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Wiener Morgenzeitung · 1926-12-09 · Heft 2796 (9.12.1926) · p. Seite 3

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
8 (1926)
Issue
Heft 2796 (9.12.1926)
Date
1926-12-09
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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2796 MlrfaA_Ä-lk E»W» 9, SB5 <sm « ‘«st rfUMUikii .jVBR^ <W»Hnf«wW^ ttrie und bringt ihre Angestellten um den Verdienst. Auf dem Linzer Parteitag hüben gerade die Sozialdemokraten Bauer und Ellenbogen es für nötig befunden, für die religiösen Gefühle der christlichen Bevölkerung in den Alpenländern einzutreten. Gerade dieser Umstand sollte den Juden die Augen öffnen und ihnen zeigen, daß sie von den assimilierten Führern der Sozialdemokraten nichts zu erhoffen haben. Es ist Pflicht, die jüdische Bevölkerung dahin zu bringen, daß sie keiner anderen Partei blindlings Gefolgschaft Leistet, sondern sich auf eigene Füße stellt." (Lebhafter Beifall.) In der darauffolgenden Debatte entwickelte Herr Mendel Singer (Poalo-Zion) den gegnerischen Standpunkt und meinte u. a., daß auch er mit den gegenwärtigen Methoden der Sozialdemokraten gegenüber den Juden nicht einverstanden sei, daß er die Sozialdemokraten aber als verirrte Freunde ansehe. Er erklärte schließlich, daß kein nationaler Jude das Recht habe, einem Juden, der sich einem anderen Volk zugehörig fühlt, daraus einen Vorwurf zu machen. (Diese Negation des Zionismus ist immerhin wert, festgehalten zu werden, da sie von einem Zionisten kommt.) Dr. Plaschkes wies in seinem Schlußwort darauf hin, daß es unwahr sei, daß die Zionisten das Kapital vertreten. Er wandte sich nochmals gegen die durch die „Arbeiter-Zeitung" begangene Vernaderung der „Wiener Morgmzeitung". Die Juden Wiens haben zuerst die Pflicht, Juden zu sein, nicht Nachläufer einer anderen Partei. * Die Versammlung, die stellenweise sehr bewegt war, leitete Herr Bezivksrat W a l t u ch. Km Klassenlose ' vom Banknause S chelhammer SsSchaftera \VienL Slephanspl* MM Reinemachen in der roten Hilnolichtev. Grueuer abgesägt. — Die falschen Buchungen beim Tiroler Konsum. Die sozialdenwkratische Parteileitung saß gestern Über ten Sckloßherrn von Itter, den sehr geschäftstüchtigen sozialdemokratischen Landeshauptmannstellvertreter von Tirol Dr. Gruener, zu Gericht. Gruener, dar bekanntlich zu seinen Nordtiroler Schlössern noch einen Herrensitz in Italienisch-Tirol erworben und dort unter einem milderen Himmel „in einem" — wie es in feinem von der „Reichspost" veröffentlichten Briefe hieß — „Lande höherer Kultur seine Tage, fern aller Politik', verbringen wollte, war mit vier Vertretern von der Tiroler Landespartei erschienen. Er wartete nicht erst den Urkilsspruch des durch hervorragend proletarische Lebensweise ausgezeichneten Herrn Seitz und Genossen ab, soichern kam ihm mit einer Erllärung zuvor, in welcher er zunächst die Berechtigung der Angriffe wegen seines P r i v a t l ab e n s bestreitet. Er könne jchoch nicht bestreiten, daß er als Gegenstand einer demagogischen Kampagne eine Belastung für die Partei sei. Aus diesem Gmnde lege er sein Bundesratsmandat sofort zurück. Auf seine Funktionen als Landtagsabgeordneter und Landeshauptmannstollvertreter werde er nach Beendigung der gegenwärtigen Landtagssession verzichten. Die Pcrrteivertretung nahm diese Erklärung zur Kenntnis und erllärte die Angelegenheit für bereinigt. Dann beschäftigte sich die Parteivertvetung mit den in der „Reichspost" veröffentlichten falschen Buchungen bei der Tiroler Konsumgenossenschaft. Die Sache rmrd jetzt so dargestelll, als ob es sich um eine Richtigstellung der Bilanz für 1322/83 gehandelt hätte, in der der damalige Geschäftsführer Schauer die Aktiven zu hoch bewertet habe. Diese Richtigstellung sei eben durch fingierte Passivposten geschehen. Schauer, der seither entlassen wurde, hat allerdings eine andere Darstellung gegeben. Die Parteivertretung hat nun den Tiroler Konsumvereinlern einen argen Rüffel erteilt und ihr Vorgehen schärfstens mißbilligt. Außerdem wird ein Ehrengericht über sie zu urteilen haben. Auch der Zentralverband der Konsumvereirre wird die Sache prüfen. Die „Göe", die Großeinkaufsgesellschast der Konsumvereine, hat sich mit einer Mißbilligung und äner Verwarnung für alle in der Affäre Genannten an dem Reinemachen beteiligt. Ier englische Bergarbelterstrelk vor Sem Umerhans. Loudou. 8. Dezember. Ramfay Macdonald brachte im Unterhause einen Antrag ein, worin die Regierung wegen ihrer Haltung während des Kshlenkvnflikts getadelt wird. Die Regierung verdiene den Ta^el, weil sie die Empfehlungen der königlichen Kommission auf Grund ihrer Untersuchung der Lage der Kohlenindustrie nicht berücksichizt habe, ferner wegen ihrer Parteinahme für die Grubenbesitzer. In dem Antrag heißt es auch, daß angemessene Löhne und Lebensbedingungen nur durch die „Nationalisierung derGruben" gesichert werden können. In der Begründung seines Antrages führt Macdonatd' u. a. aus, die Regierung habe das Land 600 Millionen« Pfund Sterling verlieren lassen, um den Unternehmern einen vernichtenden Sieg zu präsentieren. Nach der Erwidermtg des Präsidenten Bald Win, der von der Opposition mit Pfiffen mrd den Rufen „Mussolini" empfangen wurde, nahm, Lloyd George das Wort und erklärte, die Liberalen könnten nicht für den Mißtrauensantrag stimmen, er selbst stimme aber mit der Kntik MacdonaldZ überein. Tagesbericht. SufcMt Mt MM» SlHltlMflewefatMfl fct Seftenelch. In den nächsten Tage» findet in Wiert die konftttuivrende Versammlung des Verbandes der jüdischen Kultusgemeinden in Oesterreich statt. Kommt dieser jüdische Gemeiudebund jetzt wirklich zustande, so erfüllt sich endlich der ©tmftfy aller österreichischen Juden, die an dem Leben ihrer Gemeinde irgendein wärmeveS Interesse haben und den Mangel einer allen Parteien innerhalb des Judentums übergeordneten Organisation oft in sehr empfindlicher Weise zu fühlen haben. Wir haben in diesem Blatte entsprechend unserem Eftmeindeprogramm die Schaffung des Gemeindebundes, dje vor dem Kriege und noch während des Krieges vom verstorbenen Präsidenten der Wiener Kultusgemeulde Doktor Alfvck» Stern mit großem Verständnis für die BÄ>eutung einer solchen Gesamtorganisation der Judenscha.fi Oesterreichs betrieben wurde, mehrfach negiert. Allsrdings kann ein solche^ Verband alle in ihn gefetzten Hoffnungen hinsichtlich >«r Vertretung der Judenschaft den Beh'.'rden gegenüber sowie bezüglich der wirtschaftlich*« und kulturellen Entwicklung unserer Gemeinden nur dann erfüllen, wenn sich ihm s ä m t l i ch e Kultusgemeinden unserer Keinen Republik restlos anschließen. In Deutschland ist die grundsätzliche Notwendigkeit eines solchen Verbandes bereits in das Bewußtsein der Führer aller Richtungen im reichödeutschen jüdischen Gemeindeleben übergegangen. Die Differenzen, die sich bei der Festsetzung der Verfassung ergaben, entstanden aus der verschiedenen Auffassung über Detailfragen, über die numerischen Machtverhältnisse und d'ie Richtlinien, nach denen die Ziele des Verbandes erreicht werden sollen. In Oesterreich dürfte» sich in dieser Richtung kaum größere Schwierigkeiten ergeben. Desto überraschender wirkt die uns vom Vorsteher einer Provinzgemeinde zugekommcne Meldung, daß die Wiener Kultus gemeinde es ablehne, dem Verbände anzugehören. Trifft das wirklich zu — die Mitteilung kommt uns so spät zu, daß wir heute nicht mehr die Möglichkeit haben, sie auf ihre Wahrheit zu prüfen — so stürmen wir einem völlig unverständlichen Standpunkt des Wiener Kultusvorstandes gegenüber. Das wäre ja eine glatte Sabotage einer Idee, um deren Durchführung die Vorgänger des jetzigen Vorstandes Jahrzehnte hindurch mit den verschiedentlichen Regierungen förmliche Kämpfe ausgefochten haben und die in sämtlichen Ländern, selbst in England mrd Amerika, wo es keine Zwangsgemeinden gibt, in der einen oder ander« Form bereits zur Durchführung gelangt ist und.sich zum Wohle der Gesamtjndenschaft des Landes bewährt. Tri^ tige Gründe für eine ablehnende Haltung der WienU Kultusgemeinde sind kaum denkbar. Ein Gemeindebund ohne Wien wäre eine Groteske. Wir werden auf disfim äußerst wichtigen Gegenstand noch zmckckkomjwen. SMkch« zentram der Sozialen HllssMMM' schalt Aaitta Müller. 2. Bez., Untere Augarterrfimaße 35. Heute, Donnerstag, 8 Uhr atzend, Vortrag Dr. Le» Gold Hammer: „Tie Gliederung des jüdischen Volkes, (soziale, wirtsthaftliche und parteimäßige)? Eintritt frei. 8 Uhr abends, Hebräisch fiir Vorgeschrittene, 2. Sophah, Prof. Jona Gelernter. Demnächst werden jeden Sonntag nachmittags Familienzüsammenkünste mit künstlerischen und literarischen Darbietungen veranstaltet. Näheres wird bekannt gegeben. „Lar «echt «ml Llete". Dieser Abend gehört Josef Jarno. Er gibt einen alternden Mann, seines Zeichens Historiker, "reich und von seiner Frau betrogen. Sie hat ihn vor zehn Jahren wegen seines Vermögens und berühmten Namens geheiratet, hält es mit einem andern und läßt ihn mit seinen Büchern allein. Ein Pariser süßes Mädel bereitet ihm ein spätes, ungetrübtes Liebesglück, das jäh vernichtet wird: die Geliebte stirbt bei der Niederkunft. Ihr, sein Kind bleibt am Leben. Gleichzeitig kommt die Gattin des Historikers ins Wochenbett. Das KuckuckSei hat ihm ein Jugendfreund, ein Schmarotzer feines Reichtums, ins- Nest gelegt. Da entschließt sich der Gatte zu einer Kindesunterschiebung. Er vertauscht die Säuglinge. Seinen Knaben, den Sohn der toten Geliebten, läßt er im Hause erziehen, den leiblichen Sohn der Gattin auswärts. Nach sec^ Jahren führt er der Gattin ihr. Kind zu. Er beläßt sie in dom Glauben, daß es, wie er in einer bewegten Szene* beichtet, sein natürlicher Sohn sei und das unter ihren Augen aufgezogene ihr Kirck>. Sie findet sogar mit spitzigem Umnut, daß der „Bastard" die „gewöhnliche", aus der Hefe des Volkes stammende Mutter nicht verleugnen könne... Wie nun Jarno diesen kultivierten vereinsamten Mann spielt, wie er ihn unter der Sonne »einer neuen Liebe jung werden, am Tage des Todes der Geliebten zusammenbrechen läßt (ganz ohne Komödiantentum, ganz aus seelischem Erlebnis gestaltet), wie er dann mit dem Humor des Philosophen sein Recht auf den Betrug begründet, ihn beschließt und durchführt und wie er in der versöhnlichen Schlußszene beide Buben liebevoll väterlich betreut — das ist tatsachlich ein schauspielerisches Ereignis. Rach Jarno, dem Salonhelden, eleganten Herzensbrecher und bedeutenden Strindbcrg-Darsteller bewunderte man, gestern den neuen Jarno, der durch Lebensiveisheit befähigt ist, reiches, schlvergeprüftes, durch eine günstige Schicksalsfügung zu kindlicher Freude erlvachendeS Menschentum mit schlichtesten Dritteln herrlich zu gestatten. Dieser Abend gehört auch Josef Jarno, dem Spielleiter. Das Stück von Pierre Wolfs und Henri Duvernois ist ihm nicht bloß tauglicher Anlaß für «ine Jarno-Rolle. Er läßt den fragwürdigen, ja kitschigen Bornmrf in den Hintergrund treten, erkemü, unterstreicht die großen Vorzüge des. Werkes, und siehe, es ist eine feine, Auge, streckemveise dichterisch beschwingte Komödie,, der ganze zweite Akt ein Liebesidyll von nicht gewöhnlicher Zartheit, eine ganze Zahl von Epifodensiguren leuchtet auf und der Dialog hat Niveau. Marion.Lessing, gut beraten, ganz auf Anmut und Einfachheit gestellt, die Damen Waldner, Kann und Schilling, die Herren Riedl, Massarek, Reinhardt nnb — ganz besonders — Schich ergeben «in Ensemble, wie man es in solcher Abstimmung und Frische nur sotten sieht. Ein Ehrenabend Jarnos, des Darstellers und berufenen Sachwalters der dramatischen und schauspickrischen Kunst. A. Sctft’s «-«.C-Revue Nachtvorstellung i« de« Kammerfpießem Borrveg festgestellt: das Publikum lachte wirklich und amüsierte sich. Es hatte allen Anlaß dazu, denn Beda und Dr. Robert Kätscher haben ein lustiges ABC- Bnch auf die Szene gestellt, das sie Revue benennen. Bon A bis Z, also Ah.er b.'S Seitz, ist «Nos herangezogeil, was der Tag an Anlaß zur Frozzckl bietet; darüber hinaus ein harmlos bissiges Ressentiment gegen die Wien- Sentimentalität und ihr« Macher, das angenehm erheitert. Die Frozzelei und Häkelei ist nicht allzu weit he^chott» tm Bsch sich rWigs BsL Mit HWB M men (Beda kann nämlich, wirllich rsimen), und in der Musik gibt es neben allerhand Ulk und Unfug einen richtigen Schlager; or heißt „Konstantinopel^ (Leopoldi bringt ihn, sich selbst begleitend, nonchalant.) Höhepunkt aber ist di« wirklich lustige Verulkung der magyarisch-wienerischen Operet.'enindustrie und ihrer Marischka-Aufmachung in einer Operettenparodio „Die Gulasch-Herzogin", die wett witziger zufammengestvhle» ist als alles, was die Macher a la Kalman seit zwanzig Jahren einem fchafsgeduldigen Publikum vorsetzen. (Schade, daß es den Beda und Kätscher nicht einfiel, auch die Schmierigkeit dieser Erzeugnisse, die ihr hervorstechendst^ Charakteristikum ist, schärfer aufs Korn zu nehmen.) Diese Exekution wird von Fritz Strehlen (der ein wirklicher Komiker ist), Olly Lettin (die eine Mizzi-Günther-Parodie gibt) und Fritz Jmhosf (der — Gesetz der Serie — sein „Fach" ebenso glänzend spiett wie neulich Höbling frei einem Roluar-Anlaß das feine) köstlich vollzogen. t i Dam» gibt es ei« „FrÜhttngseKoachen", das lustige Reimereien musikalisch untermalt, und „Ottakringer Strindberg" für Hans Moser urck> Therese Bel lau, die den Kanchf zwischen Mann und Weib in einer zum Schreie« lustigen „Problemstellung" analysieren. Sin paar Bilder nachher kommt Moser als „Czernowitzer Kind" zum Arzt; er braucht ei« Krankheitszeugnis „wegen dem MariAstattonSeid". Und hat einen Keinen Sprachfehler. Und selbst sein Partner lacht Tränen. Tanz: Teddy Kaiser (der wirllich elegante Bewegungen hat) und Amch Fey sind ein wttlliches Tanzpaar, von den sechs ABC- Girls habe» vier'schöne Beine und zwei schöne Dtgeu, und die Javanerin Sera Achmed ist ein knabenhaft schlankes, zierliches Urlaster. Trude Brionne macht nette Motivierungskonverfation. Rchmt alles in allem: AirKsich amüsante Bi^rrfibel für große Kinder. S. S. *

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