Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 8 (1926)
- Issue
- Heft 2798 (11.12.1926)
- Date
- 1926-12-11
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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fi M«r, Ga«M>y «„ »« SNaderei A »ie Srelhett. -y, Wien, Ll. D«-««ber WS6 Pasic K gestorben, eine der MtttvwunctskW«»» der ««Mchte der letzten Zeit. Vr gchött in die «tre Berfrmmlung von Staatsmännern, die dm Geschchnifse» scheinbar ihren Stempel avf-wingerr «ck taiti Namen zu lesen man schon so gennchnt ist, daß man «it ihm auch die Borstellung von einer scharf akzentuierten politHchen Richtung verbindet. Man sieht in ihnen Person«» von eigenem Willen und von hartnäckiger Konsequenz, die die Tat der Reflexion vorziehey und das Geschick von Menschengruppen und Menschenklassen forme«. GS sind nicht viele, denen die Zeit dies« Gabe KUschveibt, oder es waren in allen Perioden der Weltgeschichte solche Persönlichkeiten vorhanden. Sie scheinen die Lehre zu widerlegen, daß das Moment der Jndivr dualität nicht geschichtsbestinunend ist und daß alle Entmcklung von historisch-wirtschaftlichen Prozessen bedingt .vird. Die Lloyd George, Balfour, Poincare, Briand, Benlzeb-s, Tifza, Paste haben selbst in den Gang der Evolution eingegriffen. Sie stehen auf von Schaltern ihrer Borgänger, aber sic haben ihre eigene Note und sie sind aus der Geschichte nicht nregzudenken. Sie sind eigenwillige Vollstrecker des Massenwillens. Paste hat die Befreiung der feMchen Nation vollendet. Er ist mit ihrem Fortschreiten so sehr verwachsen gerovsen, daß man sich keine Phase dieses Ganges ohne ih« denken konnte. Pasic ist 80 Jahre alt geworben und er ist den Weg seines Volkes von der türkisAn Leibeigenschaft bis zur Zusammenfassung aller Serben zu einen: einheitlichen fteien Staat mügcgangen. Ursprünglich ein Schüler der allftawisch-anarchistisch-en Lehren Bakunins, hat er in Macht und Verantwortung jede Unterscheidung nach Klassen ab gelehnt. Für ihn existierte nur ein serbisches Volk, das sich das Mutterland hcttt« ertrotzen müssen und das rroch seine Diaspora zu erlösen hatte. Hat das ganze Volk seine Freiheit und Autonomie, dann kann es sich den Fragen der Industrialisierung, der Volksbildung und des sozialen Aufbaues widmen. So wurde bec sozialistische Revolutionär zum Revolutionär schlechttvegs, zum nationalen Führer, dessen Autorität durch die Zielsicherheit verstärkt ivurde. Paste hat nur Serbien gekannt. Wie es zu seiner Unabhängigkeit kam und zur Zusammenfassung aller serbischen Elemente, dafür stellte er sich kein politisches Dogma auf. Er war, als ihm dies gut schien, austrophil. Ws ihn Oesterreich, das der: Weg nach Saloniki suchte, hochmütig abwies, waMe sich Pasil. an Rußland. Mer immer wieder kam Pasie aus den österreichischen Weg zurück. Die österreichische Jredu- .strie gravitierte nach dem Balkan, die Aerzte und Techniker Serbiens wurden in Wien au-sgebildet, uub eine kluge Politik hätte dies benützen können, um sich den Markt durch Freundschaft zu erhallen. Aber die Hausmachttendenz der habsburgischen Dynastie und die agrarischen Fleisch- und Getreidewucherer in Ungarn stemmten sich dem entgegen. Serbien wurde wie ein Sklave behandelt, der dem Wiener Kommando unbedingt zu gehorchen hat. Pasic sah sich wiederholt brüskiert mrd so wurde er konsequent nach Rußland getrieben. Trotzdem vermied er nach Möglichkett den Konflikt. Ms die Annexion Bosniens, eine offene und brutale Vertragsverletzung und eine Beleidigung des serbischen Selbftbestimmungsrechtes, zum Krieg zu führen drohte, lenkte Pasic ein. Ec warf das Schwergewicht der serbischen Einigungsbestreibungen nach dem Balkan. Me Donau sperrten ihm die Tisza-Gendarmen, Bosnien war österreichisch-ungarischer Besitz. Serbien brauchte Bewegungsfreiheit. Den Weg zur Adria sperrte wieder Oesterreich, das nicht einmal eine Bahnlinie für Serbien zulassen wollte. Um ans Meer zu kommen, mußten die Türken vertrieben werden, deren Staat durch die jumgtürkische Revolution erschüttert war. Pasie schloß sich mit Griechenland, Montenegro und Bu'garien zusammen. In einem Feldzug von kaum vierzehn Tagen wurde die türkische Macht zerschlagen. Nur in Wrianopel, in Janina mrd in Skutarie hielt sich noch das türkische Heer, mußte aber auch hier kapitulieren. Thrazim und Mazedonien fäe'ert den Verbündeten zu. Die Verteilung des eroberten Gebietes führte zu Streitigkeiten und schließlich zu dem zweiten Balkanfrkeg gegen Bulgarien, das sich auch Rumäniens Feinte schüft zugezogen hatte. Auf der Londoner Konferenz der Mächte, die zur Herstellung des Friedens zusammentrat, wandte sich Oesterreich wieder gegen Serbien und diesmal auch gegen Rumänien. Inzwischen waren die Türken plötzlich wieder in Adrianopel eingerückt. Pasic begnügte sich mit dem erreichten Gebietszuwachs und Serbien wandte sich der so schwierigen Aufgabe zu, die neuen Länder aus der türkischen Vernachlässigung auch verwaltungstechnisch zur Erholung zu bringen, ein Problem, das alle Kräfte Serbiens erforderte. Die Ermordung Franz Ferdinands und bas Berchtoldsche Ultimatum unterbrachen, das Werk der Zivilisation. Der Weltkrieg kam. Serbiens tapfere Gegen», wahr konnte das Land nicht retten. Me österreichisch-ungarischen Heere wurden bei Baljetro bis zur Vernichtung geschlagen, aber die Flut Falkenhains überschwemmte Serbien, trieb Volk und Heer in ein nie gesehenes Unglück. Pasic hlieb unbewegt und mit ihm seine Nation. Auf Korfu organisierte sich wieder das Heer und zog mit den. Ententetrup» pm wieder in die Heimat. Als dev Frieden 1m, war Serfifen zum jugoslawischen Staat geworden . Hafte hatte dm. Trau« seines Lebens erreicht. Hie An» M|||» Sy^| JPK ,V' " i Wiener Mergerr-ekkrirs Dezember KM *m emgeiettet werven. Die Kroaten wm»«t durch Hechchunderte im Bannkreis Ungarns gestanden, «ckensolarrge hatten mit kurzer Unterbrechung durch Napoleon die Sloioenen in Oesterreich gelebt. ZWe Mngliedemng in den so groß geiwifcenen Staat und ihre Verbindung zu einem hornogcneu, Ms allen Traditionen sich lösenden Körper hätte eine Geschmeidigkeit des Systems erfordert, die aber der im steten Kanchs um die zentrale Idee des SeMntttmS alt gewordene Paste . Nicht mehr befaß. Die Pausrnstage in Bosnien,'die auch Oesterreich nicht .hatte Mn können, bildete zusammen mit de» katholisch arzo»rtulerten Mubononriesirrderungen der Kroaten und Slowenen ein tarnt. in einem Menschenalter zu entwirrendes Konglomerat von Pwvlemerr. italienische Fascismus schien die Störerrolle der gewcse.ren Donaumonarchie zu übernehmen, die mazedonische Frage meldete sich in der Form von Grenzunruhen an. Die kleine Entente, die Jugoslawien einigen Rückhalt geboten hatte, schlief ein. Pasic versuchte zu lavieren, "Zeit zu gewinnen und es gelang ihm. ziwächst die kroatischen Antvnomisten für den Eintritt in die Regierung zu gewinnen. Aber die großen Krisen, die sich aus administrativen, konfessionellen mrd außenpo'itischen Elementen zusammensetzen, zehrten d'e Lebenslraft deZ in allen Künsten d«S Berhan^elns ersahrerenen Pasic auf. Er sollte eben wieder ' ein Koalitionskabinett bilden. Sein Tod fällt kn eine Zeit, in der der Balkan wieder in Unruhe lebt uitb mehr denn je dieses erfahrenen Mannes bedürfte, der sein Volk aus der Sklaverei und dem Golus in die "Freiheit geführt hat. Klassenlose zur Anfangsziehang empfiehlt Hiliu Stutz, I., BIpplIngersfroBe 16 (Ecke Schwertg.) Ziehung 28. and 30. Dezember, böse. Plan and Erlagschein werden promptest zagesendet. Bestellungen erbeten. i?s LSrm im Sejm. D^S Preffesekr-t abgetehnt. Warfshau, 10. Dezember. Als zu Beginn der heutigen Seftnsitzung der Bauernabgeordnete B a t l i n ati die Regierung eine dringliche Anfrage richtete, weil er vor einigen Tagen bei einer Versammlung in den Ostmarken von Polizisten verschleppt imd'blutig geschlagen ivurde, versuchte die Rechte durch ungeheuren Lärm den Abgeordneten am Sprechen zu verhindern, so daß die Sitzung unterbrochen werden mußt«. Me ernaut einsetzende verstärkte Lärmszene steigerte sich zu einem wahren Stjrrm, als Wg. Ballm ein b l u t ü b erst r 6 m t es Hemd cüs corpus delicti vornnes und eS gegen die Bänke ^Rechten schleuderte. Erst allmählich konnte die Ruhe wiederhergestellt werden. Hierauf wurte die Tagesordnung -ohne iveitere Zwischenfälle erledigt. Das Budgetprovisv rium des ersten Quartals des kommenden Jahres wurde an den Ausschuß verwiesen und das Pressedekret in zweiter und dritter Losung einstimmig ab gelehnt. -L- # Kirche»ße«kt«»en in Polen Malen Inden besteuern. Warschau, 10. Dezember. (I. T. A.) Auf Grund des■: -wischen der polnischen Regierung und dem Vatikan ab-§ geschlossenen Konkordats haben die katholischen Kir-' chengemeinden in Polen das Recht auf Besteuerung ihrer Mitglieder erhalten. Die Verwaltungen der Kirchengemeinden legten der Regierung ein Projekt vor, wonach jüdische j Unternehmer und Handwerker, die zum Teil k a t h o l i- , sche Gehilfen und Angestellte beschäftigen, katholische Kirchensteuer zahlen sollen. Von Regierungsseite wurde auf diese Vorstellungen hin erwidert, eine solche Maßnahme würde e i n e g r oß e P rote st b e w e g u n g unter der jüdischen Bevölkerung Hervorrufen, die ja schon an die jüdischen Kultusgemeinden Steuern zahlen muß. Ferner würde sie im Gefolge haben, daß jüdische Unternehmer Katholiken nicht anstellen. Eine Entscheidung ist noch nicht gefallen. jtöntg Sertfoanb. Bukarest, 10. Dezember. (Orient-Radio.) lieber das Befinden des Königs wurde heute folgendes Bullebin auSgsgoben: Der Patient hat die Rächt gut verbracht. Temperatur 96.4, Puls 66, Nahrungsaufnahme sehr befriedigend, Allgemeinbefinden gut. Guglauvs Kohlenausfnük. London, 10. Dezember. (Reuter.) Das Unterhaus hat die Aufhebung der Mehrzahl der Ausn a h m S b e st i m m u n g e n im Zusammenhang mit dem Kohlenkonflikt genehmigt. Der Generalanwalt erklärte, die einzigen Bestimmungen, die für einen kurzen Zeitraum äufrechterhalten werden, seien jene, die eine Kontrolle der Kohlen aus suhr und die Sicherstellung des guten Funktionierens einiger Betriebe von öffentlichem Nutzen ermöglichen. Der Bergwerksminister teilte mit, er hoffe, am 1L. d. M. mitternachts das Verbot der Ausfuhr von SkntthvtWb und Koks auf hohe n-M Wunen. r.1»l.ßH get anen kt ftaatlMN« SSHtW ImA tmtäAM Gestern hat b* Ratiouslrat das auf Mmck vor letzten BrrhaNdlungM mit de» BundcsbeaMen voMnbarte nette Gehalts ge fetz verabschiedet. Me sozialdemokratischen und sonstigen demagvgischm Wändernngsanträge wurden ab gelehnt und nur ein Zusatz beschlossen, nachdem die Abgeordneten, desräte n«d die Bolksbeanftragten an der 1S.6prozentigen Bezugserhöhung der Bundesangest-ellten nicht teil haben und ihre bisherigen Gehälter — NattonalrAe beziehen HosratsgcHalt, Büudesräte die Hälfte — weiterb ^ziehen werd-N. Bundeskanzler Dr. Seipel erörterte bei dieser Gelegenheit das ganze österreichische BcanitenprobleM, das er als eine Spezial Wissenschaft bezeichnet«. Mehr als tm vorliegcirden Gesetze bestimmt wird, hätte di« Regierung aus staatssinanziellen Gründen nicht geben können. . Der Christlichsoziale Steinegger verlas eine Statistik, aus der, hetvörgoht, daß. der Staat einschließlich der Bundosbahnor und der Wehrmänner 216.000 Personen zu ernähren habe, wozu noch 146.000 Pensionsparteien treten. Neben diesen 362.000 Personen hat der Staat feine Fürsorge auf 60.000 Kriegsbeschädigte und 131.000 Witwen und Hinterbliebene aufzuwenden. Außerdem umfaßt die Kleinrentncrfürsvrge 19.000 Personen, 240.000 Arbeitslose stehen im Bezug der Notstandsunterstützuug. Ferner gibt es 1,090.00t) versicherter Arbeiter und 161.000 versicherte Angestellte. Im ganzen beträgt also die -Zahl derer, die mlltelbar oder unmittelbar vom Staat eine Betreuung erfahren, 2,120.000 Personen, also mehr als ein Drittel der GcsamtbeVölkernttg. Es seien daher alle Borwürfe, daß Staat und Regierung zu wenig für die Bevölkerung sorgen, absolut hinfällig. In kürzet» Wege wurde sodann noch mr Gesetz betreffend die Exekutionsfrciheit der Zuweudrmgon der Länder und Gemeinden an ihre Bediensteten beschlossen. Abg. Leuth ner überreichte einen Antrag über die Bildung von Studentenschaften an den österreichischen Hochschulen. Steirische FamiliknanselkgeMit«. Ahrer kommt nicht. Donnerstag abends ist an den Bundeskanzler ein Radiogramm des gewesenen Finanz- Ministers Dr. Ahrer aus Havanna eingetroffcn, in dem dieser mitteilt, daß ihm der Brief des österreichischen Gesandten in Washington erst vorgestern zug-ekommen sei. Des weiteren verwahrt sich Dr. % ly r e r mit Berufung daraus, daß er dem Vaterlands sechs Jahre als Soldat trnd acht-'Jahre in verantwortliches Stellungen tveu gedient habe, geg^n die Airgriffe, denen er nach fein.m aus Anlaß rein privater Familienangelegenheit erfolgten Ausscheiden aus dem politischen Leben ausgesetzt fei. Er sei gerade auf dem besten W 'ge, sich in pflichtgemäßer Sorge um seine Zuikünft eine allerdings harte und b escheiden e Ex i st e n z zu begründen. In diesem Augenblicke sei daher seine ift ti cf f e h r nicht in ö g - l i ch, abgesehen davon, daß die Fahrt mindestens zttranzig Tage dauern würde. Er verantworte jede seiner Handlungen ünd die seiner gewesenen Beamten und erklärt sich bereit, konkrete Fragen vor dem K o n s ul a t in e i d e s st ä t t i g e r Aussage z u beantworten.^ Schließlich ersucht Dr. Ahrer den Bundeskanzler, diese seine vorlänsige Antwort dem Nationalrat und der Oeffentlichkeit zur Kenntnis zu bringen. Dr. S e i p e l hat zu Beginn der gestkigen ParlamentGtzung von diesem Telegramm Mitteilung gemacht. Die Formulierung konkreter Fragen an Doktor Ahrer, die zum Zwecke der Aufklärung über den Abschluß des unter seiner Aogide zustande gekommenen Vertrages zwischen P o st s p a r k a s s e und dem B a n kh a u s e Bose! gestellt werden sollen, wird Sache des Unterausschusses sein, der zur Beratung der Postspa^ kassenangelegenheit eingesttzt ist. Die Affäre Ahrer wächst sich langsam zrr einer Posse aus. Im Nationalrat wurde auch die Verlesung der Radio'dchesche A'hrers auf allen Seiten mit gebührender Heiterkei; ausgenommen. Der Passus von den .rein privaten Familienangelegönheiten, die fein Ausscheiden aus dem politischen Leben verursacht Hütten", löste den Zwischenruf aus: t e i r i s ch e Familienangelegenheiten!" In den Couloirs wurden bald daraus mehr oder minder gelungene Witze gerissen. So meinte ein Spaßvogel, die Radiodepesche sei apokryph und stamme in Wirklichkeit vom Goldfüllfede rkö n i g. Sin anderer wußte wieder von einer Depesche zu berichten, die sich mit dem Radiogramm gekreuzt hat und dem Extfinanzminifter den Eintritt eines freudigen Familienereignisses mitteilte, wobei Familie" in dem sehr weitherzigen Sinne des noch jugendkräftigen Dr. Ahrer zu verstehen ist. Der Vollständigkeit halber sei noch ein alter Jargonwitz wiederholt, den ein kundiger Thebäner zur Depesche Ahrers in Erinnerung brachte. Demnach habe Ahrer nur die vier Buchstaben m. i. A." telegraphi-ert, die aber nicht frei nach ,,Götz von Berlichingen", sondern als „Leider m»r »»Möglich abzUkomwen" m IH« teftHW