Bez., Zirkusgasse 33. (Festredner Obering. Robert Stricker.) Sektion 12/15., 15. Bez., Herklotzgasse 21. (Festredner Tr. Chaim Tarta Lower.) T ie Zionistische Sektion 18./19,, die Zionistische'Frauengruppe 18,/19. sowie der Jugendkmö, veranstalten gemeinschastli-r!' die Ii'bil"wns°eier im Cafe „Töblingerhof", 19. SotigtDiHs „Mm? der Schnorrer" als Lustspiel. Anläßlich -er bevorstehenden Wiener Ansführuug. Es ist ein gefährlia-e-» Wagnis, ZangwilLs berühmten Roman „Der König der Schrrorrer" zu dialogisieren und in einige Lustfpielakte zu zwängen. Die Figur des genialen Schnorrerl'önigs „Manasse Bueiro Barzilai Azcvedo da Costa" ist in dem Zangwillfchsn Romane so plastisch gerundet und als unvergleichlicher Typus aus dieser berühmten humoristischen Erzählung so sieghaft in die Weltliteratur eingezogen, daß es tatsächlich bloß der Dichter selbst versuchen dürste, aus der breiten Füll,? des Romans den Extrakt für ein Theaterstück zu ziehen. Da uns jetzt die Uebersotzung des Lustspiels vorliegt, dürfen wir versichern, daß Zangwill die Umformung geglückt, ist. Das großartige Austreten, die fürstliche Herablassung denjenigen gegenüber, denen er die Ehre erweist, ihn beschenken zu dürfen; die joviale Bändigung derjenigen, die sich ihm entziehen wollen und es umso iveniger vermögen, je empörter sie über seine Attacken auf ihren Geldbeutel sind; die Generosität, mit der er alle jene Geldbeutel sind; die Generosität, mit der er alle jene, die er schröpft, geradezu auszeichnet; die Schlagfertigkeit. seines Witzes und nicht zuletzt die hohe geistige Kultur dieser einzigartigen Gestatt — keine dieser Qualitäten der Romansigur blieb der Lustspielsigur vorenthalten und sichert ihr — wenn sie nur richtig verkörpert wird — die heiterste Zünügung, ja Bewunderung des Publikums. Im ersten Akt sehen wir den König der Schnorrer der Plebs des Schnorrertums gegenübertreren, jenen, die, wie er saßt, „unwürdig der Armut sind, mit der sie der Herr gesegnet hat". Wie er den reichen Grobstock um ein tüchtiges Stück Gold erleichtert, tote er sich, seine Familie und überdies seinen Sabbatgast, den zukünftigen Schwiegersohn, hei Grobstock zum Freitagabend „einladet", das ist rvirktich .eiw ^.Kabine,ttsGck fesir pointierten, echt jüdischen Humors. 1 ' ‘ ' ’ Die Handlung, denn es muß doch eine vorhanden sein, um denk göttlichen Manasse Gelegenheit zu geben, sein Genie zu üben, parodiert Shakespeares „Romeo und Jülich dm Kampf der feindlichen Häuser, die diesfalls durch die beidett jüdischen Gemeinden, die spaniolische Unb die aSkenasische, ersetzt werden. Es geht natürlich um« blutig zu, unh der große Mann, der die Tochter des asrena,i;ü)su c^rovjwcr mtt öeni Lvyn des ipaniottjaM Belasco unter dem Trauhimmel vereinigt (nicht ohne gleichzeitig seine Tochter mit dem „Begräbnisklappever" Jankele zu verheiraten und sie mit fremden Mitteln ansehnlich zu dotieren) ist selbstverständlich der König der Schnorrer. Er hat sich vorher überzeugt, daß sich Jankel nebst seinem bürgerlichen Berufe als Ausrufer der Todesfälle in. der Judengemeinüe auch als tauglich erweist, einige Straßen seines Schnorrbezirkes zu übernehmen und sie wüidig zu behandeln. „Denn", lehrt Manasse,„Schnorren ist das einzige Geschält, wela/es das ganze Jahr ununterbrocheir geht, während die Todesfälle manchmal dünner gesät sind uitb zeitweise, gottlob, völlig aussetzen." Der Höhepunkt der Komödie ist wohl die Szene, in welcher der König der Schnorrer vor dem Mahamad (dem Kuttusvorstand der Spaniolengemcinde) erscheint, um sich zu rechtfertigen. Im Handumdrehen ist er Herr der Situation geworden, leitet die Verhandlung, diktiert das Sitzungsprotokoll unö erklärt schließlich mit undefinierbarem Lächeln: „Sie können gehen, meine Herren, die Sitzung ist geschlossen." Neben dem König der Schnorrer kommen natürlich die Übrigelt Figuren des Lustspiels ein lvenig zu kurz. Aber die ganze Familie Grobstock, ferner der zukünftige Eidam des Schnorrerkönigs und der Spaniole Benjamin, genanllt „Beau Belasco", eine witzig karikierte Assimilantengestalt, ftjib voll Leben und zeigell Zangwills Meisterhand. Bekanntlich bringen die Wiener Kammerspielc demnächst Zcmgwilts „König der Schnorrer" heraus, und! man darf gespannt .ei r, ni> der lramrt s'.erte, rve tberüh.nte } Roman auf den Brettern tuifreit wird. * * | » Vom hebrSischeu Theater ln PalSstlna. „Hateatrvu Haomonutvi Haerez Israeli." — StriadbergS „Scheiterhaufen". -- Mirjam Beruftein-Kohan. — Der nächste dpjpWn.. 77- .ZMigtz „ÄLkLMaS". .im AmMtheaigr. am . ' " ' Stopnsvergl. Unsere hebräische Bührre überraschte durch eine sehr bemerkenswMe Ausführung von Strindbergs „Scheiterhaufen" („Haindurah"). ^Inszenierung, das durchgeistigt!: Spiel, insbesondere der Wutte.r und Friedrichs, die Gesamtloirküng im Sinne der Dichtung könnten auch in Europa glänzend bestehen. Wenn man bedenkt, unter welch schwierigen Verhältnissen diese Künstlergemeinschaft arb /Ter bedingt nicht immer hohe Kosten! Unsere tägliche Produktion von 5000 Paar Schuhen in Verbindung mit unsern jahrzehntelangen internationalen Erfahrurgen versetzt uns in die Lage, auch für geringen Betrag gute Qualität, für jeden Geschmack das Richtige zu bieten. Ueberzeugen Sie sich von unsern besonderen Leistungen durch gefälligen zwanglosen Besuch! VH. Mariahilferstrasse50 I. Rotenturmstrasse 27 »eitet, wird die Bedeutung ihrer Leistung noch erhöht. Ich sprach am nächsten Tage die Tragödin der Truppe, die Darstellerin der Mutter, Mirjam Bernstein- K o h a n, die ich noch aus Europa keime. Sie scheint mir irischer, verjüngt durch das Glück, am Theater Palästinas wirken zu dürfen. Auf dem Wege durch die herbstlich schönen Straßen Jerusalems erzählte sie mir von ihrer und ihrer Kollegen Arbeit. Sie ist erfreut übär den künstlerischen Erfolg der „Hamdurah"-Aufführung, pflichtet aber meiner Meinung bei, daß sich derartige Stücke nicht für Palästina eignen: „Auch wir lieben nicht diese von europäischem Pessimismus erfüllten Stücke, auch wir würden lieber nur klassische und jüdische Werke bringen." Wir kommen dann auf das Theater im allgemeinen zu sprechen. Sie erzählt mir von ihren Lehrjahren in Rußland, vorr ihrer steten Sehnsucht, hier zu spielen. Ich vergleiche die drei hebräischen Bühnen Palästinas mit Wiener Theatern und nenne ihre Truppe das „Burg- , theater" Palästinas. Lächelnd greift sie den Vergleich auf unbbeginnt mir voll Begeisterung vor: Hedwig Bleibtreu, der großen Tragödin, von deren Spiel sie stets tief ergriffen war, zu erzählen. „Wenn ich die Bleibtreu Palästinas würde!" Ich glaube, der Wunsch wird in Erfüllung gehen. — Große Pläne beschäftigen die Künstlerin und ihre Truppe. Sie planen im Amphitheater bei der. Universität, wo seinerzeit deren Eröffnung gefeiert wurde, eine Darstellung von Stephan Zweigs „Jeremias". Diese Ausführung soll zu Pessach stattsinden, wenn die Touristensaison ihren Höhepunkt erreicht. Für die nähere Zukunft sind hauptsächlich jüdische Stücke angesetzt. Zu Chanukah gelangt „Sabbathai Z w i" zur Aufführung, zu Purim eine Dramatisierung der „Megillath Esther". Die Repertoirestücke gelangen selbstverständlich sowohl in Jerusalem als auch in Tel Awiw und Haifa zur Vorführung. Später sollen „Die Nacht auf dem alten Markt" von Perez und „König der Schnorrer" von Zangwill einstudiert werden. vv. Frau Bernstem-Kohan klagt über die unzulänglichen sinanziellen Mittel der Truppe. Es fehlt mlers-its an ojnom guten Impresario, andererseits an einem Mäzen, der die Truppe auafinanziell unterstützen würde. Man hofft, daß die „Jeremias"-Aufführung zu Pessach zustande kommt und daß sich unter den anwesenden Touristen Hilfreiche Kunstfreunde finden werden. Jerusalem, Ende November. Hans $mbIMS,