Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 8 (1926)
- Issue
- Heft 2803 (16.12.1926)
- Date
- 1926-12-16
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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Men. DonneMa, —«J-. - «Himer wmgmjfinnig K. De-emSer 1908 W 9VIR 8 Nr. MV kauft haben. Herr Austerlitz tut so, als ob er kein tschechischer Jude wäre. Oder die Meebach- und Btonner-Ge« schichten und die Vorwürfe an die christlichsozial-großdeutsche Koalition, daß sie ihren Antisemitismus nicht genug zeige. (GR. Schorsch sSoz.j: Wer soll's denn bringen, wenn die ,Z!eichspost" nichts bringt!) GR. Dr.P lasch ke s: Also ist die „Arbeiter-Zeitung" doch ,,Reichspost"-Ersatz!? Oder die Liste der Hausherren von der Tabor st r a ß e. in welcher alle Christen ausgelassen und nur recht jüdisch klingende Raulen preisgegeben wurden! Oder die Verleumdung der Zionisten, weil ein ,Grazer deutschnationales Blatt über Beziehungen sozialdemokratischer Führer zu einer Bank geschrieben hat! Wie die Behandlung in der „Arbeiter-Zeitung", so auch bei einzelnen Amtsstellen des Magistrates. Die Beschwerden hänfen sich, daß Juden als Partei in magistratischen Bezirksämtern schikaniert nt* schlecht behandelt werden. Aber es hat keinen Sinn, gegen solche Sachen Proteste zu erheben, solange die Herren Richter und Speiser amtsführende Stadtrate sind. Die HeimatSrechtSpeaxls gegenüber den Juden, soferne nicht Wahlen vor der Türe stehen, ist schlechter als je zuvor. Erst heute vornrlttags wurde mir der Fall eines alten Juden zur Kenntnis gebracht, der trotz L4jährigen Aufenthaltes in Wien das Heimatsrecht nicht vvlongeu konnte, weil er Abraham Her sch heißt, ein Vorname, der Herrn Richter nun einmal nicht gefällt. Letzthin wurden zwei Männer aSgewiesen, die über 30 Jahre alt sind und seit ihrer Geburt ununterbrochen in Wien wohnen. Sie heißen eben Cohen. Das ist das ganze Geheimnis für Sozialdemokraten, die in ihrem Parteiprogramm das Heimatsrecht bei zweijähriger Seßhaftigkeit für jeden verlangen. Men Juden, die sich mit solchen Beschwerden an mich wenden, empfehle ich, zu warten, da ja dis Wrhlen bevorstehen. Mit einem kleinen Versprechen worden sie sich's dann bei Herrn Richter richten, (Lebhafte .Heiterkeit.) Ich übergehe absichtlich die Wirtschaft mit der Vergebung der Wohnungen und Geschästslokale in den Ge° meindewohnhäusern; für die Ehre muß man geboren oder politisch organisiert sein. Aber das Anstellungs- Wesen der Gemeinde im Rathaus mutz bekämpft werden. Herr Stad'trat Speiser bedauert lebhaft. Juden nicht anstellen zu können. Das Anstellnngsverbot Luegers, daß sich auf Juden und Deutschnationale bezog, ist bezüglich der Juden sicher aufrecht. WaS sich die sozialdemokratisch: Partei auf dem Gebiete des Schul- und Erziehungswesen gegenüber den Jrrden erlaubt, ist gekennzeichnet durch den Grundsatz der A n f l ö s u n g d e s I u d e n i u m s, dem diese Partei huldigt, während sie die Katholiken auf ihren Parteitag in Linz sehr pietätvoll behandölt hat. Daß der Stadtschulrat den jüdischen Unter- Amerikanischer zettvrrlrrtb. Von Georg Myrre. Das „Capital". — Die „Orgel «ubeoiremHter Mö ltrAkaireu".— Lockmittel der Kirrobesttzer. — Der Golf-Sport. — DaS Aaio al- Gr» holuirgs-Behrkel. „Was, — Sie sind noch nicht im .Capitoft gewesen?", fragte mich erstaunt ein New Harker, als ich noch nicht zweimal vierundzwangig Stunden in Amerika weilte und eindringlich fügte er hinzu: „Sie — müssen — unbedingt — hing'hen, denn — es ist das größte und schönste Kinotheater der Welt." Und so besuchte ich es denn eines Abends. Dort, wo auf dem Broadway der Flammenzauber abendlicher Lichtreklame am tollsten ist. zieht das aus WoKenkratzerhöhe in einem kreisen Feuerreifen leuchtende Wort „Capitol" Tausende an, die betäubende Reizmittel für Auge und Ohr suchen. Ich reihte mich an eine der vor der Kasse sich bildenden Menschenschlangen, sah an einer Preistafel, daß der „Reiche" 1 Dollar 66 Cents, der „Arme" 33 Cents für seinen Platz bezahlen mutz und es drüben auch so etwas wie einen Mittelstand zu geben scheint. Aus einem Metall- Witz schoß das von mir v»rlangte Ticket hervor, und in einer Blechrinne glitt ein Dime (10 Cents), der Rest eines Dollars, in meine Hand. Ein im Glanz von Kristallüstern funkelndes Marin orvestibttl gab einen Vorgeschmack von den kommenden Dingen/ Und doch war ich warum soll ich es leugnen. benommen von dem ersten Eindruck, den Größe und Pracht des Zuschausrraumes auf mich machten. Die Wucht des Maumes, den eine fünftausendköpfige Menge füllte, die 'Abstimmung seiner Innendekoration und Farben und die Anwendung ungeahnter BeleuchtnngS' effektc dürften ihre Wirkung auf niemand, der zum erstenmal in ihren Zaubevkreis gerät, verfehlen. Ohne Pause rollte ein Programm ab, das sich in bunter Mischung aus Filmvorführungen, Negertanzen, sentimentalen Lwdervorträgen und Darbietungen, wie man sie in einem Varietetheater sehen kann, zusammensetzte. Ein aüs weis; gekleideten, gut geschulten Musikern b. stehendes: Orchester in symphonischer Besetzung machte die Musik dazu. Das tvar alles so, wie man es an entsprechenden Stätten auch bei uns vorgesetzt bekommt, im Kolorit selbstverständlich amerikanischer, im Tempo flotter und in den Effekten überraschender. richt lahrnzulegtzn trachtet, ist ein offenes Geheimnis. Daß aber die Gemeinde Wien unsere jüdischen Privatschulen schädigt, wo sie nur kann, muß auf das «ntschiedenste zur-ückgewiesen werden. Dalhebräische Realgymnasium in Wien muß — da nützen alle Vorsprachen bei Stadtrat Breitner nichts — Wohnbausteuer zahlen. Trotz aller Bemühungen war es nicht möglich» für dieses ancrfonnte Musiermstitut eines -er leerstehenden Schulgebäude gegen Entgelt zu mieten, weil es eben eine jvbische Anstalt ist. die an Raumnot zugrunde gehen muß. Daß sie für jüdische Kindergarten kein Geld haben, ist eine alte Sache, das sind ja für sie klerikale Anstalten. Wenn sie aber dem ..Verein jüdischer Kinderfreunde", der 300 jüdischr Proletariern»-er ganzjährig beherbergt und verpflegt, die Suibvention immer mehr zustutzen, so daß sie gegenwärtig 200 Schilling pro Jahr betragt, ist ein blutiger Hohn, dessen Beurteilung ich ebenso der Oeffentlichkeit überlasse, tvh die Tatsache, daß sie der „Sozialen H i l f s g e m e i n s ch a f t A n i t t a Müller", welche in ihrem Heim über 300 Kinder aus den ärmsten Kreisen befürsorgt, nicht einen Groschen geben. Daß wir für unsere und Sportbewegung feine Turnsäle bekommen können, während sie deutschnationale und christlichfoziale Vereine in beliebiger Zahl erlangen, habe ich wiederholt beanständet. Das Beispiel des Makkabi 20, der. zugrunde* 1 gehen mußte, weil ihm der Dezirksvorsteher den Turnsaal raubte, wird ihnen bei den Juden der Brigittenau unvergessen bleiben. Gegenüber den jüdischen Studenten, von denen sie wissen., daß sie in ihrer unpolitischen Organisation zusammengefatzt sind, weil es sich um Abwehr von Angriffen handelt, welche aus dem auch von ihnen bekälnpftcn Geist unserer Hochschulen stammen, haben sie nichts als Ablehnung; für die j ü d is ch e Mensa gibt es keine Subvention, obwohl es sich um die ärmsten der' armen Wiener Studenten handelt. Ich gebe mich keinem. Zweifel darüber hin. daß die Dinge nicht besser werden, solange nicht wir Juden ebenso wie die Tschechen, gegen sic die kulturellen unsozialen, die natinalen und religiösen Minderhertsrechre im Sinne des FrledenSvertrages durchsetzen. Der Karnpf ist schwer, aber er m-uß geführt werden. Der Zustand, den sie geschaffen halben, ist unerträglich. Sie können mich meinetwegen wegen meiner Abstimmung reaktionär oder klerikal nennen, Sie können mich auch als einen Industriell^ hinstellen, der im Solde des Schwarzenberg Platzes steht, die Mätzchen werden nicht verfangen. Ich bin ein Jude, n-icht ein Trabant ihrer Partei. Aus meiner jüdischen Uerberzeugung heraus stimme ick gegen den Voranschlag. l Vollständig neuartig aber war der Eindruck, den das plötzliche Aufklingen von Orgelmusik in mir verursachte. Die Musiker hatten im Halbdunkel ihre Plätze verlassen und es waren im Orchesterraum zwei große Orgelspieltische lautlos aus Versenkungen aufgotaucht. Wer die Orgel nur als Instrument ernster Kunst kennt, dürfte von der Vielseitigkeit, die amerikanische Orgelfabrikanien und Organisten in sie hineinlegen, einigermaßen überrascht sein, wenn er hört, daß sie auch lustig Begleitmusik zu Tänzen machen, daß sie schluchzen und lachen kann. Oder wenn sie gar, wie ich es erleben mußte, das Hämmern auf den eisernen Rippenkörpern einer Warmwasserheizung oder das Schärfen einer Mige. das gerade im Film zu sehen war, durch entsprechende dröhnende und kreischende Geräusche illustriert. Was würde wohl Sebastian Bach über solche „Orgeln mit unbegrenzten Möglichkeiten" gesagt haben? , Jede größere amerikanische Stadt hat prunkvoll eingerichtete Filmpalaste, die yi Einzelheiten der Ausstattung oder technischen Einrichtungen Las „Capitol" häufig noch übertreffen. Alle sind gut besucht; der Amerikaner geht regelmäßig in das Kino. Man schätzt, daß täglich gegen drei Millionen Menschen in Amerika Las Bedürfnis haben, ein Kino zu besuchen. Die Besitzer der Lichtspielhäuser finden immer neue Lockmittel, um das Publikum zum Besuch zu bewegen. Man sorgt für zugkräftige Programme, meist in den Anpreisungen darauf hin, daß das Theater im Winter geheizt und. im Sommer angenehm gekühlt ist (ivenn in Chicago 100 Grad Fahrenheit und mchr herrschen, verfehlt das auf 70 Grad herabgekühlte Kino auch aus den eingeschworensten -Gegner der Flimmerleimvand nicht seine Anziehungskraft). Man erlaubt^ daß Familien, die ihre kleinen Kinder nicht zu Hause lassen können, diese mitbringen. Kinder, die unruhig oder der Mutter unbequem sind, werden in Spielräumen unter Obhut von Wärterinnen aufbewahrt. * Wer ein Freund ernster Schauspielkunst ist, kommt drüben selten auf seine Rechnung. Abgesehen von dem Mangel an geeigneten Theatern und Kräften, — m Städten mit mehreren Hunberttausenden Einwohnern suchte ich vergeßlich nach einem Schauspiel- oder Opernhaus — stehen Thespis und Thalia beim Durchschnittsamer'ckanep nicht hoch in Gunst. Neben Kino,- Baude, ville (wie man das ParietMeater nennt) rrnd-OperettenbjiHne können sic sich nicht halten. => DER HAUPTTREFFER SPRICHT i OB GROSS, OB KLEIN, ALLES KAUFT LASSEN LOSE UR WEIHNACHTSZIEHUNG!] i. Ul? £;>E, 28. u. 30. DEZEMBER G BEI DER CKSTELi.B STEIN WIEN, L. WIPPLINGERSTRASSE 21 AN DER „HOHEN BROCKE- SIE GEWINNEN »/. MILLIONEN S BESTELLEN SIE NOCH HEUTE PER POSTKARTE V,LOS S 4 -. V.s S-. y.S 16 -, V,S32-- gSsische« Stnlnun. 2. Bez., Untere Augartensteatze 38. LounerStag, den IS. d. M., 2 bis S Uhr nachmittags, Srzt-tche Beratungsstelle. Halb 7 bis 8 Uhr EszilehungSV-eratungsstelle. AamStag, den 18. d. M, 5 Uhr „Märchen-Nachs mittag" mit Lichtbildern für Kinder. Vorgetragen tot* jüdischen Märchenerzähler Siegfried WeleS. S o n n t a g, den 19. d. M., halb 5 Uhr, findet der erste ,-Jüdische Nachmittag" über Mendale Molch er Ssorim statt. Näheres Programm wird noch bekanntgegebeu. Einen breiten Raum im Programm ameriLanichrn Zeitvertreibes nimmt der Sport, oder richtiger ausgedrückt, nehmen sportliche Veranstaltungen ein. Denn in Amerika ist wie bei uns die Zahl der aktiv Sporttreibenden im Vergleich zu den anderen, die i die Range riesiger Arenen füllen und nur zuschauen, wie „Baseball" gespielt oder geboxt wird, lächerlich gering. Darüber soll nicht verschwiegen werden, daß manche Sportarten, wie Golfspiel und Angeln, in viel stärkerem Maße gepflegt werden als bei uns. Die Golfplätze Amerikas sind mit Recht berühmt. Meistens liegen sie dicht vor den Toren der Städte, häufig in .reizvoller Landschaft und sie werden während der ganzen Spielzeit in tadellosem Zustand erhalten. Wer sich auf die Handhabung des Gvlfschlägers versteht, hat nicht nur eine der gesündesten Formen des Sportes sondern anleine der schönsten erlernt. Wenn ich von Zerstreuung plaudere, dc»rf ich das Auto nicht vergessen, denn es dient außer dem Verkehr im hohen Grade auch dem Zeitvertreib. Wie oft habe ich gesehen, daß in schön gelegenen Straßen großer Städte, zum Beispiel am Gestade des Michigan-Sees in Milwaukee oder am blühenden Ufer des Potome.r in Washington, sich in den Nachm! riagsstunden nach Geschästsschlutz Reihen von Autos ansammelten, deren Insassen sich die Zeit damit vertrieben, sich an den Reizen der Landschaft zu erfreuen oder — ihre Zeitung zu lesen. Ein besonders drastisches Beispiel, das hierher gehört, habe ich bei meinem Ausflug nach El. Centro in Südkaliforni?n erlebt. Meine Aufgabe war beendet und ich hatte noch einundeinhalb Stunden Zeit bis zur Abfahrt des Zuges, der mich nach Los Angeles zurückbringen sollte. Ein Amerikaner, der mich aus meiner Reise Hegleitet hatte, um mir eine bestimmte Maschinenart im Betrieb zu zeigen, vermittelte mir die Bekanntschaft eines ihm verwandten Herrn und veranlqhte diesen, uns noch bis zur Abreise Gesellschaft zu leisten. Das geschah nun nicht wie bei uns durch Verplaudern der Zeit m einem Lokal, sondern trotz dunkler Abendstunde wurden wir zu einer Autofahrt eingeladen und außerhalb der Stadt spazieren gefahren, bis die Zeit der Abfahrt herangekommen war. (Ans de-rn soeben erschienenen Buche des Autors: „Bo<r Mensch und Motor. Farm und Wo>ltenlraher", M ErlaubtüS. der I. C. Hmrich'Mn MManvlung, Leipzig).