Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 8 (1926)
- Issue
- Heft 2801 (14.12.1926)
- Date
- 1926-12-14
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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Är. 2601 Men, Di-enSkng Wtemr Msrse»zeMm- M. VkMOer M6 > SSfte 3 eatz st-e ihren „Glaubensbrüdern" aus der Provinz eindeirkig zürn Ausdruck brachten, datz sie mit ihnen nichts zu tun haben wollen, datz sie diese prüder" zu meiden rnwnsihen, scheinbar weil sie sich fürchten, irgendwie «inmal „angefchiwrrt" zu werden. Das ist so etwa die Mentalität: ,/Zchmerstt ihn hinaus, ich kann den Anblick nicht vertragen." Wir tu Linz haben die Zeit der letzten Kultus-' uiiVfjfett noch irr guter Ermn-ecurrg. Wir erinnern uns c-.U der hohlen Worte rrnd des wüsten Schimpfens gegen alles Zionistische, zu welchem Zwecke die „liberalen" Herren aus'Wien hierher eilterr. Da gab cs Bruderl-icb« un«d Ge.s i nn nng-s geme i n schaft in Hülle und Fülle und ein williges Auditor in rn besorgte den notwendigen Verfall. Das waren die gleichen Herren, die herüe jode Gemeinschaft mit -diesen selben Juden ablehnen, lediglich in der Befürchtung, das; diese Geureinfcha-ft Geld kosten könnte. W i r hoffen, di-e Herren w ie.d e r z ufe h e n und ihnen dorr ihnen gcbiihrerrden, wiiirdigen Empfang zu bereiten. Bei anderen Gemeinden stehen vielleicht solche Gelegenheiten erst vor der Türe; ihnen wollen wir die Augen öffnen und sin vor Enttäuschungen bewahren! Run, ich hoffe, daß mit dem Wirrer Entschlüsse der Gemeindebund noch nicht ganz gescheitert sei; vielloscht werden wenigstens die Provinzgemeinden zusMltmen'stshen. denn sie fürchten einander nicht, weil sie wissen, datz die Gemeinden die Mittel zur Selbsterhaltung aufbri-ngen. Die wissen, datz de-r Bund, nicht gegründet werden soll, um dem großen Bruder zur Last zu fallen,' sondern um gemeinsame Interessen mit geeinter Kraft. und umso größerem Nachdrucke zu verfolgen. Die.Schande, bei diesem Borsatze abseits zu stehen, werden -allerdings die „liberalen" Herren der Wiener Gemeinde kann« empfinden. Dazu fehlen ihnen wahrscheinlich die zu einem Schamgefühl notwendigen Voraussetzungen und — der Sinn für das Judentum." Sine BegMuim de« verbände« dnrch da« zlinMche Landerknmitee- Das z i o n t st i f dj c Landes ko m 11 e e _ f ü c O a st e r r e ich hat an das Präsidien 'des jüdischen Gemei-n-dobmrdeZ'die folgende Zuschrift gerichtet: „Die zionistische Organisation fiir.Oesterreich ergreift mit: außerordentlicher Freude die Gel-egenheit, Ihre Tagung muf das herzlichste zu begrützen: sie bedauert es lebhaft, das; die jüdische Gemeinde Wiens an dieser wichtigen .Tagung uictSl tciluiuintt und dadurch die Schaffung: einer eiirhmilichen Veriretuug der gesamten österreichischen I-uderrschaft verhindert hat. Die Idee, welche die Schaffung des Mischen GemeindebuudeS fiir Oesterreich herbc-igeführt hat, ist fiir die österreichische Jirdeifichrft derart wichtig und bedeutungsvoll, - daß auch die vorläufig außerhalb Ihrer Körperschaft stehende jüdische Gemeinde Wiens die Be- Wie M« Schlldttavt m gestaltet. Von Julius BM. . . Dngeschätzte ÄriUker ucröffen<I.id>t soeben im;.,:V| TesterhclL L Ca.. Berlin, ein Buch .3 d)nii (p icUr int4» cd)auspieler^; u nft", das mir in unfcwm „Buch der Zeit" loiirdichen merdeir. Mit Erlaubms^ der Berlages , .ntnchttlen wir dem .Wpite! „Schildkraut ' u n d G r a n a ch o d e r z w e i östliche G e n e- - ratjwnen" die nachstehende nusgezeichnete St»- . -die über Schildkrnuts «Shylock. -fmdolf Schildkraut gehört zu den Schauspielern, die aus ihrer , Raffe begriffen «verdau müssen. Nrftimmeu des Blutes werden' in ihrer Persönlichkeit laut. Ihr Genie scheint die Konzentration uralten Völkerlebens — Rudolf Schildkraut ist Jude, aber kein moderner Kulturjude, dessen Daselnsproblem hie Auseinandersetzung seiner Art mit der abendländischen Kultur ist. In Schildkraut ist (gleichviel auf welchem persönlichen Weg dies Schicksal in ihm verkörperlicht wurde) altes, ungebrochenes Urjudentum. Nicht einmal nach der Geschlossenheit des Ghettos schmeckt feine Kunst, er gibt die Patriachenluft des fernen Ostens zu kosten. Dieser gar nicht große, aber mächtig breite Mann mit dein, runden Schädel und den tief rollenden KchllaMen. hat stets etwas von der Wucht, der Majestät und dem tiefdrohenden Zorn eines ErzbaterS an sich. Der Pater, -her Herr der Meuschen und der Herden, der gebietende «uch sorgende Vater, fast mehr der Zelte als des Hauses —^ das ist.es beinahe immer, was mau im Kern der Schildkrautscheu Kunst sicht. Es ist selbstverständlich, datz für einen Schauspieler, dessen Kraft aus solckuur Wurzeln «nächst, die am größten murissene jtzdjscho Gestalt der dramatischen Literatur eine Hauptaufgabe äst. - Tatsächlich ist Schildkraut ja zuerst und am meisten durch seinen Shylock berühmt geworden. Schildkra.Ut trägt nicht das mindeste Bedenken, das Judentum seines Shylock in der historischen Boriation auszudrückenh die ihpl die natürliche und selbstverständliche ist: er mauschelt.'dvber nicht wie ein Kommis, Vr eigentlich hvchdechsch sprechen möchte! Mit der stürmischen Selbstverständlichkeit, der ungenierten Leidenschaft eines urtümlichen Hhettojuden mauschelt er, gestikuliert in der cn'sten Szenä drch Antonio die Widder und die geschälten Stäbe, mit denen Erzvater Jakob zu Geivinn komvrt, mit demung einer solchen V-ereinigun-g ehestens erfassen mvd sich ihr anschlietzen wird. - Auf die Unterstützung unserer Organisation und unserer Mandatarein allen Gemeinden, wo diese sitzen, Knnen Sie jederzeit rechnen." ooööiraooacxaooo^^ Sie »eichte eines Anden. Der Lebeusgaug des A. Komner, das spannende Schicksal eines Kämpfers für Freiheit und Recht gegen Rot und Krankheit, eines Mannes, der de« abenteuerlichen Plan fotzt, durch ein Verbrechen allen Nöten zu entgehen» der Prozeß gegen den „neuen Raskolnikoss", feine Hast, sein Leben in Sibirien, fein Briefwechsel mit Dostojewski, dem Berßnsser des Raskolnttoff-Romans, Dostojewskis judenseindliche Aufsätze und des Häftlings Polemik gegen sie, Kown-ers „jüdische Briefe" an Nosanoff und Tolstoj und sein stilles, lekdvolles Lebensende — das ist der Inhalt des soeben im Münchner Berlage von R. Piper erscheinenden Buches „Die Beichte eines Juden". Cs ist uns gelungen, vom Verlag die Erlaubnis zu erhalten, datz wir unsere Leiser mit den wichtigsten Kapiteln dieses eigenartigen Lebensschicksals bekannt machen. DiHe Biograplsie j erscheint Samstag, den 18. Lezember, in der > „Wiener Margenreitnag." ■ aooocxaooooooooonoooooooocoooocoQooooc Ser A schloß der zentralbanlantersuchung. Zu Beginn der gestrigen Sitzung des Zentralbank- Untersuchungsausschusses brachte Abgeordneter Dr. Eisler die Preffeangriffe zur Sprache, die gegen ihn wegen des Umstandes erhoben wurden, daß er als Mitglied des B er w alt un gsra tes der Graz-Köfl a ch er Eisenbahn- und Kohlenwerks A.-G. gegen die Transaktion Dr. Muttes mit den Graz-Köflacher Aktien nichts eingewendet hatte. Dr. Eisler erklärte, daß er in den Verwaltungsrat vom Land Steiermark; entsendet worden sei, aber gerade deshalb, weil es ihm in den Berwaltungsratsitzungen unmöglich war, einen Einblick in die, Geschäftsführung zu gewinnen, das Bcsiwoltungsratsmandat nieder gelegt habe. Er beantragte schließlich, , der Üntcvsuchungsausschuß möge gegen ihn selbst eine Untersuchung e inleiten. Dieser Antrag wurde ab gelehnt. Der' Vizepräsident der Bankenkommission, Hofrat Stern, erstalbete sodann einen ergänzenden Bericht über, die Angelegenheit Dr. W u t t c -Art nt o n n. Dr. O d ehnal legte hierauf seinen dem Hause zu erstatt enden - Bericht über das Ergebnis der Untersuchung vor. Die Sozialdemokraten erhoben gegen einzelne Stellen dieses Referates Einwendungen und behielten sich vor,.eventuell bis zur nächsten Sitzung des Untersuchungsausschttsses einen M i n de rhe i ts bericht I »m i ■■ ihm\wmrmm kmaumev* DBS HAUPTTREFFER SPRICHT) OB GROSS, OB KLEIN, ALLES KAUFT iKLASSEN* LOSE EUR SPEIHNACHTSZIEHUNO L KLASSE, 28. u. 30. DEZEMBER BEI DER G LÜCKSTELI E STEIN WiBH i., WIPPLINGERSTRASSE21 AN DER .HOHEN BRÜCKE*' SIE GEWINNEN ’/4 MILLIONEN S BESTELLEN SIE NOCH HEUTE PER POSTKARTE % LOSS4 ~,y*S8w, y,Si6v-,7*S32-~ vorzubereiten. Ueber die endgültige Art der Berichterstattung an das Haus wird in einer Schlußsitzung des Untersüchungsausschuffes am Donnerstag entschieden werden. Bei den Mehrheitsparteien bestcht der Wunsch, den Bericht über die Zentralbankangelcgenheit noch vor Jahresschlutz vor das Haus zu bringen. Nie Berwendong öer PalMna-Anleihe. Jerusalem, 13. Dezember. Nach Meldungen acabrscher Blätter wird aus der Anleihe in der nächsten Zeit die Verlegttitg des Eisenbahnknotenpunktes von Ludd nach Tel Aw iw und die Erbauung einer neuen Station kn B e t h G a l i m durchgeführt werden. r/v-v.: z < ' ■■■ I üppiger Lust an der Gebärde vor und fahrt ihm, als Anj tonw den Vergleich solchen Gewinns mit Zinsennehmen nicht gelten lassen will, mit dem ungebärdigsten „Ae-bäh"- Singsüng m.:die Rede. Wenn sich Hatz- und Rachegedan-! ken^ zuerst'bei ihm ankündigen, beim Abschluß des Veri träges um das Pfund Fleisch, hat er nicht die lauernde Däurouengrötze wie P o.h l und den glühenden Vergoltungsfchmerz wie Reicher. Er ist einfach ein Kerl, der, wie andere-, wieder zu schlagen verlangt, wo er geschlagen wurde.. Er ist nur auf ganz jüdische Art — genau so gefährlich: und genau so gutartig menschlich, wie Menschen überhaupt. Dieser jüdische Shylock ist der „menschlichste",.'nicht irt dem Sinne, als ob er der idealste und beste wäre, sondern so, datz er keine jüdische Spezialau gelegenheit' mehr, sondern der allgemeine Fall Mensch aus jüdisch ist. Wenn' er.sich von der Tochter verabschiedet und um sein: Hyus sorgt, wenn er trällernd vom Gastnrahl kommt und au sein.Haus pocht, dann mit tappendem, heiserem Lärm durch das leere, von der Tochter verlassene und auSgevaubte Haus fährt, und schlietzlich mehr weinend als schreiend herausstürzt — da ist das Hausvaterwesen, das den menschlichen Mittelpunkt auch in dieser von Geldgier und Hatz zusammengedrücktcn Seele bildet, ganz offenbar! Wenn dann der verwüstete, mit bleichen Wangen und roten Augen einhevschwankende Vater den Edelleuten seinen Racheschrei hingeworfen hat,, erreicht der Jude Schildkraut in der Tubalszene feinen höchsten Augenblick: wie er in Schmerzensqual lacht und in Vorfreude geahnter Rache aus seiner leidenden Verwirrung nach den Worten „Ich wollt«, rueine Tochter läge tot vor mir", ansfährt und sich entsetzt aus den Mund schlägt und mit einem singenden Wehegeschrei gleichsam vor sich selbst zurückivelcht und abivchrend gestikuliert, das ist die jüdische Melodie, aus den letzten Tiefen des uralten Hausvatergefühls heraus gespielt! Und das zu finden, war kühneres Genie nötig, als um den gleich darauf folgenden Worten von Leas Ring eine Tönung tiefsten und stillsten Gefühls zu geben. Solche rein jüdische Menschenaugenblicke gibt es..dann auch noch vor Gericht. Etwa, iwmt Portia ihn ermahnt hat, aus „Menschlichkeit" einen Feldscher zu nehmen! Schildkrauts Jude schweigt ganz lange und betrachtet sich die abgowandte Gruppe der yenetianischen Edelleute. Man sieht, wie er alle Schmach» die sie ihm. angetan haben, noch einmal innerlich durchkostet. Dann geht er langsam, ganz langsam an ihnen vorbei, mißt sie von oben bis unten mit dem Blick und hat dabei dies unvergleichliche, ironisch jüdische Kopfnicken, das hier in Worten etwa bedeutet: «Und gegen die ioll ich ÄS Mensch empsinden?!" Und dann geht er immer noch ganz langsam zu Portia und wirst ihr mit erheuchelter Unbewegtheit den Schein hin: „Ich kann's nicht finden; es steht nicht in dem Schein". — Und schließlich wagt Schildkraut sein Aeutzerstes: im allerletzten Moment, wenn er mit dem geschwungenen Messer auf Antonio losgehen will, v-dOcUievt in seinem jüdischen Blut das erhaltende tzaüsvatergefühl! Die . physische Gewalt ist ihm gegen die Natur: er, nicht der Kaufmann, wird blaß und schwankt! Aber dann rafft er sich zusammen, und während der Hatz in seinen Augen ihn vollständig verzerrt, stößt er mit erquältem Zynismus halblaut, aber wieder in unverkennbar jüdischem Sington ein „Ac-bäh" hervor. Und nun erst hebt er sich ans und geht los — min packt er ihn an, mit ungebrochener physischer Vollkraft, breit dastehend— gefährlich, nicht wie ein Dämon, nicht wie ein Rachegeist, sondern wie ein schwor gereiztes, gesundes Tier. Da greift Portia ein. Und Shylocks kläglicher Znsmnmenbruch ist nitn wiederum nicht der großartigste, aber der menschlichste. Pohl schlug um wie ein gefällter Baum. Reicher losch aus wie ein Geist beim Hahnenschrei. Schildkraitt sinkt einfach zusammen, wenn man ihm das Christentum anstnnt, ein tödlich erkrankter Mensch, unter Fieberschauern .klappernd. Völlig fpannnngslos schleppt er seinen Körper davon. So ist dieser Shylock nicht heroisiert und nicht gerechtfertigt mit den Mitteln jüdischen Demporaments oder jüdischen Geistes, er ist nur aus jüdischem Rhythmus heraus lebendig gemacht — ein Mensch, dessen Schlimmes und Schlimmstes noch aus guten, menschlichen Gründen. horauswächst, und dessen Bestes dem Schlimmen nicht fern ist — wie bei uns allen. . So urtümlich, so unkompliziert durch irgendvwlche sozialen' und kulturellen Zeit-Probleme ist die Natur dieses in einem ganzen, ungebrochenen Sinne jüdischen Schauspielers, so nnälmlich dem hektisch nervösen Typ, den sehr begMe Juden und besonders Jüdinnen sonst auf der deutsch-östecreichischen Schaubühne darstellen, so breit, so vpllfaftig und gesund erscheint Sch'ldkraut in all se-'neu wesentlichen Gestalten, datz er mich manchmal verblüssend an den allerdentscknchen Schauspieler erinnerte, den ich je gesehen habe: an Bernhard Baumeister, den Erberster, de« Richter von Zalamea, den Musikus Miller — den großen Hausvater auf der Szene. Den« ein Hausvater vor allen Di «gen ist sa auch Schildkraut in jeder Rolle. Und so groß ist nicht der Untorschied zwischen Asien und Germanien, wie die Verwandtschaft aller gesicherten, in irdisch frommer Breite ruhenden, vollbürgerüch har»* senden Eristenzen.