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Wiener Morgenzeitung · 1926-12-12 · Heft 2799 (12.12.1926) · p. Seite 10

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
8 (1926)
Issue
Heft 2799 (12.12.1926)
Date
1926-12-12
Page
Seite 10 (sequence 10)
Language
German
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Men. Mita tinencr wrffflrnjnnuig r2. DO«Eer tW8 Nr. L7M 0^8 onu I08U V chs war eiiuM ettr sshr armer Mann. He Hieß Wan- und lief mit ganz serfetzten Scyu.-err in den Mraßen R-rw Uorks uncher. Seine Hofe war ausgefranst, sein Mantel zerlumpt und sein Hut in klägliches? Zustande. Er «rächte einen ziemlich verststkßw Eindruck, denn er hatte feit denr frühen Morgen nichts gegessen. Er setzte sich in eine Mauerecke. Er fing uit, ein* zusehen, daß für ihn kein Platz im Leben sei, trotz seiner verschiedenen Talente, seiner Energie und des kräftigen Optimismus, der ihn bis dahin noch niemals im Stiche gelassen hatte, setzt aber doch ins Wanken geriet, da er sich niemals in Einklang bringen ließ mit dern wrrcklrchen Gang der Dinge. Den Kopf in die .Hände gestützt, saß Evans also hungernd in seiner Straßen-ecke. Er fühlte sich wirklich tief herabgestimmt. ,Hch weiß, daß ich eine Kraft bin," mgte er sich, „und trotzdem werde ich Hungers sterben." Zeine -SHivöche war so groß, daß sein Mut ihn verließ. Er fühlte, wie etwas Feuchtes in seine Augen stieg, und er vergoß eine Träne über sich seihst. „Wollen Me zehntausend Dollar verdienen?" fragte ihn plötzlich eins Stimme. ,^5ü", antwortete Evans ohne zu zögern. Er stand auf und musterte den Fragesteller. Es mar ein Mann von etwa vierzig Jahren, gut gekleidet und von enüschiedensm, intelligentem Aussehen. Er hatte sich, unbemerkt von <Ä,ans, der ganz in sein Un* glück versunken war, diesem genähert und mit Aufmerksamkeit die Seite seines Kopses betrachtet. ,ß% würde zu gebrauchen sein", murmelte er, und dann hatte er dem anderen das Anerbieten von zehntausend Dollar gemacht. .Mollen Sie wirklich diofes Geld verdienen?" wiederholte er. sagte Evans mit großer Bestimmtheit. ,Mas mutz ich dafür tun?" ,Ie.vkaufen Me nm Ihr rechtes Ohr", antwortete dvr andere prompt. „Mein Ohr?" ,,Za, Ihr -Ohr. Ich kaufe es Ihnen ab. Ja oder ne«?" „Was wollen Sie denn damit machen?" ,M Ihnen keinesfalls zur VevMgung stellen, verstehen Sie das wohl. Ich bin Risley, der Chirurg. Ich werde es Ihnen selbst abschneiden, Sie haben dabei nichts zu befürchten. Ja? Nein?" „Ja, natürlich", sagte Evans. ,/Sshr gut. Kommen Sie mit mir/' * Die Klinik des beoiiHmten Risley, des bedeutendsten und kühnsten Operateurs, des Königs der experimentellen Physiologie, dessen Ruhm ganz Amerika erfüllte und sich von dort aus über Europa verbreitet hatte, war glänzend eingerichtet und mit den weitgehendsten anti-septische^ Vorsicht-Mitteln ausgestattet. Grans folgte dem Chirurgen, der weiter nicht mehr mit ihm sprach, und durchschritt an seiner Seite eine Diele, einen Gang und mehrere große -Säle, die von so leuchtender Sauberkeit waren, daß der Gedanke an hier hausende Mikroben mrd Bazillen ganz ausgeschlossen war. In einem dieser Säle befanden sich an den Wänden ganze Reihen kleiner Nischen, in denen allerlei anormale und verwirrend aussehende Geschöpfe herumkrabbelten, deren Aussehen durchaus nicht mehr dem entsprach, das die Natur diesen Tieren verliehen und unter 'dem .sie uns vertraut find. Es waren Produkte des schrecklichen Messers Risbeys, seine Opfer und fern Triumph, die arrangierte Natur! Der Physiologe machte einen Augenblick Halt vor einer dieser Nischen, in der sich ein wunderliches Etwas bewegte, daS die größte Aehnlichkeit mit zwei in dm Flanken miteinander verwachsenen Ratten hatte. Evans blieb ebenfalls stehen und fühlte plötzlich, wie eine heiße Zunge seine Hand leckte. Er sah einen Hund vor sich, dessen eine Körperhälste ein Weißes, kurzes Fell hatte, während die andere Hälfte schwarz und langhaarig war. Der Kopf dieses Tieres war weiß und mit einem gespitzten Ohr auf der schwarzen Seite, während auf der weißen Seite sich ein rötliches, herabfallendes Ohr befand. Der Schwanz, der freundliH hin und her wedelte, glich dem eines Schweines und ringelte sich schrauben* Ormig empor. Die Stimme Risleys weckte Evans aus seinen Betrachtungen. „Wivd's bald? Kommen Sie?" frug er ungeduldig. Evans erhob den Kopf. Er sah sehr' blaß aus. „Was wollen Sie mir an Stelle meines Ohres an den Kops setzen?" simg er rauh und mit heiserer Stimme. „Gar nichts, Dummkopf!" rief Risley. ,Hch schneide Ihnen einfach das Ohr ab, weil ich es gebrauchen muß. Das ist alles." ,n*ft das auch ganz gewiß? Werden Sie mir nicht . etwa ein lebendiges Tier oder eüvas anderes annähen?"! LTeirr. Außerdem werden Sie den Kontrakt sehen." r Voü Fröd&rk Beratet« Sie hatten ein großes ArbettSgiurmer erreicht. M«n gab Evans eine» Stuhl. In diesem Augenblick klingelte es am Telephon. „Sie werden nicht lange gu warten haben, der Patient wird svgbeich erscheinen", - sagte ein Assistent RiSleys au Evans, der es kaum zu verhindern vermochte, daß seine Zähne aneinander schlugen. Dann bemächtigten sich Dr. Risley und ein anderer Arzt seiner Person und sie aus'kultierten und untersuchten ihn nach allen Regeln der Kunst und auf daß sorgfältigste. „Er ist gesund", murmelte Risley halblaut, und wie sein Echo wiederholte der Assistenzarzt: „Er ist gesund." Zwanzig Minuten später trat ein großer und starker Herr ein. Sein Kopf war auf der einen Seite verbunden. Ohne Evans nur anzublicken, ergriff er ihn am Arme, führte ihn an das Fenster und betrachtete sein Ohr. Dann riß^er sich den Verband vom Kopf. An der rechte» Seite befand sich eine schreckliche, noch nicht geschlossene Wunde. Das Ohr war ganz weg. eS war nur noch ein scheußlicher Stummel zu sehen. Mt dem Spiegel in der.Hand musterte der starke.Herr fein ihm verbliebenes Ohr und verglich e§ dann mit dem Evans. „Das seine ist größer und nicht so graziös, aber ich denke doch, daß es genügen wird", sagte er endlich. Jetzt endlich hatte Evans verstanden. Er wurde leichenblaß. ,Mollen Sie den Kontrakt unterzeichnen?" fragte Risley mit harter Emme. Evans las. Es war cm .Kaufvertrag in bester Fornl. Er verkaufte sein Ohr und erhielt dafür zehntausend Dollar. Ohne ein Wort erwidern, Unterzeichnete er. Einige Minuten später lag Evans, nachdem er gewaschen, rasiert und chloroformiert worden, auf dem Operationstisch und verlor sein Ohr, ohne sich dessen bewußt zu fein. Diese Zierde seines Kopfes wurde mit einer eleganten Naht an dem Sck'ädel des starken Herrn befestigt, der, ebenfalls chloraformiert, auf einem anderen Tische lag. Ms Evans, nachdem man ihn sorgfältig verbunden hatte, aus der Narkose erwachte, war die Nachwirkung des Chloroforms so stark, daß er ganz verwirrt war und sich absolut nicht erinnern konnte, was denn mit ihm vorgegangen sei. ,Mer ist das?" fragte er halblaut, mit einer Bewegung des Kinns auf den deutend, den man soeben mtt einem Teil seiner eigenen Person geschmückt hatte. „Der Multimillionär Josua Flint, der König des konservierten Fleisches", antwortete ebenfalls mit halblauter Stimme der Assistenzarzt, der sich mit ihm beschäftigt hatte. ,^Hat er einen Unfall erlitten?" „Nein, haf Händel bekommen. Er war schwer detrmcken. Hat einen Schlag mit 'nem Mauerstein aufs Gesicht bekommen! Soll in einem Monat heiraten, ein sehr hübsches Mädchen. Natürlich hat er sich vorher reparieren lassen. Sie verstehen..." „Ich versteht, sagte Evans. Er blieb in der Klinik Risleys, bis er vollständ'g geheilt war. Er bezeugte ein so Lebhaftes Interesse siir die gepfropften Tiere und die aneinander genähten Ratten, daß der berühmte Meister ihm das Anerbieten machte, ganz bei ihm zu bleiben und sein Gehilfe zu werden. Aber Evans wollte das nicht. Seine Haare wuchsen schnell und verbargen seine Wunde. Sein erster Ausgang fand an demselben Tage statt, an dem Josua Flint heiratete, und er ging in die Kirche, um die feierliche Zeremonie der Trauung anzusehen. Er überzeugte sich bei dieser Gelegenheit, daß sein eigenes, dem Schädel des Milliardärs angspfropftes Ohr diesem sehr gut stand. Diese Tatsache mußte wohl Evans ein besonderes Vergnügen machen, denn er lachte in sich hinein. * Zehn Jahre nach den Ereignisse,:, die ich soeben erzählt habe, befand sich Josua Flint an einem trockenen und kalten Wintermorgen in einem der Wartesalons der großen Bank von New Jork, deren Direktor er in Angelegenheiten von höchster Wichtigkeit zu sprechen wünscht«. Für den Augenblick wartete or — er, der einst so viele andere auf sich warten ließ. Der ,Mmg des konservierten Fleisches" hat sich in der Tat ein wenig verändert. Gr ist vor der Zeit gealtert. Seine Stirn ist kahl, seine Wangen sehen violett, seinen Augen gerötet aus, aber die Narbe, die Doktor Risley gezeichnet hat, umzieht immer noch mit einer rosa Linie sein rechtes Ohr, für das er zehntausend Dollar gezahlt hat. RiSley selbst, dieser ausgezeichnete Chirurg, lebt nicht mehr: er starb, weil er," der andere so gut zu operieren wußte, doch stch selbst nicht operieren konnte, wenngleich es sich um sein Leben handelt«. Josua Flint schreitet in niedergedrückter, erregter Stimmung auf und nieder. Er ängstigt sich; er ist sich , dessen bewußt und fürchtet, zufaiMneiVubrechen. End-! sich wird er vorgelasten. l NACHDRUCK VERBOTS*! FLINTS Hutter einem ganz im Hintergründe eines ungo hEr großen Arbeitszimmers stehende» iSchvöMstck sitzt der Direktor der großen Bank. Es folgt ein langes, eindrucksvolles Schweigen. Josua Flint blickt den Direktor an. Der Direktor jedoch würdigt Josua Flint keines Blickes und der letztere fühlt sich Plötzlich von einem Gefühle beherrscht, das er bisher niemals gekannt: von der Schüchternheit. Endlich rafft er sich auf und bricht los: Was wollen Sie eigentlich? Was haben Sie gegen mich? Warum versteifen Sie sich darauf, mich ohm Waffenstillstand unausgesetzt zu bekämpfen? Sie haben oll meine Feinde zu einem schrecklichen Bunde gegen mich zu verbinden gewußt, und Sie sind es, der den Kampf gegen mich angefangen hat. Von Ihnen allein kommt all mein Unglück; ich ivcitz das mit Bestimmtheit und Sie wissen, daß es so ist. Sie sind es, der mich überall verdächtigt hat, und Sie haben eS sich viel Geld kosten lasten, um eine Untettuchung meiner ^rbrikate zu bewerkstelligen. Sie haben im Depeschensaal des „feinde ^och" jene ekelhafte Analyse des von mir fabrizierten Fleischextraktes ausstellen lasten, zugleich mit dem Rattenschwanz, den man in einer meiner Wildpasteten entdeckt haben will. Sie haben dem Publikum einzureden gewußt, daß Ihnen mehrere Hunde gestorben seien, weil man sie gezwungen habe, eines meiner „Frühstücke für Schüler" zu verzehre,r. Sie haben den Beistand d^r Politiker zu erkaufen gewußt um gegen mich in das Feld zu ziehen und eine Untersuchung gegen meine Fabrikate anzustrengen. Man hat mich verfolgt, man bat mich entehrt »itb der Skandal hat sich über zwei Welten ausgebreitet. Und während ich immer tiefer sank, stiegen Sie. Sie erbauen Ihre Macht mit den Trümmern der meinen, das ist wahr, aber Ihr Ziel, Ihr Endziel war es doch nm, mich ins Verderben zu stürzen, denn Sie haben v»el Geld verloren, um müh zu rn'nieren." Josua Flint war so hina-rlssen von der Heftigkeit seiner Gefühle, daß er o?zwurgen war, sich zu unter: brechen, um Luft zu schöpfen. Der Direktor der großen Bank saß stumm und mit nieder-geschlagenen Arrgen da und verriet durch kein äußeres Zeichen, daß er auch nur das geringste Interesse empfand für das, lvas Flint ihm sagte. Der ar«re Exkönig des konservierten Ochsenfleisches holte einige Male tref Atem und ergriff dann wieder das Wort: „Ich bin jetzt hierhin aek-'mmen, um mich offen mit Ihnen auszusprechen. mein Herr. Ich weiß Ihren Wert vollkommen zu schätzen doch ist das kein Grund, den meinen so gering zu achten. Ich gehe direkt auf das Ziel los. Wollen Sie, anstat' mich zu bekämpfen, nicht lieber gemeinsame Arbeit mit mir machen? Sie wisten eS bereits, daß ich ein g"ra^u großartiges Unternehmen plane: ich habe dm Trust sämtlicher Jagden Zentral-Mfr'ckas in Händen, und ich beabsichtige, gleich an Ort und Stelle Wildkonserven aller Arten zu sabrizieren und daim't alle Märkte zu konkurrenzlosen Preisen zu überstkiwemmen. ES sind bei diesem Unternehmen enorme Summen zu verdienen, aber schon ehe es ins Leben getreten, wird es von ^hnen bekämpft, und Sie lasten es sich angelegen sein, überall zu verbreiten, daß meine Wildpasteten hier zichereitet würden, und daß sie aus den unglaublichstm, widerlichsten Fleischabfällen hergefttllt würden, daß man si" oanz fert'g noch Afrika schicke, nm von dort aus in Europa und Amerika eingeführt zu werden. Ich komme also zu Jhnm. um Sie zu bitten, doch endlich Ihre unnötigen Angriffe ruhen zu lasten . . . Ich komme um Ihnen zu sagen: Einigen Sie sich mit mir. wenn wir Hand in Hand gehen, können wir Großes erreichen und den Handel von ganz A»nerika an uns reißen." Der Direktor der großen Bank schlug noch immer die Augen nicht auf. er sprach kein Wort und schüttelte nur den Kopf als Zeichen, daß er nicht gesonnen sei, auf den ihm gemachten Vorschlag emgugshen. „Nein?" schrie Josua Flint, der ganz violett geworden war. „Nein? Und warum nein? Das ist töricht, ist kindisch, es widerspricht Ihren eigenen Interessen! Das «st reine Böswilligkeit, grundlose, unerklärliche Böswilligkeit! Was habe ich Jhnan getan? Was wollen Sie denn eigentlich? So reden Sie doch — sagen Sie, was Sie von mir wollen?" Da erhob sich der Direktor der grotzetr Bank von seinem Sitze. Die rechche Hand strich die schwer und lang hervbfallenden Haare zurück und enthüllte eine schreckliche Narbe an der Seite des Kopfes. Er neigte stch Josua Flint, der ihn jetzt erkannte, entgegen und mit dumpfer, von uamerrlosenr Haß erfüllter Stimme sagte err ,/Neben Sie mir mein Ohr zurück." wie oewwc ueoenragung vewrgre Hanns »emz «wers zusammen mit seiner Frau für beu Boutet-Band „DaS letzte Abenteuer" der Vorzüglichelt 3-Mark Bücher doS Berlages Georg Müller, mit dessen freundlicher Ar« lanbnis ivir unseren Lesern die Kenntnis dreier spannenden Novelle vernritteln.)

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