Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 8 (1926)
- Issue
- Heft 2801 (14.12.1926)
- Date
- 1926-12-14
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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WWH Men, Dr-Mag m I ti.j ...« ■ ■■' . "•■" .-Tg:. ■: "szvsrxzrsssssi Einheit und Trennung. Kr. Wien, 14. Dezember 1926. Der Verband der jüdischen Kultusgemeinden Oester- «kchS ist in der Form, une er vorgestern. in cinenr Wiener Hotelfaal gebildet wurde, eine unvollkommene Schöpfung. Schuld daran, daß eS fo gekmmen ist, find iti4$ die Gemeinden, die sich M einem Verband -usM^nenfchlossen, sondern diejenigen, die sich von dem Zusammenschluß fernhielten, vor allem die Wiener KultuSgemeinde, die cs abgelehnt hat, an der Gründung des Verbandes teilzunehmen. Tie Provinzgemeinden, deren Delegierten vorgestern die Konstituierung des Verbandes der jüdischen Gsneinderr Oesterreichs vorgenommen haben, tonten begreiflicherweise die Einladung der Wiener Kultusgemeinde, die Grürüungsversaminlrmg im Frstsaal in der Seitenstettengasse abzuhalten, ab, denn man nimmt nicht gerne die Gastfreundschaft jemandes in Anspruch, mit dem man in lebensivtchtigen grundsätzlichen Fragen nicht eines Sinnes ist. Aber es scheint, daß die in dem Borstand der Wiener Kultusgemeinde vertretenen Gruppen sich eines peinlichen Gefühles nicht erwehren konnten, daß sie, während in dieser Stadt eine für daS Leben und die Entwicklung der Judenschaft Oesterreichs sc hochwichtige Organisation geschaffen wird, abseits stehen' und nicht wenigstens die Grüicde ihrer Weigerung darlegen, Der Vertreter der Zionisten konnte unter Himveis auf das Kultusprogramm der Partei und die seit mehr als einem Jahrzehnt betriebene Mion zur Schaffung einer Gesamtorganisation der Judenfchajt Oesterreichs mit aufrichtigem Bedauern feststellen, daß die Jüdischnationalen von der liberal-orthodoxen Mehrheit im Kultusvorstand nichergestinnnt wurden und daß die Wiener Kultusgemeinde dadmch eine schwere Schuld auf sich geladen habe. Auch der Vertreter der Sozialisten im Kuttusvorstand konnte sich auf das Programm berufen, das jede Organisation von Gruppen gleicher Interessen befürwortet, Unverständlich jedoch ist die Haltung der liberalen Mehrheit im Wiener Kultusvorstand. Diese konnte zu ihrer Ablehnung nur durch das unverzeihliche Opfer ihrer Ueberzeugung gelangen. In dem« Kampfe um die öffentlich-rechtlich anerkannte Vertretung der Gesamtjudenschaft O^sterrei^, der noch vor dem Kriege begann, und wie in diesem Blatte lviederholt hervorgchoben wurde, von dem gleichfalls der liberalen Partei angehörenden Präsidenten Dr. Alfred Stern geführt wurde, bildeten gerade die 'Anhänger der Union und die Mitglieder der Bne- Brith. das Rückgrat der Mion. Aus den denkwürdigen zwei Judentagen im Jahre 1908 und 1909 kämpften düliberalen Juden gemeinsam mit den Zionisten Oesterreichs gegen eine Keine Gruppe von Orthodoxen mit Erfolg um die Gründung des Vorbaues. Daß er niclst in der gewünschten Form und Verfassung zustande kam, war itüt dem Widerstreben der Regierung und der parlamentarischen Mehrheitsparteien zuzuschreiben. Aber auch noch während des Krieges wurde der Versuch gemacht, durch Ausgestaltung' des Unterbaues, d.- h. durch Schaffung von Landesverbänden, die sich dann zu einem Unterbau der Gesamtorganisation zusammeuschließen zu hätten, zu einer solchen legalen Vertretung der Juden schast Oester reichs zu gelangen. Auch damals standen Union, Bne- Brith und die Zionisten in einer Linie. Der Landesverband der jüdischen Gemeinden in Mähren und Schlesien ist damals zustande gekommen und hat, den Krieg überdauernd, sich in die neue Zeit hinübergercttet. Harte steht die zum überwiegenden Teil aus Mitgliedern der Union bestehende liberale Mehrheit im Wiener .'Kultusvorstand demselben Plan eines Verbandes äblehnerrd gegenüber. Sie hätte es in der Hand gehabt, wenn sie ihrem alten Grundsatz n? dieser Frage treu geblieben wäre, das Ansehen der Wiener Kultusgemcindc vor dieser Schlappe nicht nur im Inland, sondern auch dem ausländischen Judentum gegenüber zu bewahren, wenn sie nicht aus Rücksichten ihrer heutigen Machtstellung im Kultusvorstand der verschwindend kleinen Gruppe der Trennungsorthodoxen hätte nachgeben müssen. Die Haltung der Trennungsorthodoxie ist, so schädlich sie auch sein mag, immerhin verständlich. Sie perhorrcsziert jeden Zusammenschluß, sie ist grundsätzlich gegen ein einheitliches Judentum. Sie hat Angst vor der Glichest und ist aus diesem Grunde nicht nur nicht in die Grün-- dungsversammlung des Verbandes gegangen, sondern hat auch ihre Anhänger in den Provinzgemeinden zu veranlassen gewußt, der Schaffung eines geeinten jüdischen Gemeindebundes fernzubleiben. Die Tatsache, daß zwei so heterogene Gruppen wie die liberale urrd die orthlwoxc in diesem Falle der Zertrümmerung einer Organisatiml der jüdischen Solidarität Zusammengehen und daß bir überwältigend« Mehrheit der Liberalen einer Dreimänn«rgruppe der Orthodoxen, von denen sie die hohe Wand des Schulchan-Aruch trennt, unterließen mußten, ist das Beschämende in diesem Spiel um die Macht. Vergebens haben die Gründer des VerbaildeS den Orthodoxen die Konzession gemacht, daß in rituellen Fragen der Schulchan-Aruch maßgebend sei. Die Trennung s orthodoxen trauen diesem Schulchan-Aruch nicht; sie haben ihren eigenen, und daist der Kodex der Entzweiung, der Uneinigkeit. Wertlos ist auch die Versicherung des Präsidenten und des Vizepräsidenten der Wiener Kultusgerminde, daß sie den neugegründeten Verband finanziell und moralisch fördern wollen. Diese Versicherungen bleiben inhaltlose Phrasen, wenn der Verband von vorn-hekeln mit dem Defekt in- Leben gerufen wird, daß. die Wiener KultuSgemelnde mit ihren 200,000 Mitgliedern Nicht nur nicht die Initiative und die Fllhrrmg übernimmt, sondern den Verband durch die , Metrer Morgen-etkimg fl Dezember 1966 skr. flööl . ..l.l» IIII . ... > .. -.Hin»..—..-. ...I..... i ... lll II » Ausschaltung der eigenen Mitwirkung von vornherein lebensunfähig macht. Die Schaffung einer Gefamtorganifation der österreichischen Judenschast darf nicht vom engen Gesichtswinkel einer Fraktion aus betrachtet werden. In allen Ländern der Welt hat der Krieg und noch mehr die Nachkriegszeit die Vereinigung der Juden notwendig gemacht. Uederall hat sich zu diesem Zwecke der Zusammenschluß der jüdischen Gemeinden zu Verbänden als der gangbarste Weg erwiesen. Nicht die Größe des Landes urrd nicht die Zahl der in Betracht kommenden Gemeinschaften sind für einen solchen Zusammenschluß ausschlaggebend. Maßgebend und bestimmend ist überall das Verantwortungsgefühl der führenden Persönlichkeiten in den jüdischen Genreinden, daß es über die schließlich kleinlichen Verwaltungs- und Kultusfragen hinaus höhere lebenswichtige Interessen der Judenschaft gibt, die allen Mitgliedern der Gemeinden ohne Rücksicht auf Ihre Parteistellung gemeinsam sind und auch nur durch eine gemeinsame n c j u u cj c: t. Schenken Sls 4om?>e:lt1eidtr . « . . . . 8 Jf- Lnmberjak ........ 8 ft'-* Bi.littt'c*c*ief . .... ,8 IC*— B.klnw-'J.fnltuf .... .8 i2*0 ÄUld-Sfrflmpf* . ..... .8 * 38 M. Hölzer Vt., Mafltthttfersicaße 89 (neben ftotteo kino), II., Taboratraße 18 mmrnm □EiQlCPCJClUC. Stellung wirkungsvoll vertreten werden können. Dieser Erkenntnis wird sich auch die Wiener Kultusgemeinde auf die Dauer nicht entziehen können, und eS wird die Aufgabe der Mind-rheitSfraktioncn in Wien und in den Provinzgemeinden sein, dieser Erkenntnis so tafch als möglich zum Durchbruche zu verhelfen. Ser Verband der österreichischen Kultusgemeinden. 6in VespkSch mit Dem Präsiden!«« Baümekflcr Winkler. Der neugegründete Dettband österreich!- hen KultuSaemeimen hat seinem Vorstand geiffe Richtlinien für die in allernächster Zeit in mgriss zu nehmenden Arlei'.en gegeben. Einer unserer Mitarvei1>er hackte die Gclegenherk, den neugewählten Präsidenten, Herrn Winkler, Uber die Ziele und Arbeitsmethoden des Ver» bandeS der österrcichi'schen ZluituSaemein. en zu befragen. Baumeister Winkler aus Groß-Enzersdarf äußerte sich folgendermaßen: „Die Idee, einen Verband aller KvltuSg'emeinden zu gründen, um so eine Generalrepiäsentäng der öfterreichischon Judenschaft zu schaffen, ist nicht neu. Der seinerzeitige Präsident der KuttilSgLNn'inde, Dr. Alfred Stern, war ihr Initiator und Zeit seines L bens war er bemüht, die Verwirklichung seiner Idee durchzusetzen, doch wurden ihm insbesondere durch die orthodoxen Gemeinden Galiziens rmd der Brukowina große Schwierigkeiten bereitet. Er mußte seinen Lieblingsplan, die Vereinigung sämtlicher KmltnKgcmeindLn der ganzen Monarchie zustandezubringen, fallen lassen, und beschränkte sich auf die Gründung eines Verbandes der a'l p e n l a n d i s ch e n K n l t u 8 g e m e i n d e n, die auch tatsächlich zustande kam. Der Ausbruch des Krieges und der später erfolgte Tod Dr. Sterns v -rh'nderten es abe-r, daß der auf dem Papier bestehende Verband irgendwelche Tätigkeit entfaltete. Auch in den ersten Jahren nach deck Umsturz konnte diese Frage noch nicht aufg.gr'ssen werden. Erst im Juli 1921 traten die Delegierten der öst -rreichischen Kultusgemeinden in Wien zusammen und bekundeten einmütig ihren Willen, einen Verband der Lste-rreichischen Kultusgemeinden zu schaffen. Seit dieser Zeit wind unermüdlich an der Verwirklichung di.seS Planes gearbeitet. Der Verband wäre längst schon in? Leben getreten, hätte nicht die W'ener Kultusgemeinde fast unerfüllbare Forderungen an ihren Eintritt gecknllpft. Da die beste Zest mit ond-. losen Verhandlungen verstrich, drängten die Kultusg-eme.'nden der Bundesländer zu einem Abschluß. Im Frühijahr 1926 wurde der Beschluß gefaßt, dm Vechand noch in diesem Jab-re zu aktivieren und die konstituierende Sitzung für den 12. D'gemder nach Wien einberufen. Man war der festen M-e'nung, daß die Wiener Gemeinde, die se-inerzeit eine Beitrittserklärung abgegeben hatte, nicht fernbleiben werde. Um-so überrascht.>r war ich der ich seit langem der Propagator dieser Idee war, als ich telegraphisch von deni am 9. Dezember gefaßten Ablehnungkibeschlntz in Kenntnis gesetzt wurde.. Die Deleg'erten waren schon nach Wien beordert und ich stand vor dem Dilemma, ob ich die Sitzung stattfinben lassen solle oder nicht. Da die Zeit drängte und e.ine Aen-derung der Haltung der W'ener Gemeinde in absehbarer Züt'nicht zu erwarten ist, entschloß ich mich dennoch, die Sitzung abzu'halt:>n und die Gründrmg des Verbandes auch ohne die Wiener Gemeinde durch^ufllhren. Wir haben aber d'.e Hoffnung nicht aufgegeben, daß auch die größte österreichische Judenge«, meinbe, die uns ja ihrer Sympathie versichert hat. dennoch sich uns anschließen wird und der VSrban-d hat in seiner konstituierenden Sitzung b «schlossen, ein Memorandum in diesem Sinne an die W'ener. KllltuSgemeinde zu senden und den neuen Vorstand mit der Führung diesem Verhandlungen betraut. riOdllSHSOtte SEKTION INNERE STADT Dienstag, den 14. Dezember. 1920, 8 Uhr abends, im . Ooldsaale des Cafe Silier, I., Schwedenplati Michael Gour^ry: Oer jö Hsche Selbstschutz in SQdrußland Während der bolschewistischen Revolution. Reffobeitrag Dm Pr3*ldium ■«■■■■■«■■■■■■aaaraMiaamamaaaaMiai Ich erwarte mir von dem neugegründeten Verband . ei» Erstarken des Znsammengehörigkett^csLhl der Juden Oesterreichs. Größere Interventionen bei Be'härden werden wohl für die nächste Zeit nicht durchzu führen sein. Es wird unsere erste Aufgab.' sein, die Organisation der KuItuSgemeinden erst im Innern durchzuführen, bevor wir nach aiihsnhin auftrcten können. Der Verband wurde vorerst als Verein g'g.ün-d.'t und wird bestrebt sein, die Anerkennung der obersten staatlichen KuttuAbehörden zu erlangen. Eine unserer Hauptaufgaben wird es sein, die Heranbildung von . geeigneten tKultusg'Sm,Lin>deangestellten du-rchguftih^n. . _ Die Landgemeinden haben es äußerst schwierig, geeignete Kräfte zu finden, derm von einem solchen Funktionär verlangt man. daß er mit Ausnahme der rabbinischen Funktionen alle anderen Obliegenheiten wie die eines Lehrers, Kantors, Mohel und Schochet voll führt. Ausländer können wegen der Sperre nicht herangozogen werden. Die wetteren Aufgaben des Verbandes werden etwa folgende .fern: Vorkehrungen gegen das Wander- und Bettelw isen das hauptsächlich in beu Gemeinden der Grenzgegenden sehr fürsorgebedürftig ist. Ferner Verhandlungen wegen des Härteausgleiches bei Doppelbssteuerung. Sicherung von SpftalSbehandlung, Ausarbeitung eines Normallchnplan-es für den RchigionSnnterricht und Aufstellung von Normen für die Prüfung von Neligionslrhrern usw. In die Statuten wurde über Antrag der orthodox'in Vertreter der Passus 'elngefüg>t, das Gutachten über rituelle Fragen nur auf Gr-unid des Schulchan Aruch erstattet werden dürfen,, so daß auch für die orthodoxen Gemeinden jetzt der Grund weg-fällt, sicb an dem Verbände nicht zu beteiligen. Wir hoffen dadurch b i e \ \ e b e n orthodoxen Gemeindendes Burgenlandes zu gewinnen. Auch die anderen noch fernst >henden Gemeinden Steyr, Neunkirchen und Güssing dürften uns nicht allzulange ferne bleiben. Eine wichtige Aufgada ist uns gerade jetzt durch das faktische Aufhören der K.u l t u sg e m ei nt e i n Hohen« m S erwachsen. Der jure besteht die G meinde noch und verfügt, sogar über ein beträchtliches Ve-rmbgen, dessen Liquidieirung dem Verbände Überantwortet werden ' wird. Hohenems zählt nur mehr neun Juden, die wahtscheinl'ch auch bald den Ort verlassen werden. Der Sitz des Verbandes ist vorläufig der Wohnort seines Präsidenten und dio Plenarsitzungen der Delegierten sind in jedem Jahre einmal in den ersten drei Monaten vorgesehen. Die VerbastdSleitung wird sich alle zwai Monate versammeln iwvb im übrigen den Verkehr mit den Gemeinden im schriftlichen Wege besorgen. Ich bin WelMlgt davon, daß sich die Notwendigkeit dieses P-rbandes, dem ein ungeheurer Aufgabenkompl-ex zukommt, sehr bald Herausstellen wird und hoffe, daß auch die Wiener Gemeinde sich diesen Argumenten nicht länger v-c-rschließen wird können und so eine Vertretung der gesamten österreichischen Judenschast ermöglichen wird." Die liberale« Gegner. Bon Camillo Schiller, Lln-. Wie bericht^ hatte der Wiener Kuttusvor« starch eS mtt Mehr.hettsibeschlutz lgegen die Stimmen pet Zionlstel« un^ der Verelmglin,; für soziale TätWeit) abgelebnt. sich dem Verband an. zuschlietzen. Urber diele Hattnna der Mehrheit -e- Vorständeschre'bi Herr Schiller: ,,Es muß mtt allem Nachdruck festgehalten wer» den,, daß dis „liberale" Fräst'on im KultusvorstMhe? (bei uns nennt sich diese Spezies ,,jüdischdemokratisch") daß Projekt beS PundeS zum Scheitern brachte. Wir Zlsklljsn müll-n dlsM Hayrsn VNkL-r dafüt jill-d