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Wiener Morgenzeitung · 1926-12-12 · Heft 2799 (12.12.1926) · p. Seite 6

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
8 (1926)
Issue
Heft 2799 (12.12.1926)
Date
1926-12-12
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
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Seite 6 Wen, SrmEg Wlener M-eMr-eis««- K. Dez^mNk fMZ Jft. 2799 4 für eine Bevölkerung, die zu gleichen Teilen arabisch rmd jüdisch ist. Das rmmerische Gleichgeivicht geht hier Hand in Hand mit einer starken sozialen und wirtschaftlichen Uebermgcl't. Mogador ist in Wahrheit eine jüdische Stadt, jüdische Eourtiers und die jüdischen großen Hmdelshäuser verrnitteln den zu Zeiten sehr bedeutenden Handel nach dem Süden und nach Europa. Bor Einsetzung des Protektorats gingen ihre europäischen Beziehungen hauptsächlich nach England. Die Schulen der Mianee Israelit« vermittelten dort schon stütz englische, europäische Bildung; in vielen jüdischen Familien wurde Englisch die Umgangssprache, wurden die Söhne nach England in die Lehre geschickt. In dieser Stadt sehen die Juden anders aus als überall sonst in Marokko: selbstverständlicher, würdiger, sauberer, und die Mellahs von Mogador haben keine Schrecken. Die Stadt liegt weit ab von den politischen Zentren, war weder den Launen des Sultans ausgesetzt noch den Abenteuern der Rebellen. Das gesamte ivirtschaftliche Leben ist in der Hand der jüdischen Bevölkerung. Der Samstag ist allgemeiner Ruhetag. Und wenn jüdische Feiertage sind, so müssen die Kararvanen ans dem SuS tagelang warten, bis sie ihre Geschäft« abwickeln können. Hier empfindet man sich im Herzen des Judentums, in einer rein jüdischen Stadt. Ein französischer Großrabbiner soll einmal gesagt haben: Es gibt Israeliten, Juden — und die Juden von Marokko. Diese verächtliche Klassifizierung paßt überall sonst in Marokko — aber nicht in Mogador. Hier gibt es nichts ghsttohaft Abstoßendes. Das ist eine gute, in sich bestiedete, ruhige und heitere jüdische Welt und innerhalb von Marokür die glückliche Borwegnahmc einer zukünftigen Gestaltung. Diese neueste Gestaltung des marokkanischen Judentums, die mit der Errichtung des französischen Protektorats im Jahre 1912 einsetzte, führt , notwendig aus dem Mellah heraus und findet ihre Verwirklichung im nahen Kontakt und in einer erstaunlich raschen Anpassung an die stanzösische Kolonisation. Es würde hier zu weit führen, über die französische und Eingeborenenpolitik im allgemeinen und die in Marokko im besonderen zu sprechen. Nur so viel ist zu sagen, daß Marokko das zuletzt erworbene nordafrikanisch.' Interessenbereich der Franzosen ist, und daß man naturgemäß Fehler vermied, die man in Algier und Tunis gemacht hatte. Die Form des Protektorats, eine kluge und sehr milde Form des kolonisatorischen Eingreifens wurde hier technisch äußerst vorsichtig gehandhaöt. Man ließ den Sultan und den Mächzen, die scherisische Regierung bestehen, nahm rmr beratenden Einfluß und figurierte als Ministerium des Aeußern der sultaniscl-en Regierung in außenpolitischen Fragen und als chr Vertreter, was die Pazifizierung des Landes angeht. Was in diesen ioenrgen Jahren auf dem Wirtschasts- und Verwal» tungsgebiet geleistet wurde, ist ungeheuer. Ein ganz großes Genie, der Marschall L y a u t e Y, militärischer Eroberer und großzügiger Kolonisator des Landes, brachte Hervorragendes während schwieriger Kriegsjahire zustande und erschloß unter Heranziehung aller technischen Mittel seiner Nation ein bedeutendes Wirtschaftsgebiet. D« kolonisatorische Rahmen ist in Marokko über alles Lob erhaben. Doch trotz aller Geschicklichkeit des Marschalls, dem gegenüber den Eingeborenen wunderbar symbolkrästige Handlungen gelangen, bleibt die Eingeüorenenpolitik ein Problem. Die Schavierigkeiten der Kolonisierung beruhen auf der streng mittelalterlichen Gesellschaftsstruktur, der kein Signum der gebundenen Kultur fehlt: religiöse Orientierung des Lebens, ständische Ordnung der Berufe und ein uns unvorstellbarer Traditionalismus in allen Lebensbereichen. Die völlige Identität sämtlicher Lebensformen seit 1060 Jahren ist das Grunderlebnis dieser marokkanischen Welt: die Form der Minarets wie die der Hausgemeinschaften, der Zünfte, des Harems:, alles ist unverändert in ewig gleicher Ordnung. Unser geschichtlicher Begriff der Entwicklung ist in dieser arcckischen Kultur unanwendbar, und die Ueberflutung dieses Mittelalters von den zivilisatorischen Elementen des 20. Jahrhunderts kann nicht reibungslos vonstatten gehen. Man ist manchma! | erschreckt von Um Monströsen, dar sich aus diesem Zusammenstoß einer alten gebundenen Kultur mit einer modernen mechanisierten Zivilisation entwickelt. Das ist ein sehr weites Feld und das Kernproblem, um das das Gelingen der Kolonisation sich dreht. Doch nur so weit, als es für das jüdische Problem den Hintergrund bildet, kann hier davon die Rede sein. Maßgebend für die Haltung der Araber gegenüber der Europäisterung bleibt immer, daß der Koran ihnen die Berührung mit nichtiflamitischen Völkern verbietet: daraus erwächst ein* dicke, undurchdringliche Mauer des Widerstandes. Und nun zu den Juden, dieser gepeinigten, verquälten, jahrhundertelang gefährdeten'Minorität des Landes. Hohe französische Militärs, die im Jahre 1912 Marrakesch erobert haben, erzählte» mir von dem enthusiastischen Empsang, den die Juden den Siegern damals bereitet haben. Die Franzosen haben sich sofort dieser volklichen Minderheit in Marokko angenommen, und jede ander« europäische Regierung hätte eö wohl auch getan. Alle Juden, die ich in Fez oder Mogador sprach versicherten mir, daß mtt dem Protektorat das goldene Zeitalter für sie angebrochen fet. Zum Unterschied von der islamitischen Bevöllerung sind die Juden durch religiöse Traoition in ihrer sozialen und wirtschafttia-en Haltung an keine Vergangenheit gebunden. <3U konnte» nur gennuneu, indem sie sich den Europäern anschlossen, und sie waren besser dafür präpariert als ihre arabisch« Umwelt. Die Schulen der Mianee Jsraeltte — Pioniere der französischen Kolonisation und jetzt von der Regierung unterstützt — hatten bereits französische Sprache und französische Bildung vermittelt. Bor allem in den Küstenstädten, wo geschäftliche Verbindungen nach Europa wiesen und verwandtschaftliche Beziehungen nach England und Frankreich Annäherung erwünscht machten. Aber auch im Innern hatten die Schulen der Alliance Israelit« bereits vor der Einsetzung des Protektorats eine rege Tätigkeit ausgeübt. Die marokkanischen Juden gehen begeistert zur Schule. Die jetzige Generation besucht fast allgemein entiveder die Schulen der Alliance Israelit« oder die französisch-arabische Schule. Daß auch schon die vorhergehende Generation, ivenn auch nicht in so starkern Maße, französischer Bildung zugänglich war, be-oeifts daß das Personal der Post, Banken und Geschäfte in Marokko fast rein jüdisch ist. All diese jungen Leut sprechen arabisch und französisch und sind eminent nützlich und vorderhand unersetzlich. Und hier wird die Emanzipationsentwicklung der Juden von Marokko sichtbar, nicht im Mellah. Diese geschickten jungen Leut-, die freundlich und behilflich sind und europäische Kleidung tragen; das sind die Juden, die sich der Kolonisation adaptiert haben, höchsten Nutzen aus ihr ziehen und heute kvniurrenzlos sind. Denn die'Araber sind — wenigstens itorij in dieser Generation — weltanschaulich zu gehemmt, um mtt ihnen Schritt zu halten. Ich trank in Mogador mit einem Juden Tee im Klub, wo die Ossiziere und Beamten der Stadt Mitglieder sind. Dieser Jude — Ch«s nner sranzösisch-jirdischen Handelsfirma und sehr reich — beivegte sich dort in guter europäischer Kleidung durchaus inter pares, spricht ausgezeichnet französisch und versteht Inflation und andere wettpolitische Probleme bes ser als mancher Börsianer europäischer Großstädte. Die Assimilation geht sehr rasch, wenn die Juden Kastau und Mellah hinter sich gelassen haben. Ich besuchte einig, französisch-jüdische Elementarschulen der Alliance in Fez: dort mitten im Mellah ist es komisch, wenn die kleinen Kinder aus ihrem Lehrbuch buchstabieren: „Nos aneetreS les Gaulois..." Doch ist das nur eine drollige Arabeske: diese Kinder wachsen selbstverständlich und unproblematisch in die Freiheit und ihre Möglichkeiten hinein. Die gräßlichen Mellahs von Marokko werden in kurzem entvölkert sein oder wenigstens fein wesentliches jüdisches Leben mehr enthalten. Die Jnd-.n werden sich in ihrem Habitus ganz europäisieren und willkommen sün, weil \if braucAar sind. Ein HeißerstrebteS ist den Juden in Marokko unerfüllt geblieben: das ist die französische Staatsbürgerschaft gleich ihren algerischen Brüdern, da Algerien richtige französische Kolonie und nicht Pro- | 9 fingnaapant j^Mxaea^aaL.iJBW Schenken Sic Lomborjak _9 . . 8 f®*««» Et*UnfawMt«r.0 1«'— ..$ ifrgj Mdt**S‘rflmpfe.8 1« M. Holzer VI., Mar iahlIfüf9traßeM(fleb«!i notier kino), fl., Taborstr*ßc 18 tektorat ist. Die Juden find Untertanen des SultanS, uitb das ist der einzige Schatten, der ihre Entwicklmrgsgewißheit trübt. Der Makhzen genehmigt nur in den seltensten Fällen einen Tausch der Nationalität. Und nur insofern ist diese Frage heute nicht mehr so brennend, als die Selbstverwaltung der jüdischen Gemeinden sehr entwickelt ist. Tie jüdische Gemeinde in Fez ist durch den sogenanrtten Cheik el Jehoud verwaltet. Er wird unterstützt von einer Kommission aus drei Gliedern. Ihre Funktionen sind die eines Stadtrates uttb beziehen fick aus die Ordnung der Mellahs, auf die öffentlichen Arbeiten, Beleuchtung, Märkte, Hygiene usw. Sie unterstehen nur dem Chef der gesamten Städteverivaltung. Dazu kommt eine Art Gemeinderat aus sieben Männern (drei Rabbinern und vier Laien), der absolute Geivalt hat. In Fez steltt or eine allzu mächtige Oligarchie dar. Er venvaltet Güter, Schenkungen und Legate, Einkünfte und Armenpflege. Die wichtigste Frage ist die der jüdischen Gerichtsbar k e i t. Die Juden — und deshalb wünschen sie vor allem die französische Nationalität zu erlangen — wollten der Gerichtsbarkeit der Muselmanneu entzogen und der französischen unterworfen werden. Das Prsteltorat vermied das aus manchen Gründen; der soziale Stand der jüdischen Bevölkerung erschien ihm doch noch zu fern von der europäischen Zivilisation, als daß die französischen juristischen Kategorien ohne weiteres auf ihn angeivendet wecoen könnten. Bor allem aber wollte es der jüdischen Bevölkerung keine Privilegien zubilligen, die bei den Mustlmannen Unzufriedenheit und Mißgunst wecken könnten. So löste man die Frage dahin, daß man die Juden rabbinischen Gerichten unter- -varf. Auch gibt es ein rabbiuisches hohes Appellationsgericht. Das ist ein eminenter Forschrift, wenn man bedenkt, daß, als die Juden noch mohammedanischen Gerichten unterstanden, der Sühneprcis für einen erschlagenen Inden den zehnten Teil betrug wie für einen erschlagenen Muselmann. Ich hatte Gelegenheit, mit den höchsten Beamten deS französischen Protektorats über die Judensrage in Marokka zu sprechen. Die Meinung war einstimmig die, daß die Alliance I s r a e l i l e mit ihren Schulen Borposten der französischen Kolonisation war, daß diese Juden heute weitaus der europäischen Zivilisation am meisten angepaßt seien und noch lange nicht von den Arabern eingeholt würden. Ihre Brauchbarkeit wird durchaus anerkannt und es liegt im Interesse des Protektorats, die Juden als Verbreiter europäischer Praktiken zu fördern. Es gibt also vom iüdischen Standpunkt aus heute und für die nächste Zukunft kein schmerzhaftes Judenproblem in Marokko. Nur ganz nebelhaft dämmert eines in der Ferne, das die französische Negierung sieht und bereits fürchtet, und das ungefähr so in Fragesorm zu formulieren Ist: wie wird sich die a r ab ibische Bevölkerung dazu stellen, wenn sie sieht, daß die Juden in wirtschaftlicher Beziehung an die ersten Stellen ücken, daß die schmutzigen Mellahas keine Realität mehr haben, und daß das eigentliche jüdische Leben sich außerhalb der Tore des Judenguartiers in den Zentren der Wirtschaft und in nahem Kontakt mit den französischen Eroberern abspielt? Wird ihnen dies Anstwrn sein, sich ebenfalls den westlichen Praktiken anzupassen? Wird sie, was im französischen Interesse liegt, die Juden einzuholen versuchen? Oder werden sie neuen Haß aus ihre«! Erfolg ziehen? Und wie wird sich di.str Haß auswirken? Werden die europäisch geschulten Juden von Marokko kein Staat im Staate werd.'n, der den Franzosen ihre Eingeboreneirpolitik erschwert? Das sind ungefähr die Fragen, die sich für die Zukunft der marok'anischen Juden stellen. Für heute aber Einige Beispiele r Billigkeit Stoff-Abteilung: Rein Woll-Kasha.S $ 90 Rein Woll-Kleiderstoffe, 130 cm breit ...... l . 8 0 99 Rein Woll Kleidervelour, 140 cm breit.S 9*89 Seiden-Abteilung: MzWM«»MWWWWL»»»M» Mode-Brokat ...... 8 $ 99 Kristalline Facone . . . . 8 2*90 Crepe de Chine, 100 cm breit S 3*90 Seiden-Rlpse.. S 4*90 Leinenwaren- Abteilung: Wäsche Chiffon.8 $9 Atlas-Gradl ...... 8 12$ Bettuch, 148 cm breit . . . 8 12$ la Handtuch ...... S —98 fabelhafte Geiegrenheitskäufe in allen Abteilungen! Besichtigen Sie unsere 26 sehenswerten Schaufenster! 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