Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 8 (1926)
- Issue
- Heft 2802 (15.12.1926)
- Date
- 1926-12-15
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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itS. Legemver W&S Gerte 3 Kr. SM Wim, MMvvO Lagerbericht. M Nrlef an Den Hanfttschkljtlettu Anfterlitz. Gemeinderat Dr. Plaschkes, den die ./Aobeiter-Zeitung" am letzten SamStag als ,'s n i> u \t t i t U dt bezeichnet hat. um ihn unter diesem Prätext der Verbindung mit dem Schwarzenberg-Platz" boschuwigen zu können, hat ,m Wege des PretzgesetzeS die Berichtigung der Behauptung verlangt. Die ^Artmter- Zeitung" hat die Berichtigung nicht veröffentlicht. Gemeinderat Dr. Plaschtes hat nun an den Hatrptschriftleiter der „Arbeiter- Zeitung" die folgende Zuschrift gerichtet: Lieber Herr Austerlitz! Verzeihen Sie, daß ich Sie so gemütlich anfpreche! AVer wir sind Juden und nach dem hebräischen Sah, den Sie in Ihrer Jugend gelernt haben — Brüder. Und jetzt hören Sie, lieber Herr Austerlitz, ein Geschäft unter Brüdern! Ich habe Ihnen mitgeteilt, daß ich kein Industrieller bin und mit der Industrie keine wie immer geartete Beziehung habe. Sie haben die Berichtigung nicht gebracht und damit bewiesen, daß Sie Gründe haben, Ihre Behauptung aufrechtzuerhalten. Ich offeriere daher meine gesäurten Industrien und industriellen Beteiligungen 1. gegen ein Awanzigtausendstel der Summe, welche Ihr Genosse Eldersch mit Zustirmnung Ihrer Partei von dem Industriellen Bösel als Entgelt für 33jährige Parteiarbeit und 3jährige Arbeit in einer Parteiindustrie erhalten hat, oder 2. gegen ein Siebenhundertstel der Summe, welche Ihr Genosse Dr. Eisler von der antimarxistischen, christlichsogialen Landesregierung in der Steiermark mit Billigung Ihres Parteivorstandes für eine Rechtsvertretung gefordert hat, oder 3. gegen Ueberlassung eines Zimmers in einem der Tiroler Schlösser Ihres Genossen Dr. Gruener während des 'Sommers 1927, oder 4. Ihnen persönlich — Sie sollen mein Bruderherz erkennen — unentgeltlich als Zubuße zu Ihren Gehältern als Chefredakteur, Nationalrat, Verwaltungsrat usw. usw. usw. Ich bitte Sie, licber Herr Austerlitz, lassen Sie sich das Geschäft nicht entgehen. Sie haben ja bloß eine kleine Bedingung zu erfüllen: Sie müssen meine Industrien dort übernehmen, wo Sie sie für Ihren Leitartikel asfunden haben. Ich finde sie nämlich nicht. Mit treulüdifchsm Brndergruß Dr. Leopold Plaschkes, Rechtsanwalt, Gemeinderat der Stadt Wien, Vorstandsmitglibd (Vertreter) der israelitis-chen Küktusgemein-de. Große 9Rmiftfara$fun&e in SnMfa. Dublin, 14. Dezember. Polizeibeamte haben, im Garten eines Hauses vergraben, einen großen Munitionsvorrat für Maschinengewehre, Gewehre und Revolver gefunden. Ein Mann wurde verhaftet. 4M««« Katastrophen in aller Welt. 19 Erdstöße auf Java. Bataviam, 14. Dezember. Im Gebiete von Tegel an der Nordküiste von Java sind in der letzten Nacht 19 Erdstöße verspürt worden. Der angerichtete Materialschaden ist b e d e u t e n d. Opfer an Menschenleben sind jedoch nichtzubeklagen. 7.* Mai,« ein-S TeansporttzampferS ertr««ren. Santiago de Chile, 14. Dezember. Während eines Sturmes ist auf der Ahe von Port Äota in Südchile ein Transportdampfer gesunken, wobei 78 Mann der Besatzung ertranken. Der mitunverminderter Heftigkeit weiter anhaltende Sturm verhindert die Rettungsarbeiten. Bisher wurden an 3 0 Leichen geborgen. Schwerer Schneefturm in Kanada. London, 14. Dezember. ,,Times" melden aus Toronto: Ganz Kanada wird gegenwärtig von einen! schweren Schnee st urm heimgesucht. Sechs Personen sind der Kälte zum Opfer gefallen, doch fürchtet man, daß die Zahl der Toten noch größer ist. Der Zugsverkehr ist behindert. Eisenbahn««'glück in Frankreich. Paris, 14. Dezember. Heute fnüh sUetz in der Nähe von St. Quentin ein Gütergag auf einen alleknstchenden Waggon, der sich don einem Zu-gloLgel'öst hatte. Einige Minuten später fuhr ein Personenzug <mf den Gütcrz ug auf. Unter -<n Trümmern wurden zwei Tote geborgen. Zehn Personen ronrden verletzt, davon fünf schwer. Explosion von Arttlleriegeschosserr ans der Kriegszen. Moskau, 14. Dezember. In der Gegend von Odessa wurden infolge Explosion eines noch aus der Kriegszeit stammenden, nur halb in der Erde steckenden Artillericgeschosses bei einer Exerzierübung vier Rekruten getötet und achtzehn verletzt, darunter sechs schwer. Explosion in einer mähriichen Spirit«Sbren»rerei. In Hohenstadt (Mähren) explodierte in der landwirtschaftlichen Spiritusbrennerei K r u m p a ch ein geschlossener Behälter, der unter Dampfdruck gesetzt war. Die Decke des Raumes wurde durchgeschlagen und das Dach gehoben. Ein Teil des Mauerwerkes wurde zerstört, die Türen wurden verschüttet und die Fenster in den anliegenden Gebäuden durch die Gewalt des Luftdruckes zertrümmert. Die in dem Raume anwesenden Personen erlitten schwere Verletzungen. Vier von ihnen sind ihren 'Verletzungen e vl egen. Die Straßenbahn als Verkehrshindernis. Berlin, 14. Dezember. Zur Entlastung des kaum noch zu bewältigenden Verkehres in der Le ipz i g erst r a ß e hat der Berliner Baurat Hahn ein Projekt entworfen das die Verlegung der den V.e r k e h r hin- LSwenfranzbranniweln Sriinttaarke. mit Menthol ist die erste Hilfe in jedem Haushalte, bitte sioh su überzeugen! üeberall erhältlioh. OQOOOOQQOOQQOgoOOOSCOOOOCOOCOOOOOQOOQO dernden Straßenbahn unter die Erde vorsieht. Vom Berliner Rathaus bis zur Potsdamer Brücke soll ein v ie r g e l e i s i g e r Tunnel angelegt Werden, dessen beide inneren Geleise von der Untergrundbahn, dessen äußere Geleise von der Straßenbahn befahren werden können. Di: Untergrundbahn ist als Schnellbah n gedacht. Oberbürgermeister B ö ß soll diesem Entwurf z u g e st i m m i haben. Der Magistrat wird sich im Jänner mit dem Projekt befassen. Gewisse Schwier'gbeiten dürfte jedoch noch die finanzielle Seite der Frage bereiten. Sie BerMMZung der Kohle. Aus Heidelberg wird gemeldet: In der Aufsichtsratssitzung der Interessent Gemeinschaft Farben- Jndustrie wurde unter anderem darauf verwiesen, daß die in der letzten Zeit erfolgten Mitteilungen über Erfindungen der I. G. Farbenindustrie fast ausnahmslos ohne deren Mitwirkung geschahen und dementsprechend zu bewerten seien. Das Kohlende rflüsfigungsverfahren habe wirtschaftlich große Aussichten. Doch müsse man vor übertriebenen Hoffnungen warnen. Die Interessengemeinschaft habe ein Kohlenverflüssigungsverfahren gefunden, patentiert und entwickelt, das eine selbständige Entwicklung auf Grund neuer Erkenntnisse darstelle. Da jedoch das Verfahren teilm-eise auf den Arbeiten von Dr. Bergius beruhe, habe sich die I. G. F. I. in Deutschland aus das B erg ius-Patent für Braunkohle ausschließlich und durch eine starke Beteiligung an der Kobergin- A.-G. die Mitbenutzung für Steinkohle gesichert. Ferner sei die I. G. F. I. in erheblichem Maß an der internationalen Berg in Co. im Haag beteiligt, die die dortigen Patentrechte außerhalb Deutschlands besitze. v>« bestohlener Einleger. Aus Prag wird gemeldet: Gestern um 11 Uhr vor-- mittags wurden in einer Prager Bank einem Einleger 100.000 tschechische Kronen gestohlen. Der Dieb benützte den Augenblick, da der Einleger beim Schalter ein Schriftstück unterschrieb und das Geld i n die Tasche des Ueberziehers gesteckt hatte. Als der Tat verdächtig, wurde der 37jährige Kaufmann aus Neapel Abraham B r e s k i verhaftet. „Mrbrtte." Von Jea« Cocteau. Seit zwei Jahren weigere ich mich, einig« Zeilen stoer die Nummer Varbette zu schreiben.. Ich n-ar zu oft im Variete; ich finde die Sorbonne darin wieder. Außerdem ärgert mich seine anmaßende Art, unsere Entwicklung zu «übersteigern und schneller zu fahren als alle Welt in einem Rolls Royce. Aber die Nummer Barb.-tte ist außergewöhnlich. Man schämt sich, angesichts solcher Spezialisten sein eigenes Handwerk so schlecht zu beherrschen, und ich glaubte, erst nach sieben Studienjahren — ich schrieb einsttveilen nur Pantomimen und Bearbeitungen — ein Stück (Orpheus) schve'lben zu dürfen. Ich trainierte. Ich gebe meiner Dankbarkeit Ausdruck für die Nummer Barbette, dieser außergewöhnlichen Meisterung des Theaterhandwerks. Bänder Clyde Esqu, alias Barbctte, ist ein junger, piecundzwanzigjähriger Amerikaner, der bucklig wie gewisse Vögel aussieht, mit etwas kränklichen Bewegungen (wahrscheinlich durch die sehr kleinen Hände und Füße). Von einem Trapezsturz bleibt ihm die Narbe, die seine Oberlippe über einem unregelmäßigen Gebiß stus'schiirzt. Allein der überraschende Bogen der Augenbrauen, der übermenschliche Augen nmwölbt, zwingt unsere Aufmerksamkeit zu seiner Person hin, die sonst namenlos bliebe, wie Nijinsky es hier geblieben ist. Teilen wir gegen sechs Uhr das Sandwich, das harte Ei unseres Akrobaten, und begleiten wir ihn in feine Garderahe, die er um acht betritt (um elf tritt er puif), mit diese-, unseren Komödianten fremden Gewissenhaftigkeit, die -den Clowns, annamitischen Schauspielern gnd den Tänzerinnen aus Kambodga, die man jeden jlbend in ihre- Goldgewänder einnäht. eigen ist. Die griechische Fabel von den in Bäume und tUumcn vertvündelten Jünglingen wird bei Barbette mr Wirklichkeit. Wir werden in vollem Licht, unter der sieitlupe, den Phasen einer Verwandlung folgen; unter hnderem: wi? Barbettes Frauenkopf unwahrscheinlich pivd durch seinen nackten, von Lederriemen überrieselten 'tmu-,. der so den Apollos der Orthopäden wnelt. j ^tzt fühlte ich mich in dieser Garderobe durchaus! sicher. Ich rauchte, ich schwatzte bei einem Sportkam-eroden, der sich schminkt und sich mit vollen Händen Fett aufs Gesicht schmiert. Girls treten ein, stoßen einen kleinen Schrei aus und verschwinden wieder, bis Barbette sich einen Bademantel überwirst, an die Dür geht, öffnet und einige Worte mit ihnen wechselt. Selbst nach vollendetem Schminken — und die Schminke ist so kostbar wie ein neuer Pastellmalkasten —, selbst, nachdem seine Kiefer mit einem glänzenden Emailgummi bedeckt sind und sein Körper mit unwirklichem Gips eingerieben ist, selbst dann bleibt dieser junge Teufel, dieser Traum-Saint-Jnst, dieser Todesknlscher, immer noch ein Mann, der nur durch ein Haar mit seinem zweiten Ich verbanden ist. Erst wenn er seine blonde Perücke aufsctzt, die durch ein einfaches Gummiband um die Ohren festgehallen wird, erst dann, mit einem Paket Heller Haarnadeln im Mund, erst dann nimmt er bis in die kleinste Einzelheit die Stellungen einer Frau ein, die sich das Haar macht. Er steht auf, er geht, er steckt seine Ringe an. Die Verwandlung ist geschehen. Jekyll ist Hyde. Ja, Hyde! Denn ich habe Angst. Ich wende mich ab. Ich drücke meine Zigarette aus. Ich nehme den Hut ab. Jetzt bin i ch eingeschüchtert. Die Dür geht auf, die Girls sind nicht mehr verlegen, sic gehen wie zu Hause ein und aus, setzen sich, pudern sich, schwatzen dummes Zeug. Die Garderobiere zieht das Kleid über, lammt die Federn, hakt das Mieder zu (Tüll-Büstenhalter verbergen nicht einmal das Fehlen der Brüste) und der feierliche Zug: Garderobiere, Besucher, Girls, besetzen die Treppe, auf der Barbette wieder zum Jungen wird, der sich zum Spaß verkleidet hat, sich in seine Röcke verwickelt und der am liebsten die Treppe rittlings hinunterrutschen würde. Männlich blekbt er auch auf der Bühne, wenn er seine Apparate prüft, die.Beine übt und im Scheinwerferlicht grimassiert. sich ans Seil hängt, auf Leitern klettert. Sobald die Frage d^r Gefahr geregelt ist, kommt die Frau wieder zum Vorschein. Eine elegante Frau, die vor dem Ball noch einen letzten Blick auf ihren Salon wirft, die Kissen zurechtvückt und die Lampen umstellt. Der Vorhang hebt sich vor sachlicher Dekoration: Eisendrähte zwischen Trägern, Trapezsystem, im Bühnenraum aufgehängte Ringe. Im Hintergrund ein mit weißem Bärenfell bedeckter Diwan, auf dem zwischen Seil- und Tvapezübung Barbette den lästigen Rock auszieht und eine kleine, verfängliche Szene spielt, ein Meisterwerk der Pantomime, in die er alle Frauen, die er studiert hat, zusammenfaßt und parodiert und so sehr Frau wird, daß er die schönsten Menschen, die vor uyd nach ihm anftreten, einfach auslöscht. Denn, vergessen Sie nicht, wir sind im Zauberlicht des Theaters, im Hexenkessel der Bosheit, wo das Wahre keinen Wert und das Natürliche keinerlei Kurs hat, kleine Gestalten groß und große Gestalten klein werden, wo einzig nnd allein die Kartenkunststücke und andere Mätzchen für voll genominen werden, deren Schwierigkeit das Publikum nicht ahnt. Barbette wird hier „Die Frau", wie Guitry ,,Der russische General" war. Er wird mir begreiflich machen, daß große Länder und große Kulturen nicht nur aus altem Brauch Frauenrollen Männern anvertranten. Er erinnert uns an Francois Fratellini, der, als ich mich abmühte, aus einem englischen Clown in der Rolle des Bookmaker im ,.Boeuf sur la toit" ettvas herauszuholen, mir erklärte: „daß ein Engländer niemals einen Engländer spielen könne", und an den Anssprnch der Rejane: „Spiele ich zum Beispiel eine Mutter, so muß ich Jacques vergessen. Vdanchmal muß ich mir vorstellen, daß ich ein Mann bin, der eine Frauenrolle spielt, um auftreten zu können." Welch ein Abstand! Was für ein Fleiß! Und welche eindringliche Lehre. Als ich sie hörte, als ich Nijinfky und die Pawlowna nach einem Tanze gleich Halbtoten habe röcheln sehen, als ich diese Atmosphäre eines in den Kulisse gestrandeten Schiffes kennenlernte. während sich draußen ein reizendes Ballett abgewickelt hatte, habe ich die Geheimnisse der Bühne erfahren. (Ans: „Rondelle Revue Fvaneaise." — Uebersetzt von Maria Grotzmapm.) £