Mannheim
Compact Memory

Wiener Morgenzeitung · 1926-12-12 · Heft 2799 (12.12.1926) · p. Seite 5

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
8 (1926)
Issue
Heft 2799 (12.12.1926)
Date
1926-12-12
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
80% known words query
IRI
…/2979076-2981549-2981886--28437-3016472
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

3 entity mentions

Nr. 2790 Wien, Sornitz fl Mrsrzev MsriMHettim» 1L DWsmVsr KS6 »Mchp, KeiseeinürNe ans Marokks VIHVfll p» 0^Kn|«Rb6 W Wf* Bvn Dr. Nofie GriffHttvOU^GoWschmtvt, Paris. Dir VSr Jckdm in MaroKo, ihre Gegenwart und ihre Zukunft — an sich und innerhalb des mtffeafttiffetn GHüges des Landes — gch«n jeden an, d« fich mit Wmifcheu, wirtschaftlichen, politische»» und felmttsatorischen Problem«» beschäftigt. Es handelt sich da — Mit jüdische:: Belangen ganz abgesehen — M» «fne ihrer historischen Euttvicklung u»ck> ihrem Einfluß nach merkwürdige BolkSminorrtät in diesem wichtigsten Land von Nordafriöa. Die Ursprünge dar Jade»» in Marokko sind hiftrrifth nicht genau sestz^ellen. Unbestreitbar ist die b-ckrächtüchr Brdentung, die das jüdische Element gegen das Ende des 6. Jahrhunderts n. Ehr. hatte, als die Autorität von Byzanz in Marokko zu bleichen besann und der Islam »»och nicht auf dem Marsche war. Die ersten jüdischen Mnwanderungen in Marokko und eine »reitgeheM In daisierung der berberischen Urbevolkemng muß jedoch schon früher stottgesundLN haben. Im 6. Jahrhundert existieren bereits Berbindirngen zwischen den Juden Marokkos und den Inden Spaniens,, und es scheint, daß eS unter ihnen um das Jahr 612 eine veritable Allianz Z»»m Zwecke der Befreiung Spa^ niens von den Wastgsten »md zur Errichtlmg eines jüdischen Königtums gegeben hat. Diese Verschwörung wurde durch den spanischen Klerus vereitelt und endpte tmi einer ftwchkboren Judenverfolgimg tu Spanten und einer starlen jüdischen Answanfeirung nach RaooKo. ürtt« der Leitung dieser spanischen Inder: min gründeten die i udaisi arten Berber richtige jüdische Staat«» m MaroKo. Urrd es ist in der Tat wahrscheinlich, daß im marokkanischen Norden an der Mittelmeerküste -in jüdisch-Lerberisches Reich vor der arabischen Jnv« fion existiert hat. Dieses jüdische Reich lag in einem Teil des Gebietes, das wir heute das R i f mimen ruck das durch den fr snzöftsch-spunifchen Krieg mit Wd el .Krim tniernatiewafe Mualiböt hat. Diese ftü^, im AnekdotenysPlen und Legerldören verbleichende große Stunde tu der Geschichte der marokkomschen Juden sollte in den folgenden Jahrhundert«: ihr Höhepunkt bleiben. Denn mit der Invasion des Islam änderte sich die Stellung der "Juden vollständig. Die islamitische Religion hat die größte Verachtung und Ablehnung gegen alle Andersgläubigen. Dazu kommt, daß die einstige Machtstellung der Juden m»d ihre durch Vintvandörung von Spanien h« ständig wachsende Zahl eine politische Gefahr bedeuteten, der man mit Gewalt begegnete. Seit dem 13. Jahr^rndevt wurden die marokkanischen Juden m den Mellahs, den marokkanischen Ghettos — die »vörtttche Uebersetzung von Melloh ist: Ort des Schmutzes — existieren iwch immer. Mne marokkanische Stadt hat noch heute drei völlig getrennte Stadtviertel: die'Medina, das Etngcborenenvierlel, das Europäerviertel/ das meistens weiter entferrrt liegt — und das Msttah. Die schweren marokkanischen Judenverfolgungen schien im 16. Jahichündert ei«: wie überall in der Mett wäre»» die Juden der religiösen Leidenschaft, hier hervor-erufen durch die Fortschritte spanischer und portugiesischer Siedlungen, vor allem auSgesetzt. Bon dieser Zeit her rühren die strengen Kleidung-Vorschriften, denen die Inden bis vor einigen Jahren nnterworfen waren und denen sie aus Gewohnheit noch heut: trou geblieben sind: schwarzer Kaftan, schwarze Kappe und schwarze Pantoffeln der Männer, die sich sehr düster abhvben vom Weiß der arabischen Gewänder. Dazu k»m»nt in manchen Gegenden das blaue, weißgepunkte Foulard, das die Greise um den Kopf geknüpft tragen. Die Kleidung der Frauen hält heutzutage zwischen emropäischer und arabischer die MUte und ist nicht faststehend: allgemein ist nur der seidene Kopftuch, der dos Haar versteht, üblich ein buntes seidenes Tuch, das über die Schulte«: gelegt ist. Doch zu Hause tragen di« «eichen Jüdinnen sehr kchtbar bestickte seidene arabische Tracht, soweit fie nicht europäisiert sind. Ans den» kurzen geschichtlichen Abriß ist ersichtlich daß es Juden z»vaierkL Herkunft in MaroKo gibt: die judaisiorten Berber, die als Ureinwohner deS Landes zu gelten haben und deren Jndaisiernng in eine gaw$ frühe Epoche MÜckgeht, u»zd die spanischen Inden, die, vom 7. Jahrhundert ab den zahlreichen Brr- I solgungen ihrer Heimat entflicheiw, nach Marokko einwanderten, eine Immigration, die im IS. Jahrhundert ' ihr«« Höhepunkt erreichte. Diese fephardischen Jude»: ließen sich vornehmlich in der Küstengegend um Tasablarrca herum rüeder und |Ut1> bis Marrakesch hirnurier z« fir:- der». Sie sprechen eirren spaniolischen Dialekt mit hebräischem und arabischen» Einschlag; die ander«» Juden « arabischem Gebiet bedienen sich eines leicht hchräifterten Arabisch, ttnb die Juden in den berberischen Gebieten im AtlaSgchirge und im Hauz sprechen tat brrberischen Dialett deS Tribus, in dem sie vwhnhast sind. Nicht nur die Sprache dieser beiden Misch«» Gruppe« ist verschiede«, sondern auch ihre soziale Lebenshaltung und einige ihrer religiösen Riten. Die sephardischm Juden der marokkanisch»», Städte sind seit Jahrzehnte« als Untertanen dvr Manischen Regierung berM vor der Zeit deS ProtaßtorM so gut wie frei. Selbst der Ghettoassistierte mir »roch in wenizen Städten des Inu-rn sie doch voch AVKür Md Gewalttat «og-ch^. — Berttll stir die EMäujWjDn M ÄÄs ':nkd 8re Niederlage»: der Regierung: so ließ Man sie doch in ruhigen Zeiten ungestört Handel, Geldzofthäfte und Handwerk treiben. Anders in den berberischen Gäßieten: hier leben die Juden »»och heute in den Mellichs brr D-rftr tm. Krrechtschafts- oder Leib eigc »renverhättniS zu dgn geotzen Kaids, denen das Dorf oder der Tribus «hört. Die Feickalherren des Attas Hausen in ihren Burgen wiunsere mütelatterlichen Ritter. Die Dorffchaste»» chveS Gebietes zahlen ihnm Steuern »n»d liefern ihnen die Soldate»: für ihre Kriege. Es gibt uprgcheuer reiche und mächtige Feudalherren im Atlas, und »msere europäisch: Vorstellung macht sich kaum ein Bild von tae großartigen und selbstherrliche»: Allüre ihrer Rächt. Die Stellmtg der Juden in diesen Dörfern des Atlaö, die d«r Kaids gehören, ist von unsäglicher Armseligkeit. Ich hatte Get'egcnhait, ein Melloh in einem Dorf in» hvh«n Atlas zu sehen. Dieses kleine Dorf steigt zum Brrghang an und ist von der Burg gekrönt. Sein Judenviertel — fast noch im Tal gelege»:, hatte Häuser, die oigerttttch mrr Höhle»: waren. Nie sah ich so unmenschliche Behausungen und nie so scheue prügelängstltche Menschen, die mitte»: in der lenchts»»deu großartige»: Natur des Atlas geduckt und wie ungctvohnt des Sonnenlichtes vor den Tüvs»» säße»: und standen und mit unbeschreiblicher Devotion den jrrnKen <Ähn des Kaids, bei dem ich zu Gaste »var, begrüßte»». Und mitten in dem »ach Frucht rmd Reife duftenden Ta! und der stolz«» Nmrahbarkeit der wf: durchleuchteten Berge war das armselige nohg^rängLc Beieinander dieser Menschen eure grauenhafte Erscheinung. In diese berberischen Gebiete ist die emanzipatorifche Entwicklung der letzte»» Iah« rächt gedrurrgeu: unter der unmittelbare« Abhäng^keit dxr Feudalherren sind die Inden auf Kleinhandwerk und die ärmlichsten Gewerbe beschraM trab haben feine Entrvicklungsntöglichkeit. Und daran wird sich vorerst nichts ändern; die Machtbereiche dieser Oligarchen des Mas, die dem ftanzöstschen Protektorat übrigens sehr ergeben sind, entziehen sick) in all ihren inneren Angrl-gen^hrtten d»:rchaus dein Einfluß der scheriftschen Rrgielwng u»tb $*t+ottaQ*nb dattßStzrt pte ichtisch«' “»qit" och«-»-« feMie |«$«i 9 Mir EMefssfl w«h nuwsHt*(b*t tim. q«4wt Mil%Hmm WtUiwrimiity. teirab togsMMftttt. — FA oMan --*~ (> (IEGM. KORNMEHL QR0SSPLE1SCHHAUBRB1 Zentrale: IX., Beelrk, Bergcue« 19, Telephen »7-3^9 u. 16*9.34 Lieferant für Heilanstalten Abteilung für tmter Aufsicht des Bhiwürdlyen t^ehhinets der isr. KoitusfemeltMe Wien ( 40 IX., Bersxasse 15 XVI«., Währingerstrafle 97 > PE LZNO DE SALON RflBcc»a<ai«aa vtn. uit. Hefitefonut tuMrt aeH 8* Jahren. OreBe AaawaM Iq Peivmtato<» nt Jachen. Ai*a Arten pelle fit TwtrteMtw. OmMheieengen. «elM* Prat*». «annite. WVL«»». M.. ■»fieaArB- •»«snsinasse 9, I SUek. Kein Qeweolekai. Teleehen SS-0-7S SA> Gestrickte Kleider bürgten fich ew. wen fi« vtottlsch, vornrpm und preiswert find JtmtpersteÜ) „Elaste" SchUling 65.— An ziepen und rS paßt I.» Aetltt Mnrtt Ü. «.. Mttdner äsoptstraße I Albert Mahner K N»«meff»rOafse 8 m., TP».. »ße 8, Winkler III LEDeRWAReN TOlLBTTeKASSETTRN SCHRArOCKOm» ITC. WIEN.». HimmalpfS'i&gawe 7 r Bei dorBe-rttuttde» tSglichM FrtchstüSS, dem» sie hat eS Musst srvrovt, baß man eine Me Schale Kaffee tm mk Bemengung von echttem Herstellen kann. der Franzosen. Noch für viele Jahre feti&en bk berberischen Juden von der Enranzipation ihr« Brüder in d«» Stödten ausgefihkoffen sein und als powisth« Faktor, als Faktor der Kolonisation nicht in Frage koamien. Unvarfennbar ist die Prägung, die der stchchundortelaiM Kontakt mit dem Isla« den» m«wÄ»«ttchen Ktdentu« in religiös« Beziehung gegeben hat. Und zwar handelt es sich da rncht nrn d« oeinen Lhaorren deS Alam dar Araber, sondern u»: die verfälschten, von chrem heib-- nischen Aberglaube»: durchsetzten bet Berber. SS M m Marokko einen jüdischen Heiligenkult, der dieselben Mt fern Formen hat wie der isiamMschy: auf d«: meisten jüdischen Friedhöfen deS Jnn«V: gibt «8 Gräber von Rabömern und Halligen, die als w»«ndvrtLtrg gelten und zu denen die fromn»«» Inden wm»d«MuSäg wattfahoen »rie die frommer» Moh«nmedcmer zu dm K«bbahS. Lin Tag im Jahr ist ein« großen Pilgerfahrt za den heiligen Gräber« geteidmech die den ffka-- mttischon Mnffem entspoicht: das ganze Melloh kampiert an diesem Tage in Zetten am Friedhof «ab wallfahrt von mit her zu dm berühmten heiligen Grüb«n st» Uezzan und in: Sus — genau wie die Mnselmü»«« zu den MarabntS wattfahoen. Ja es gibt sogar im Tarudant im Ens eine marabntische jüdische Famille, das heißt eine Familie, die vom Fichr« »md tzeillgs» eia« mttgiösen jüdischen Brüderschaft, ein« jüdische» Zania, abstamnrt. (Zania tvettren in Marokko die politisch mä> religiös sehr wichtigen islamitisch«« Brüderschaften gmmmtt) D« Chef dies« religiösen jüdischen DrA^rschaft gitt als der von seinen heiligen Borsohre» «erbten Gpade» ttShasttg. Hier Md der der Mischm Sfellgio« sehr fremde Begriff vor iflamitischm Baraka, die etwa dem christlichen «hariöntch dem «otteü-noderttu«, entspricht, getragen. Während aber das Thari-nm «w individaell mch nnmitteibar ist, Ist die Barafe erblich »ad KbettvagVstr. Die Gesauttzahl dar Jude» r» MmeoKo rsrrd attf 200.000 geschützt. Davon ontsatt«» «mf die Städte Fetz, MaoraSesch, Lafablanea, Rabat, Mogador zrrks BOjbÖO. Die Lage dar Inden in fern Städt« ist von» poltt^chsr» mb felonifatorischer» StaudpnM <m§ tm inter^ftütt-stM. Theooetisch kSnrren fich dis Judo« — wie ich vmchin schon in anderem Zusammenhänge sagte — auch außachalb deS Mellohs ansiedeln. Doch rmr in Mogtwor hoben ettva 3000 der reichsten Inden vor: dieser RSgttchfeit Gebrauch gemacht. In der: anderen marokkanischen Städten drängt sich die unechört fruchtbare Mische Bevölkerrmg »roch: heute in den viel zu engen Mauern dgr Mellah, die überall denselben schauerlichen Anblick der schmrrtzigsten Btzrkornmenheit bieten. Die marokkanischen Juden d§r Großstädte konnten sich als fröre Untertanen der schrrifischen Regierung betrachten. Selbst die bis vor emtggn Jichrzehnte,» übliche besondere Kopfsteuer ist ihnen seit Jahren erlassen, und bereits vor der Srrichtmrg des frarrMschv,: Protektorats behorrschten die Juden den HarGxl urü> die Geldgeschäfte des £anfre§. In Frz und in Marrakefch gibt es fthr reiche Juden. Aber oie Mellahs dieser ÄLdöe lasftn keinen Wohlsta»rd scheu. Bon der Schx»»UichfeLt dieser J»ck»envtertel ist kaum ein Begriff xu geben, nW von der unwürdigen Gemeinschaft, iu der dort Menschen, Tiere und Kinder leben, nicht von Unrat, Geschrei, Krankheit m»d Gerüchen, von denen die Straßen überqnellen. Die m«romanischen Juden verbergen ihren Reichtum aus Angst vor Befolgungen. Denn vor der Errichtmrg des ftanzösischn» Protektorats wäre:» die Mellahs periodentottss dm furchtbmkstm Plünderungen und Massakers auSgesetzt. Die Juden mirßten immer gctvärtig fett», daH jede der zahlreichen Revolten und Kärnpfe um der» Thro»», daß jode Mederlage des Sultarrs und ftHer Sieg eines jener Usurpatoren, die zu Bessinr» des 20. Jahrhunderts häufig anstroLen, nüt einer Plündern»^ oder einem Pogm« iu» Msllay Hand in Harch gingen. Ms znsn Iah« 1912, der A»:schrn»g des Protektorats, lebten die Juden — selbst rvern: sie in ruhigen Zeiten friedlich ihrem Handel pachgriMl» und suh bereichern totiutcu — u»rter ständigem Druck urrd ihr Äohlstmrd »var immer bsdroht. So HMer» sie es »ooh! jür besser, sich die Attitüde der Armut z« gebou^ In dieser Zeit waren die Mischen Attswonderuuge»» nach Jerusalem zahlreich. Nur in «»er einzige»» Stadt fanden die Juden eine friedliche Errtwicklimg: m Mogador. Diese Hafenstadt am Marttischen Ozean ist bereits äußerlich ein höchst merkwürdiges Stadtbild, »»«glichen mit anderen »ncrrokkanischen Städten. I« 17. Johrhurrdovt von eins»»» ftanzösischm Archttrttrn cruS Avignon gebaut, mischt Liese Hafenstadt arabisch- und Barockelements auf ku^s Meise. Innerhalb der Mamrn, die die sinzeürsu Stadtvierttl noch «obisch« Sitte einschlleßen, ist die übersichtliche geometrische Anerdnung grrader Streßen äußerst euro- Ech. Man glaubt sich in Südftankreich oder in Spanien. Dtese fv«ch«ttse MMMrvvrtschLng M bm MtzWm

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.