Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 8 (1926)
- Issue
- Heft 2798 (11.12.1926)
- Date
- 1926-12-11
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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SK. SM «■lau Wiwli 'SuwIRQ M BMMvtt M» WMe N SsL-eilrta-. GSwöMich wird der Sonntag VsvßWG «ld MM nm die frühe Mittagsstunde kommen das Brautpaar und di«. Hochzeitsgäste in das stille Güßchen vor dom Tempel gefahren. Was nun jetzt folgt, hängt ganz von der Masse" die man gewählt, beziehungsweise im Sekretariat des Tempels vorher bezahlt hat. Deren gibt es nämlich drei und es ist der Wunsch aller Brautpaare, jüngeren sowohl, als auch älteren Jahrgangs, ganz gleich, ob sie eine Liebesheirat oder eine Konventionsehe eingehen, der sehnsüchtige Wunsch aller dieser Mittelständler ist es, am Hochzeitstage erstklassig behandelt zu werden. Da ist alles feierlicher, pompöser, langwieriger, eS bleiben nachhaltige« Eindrücke für die ungewisse Zukunft, die nur allzu oft große Enttäuschung bringt. ’ Wie IjetiT sind die Töchter Israels in dieser Stunde! — Willfährig lauschen sie den Weisungen ihrer Mütter, Großmütter und Tanten, die sich natürlich die Gelegenheit nicht nehmen lassen, ihre gutgemeinten, auf Erfahrung gestützten Ratschläge, der keuschen Braut ins Ohr zu raunen. Da steht sie nun unter dem goldgestickten, roten Baldachin und erwartet den Bräutigam, der, abseits sitzend, auf einen Wink des diensthabenden Tempeldieners wartet, um sich mit seinem Gefolge ebenfalls zu nähern. Indessen erklingen die Töne einer Orgel, die der blinde Organist — eine bekannte Figur aus der Leopoldftadt — trefflich spielt. Orgeltöne sind so recht die Musik für eine Hochzeitsfeierlichkeit, welche durch die rührende Stimme des Oberkantors noch erhöht wird. Der korpulente Schames mit dem abgewetzten Napoleonhut und den nicht mehr ganz weißen Harü»schuhcn waltet eifrig seines Amtes und weist dem Bräutigam,^diesem Rekruten der Ehe, mit der gestrengen Miene eines Korporals den richtigen Platz an, wo er zu stehen habe. « Die Zeremonie ist in vollem Gange; die herzigen Ehorknabeu in ihren langen, schwarzen Röcken uttb Samtmützen, folgen aufmerksam den energischen Handbewegungen ihres Dirigenten, der nicht wenig Mühe auf die Disziplinierung und Ausbildung dieser ungestümen Sänger verwendet haben muß. Wer kann es wissen, vielleicht wird mancher dieser Kuaben ein berühmter Kantor oder gefeierter Opernstar, denn gar viele weltbekannte Sänger haben ihre erfolgreiche Laufbahn als Tempelsänger begow nen. Aber das ist Zukunftsmusik. Indessen erhält der Chorknabe zehn Groschen per Hochzeit. Es nähert sich der entscheidende Moment: Der Schames reicht dem Bräutigam den Ehering, der ihn seln:rseits wiederum über einen Finger der Braut streift und die bekannte ,Sparer at"-Formel spricht. Unbegreiflichurweise stolpert man immer beim Hersagen dieses Sätzchens, das man doch vorher bestimmt fleißig geübt hat , . . Zur größeren Sicherheit hilft daher der amtswaltende Rabbiner nach — und die Ehe ist nach jüdischem Ritus vollzogen. Erst jetzt liest der Rabbiner den gedruckten Ehevertrag — die im jüdischen Eheleben eine dominierende stelle einnehmende,Ketubah" — vor, und beide Teile stimmen vollinhaltlich und lebhaft zu. Die Frauen schluchzen, die Braut weint ebenfalls; heiße Küsse werden gewechselt, warme Begrüßungen von allen Seiten, die Jungvermählten schreiten langsam dein Ausgange zu, begleitet von melancholischen OrgeMängen, —- das kleine Podium des Tempels ist für die nächste Hochzeit frei... Das Neuvermählte Pärchen fährt schnurstracks zum rühmlichen Photographen des Bezirkes, um diese glückliche Stunde zu „verewigen". Mit großem Rasfinrm n entledigt sich der Photograph, von dessen Gesicht das Photogrüphenlächeln nicht weicht, seiner Aufgabe und bittet fortgesetzt um ein „freundliches Gesicht", was ihm, angesichts des zu erwartenden HochzeitsfchmauseZ, und noch aus anderen Gründen, nicht verweigert wird. Später einmal, wenn das Schicksal erbarmungslos seinen Lauf genommen hat, stößt man auf die eigene Hochzeitsphotographie in der Auslage des Meisters und sie wirkt nicht selten direkt aufreizend. Wenn man sich nicht schämte, würde man sie dem Photographen abkaufen, oder gar die Scheibe zertrümmern. ' Zur nämlichen Stunde stehen junge Menschen beiderlei Geschlechts vor dem Schaufenster, betrachten eingeh?nd jedes Bild, den Schleier der Braut, den Zylinder des Bräutigams — und träumen von ihrem Hochzeitstage .. . I. Tigern Koufta«tl«ovel — Miiftapha Kemal. Nach einer Meldung aus Konstantinopel berichten die Londoner Blätter, daß der Nationalversammlung ein Besetz unterbreitet werden sott, das den Namen Konstanttnopel in Mustapha Kemal umändert. vegmUg««« eines der Srfartn FriedhofichSoder. Berlin, 10. Dezember. (I. T. A.) Wie man jetzt erfährt, wurde Kurt Seidenstücker, der an der Zerstörung des Israelitischen Friedhofs ln Erfurt mitbelMgt war und eins Gefängnisstrafe von eineinhalb Jahren erhalten hatte, vor kurzem begnadigt und nach Verbüßung von einem halben Jahre auf freien Fuß gesetzt. Anfang dieses Jahres verwüsteten drei Mitglieder des Wlckingbundes, unter ihnen Seidenstücker, den alten israelitischen Friedhof in Erfurt, warfen 60 Grabmäler um und zerstörten sie. Letzte Nachrichten. NoßrWüko» tet Lftka«-Friedl8«»tt ftiftttinl« Ans Prag wird gemeldet; In einer morgen in Wieu ftattftndenden Sitzung des Bettvaltungseates der Ostrau- Friedränder Bahn wird Über die Rostrifizierung dieser Gesellschaft sowie Wer die Verlegung ihres Sitzes Beschluß gefaßt werden. Die Prioritäten wurden in tschschoslowa-- kischen Kronen ausvezahlt. Unter den neuen Mitgliedern des BerwattungSrateS befinden sich sieben Vertreter des tschechoslowakischen LisenbahnministeriumS und ein Vertreter des tschschofiowaktfchen Finanzministeriums. Die österreichische Bodenkreditbank ist du«h Dr. Herzfeld vertreten. Die Aktien befinden sich bis auf einen unbeträchtlichen Rest Im Besitze des tschechoslowakischen Staates. Die Wiener Kanzlei der Gesellschaft wird sofort auftzelassen. Das Personal erhält eine Abfertigung in der Höhe eines Monatsgehaltes. Die Nostristkatto» gewinnt durch den Umstand an Bedeutung, daß die Oftmu-Friedländer Bahn zu den aktivsten Bahnen der Tschechoslowakei gehört. Sera Farkar gegen den ' mernr elansnr. Budapest, 10. Dezember. Ans Budapest wird uns berichtet: Unter den einstimmig gewählten Kandidaten der Regierungspartei befindet sich der König!. Kämmerer Geza Farkas, der in dem von vielen Juden bewohnten Wahlkreis Szikszo kandidiert hatte. Bei der friedlichen Ueberreichung des Mandats dankte Farkas für das Vertrauen der Wähler und erklärte, eS sei ihm, o b a l e i ch er auf dem Programm der Regierung kandidiert habe, um seine liberale Gesinnung ernst. Gr werde sich stets für die Wiederherstellung der Lernfreiheit und die Aufhebung des Numerus elausus einsetzen. Er wolle feüre parlamentarische Tätigkeit damit beginnen, daß er gleich am ersten Lag die Aufhebung des Numerus clausus verlangen werde. (Solche Versprechungen wurden von mehreren Kandidaten auch bei den Wahlen in die letzte Nationalversammlung gemacht und mancher Kultusvorsteher und Rabbiner in Ungarn bewahrt einen schriftlichen Revers mit der Verpflichtung des Kandidaten, kür die Aufhebung des Numerus clausus tätig zu sein. Diese Reverse besitzen heute nur noch Musealwert als Dokumente nie erfüllter Versprechungen. christlicher Wahlwerber an jiidische Wähler. — Red.) Men, 11. Dezember 1926. Das Wetter. Gestern herrschte regenfreies, kälteres Wetter. Die Voraussage lautet: Veränderlich, allmählich abnehmende Bewölkung, keine wesentlichen NiederMäge, mild. Auswanderung aus Oesterreich. Nach den Aufzeichnungen des Wanderungsamtes sind im Oktober dieses Jahres 361 Personen aus Oesterreich ausbewandert. Aus Wien allein 103, worauf Burgenland mit 69, Steiermark mit 64 und Niederösterreich mit 59 Personen folgen. Seit 1. Jänner d. I. sind aus Oesterreich 3942 Personen ausgewandert. Schweres Unglück auf dar Dvrraituferlrohn. Gestern gegen 5 Uhr nachmittags wurde am Handelskai eietwa 46jähnger unbekannter, anscheinend dem Arbeiterstaude angehörender Mann von einem Zuge der Doriauusorbahn ersaßt und lebensgefährlich verletzt. Die Lustdakkeltsabgabe für SchSnbrunn. DaS Handelsministerium beabsichtigt, die Vorschläge der Gemeinde, welche die Befreiung der Menagerie und des Palmenhauses von der Lustbarkeitsabgabe von der Bedingung des Verzichtes auf Eintrittsgebühren abhängrg machen will, dahin zu beantworten, daß hierauf nicht ein gegangen werben könne, weil der Bund schon der- " ~ " ""er bringen muß und daher ntrittsgebühren nicht vermalen für Schönbrunn große Opf auf die Einnahmen aus den Ei „Sministerium genötigt sehen, in Wahrung der Interessen deS Bundes und der Oenentlichkeit gegen die Vorschreibung der Steuer alle gesetzlichen Mittel zu ergreifen. jüdisches Zentrum der Soziale« HilfSgcmesnsch-ast, 2. Bez., Untere Augartenstraße 35. Heu e, halb 8 U'-r abends Bo t ag Dr. N. M G e l b e r: „Nchao Haam, der Begründer des Kulturzionismus." Ein vermißtes Kind. Seit Mittwoch ist aus der Mödling, Wehprechtaasfe 3, die Geig e r, am 39. November 1914 , verschwunden. Sie hat sich vorher von der Dausget 20 Schilling auSgevorat. Hedwig Geiger ist schön zr \ dem Eli aus klternhauS Igegangen. tltr zu feiner Wohnung tm Bause vanvgurgcme aw n versperrt. Als er in die Küche eindrang, schlug stickiger Wayerdamptzeruch enigegen und er sah nem Gefiel in der Küche Halo entkleidet seine Zwei Todesopfer durch Leuchtgas. Gestern vormittags gegen halb S Uhr fand der Heizer Karl Zillinger bei der Heimkehr aus dem Dienstz die Eingangstür zu seiner Wohnung im Bause Landgutgafie 30 von innen versperrt. Als er in die kh« ein stick' " " ' ‘ ‘ neben einem .. ... ..... 4?jührige Gattin Barbara leblos am Boden liegen. Im Kabinette lag sein Ljähriger Ziehsohn entkleidet leblos im Bette. Nun erst entdeckte der Mann, daß der Hahn deS Gaskochers, aus dem ein großer WSschetovs stand, geöffnet war und LeuchrgaS auSstromte. Rasch sperrte er den Hahn der Gasleitung ab, ritz die Fenster auf und alarmierte Sei und RettungSgessNschaft. Die Nettungsgesellschast e bei Srau und Megesoyn nur mehr den Antritt des Todes feststetten. Pen Erhebungen zufolge handelt es sich offenbar um einen Unfall. .. Ei» SSMriger Postbeamter unterschlägt 15.000 Schilling. Der 26Mriae Postervedient Karl KudrlS, der fett dem 11. Marz 1934 im Pystdienft war und seit etwa zwei Jahren das Postamt ln Breitemee bei Floridsdorf geleitet M, hat sich gestern vormittags bet der Polizei mit der Sewstameige jjeMft, daß er Amtsgelder in der Höhe von beiläufig Ww«chWng »nt«rscklage n ***» mkm Kölnisch Wasser Kölnisch Hass er Seile wurde dem Sicherheitsbureau übergeben und hat ausführlich mitgeteilt, wie es dazu kam, daß er -zum Defraudanten wurde. Er hat im November v. I. geheiratet, und die Instandsetzung seiner Wohnung nahm 3000 Schilling in Anspruch, die er durch fremde Gelder deckte. Dann setzte er die Unterschleife fort. Kudris offenbatte sich gestern seiner Frau und beschloß im Einvernehmen mit ihr die Selbststellung. Er wird dem Landesgerichte eingeliefett wettien. Ter getaufte Judenknabe von Maria-Lanzerrdorf. Wir haben seinerzeit über den Fatt des Knaben Jakdv Kleinmann berichtet, der zur Heilung seines Leidens von der verwitweten Mutter aus Satanow nach Wien gebracht wurde, später in das Krüppelheim zu Maria-Länzendorf kam' und dott nach Erreichung des 14. Lebensjahres die Taufe erhielt. Wiederholt haben wir in unserem Blatte Briefe der Mutter des Kindes veröffentlicht, in welchem sie ihrer tiefen Trauer darüber, daß ihr Sohn dem Judentum entführt wurde, Auödmck gab und nach dem Kinde verlangte. Herr Oberrabbiner Chajes und die Wiener israelitische Kultusgemeinde kümmerten sich um die Angelegenheit und wie wir soeben erfahren, wurde der Knabe bereits in seine Heimrat gebracht »nd d°oe M u t t c r ü b e r g e b e n. vereiae. BorirSge und Bafnmmlmtge». Wiener Beth-Hamidvasch, 2. Tempelgasse 3. 8 Ahr, Lektor S. Rubin: ,^ossph in Aegypten." — Leopoldstädter Bolksheim, 2. Bez^ ZittuSgasse 48. Heute, 7 Uhr, Dr. Franz Peroutka: Das österreichische lHerecht. Eintritt frei. — Brigittenaner BottSheim, 20. Beg^ * Strömstratze 74—76. Halb 8 Uhr (Winarfly-SaaL): Klastische Singspiele (bühnenmähige Aufführung). MEaKsche Leitung Dirigent Gottfried Kassonntz. Karten zu S. 1j röschen. — Aus- 3 Uhr: GeselliKeit von heute; 4 Uhr; Hausfrau und Hausrhilfin, eine DiSkustion (Dr. Mela Pappen heim, Frau ,Änny F r e u n d-MareuS). — Brith Ha-Zofim. Heute, Sams, tag nachmittags, Hebräisch-Kurse; abends» 7 Uhr, Vortrag des Herrn Moses Lutzky über „Palästina und die .. Jugend'" flCttb, 3« Fortsetzung . . um halb 6 Uhr Bortraa Dr. Josef Geiba rd: „Die Grurür« gedanken der Demokratie." Jugendliche Gäste willkommen. — Toynbeehalle. 80. Bez.. DeniSgafle 88. Heute, 7 Ahr abends, Konzert der GesanMule Jda Schlaffenberg. — Lese- und Rede-alle jüvischer Hochschüler. Heute, 8 Uhr. Kawervt; präzise 149 Uhr, außerordentliche Plenarversammlung. TageSordnungr 1. Statutenänderung, 3. Wahl des Schiedsgerichtes. 8. Eventualla. — Zlonlftlsche Sektion Prater. Morgen, 8 Uhr abends, km Heime. S. VeZ, Jungstraße 9. Vortrag Gemeinderat Dr. Leopold Plasch!es. — MaimonideS-Jnsntut, Wien. S. Hetzgafie 40. Heute, S bis 4 Uhr. Dr. N. Goldsteln: ^idvafch"; hakb 7 Ufo im HSi^aal 96 der philosophischen Fakultät. Dr. A. KaMinka: „Die bedeutendsten Mischen Schriftgelehrten der römischen Kaiserzeit". Allgemein zugänglich. Montag, 6—7 Uhr, Doktor A. Kaminka: Erklärung des Buches Hofea*; 7—8 Uhr, Maimonides, More Nebuchlm. — Verein der HebrSfichfprechenben. Heute, Samstag. 7 Uhr abends, findet im Bereinsloüal. S. Be«., ZirkuSg. SS, ein Borttag Dr. Heinrich Gla ng über „Jüdische Urgeschichte und die Sinaiinschriften statt. — Vortrag des Leiters des n-iederösterreichischen LandiagSstenogvaphenamteS LandeS-RechnungSdiroktor Joses Wittmann über ^Lie leitet man eine Versammlung?" tEonntag»10Wr. vorMtagö, im Rittersaale deS n.-ö. Landhauses, 1. Bemrk, Herrengafie 18.) Nach dem Bortrag Mchrnng durch die MorMw LaudtagSM.