Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 8 (1926)
- Issue
- Heft 2799 (12.12.1926)
- Date
- 1926-12-12
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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M. 2999 Men, Sonnkrg EVANe M-rgMMmtg M. ÄMmVer MV SMe % % » Tagesbericht. Sie geiegeatttche Löge. Bo«y«r Sonntag hatte die „Arbeiter-Zstttmg" mÄget*tt, daß das dentschnational-antisemitische „Neue Grazer TaKlatt"" von zionistischer Seite informiert werde, mrd daß die „Wiener Morgenzeitung"" chnstlichsoziake Kuckuckseier enthalte. Das soziak-emvkmtische Zentralorgan versprach, gelegentlich darüber näheres zu sagen. Wir Hecken erwidert, daß das Zentralorgan gelogen habe. Nun hätte die „Arbeiter-Zeitung"^ eine Söodje lang Zeit gehabt, um gelegentlich ihren Beweis zu führen. Aber es scheint, daß ihre strengen Begriffe von Pressemoral sich gelockert haben. Die Verleumdung der Zionisten, daß sie zu Antisemiten Verbindung halten, und des zionistischen Blattes ist nicht so von ungefähr geschehen, sondern gehört zur Vorbereitung einer Aktion, die mit den kommenden Wahlen zufammenhängt. bestem produziert sich die „Arbeiter-Zeitung" mit der Lüge, Dr. Plaschkeö sei Industrieller. (Nebenbei bemerkt, ist das alles, was die „Arbeiter-Zeitung" auf die in der jüdischen Versammlung vom Dienstag geübte Kritik zu sagen hat.) Die „Arbeiter-Zeitung"" weih sehr wohl, daß der Gemeinden Dr. PlaschkeS Rechtsanwalt ist. Aber damit wäre wenig anzufangen. Sie muß ihn, den Zionisten, doch verdächtigen. Wie fängt sie die Verleumdung also an? „Herr PlaschkeS ist Industrieller... Es ist dasselbe Großkapital das sich, je nach Bedarf, hinter dem Kruzifix, hinter dem Hakenkreuz oder hinter dem Dawidswappen versteckt." AlS die Herren Eldersch und Genossen zu dem Großkapitalisten Bösel krochen, um ihm die Hammerbrotwerke a rzuhängen, dachten sie nicht mehr so stolz vom Großkapital. Sie sind noch weiter heruntergekommen bis zu der gelegentlichen Lüge. Rseubahnzusammenfisß auf einet Bröüe. 25 Tote, 40 Verwundete. Tokio, 11. Dezember. In der Nähe von Teelhing (Südmandschurei) stießen ein Personenzug und ein Güterzug auf einer Eisenbahnbrücke zusammen. 25 P ersonen wurden getötet und 40 verwundet, meistens Chinesen. Die große Zahl der Opfer ist darauf zurückzuführen, daß jegliche Hilfe fehlte, daß das Unglück sich zur Nachtzeit ereignete und daß die Verletzten, die in den Fluß hinabgestürzt waren, infolge der großen Kälte erfroren. SKB SS m m Wer alle m S g l r ch e n gntfettyiwstiittn I » H durchgemacht hat und trotz großer diättscher Entbehrungen keine Gewichtsabnahme erzielen konnte. « > versuche Dr. Hoffbauers EritfetturnStabletteu, die vor allem keine Aenderung der 8 H gewohnten Lebensweise verlangen und in kürzester m Zeii Gewichtsverminderung bewirken. — Depot r Apotheke H. Bayer, Woüzsile Nr. IS MM»—,»«,,. .. nmmmmmmmmmmmmmmw—— Me Woche Berlin. Bon Kurt Münzer. Eine Existenz reicht nicht, die Genüsse einer Berliner Wochea ufzunehmen. Man muß die Rosinen aus dem Kuchen pflücken und den Teig vor die Hunde werfen. Ach, wären es mir immer Rosinen! Namen trügen; und das Unscheinbare enthält das Wesentliche. Aber K a n d i n s k y ist da, er hat bei Nierendorf ausgestellt, hundert Bilder; und sie zu betrachten, ist letzten Endes ein musikalischer Genuß. Jenseits der Maleroitradltion ist fast der einzige, dessen vorgängerlose Artz, überzeugt, entzückt, oft überwältigt. Man glaudt zu fühlen, daß diese Bilder nicht aus dem Pinsel, sondern direkt aus der Seele strömen, aus Klanghalluzlnationen sich unmittelbar in Farbe unrsetzen. Auf den ersten Blick ein Chaos, erlöst sich die Leinwand beim zweiten in Harmonie von Hell und Dunkel, von Farbigkeit, von absoluten Formen, in Harmonie, die im Beschauer Musik fließen lassen. Das meiste der neuen Malerei ist — wie bei neuer Musik — intellektgeboren, theoriebefeuchtet, gedanklich ausg'tragen Und daher die fehlende Ueberzeugungskraft, der Mangel eines Fluids, die seelische Leere. Kaudinsky überzeugt, erwärmt, zieht an. Jedes Bild ist ein lebendiges Geschöpf, blutvoll, heiß. Mau kann keines beschreiben, vielleicht keines verstehen. —- Aber jedes bewegt das Herz. So wie wenn Tagore hlndustanisch rezitiert. Das Gebilde ist unverständlich, aber sein GefühlSgelialt wirkt über die Form hinaus. Es Itrirb getanzt in Berlin, viel getanzt. W a l e s k a Gert, eine geniale Jüdin, ein Geist, der Laster, Unzucht. Elend, Komik in Tanz und Lautgebilde konzentriertester Fassung umsetzt. — WaleSka Gert gab, ehe sie ln Paris Feinschmecker hinriß, zwei Abende in Berlin. Sie formt Zwei-Minutew-Szenen, Typen der Verkommenheit, in denen Verbrechen, Wollust, Tragik, bis zur Groteske verdichtet, ganze Romane aufblättern. Ein Lebenslauf in einer Tanzvifion. Natürlich, daß ihr Publikum in zwei Lager streng geschieben ist: Begeisterung und Empörung. Es gibt keine Mitte für diese großartige Frau. Die P a l u c c a tanzte mit ihrer Gruppe. Schülerin Mary Wignmns, wird sie von vielen als Erfüllung der Meistert» angesprochen. Ja, sie hat die Leichtigkeit, Be- , Klassenlose vom r Bonkhause Scliefhammer EfSchaüera Wienl. SteptmnspS« *w/v \ 1 r; - mm Set mazedonische Revolver in Wien. FSsera istev « d Autovomtfte«. — Ein wiß* lirngeireS Alte tat auf Athanasow. Der Ermordung Pa Nizzas durch die bul. garische Emissärin Meneia Carnitschewa ist gestern wieder ein glücklicherweise mißlungenes Attentat aus der Balkanatmosphäve gefolgt. Der 29jährige Tangsichrer Boris Prozess erschien vormittags in der am Fleischmarkt gelegenen Wohnung des Emigranten Dr. Philipp A t h a n a s o w, der sich in Gesellschaft seines Landsmannes Slawe Iwanow befand. Prozess gab auf beide zwei Revolderschiisse ab, die fehlgingen, jedoch die Haushälterin Franziska Hornitschek am Hand» teller und am Bauch verletzten. Die Verwundete wurde ins Wiedener Spital Überführt. Prozess flüchtete, konnte jedoch auf der Straße einge-holt und verhaftet werden. Er rief dem Polizisten in gebrochenem Deutsch zu: Politisch geschossen!" Die Wohnung wurde behördlich geschlossen. Die Ursache des Attentates ist zweirftllos politischer Natur und lenkt wi-eder die Aufmerksamkeit auf den trotz Fried?« und Völkerbund in Rache und Mord versinkenden Balkan. Vor allem ist es die mazedonische Frage, die immer und immer wieder durch Gewaltakte sich in Erinnerung ruft und die bestehen bleibt, solange die Machttendenzen d?r Mächte den unglücklichen Balkan als Gpielball ihrer Intrigenwirtschaft behandeln. Nie» I rnand kann es verstehen. w"sbalb denn der VöWerbund, schwingtheit, Entkörperlichung, die die Wigman nicht hat. Aber gerade in ihrer Schwere, die dennoch in Tanz selig aufgeht, in ihrem heiligen Ernst, der fast Düsterkeit ist, behält die große Mary ettvas Priesterinhaftes, Gottnahss, das immer tiefer erschüttern muß als anmutigste Gelöstheit. Trauer steht Gott näher als Heiterkeit. Es ist nicht wahr, daß es schwerer ist, leicht und froh zu sein. Bei Gott auSzuharren — was Askese und Demut und Selbstverzicht bedeutet — ist größer und schöner als silberner Flug im Irdischen. Aber: in diesem Irdischen schtvingt die Palueca am herrlichsten. Das tat auch einmal Alexander Borowski, ivenn er am Klavier saß. An seinem letzten Abend, soeben, bewies er, daß er den Weg zu den himmlischen Geistern cingeschlagen hat. Er spielt jetzt Bach mit den Händen dessen, der Gott geschaut hat. Schnell, in ganz wenigen Jahren, hat er sich von Bravour zu Gefühl, vom Virtuosen zum Künstler entwickelt. Er steht sozusagen auf. sich selbst und spielt nun über sich hinaus. Bestimmt tut das nick)' Frieda Kievast-Hedazz. Sie ist unfehlbar, sie hat einen männlichen Impetus, sie hat wahrscheinlich auch die Empfindung in sich und spielt, jenseits der Technik, aus ihrer Seele. Aber der Hörer bleibt irgendwo kalt. (Dieses Irgendwo ist. die Seele.) Der Klang ist nicht aufgeschlossen, er bleibt in sich gerundet; die Musik, die sie — vollkommen -r macht, bleibt Konzertstück und wird nicht Klang aus dem Kosmischen. Und gerade fo klingt es bei Ekli Ney, deren Abend bevorsteht. DaS Berückende ihres Spieles ist, daß eine Fra« es macht. Das bringt ein Timbre in drn Klang, der sofort fasziniert. Ihre Musik stammt aus jener Unendlichkeit, die uns hörbar zu machen nur sehr wenigen vergönnt ist. Bon solchen Erlebnissen ist ein weiter Weg zum Film. Bestenfalls gibt es da im Verlauf einer Stunde einen Augenblick, in dem das Unsagbare uns anfaßt und schüttelt. Solch einen Augenblick hat die unendlich süße, rührende Li l i a n G i s h in der sonst zwettklasiige« „B o h e m e", wenn sie, verfroren und hungrig, am Ofen des Nachbar« sich Wärmen darf. Hier ist es wie bei Charlie Chaplin, daß plötzlich, mitten im Alltag, im Gemeinen und Banalen, das tiefe Geheimnis: „Mensch sein" uns aufgeht, daß ein ungeheurer Blick aufs furchtbar Nahe uns erschüttert, daß dem doch alle Balkanstaatrn als Mitglieder angehören, nicht auf dem Wege eines öffentlichen 'Kongresses eine Ordnung des Schicksals der Mazedonier versucht. Unter den Mazedoniern gibt es in der Hauptsache zwei Richtungen: die a u 1 o n o m i st i s ch e, die durch die Jmro, die innere mazedonische revolutionäre Organisation, repräsentiert wird und die Unabhängigkeit aller Mazedonier anstrebt, dann die föderallst i s ch e. die die Bildung verschiedener mazedonischer unabhängiger Gebiete durchsetzen will. Diese beiden Parteien verfolgen einander mit dem Revolver. Die Föderalisten Panizza und Wlachow wurden erschossen, Athanasow und Tschaulew leben noch. Der Autonomist Todor Alexandrow, der einer Aussöhnung beider Gruppen das Wort redete, wurde von einem Mitglied seiner eigenen Partei ermordet. Auch der gestrige Anschlag ging offenbar von . dem mazedonischen revolutionären Komitee aus. Diese Vorgänge sollten doch genüg-vn, um die große Gefahr zu zeigen, die nicht mehr als Angelegenheit der Polizei, sondern der am Frieds»» interessierten Oeffentlichkeit gelten darf. * Franziska H o r n i t s ch e k, die am Bauch ziemlich schwer verletzt ist, wurde nachmittags operiert. Abends konnte sw polizeilich einvernommen werden. Ucher Athanasow und Iwanow wurde wegen der unklaren Aussagen über das Attentat die Derwahrungshaft verhängt. SS Sewslse einer aufs Aeutzerste gesteigerten Leistungsfähigkeit sind b\t 26 seh-ermoerten Auslagenfenster Des allgeme-m bekannten Leopoldstädter Warenhauses der Brüder Schif-fmann, 2. Bes« Tabor st raße 4 3. 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Jetzt sieht man hier seinen Vorgänger, ein Jahr vc" ihm geboren, den „S ch w a r z e n S o n n t ag" des Jahres 1905 in Petersburg, die Niedermetzelung des vertrauensvollen Volkes. Nach dem Panzerkreuzer wirkt dieser großartige Bildstreifen nicht mehr so hinreißend, man darf den Austakt nicht nach dem Thema hören. Abek er beweist doch wieder, daß der deutsche Film das Geheimnis, langweilig zu bleiben, treu bewahrt; daß der amerikanische Film glänzend unterhält, der schwedische ftcundlich annmtet, aber nur der russische menschlich austvühlt. Man sieht zur selben Zeit den Moskauer Film „Der Sohn der Berge", technisch unvollkommen, in der Photographie schwach, aber das Herz lebt mit. Kommt es je auf etwas anderes an? Wenn der Muber unter seinem Galgen tanzt —- es war sein letzter Wunsch — mit seinem Freunde zusammen den Boden stampft und Assa! schreit — diese halbe Minute teilt ein Leben ans uns mit, von dem der gleichzeitige rutsche Film „Das graue Haus" nur ein Negativ hat, dieser lächerlich entgeistettj, Schundgesetz herausforderne, Geschmack und Kunst verhöhnende Film; ein Leben, von dem der blendend gemachte amerikanische Film „Die schönste Frau der Staaten" nur die Aeußerlichkeiten gibt, gesellschaftlich und sportlich großartig gestaltet, eine Stunde funkelnder Unter" Haltung. Die Theaterkunft dieser Woche hält dieses einzig erfolge versprechende Niveau des Films. Das „Neue Theater am Zoo" versprach mit der neuen Operette „Ninon am Scheidewege" ein französisches Souper mit allem, was dazu gehört: Sekt, Frauen, Kavaliere. Und die Sensation war, daß die Sache nichts mit der alten Ninon zu tun hatte. Es ist viel undramatischer, leidenschaftsloser, als« modern«»