Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 8 (1926)
- Issue
- Heft 2796 (9.12.1926)
- Date
- 1926-12-09
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Mm, Donnerstag mumt MorsenMiMs S. Desembee IttSb Sette d Nr. 2796 JÜDISCHE WEIT Sfne WWe SlrlesfieUmg. Es ist im Auslande rvettig bekannt, daß in Palästina schon seit längerer Zeit eine Kirmzah von jüdischen Hirten aus genossenschaftlicher Grundlage besteht. Eigentlich existierte sie schon vor dem Kriege. Einige Mitglieder der Kwuzah verdangen sich den Beduinen in der Absicht, dort das Metier eines Schafhirten zu erlernen. Nach längerer Zeit kehrten sie zurück und arbeiteten in den Privat- Kolonien. Nach dem Krieg wurde einer der Hirten zur weiteren fachlichen Ausbildung nach Deutschland geschickt. Nach seiner Rückkehr übernahm er als Instruktor die Führung der Kwuzah der Hirten. Nach längerem Hin- und Herwandern gelang es ihnen schließlich, sich in dem ehemaligen Dorf Scheich Aberki, auf d^r Straße zwischen Nazareth und Haifa niederznlass.n, aber auch diese Siedlung ist nur provisorisch. Jetzt strebt diese gegenwärtig aus zehn Familien bestehende Kwu-ah eine dauernde Attsiedlung an einem ihren Zwecken entsprechenden Orte an. In ihrem der landwirtschaftlichen Abteilung der allgemeinen jüdischen Arbeiterorganisation unterb.eUe'en Memorandum weisen sie darauf hin, daß Palästina viele Berge habe, dir sich nicht für landwirtschaftliche Siedlungen eignen, jedoch vorzügliche Weideplätze sind. Der Boden in diesen Gebieten ist billig zu haben und die Klvuzah könnte hier mit geringem Inventar auskömmlich leben, wvbei die Hirten auch die Rinder und Schafe anderer Kwuzoth und Kolonisten übernehmen würden. Shauukah in Lei Bwlw. Aus Tel-Awiw wird uns geschrieben: Die erste Chanukah-Nacht wurde hier in besonders gehobener S.im* mung gefeiert. Die Fenster sämtlicher Wohnungen und die Schaufenster der Geschäfte, besonders in den zentral gelegenen Straßen erstrahlten im Festesglanz der Chanukah- Lichter. Wie alljährlich wurde auch diesmal aus der Spitze des großen Wasserturmes in der Mitte der Stadt das elektrische Chanukahlicht entzündet. In der Stadt machte sich auch sonst die Chanukah-Stimmung fühlbar. In, den öffentlichen Gebäuden, auch in vielen P.ivathäusern, wurde gesungen und musiziert. Die Theater waren überfüllt. Besonders eindrucksvoll war das Chanukah-Fest der Schulen. Die Schüler versammelten sich in zwei großen Gruppen im Beth-Am und auf dem P'atze der Ausstellung, nach Absolvierung des Festprogrammes zogen die Schüler nach Einbruch der Nacht von zwei verschiedenen Richiu.gn auf die Allenbystraße mit brennenden Chamikah-Kerzch'n in den Händen und vereinigten sich dann zu einer Art C h anukah-Fackelzug durch die Stadt. Auch in den K o l o n i e n wurde das Channkah-Fcst in ähnlicher Weise begangen. Ausflüge in das Dorf der Hasmonäer wurden veranstaltet usw. Richard Lichtheim — Revisionist. Wie wir erfahren, ist der bisherige Präsident der Berliner zionistischen Vereinigung, das ehemalige Mitglied der zionistischen Exekutive, Richard Lichth « im, offiziell der von Jabotlnsky geführten revisionistischen Partei im Zionismus beigetreten. Er wurde in den Vorstand des deutschen Landesverbandes der Ztonisten-Revisionisten kooptiert. AM George bet einet Mischen Seiet. Aus London wird uns berietet: Bor einigen Tagen fand hier unter Borsitz des Barons James de Rothschild ein Festbankett für das Mische Hospital statt. Der erste Redner, Sir Berkeley Moynihan, sprach über die Roll« der Juden in der Medizin seit den biblischen Zeiten bis auf den heutigen Tag. Der Vorsitzende, Baron James de Rothschild, ent,oarf ein Bild der Geschichte des Londoner jüdischen Hospitals. Bor mehr als zwanzig Jahren wurde ein erkrankter ärmere« Jude aus London-East End namens Jsaac Berliner in ein Krankenhaus gebracht. Trotz liebevollster Pflege litt er unter seiner nichtjüdischen Umgebung. Und da faßte er den Entschluß, all« feine Kräfte und Mittel der Gründung eines jüdischen Hospitals zu widmen. Penny für Penny und Schilling für Schilling wurde von den Armen und Aermften das Geld zur Gründung des Hospitals zusammengetragen. Redner zollte Herrn Bernhard Baron für besten große Opferwilligkeit Lob. Marquis von vre ad tilg ,agtc, er emp,iuve es mu Freude und Stolz, daß jeder Dienst, den ein Jude seinem Lande erweist, zum Glück seiner eigenen Gemeinde beiträgt. Nun erhob sich Lloyd G e o r g e und ergriff zu einer längeren Ansprache das Wort. Mit Freude und Äolz weile er in »einer Versammlung der jüdischen Gemeinde; er sei immer ein tiefer Belvurrderer der Juden gewesen. Würde man von der »vvfllichien Zivilisation den hebräischen und den griechischen Einfluß subtrahieren, wir tvürden noch heute in einem Zustand der Barbarei verharren. Das jüdische Duldervolk hat 'Männer hervorgebracht, die anderen Nationen zu großem Ruhm verhalfen. Das Judenvolk hat viele Reiche Überlebt: das assyrische, das babylonische, das ägyptische, das persisch«, das griechische, das römische; vielleicht >vird es auch bas British Empire überdauern. Im Verlauf der Jahrhunderte wahrten die Juden mit beispiellosem Heroismus ihre nationalen Traditionen, ihre nationale Literatur und ihren nationalen Ruhm. Durch Jahrhunderte haben sie ihre - Vitalität durch ihre Schriftsteller, Philosophen, Gelehrten mnd Staatsmänner dargetan. „Der verehrungswürdigste aller britischen Premiers mar Benjamin Disraeli, ein Kind der jüdischen Rasse, und in unserer Mitte weilt jetzt der größte Statthalter unserer Zeit, der ebenfalls ein Kind Ihrer Rasse ist." Als ein Glied der kleinsten und ältesten Rasse, der walisischen, fühle er sich glücklich,- in der Mitte der Juden zu weilen und ihnen zu der wohltätigen Ci nriclMilg "eines jüdischen Hospitals ein „Masel-Low" zu wünschen.- Es sprachen noch der Präsident des Hospitals Doktor A. Goodman Levy, der Seniorarzt des Hospitals Dr. Julius Burnford, Bernhard Baron, Reichsrabbiner Dr. I. H. Hertz u. a. m. Die Paläftina-Etn- und Auswanderung im Oktober. Aus Jerusalem melvel I. T. A.: Laut der am 6. Dezemlber veröffentlichten offiziellen Mitteilung sind im Oktober 641 Personen, unter ihnen 598 Inden, in Palästina eingewandert. In dem gleichen Monat sind 1308 Personen, unter ihnen 1961 Juden aus-aowanderl. Böhne und Kunst. Richard Sttaub wieder im Svernrhrater. Nach einem zwei Jahre wählenden Kleinkrieg zwischen Richard Strauß und der Direktion des Operntheaters wurde endlich ein für beide Teile ehrenvoller. Frieden geschlossen. Der berühmte Künstler erschien wieder am Dirigmlenpult und wurde vom Publikum mit lautem Jubel und allen ihm gebührenden Ehren empfangen. Er dirigierte seine „Elektra" mit der ihm eigenen Abgeklärtheit, durch die nur dann und wann das überschäumende Temperament des Künstlers in stotzhaftrn Beüvegunzen und plötz» lichrn scharfen Gefühlsakzenten durchbricht. Zunächst gab es freilich auf der Bühne und im Orchester einige Unruh:, die in der festlichen Erregtheit aller Mitwirkendrn ihren Grund hatte. Frau Kappel als Elektra, deren dramatische Stimme sich mehr denn je um Helle Strauß-Kaniilene bemühte, sang merkbar gehemmt und die Wirkung des Agamemnon-MonologeS zerftatterte. Erst allmählich trat Beruhigung ein, Frau Born als ChrysothenriS sang sich völlig warm und sandte strahlend Helle, sinnlich warme Soprantöne in das volle Haus. Frau Olszewska als Klytämnestra steht gleich Frau Kappel in ihren noch unfreien Belvegüngen im Banne der Schule der die Reg!: führenden Frau Gutheil-Schoder. ohne sich deren ttrf innerliches Spiel zu eigen gemacht haben. Sie ist zu viel aufgeregte Schau-Spielerin, zu wenig Trägerin elmS dunkel waltenden Schicksals; stimmlich war sie wie immer vortrefflich. Eine darstellerische Persönlichkeit war Herr I erg er als Orest, ein sympathischer, zu gutmütiger Aegisth Herr Hofer. Die Szenen der drallen Mägde mit ihren dünnen Sümmchen streiften in ihrer unfreiwilligen Komik hart die Grenze der Travestie. Es gab stürmischen Beifall, der vor allem der Rückkehr des verloren "n Sohnes Richard Strauß galt. flb. will SÄ» erste Frauen-Lymphonieorchester unter der glelsicheren Julius L e h n e r t s hat seinen d eSjäWen Zyklus m Konzert eröffnet» welches Cherubini» Tchrecksr. Dvorak und Berlioz dem Zuhörer mit bemerkenswertem Kunstverständnis vermittelte. Zwei Solistinnen holten sich einen ehrlichen Erfolg. In Frau Margarete v. Kalmar, die mit schöner Altstimme Arten von Händel vortrug, lernte man eine ernstzunehmende Sängerin kennen. Eine kaum dem Kindesalter entwachsene Pianistin, Helene Bath,' überraschte durch ein starkes Klaviertalent. Wenn die junge Debütantin hält, was ihr Spiel schon jetzt verspricht, so ist ihr «ine schön« Zukunst vovauSzu sagen. -—öS. Eine Shaw-Satire auf Kaiser Wilhelm. Im Züricher Schauspielhaus gelangte der ,im Jahre 191b geschriebene sin Deutschland unbekannte) Einakter Shaws „Der Inca von Perusalem" zur Aufführung, dessen Held Kaiser Wilhelm der Zweite ist. In dem amüsanten'Stück nimmt Shaw nicht bloß den Vollkommenheitswahn Wilhelms des Zweiten aufs Korn, er läßt ihn auch klug genug «ein, seine eigene Nolle zu durchschauen. ES ist einer der gelungendsten Spaße dieser Komödie, daß der Jnea sagt, solange man ihn ungehemmt habe reden lassen, baK sich die Welt in Frieden gewiegt, jetzt, da man ihm Handeln und Schweigen ausgezwungen habe, liege die Welt in Trümmern... Aur de« Aeatem. O p er n th ea t e r. 'Morgen. HS Uhr. „T u r a ndo t". Volksoper. Morgen „Zar und Zimmermann-. Deutsches Volkstheater. Eamötag. nachmittags. „Nathan der Weise". Sonntag nachmittags, „Der Raub der Sab ine rinnen". Sonntag abend» spiett Dr. Rudolf Tyrolt den Dr. Erusms in „Großstadtluft". Neue Wiener Bühne. Als EEnungSvovstellung findet am 86. Degem'ber die Uraufführung von tzons Müller'ö „Menfchan ochneÄrdestatt. Regie: Intendant Robert Bolkner. Bürgt he ater. Morgen, nauoinstUk'terl, mon t". mit der MM von Beethoven. (Abonnement S. Gruppe). Akademietheater. Morgen, HB phr. «Da» grobe Hemd". Kammerspiele. Die für heute angesetzte Uraufführung der Komödie von GaMvorthy „Der Familienhäuvtling" mutzt« infolge Erkrankung einer Darstellers auf SamStaa verschoben werden. Heute ,^opf oder Schrift". Die für die Premiere gelösten Karten behalten für SctmSüag ihre Gültigkeit. TEPP! CH HAUS S. SCHEIN N UII; I., Bauernmarkt 12—14 HI Größtes u. ältestes Maus dar Branche Perser« und Smyrna-Teppiche Teppiche aller Arten Bettvorleger Bett und Tischdecken OttomaneikberwUrfe Vorhänge Halbstores Steppdecken 8249 Planes decken Möbelstoffe II Bel größter Auswahl konkurrenzlos billige Preise I! . Besichtigen Sie unsere 33 Schaufenster! Im Souterrain des Teppichhauses zurückgesetzte Teppiche und Votleger mit kleinen Webefehlern zu enorm billigen Preisen. Gerichtssaal. Re lebenrgesöhrliche Tunnelkurve. Drei Jahre lang hat sich Vas Handelsgericht mit einer Schadmersatzllage des Privatbeamten Oskar Schleißner gegen die österreichischen Bundesbahnen be» ichäftigt. Schleißner fuhr in einem D-Zuge in der Richtung g«^ gen Innsbruck, der sowohl Schlafwie Speisewagen führte. Er wollte sich eben in den Speisewagen begeben und passierte auf dem Weg« dahin den Schlafwagen, als der Zug in ben Mo'ter-Tobe'-Tunnel einfuhr. Der Sch af vagen soll unbeleuchtet gewesen sein, weshalb Schleißner in dem finsteren Gange, in der Nähe der Türe des Schlafwagens stehen Plötzlich ging ein Ruck durch dey Zug, Schleißner wurde gegen die Waggontüre geschleudert, die unverschlossen gewesen sein soll, und stürzte in den Tunnel ab, wo er bewußtlos liegen blieb. Als er zu sich i’nnt, schleppte er sich zum Nusgange. Durch den Unfall ist er ein schwerer Neurotiker geworden und auch ein bereits behobenes Lungenleiden ist wieder zum Ausbmche gekommen. Er begehrte, vertreten durch Erich Saxl, von den Bundesbahnen einen Schadenersatz von 32.000 Schilling. Der Vertreter der Finanzprokuratur machte gelten!», das Unglück habe sich in einem Waggon der franko fischen Schlafwagengesellschaft ereignet, weshalb die Bundesbahnen kein Verschulden treffe. Die Schlafwagengesellschaft bestritt, daß die Coupetüre aus ihrem VerschulLen offen geblieben sei. Eine weitere Einwendung der Beklagten, die Neurose des Klägers stämine nicht von dem Unfälle her, machte die Einvernahme ärztlicher Sachverständiger notwendig. Prof. Dr. Erben, gab denn auch seiner Anschauung Ausdruck, daß hier keine traumatische Neurose vorliege, fond.-rn eine konstiLutionelle Erkrankung des Nervensystems, die nicht auf den Unfall und die dabei erlittenen Verletzungen.zurückgehen. Dr. Saxl beantragte hkercmf die Ladung Prof. Wenckebachs als zweiten Sachverständigen. Prof. Wenckebach gelangte zu denr Schluss«, .daß nicht nnr eine typische traumatische Neurose vorlbge, sondern daß sogar eine anatomisch nachweisbare Verletzung des Gehirnes bestehe. Anschließend erklärte der Professor, daß er gerne die Gelegenheit ergreife, mitzuteilen, 'daß ihn, kurz nachdem ihn Schleißner konsultiert hatte, beinahe dasselbe Schicksal in einem Orient-Expreßzug auf einer Reise nach dem Westen ereilt hätte. Auch damals seien die Türen des Schlafwagens offen gewesen. Der Klagevertreter sührte ferner den Privatdozcnlen der technischen Hochschule und gerichtlich beeideten Sachverständigen Dr. Marcel Klein dafür als Zeugen, daß dieser bei seinen häufigen Fahrten wiederholt die Türen der Schlafwagen ungesichert befunden habe. Schließlich führte er auch an, daß der Direktor der Rothmüller A. G., Ing. Tauber, bei demselben Kilometerstein, ebenfalls im Molter-Tobel-Tunnel, aus denr Schlafwagen stürzte und zu Tode gerädert ivurde. Nach Eingängen einer Auskunft, dir in München eingeholt wich, wird das UrteU im schriftlichen Wege bekannt gegeben. , „ Ist baS Götzzitat ei« Sntlassungsgrund? Der Hutavbeiter Otto Kowanda war bei der Firma Leopold Kronselb u. Co. bcschLstigt. ElneS Tages kam «s zwischen ihm und dem Chef der Firma, Leopold Kronfeld zu einer Auseinander sstzung in einer Lohnsrage. Die recht erregt gewordene Debatte wurde schließlich von Kowanda mit den Worten: „Habn S' mich gern" beendet. Der Chef nahm diese verschleierte Form der GötzzitateS zum Anlaß, um Kowanda aus der Stelle zu entlassen. Nun klagte der Entlassene die Firma auf ztveimöchige Kündigungsentschädigung. Das Gcwerbegericht gab in erster Instanz der Klage statt» wogegen der Be-lagtenvertretex B«ru»i kung ergriff. In der gestrigen BerufungSverhandlung bestätigt« der Senat das erstrichterUche Urteil mit folgender Begründung: ES handelt sich hier um «inen Betrieb, der der Gewerveordnnng unterliegt und nach dieser darf ein Dienstgeber den Arbeitnehmer -- von anderen Ursachen abgesehen — nur im Falle einer groben Ehrverledung entlassen. Eine solche liege jedoch nicht vor, da das beanstandet« Zimt rncht als Antwort aus einen Auftrag, sondern bloß im Zug« einer Löhndiffevenz gebraucht wurde.