Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 8 (1926)
- Issue
- Heft 2794 (7.12.1926)
- Date
- 1926-12-07
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Hi. rm-l Mm, «tastae QBUtttt gtwytw^rtfUwB % «pdtet «» «KSt * Tagesbericht. Shauukahseld Bon David rttorhdlttm. Der zehnjährige Knabe lauerte hinter dem großen Prellstein des alten Hauses wie ein Wegelagerer feinem Großvater auf. Mit der Linken kräuselte er die üppigen Schläfenlocke-n, während die blitzenden Augen nach dem Tore spähten. Als er des Alten ansichtig wurde, sprang er ihm wie eine Angorakatze mit einem Satze entgegen. Er perrammelte ihm den Weg und streckte die zum Teller gehöhlte Handfläche in die Höhe. „Großvater, Chanukahgeld! Ehanukageld, Grotzväterchen!" Der Alte blieb stehen, ließ die Augen liebevoll auf ider kleinen Gestalt ruhen und sagte nicht ohne Borwurf im Tonfalle: „Warum so heftig, so — frech?" „Sei frech wie ein Tiger, wenn es sich um die Erfüllung eines Gebotes handelt", zitierte der Kleine überlegen. Der Me schmuzelte. „Und schon am ersten Chanrrkahtage? War's dir nicht mehr möglich, zu warten?" Der Kleine entgegnete sprühend: ,^Laß kein Gebot sauer werden, wenn du es sofort erfüllen kannst." . Dem Großvater hüpfte das Herz in der Brust. Er griff in die Hosentasche und lotste eine Silberkrone heraus, die er großmütig dem Enkel überreichte. Der Kleine sah die Münze an, bewegte unzufrieden das lockige Haupt hin und her, sah dem Alten fest in die Augen und sprach: „Man steige in heiligen Dingen hinauf und man steige nicht in heiligen Dingen hinab! Eine Krone hast du mir schon, Großvater, im vorigen Jahre gegeben." Den Mten begann es zu fesseln: „Was in heiligen Dingen? Js's am End' ein heilig Ding, wenn du das Geld vernaschest oder gar beim „Drehderl" verspielst?" Der Enkel fühlte sich verletzt. Er suchte krampfhaft nach etner Bosheit und fand sie. „Groß—-vä—ter—chen, verspielen? Bernaschen? Seit der Zerstörung des Tempels wurde das Prophezeien den Propheten abgenommen und den Einfältigen gegeben." Der Alte fühlte sich besiegt. Er warf eine zweite Krone dem Kleinen zu, schob ihn beiseite und zitierte aus der Schrift würdevoll vergeltend, indem er sich zum Gehen wandte: „Wo Spöter sitzen, soll dein Sitz nicht sein." Der Enkel ließ die zwei Kronen in seine Hosentasche fallen und betastete sie von außen, um sich ihres Besitzes zu sichern. Er freute sich über den Sieg, den er über den Großvater davontrug, trocknete die feuchte Stirne mit dem Acrmel seines langen Rockes und ging in die Stube, wo er die Großmutter wußte. „Großmütterchen, Chanukahgeld." Gin gütiges Lächeln ging über die Lippen der Alten. Sie griff in die tiofe Tasche ihrer Schürze und holte eine Unmenge kleiner Dinge hervor. Größere und kleinere Fingerhüte, mehrere Stückchen Kreide, kleine Blristiftendchen, Horn- und Blechknöpfe und andere nützliche Sachen. Darunter lag auch ein Zwanzighellerstück. Sie nahm khsva Srloff, die mütterliche Künstlerin. Bon Auvelie Gotüieb (Paris). Im neueröffneten, großen Pariser Herbstsalon l|i Ey. Bialiks Porträt zu sthen, von der Bildhaueritt Chana Orloff geschaffen. Es ist eine der beste« Skulpturen, die es dort gibt und hat überdies den besonderen Reiz, daß hier Modell und porträtierender Künstler einander wert und toelsensvcrwandt sind. Jeder weiß, daß Bialik der große Dichter ist, durch den gleichsam die Sprache selbst dichtet, der wundertätige Mann, der ihr, die schon altersschwach und unlebendig war, die Pracht und Fülle ihrer Jugend wkedergab und ihre Engelszungen wieder reden ließ. Chana Orloff aber, die Schöpferin seines Bildnisses, ist unter uns viel zu unbekannt. Und doch ist sie nicht nur eine der bedeutendsten Plastikerinnen der Gegenwart, sondern auch eine unserer größten jüdischen Frauen. Bon einer Genialität, deren Art und Schlagkraft so durchdringend ist, weil ihre Wurzeln, stark nnd unverbildet, bis in die innersten, fast verschütteten Schächte des Volkstums hinabreichen. Ja, mit den Urkräften der Schöpfung scheint sie verwaist zu sein und daher jene unbefangene Sicherheit zu haben, mit der sie stets das Richtige trifft und so viel Glauben an sich weckt. Gottvertrauen nannte man es früher urld die es hatten, trotzten allen Schwierigkeiten. .Heute sind es schlichte, kleine Leute, die davon beseett sind. Ch. Orloff nun eben, die einfache, kluge, tätige Frau mit den klaren Augen, die auch wirklich sehen, wenn sie schauen, CH. Orloff, die Frau aus dem Botte, hat diese tiefe Verbundenheit mit den Lebensmächterr. Nur so ist zu begreifen, wie sie binnen kurzer Zeit scheinbar mlthelos und selbstverständlich den phantastischen Weg zurücklegen konnte, der das arme Mädchen, das allein und ohne auch nur ein Wort Französisch zu verstehen, nach Paris gekommen ist, bald zu einer der markantesten Künstlerper^nlichkeiten »nachte. Vor allem aber ist nur so ihre Kunst zu verstehen, die aus denr tiefsten, ungebrochenen Jnstinkw des Weibes herausgeholt ist, aus ihrer Mütterlichkeit. „Nein, kahl und kugelrund, mit einer Kartoffel als Nase, einem roten Puickt als Mrmd und furchtbar dummen blauen Auge«, das ist mein Sohn" — So erzählte mir eS behutsam heraus und reichte eS dem Kinde. „Go, Jbfchele", sagte sie, „da hast du dein Chanukahgeld." Dem Kleinen kamen die Tränen in die Augen. Hier werden Bi-belzitate nicht nützen, sagte er sich. Da muß an d'as Herz appelliert »rerden und nicht an den Verstand. „Großmutter", begann er feierlich, „ich will dir was sagen." „Mn, mein Kiwd", sagte sie »nit vorgebeugtem Kopfe. „Großnrütterchen, mir ist mit ,'zwanzig Hellevn nicht gedient." „Warum denn?" „Ich will es dir sagen. Dar Wundsrwbbi von Bobo»v ist in der Stadt. Man erzählt Wunder von feiner Weisheit. Er sagte gestern nachts Thora, daß Flammen herumflogen. Die Männer standen gedrängt Kopf an Kopf und lauschten. Der Rabbi sprach Blitz und Fener. ES war wie auf dem Berge Sinai..." „Warst du dort?" „Eben nicht", sagte er -seufzend, „«an licht Knaben nicht hinein. Man kann aber den Tüvfteher besuchen". „So?" „Ja, das weiß ich ganz sicher. Aber rnttec vier Kronen nimmt er nicht. Zwei habe ich schon vom Großvater und noch zwei will ich von dir..." Die Alte ging, ohne ein Wort zu sagen, in die andere Stube, entnahm einer alten Truhe ein seiden Tuch, in das einige Münzen eingcwickelt waren und überreichte dem Enkel einen Gulden. Und just in der Mitte des SMarkings leuchtete wie ein Brillant— eine Träne. glaube Farme In Mer«. Obwohl dem europäischen Geistesleben ziemlich jL»md gegenüberstehend, reist Claude Farrere jetzt in Europa herum. Nun ist er auf dem Wege von Polen, »vo er kurze Zeit weilte, nach Paris in Wien abgestregen. Gestern nachmittags empfing Claude Farrere die Vertreter der Wiener und der ausländischen Presse in seinen Appartements ün Hotel Imperial und unterhielt sich mit ihnen über Literatur. Die österreichische Literatur, wie übrigens auch die hebräische, hnnt er nicht, denn cs liest nur französisch. Vom der französisch«: LtteraLur betrachtet er Romain Rolland als längst aöfefem und in Frankreich nur mehr dem Nameu nach bekannt. Barbusse schrieb nur ein gutes Buch: „Das Feuer", das aber den großen Fehler hat, daß es an der Erscheinung des französischen Offiziers vvrübergeht, ohne ihm die gebührende Rolle im Roman zu verleihen. Diese eigenartige Auffassung von der französischen Literatur fcrirb verständlich, wenn man erfährt, daß Claude Farrere 25 Jahre Berufsoffizier in der Marine war... In den letzten Jahren (1913—1919) sogar Major bei dar Schwerartillerie. Während feiner Militättrienstzcit hat Farrere viele Länder, so den Orient, Jirdochma, MaerWo bereist. Clcmde Farrere lebt in Paris, wo er gegenwärtig zusammen mit Pierre B e n o i t an einem Roman unter dem Titel „Jnsurreciion fraucarse" arbeitet. Bewe »vurden von Pierre Louis entdeckt, den Farrere als den stärksten französischen Dichter der Gegenwart schätzt. Für das Theater arbeitet Farrere im allgemeinen nicht, denn einmal eine Bekannte von ihrem Kind und oft muß ich an die Beschreibung denken, wenn ich CH. Orloffs Porträts betrachte. Denn auch sie sieht die Menschen, die sie porträtiert, ntit den Augen einer Mutter. Mit Angen, die zu scharf sind, als daß sie nicht bemerken sollten, wie dumm das Kind in die Welt schaut nnd doch diese Dummheit lieber hat als alle We'sheit der Walt. Die all die kleinen Fehler — sie weiß genau, daß es solche sind — durch ihre Liebe zu Werten umbildet und sie manchmal mit Humor übertreibt, weil sie sonst überschwänglich werden müßte, wenn sie von ihrem Kinde spricht. Ganz ähnlich, wie gesagt, verfährt die Orloff mt ihren Modellen. Vereinfachte, große Formen, die mit äußerster Sparsamkeit kühn modelliert sind, sehen 'wir an ihren Porträts, denn auch sie umreißt die Hauptzüge in wenigen, knappen Worten. Erst an ihnen werben mit diskreter Feinheit Einzelheiten herausgearbeitet, die nur dem Blick der Zärtlichkeit zugänglich finb, wenn er unaufdringlich allem nachspürt, was hirrter der Oberfläche auch nur kaum merkbar schwingt. Wenn sich unter einer ganz glatten, gcwffsermaßen wortkarg, nur ihrer Grundform nach herausmodellierten Stirn, die Augenlider, feinst gestaltet, stillen und wie zu leisesten Zuckungen überschneiden, oder wenn in einem Kinderkopf, sonst kaum differenziert, der kleine gewölbte Mund mit raffinierter Gubtilität zum Zittern gerächt wird, so entsteht durch diesen Koritrast der Eindruck! einer Intimität und Wärme, der um so eigenartiger ist, weil sie nicht von den Modellen kommt, sondern zu ihnen strömt. Auch der Keine Schönheitsfehler ist immer vorhanden. Die Asymmetrie nämlich, die uns allen archastet und dis keiner am andern bemerkt, da er doch in Wirtlichkett über ihn himvvgftcht — hier ist er treulich bemerkt und immer betont. Die» könnte nun freilich boshaft oder ironisch sein. Bei CH. Orloff aber verleiht eS den Menschen ein ganz unvermutetes Aussehen, so daß tvir glauben, sie erst jetzt das erstemal erblickt $u haben. Durch dieses Unterstreichen einer allgemein-menschlichen Schwäche, die noch dazu eine unüberwrrickene Infantilität ist, schafft sie eine Atmosphäre von Nachsicht und Versöhnlichkeit, die sonst nur Kindern eutgegeugebnrchit wich. Um ihretwillen verzechen wir dem dickm Herr«, der, prall vor Körperfülle, fostgemauert in keinem Fauteuil sitzt, die Sichxchett, mit der er schenckar mff vier jpfcst COOOQ(XXXXX)«XXXXX)COOOOOOOOOOPC?0<XXXXXy Löwen fraiutaaflitiw ein mit Menthol wird mit bestem B-rfolg verwendet bei Gliedersohwäofce. Kreuzschmerzen, Mattigkeit etc. s*«™*,. Oebsrall erhältlich*. OOOOQOOOOOOOOOOOQOOOOQaOlQOOOOOCOOQOOOO> e§ ist ihm in Frankreich zu industrialffisrt. Er übersetzt jetzt nur aus dem Englischen ein amerikanisches Stück: „Tanzende Mütter". In der PolM. tritt Farrere für die Gerechtigkeit ein. Ueber die Art ihrer ArrSwirLing in der MrStchkeit der europäischen BSKer wollte sich WMe nicht näher auSspeechen. .., frar.<~ BMm »M «er die AMadrn der Aza iür Aenichenrechte. Der bekannte Awttist, Professor der PMfsr Gvvbanne Bittor Basch wurde, wie berichtet, zum Präsidenten der französischen Liga zum Schutze der Menschenrechte gewählt. Prof. Basch nahm ldie Wähl an mH formulierte in einer ZnHHttfi cm die Mga das P«ogramrm wie folgt: „Wir vorLeidigen vre Rechte jedes Mäuschen, dem ein Unrecht zugefügt wurde, wog er welcher Partei muh immer angchören. Je schlechter seine Lage D, um so energischer müffen wir ihn beschützen. Unser Bestreben ist, die Herbheiten des Gesetzes zu mildern, das Gesetz dem Leben nsther zu bringen. Wir werden das Recht der Böller aus freie Entwicktmrg vsrteüngen und unermüdlich für den Frieda« arbeiten. Wir kämpfen für eine wahre Demokratie wir wollen das Mecht von Kind und Frau schütze», ds« sozialen Problemen unsere Aufmerksamkett tvidmeu und Hefe Probleme imMMe der WrchM und Weichheit Wen." M Ke WMmMrMM im schsch. „Bormwde": Gm Sechsmeestevimmisr. iSstt der Kubaner Schachmeister Capa blanche durch feinen Disg im Wettkam^'f von Havanna dem SHachtveltnwiftsr Dr. Gmanuel LaSker den Titel abgenommen hat, ist er allen Herausforderungen zu einem Match auSgÄvrchen. Die Aufforderung Doktor LaSkerS, sich ihm m einem MgLnspiel in einem Orte mit einem für «non Vuropäec erträglichen Klima zu stellen, hat Capablanca mit Ausflüchten und Beleidigungen gegen feinen Gegner bsarrbvorbet. Dann kamen die Turniere von New Aork m:d Moskau und Capablanca mutzte sich nicht nur Dr. LaSLrr, sondern auch ander«r Gegnern (Bogoljubow, Reti u. a.) beugen; wenn nun auch das Turnierspiel kein unbedingt sicherer Gradmesser für die Spiekstärke ist, so konnte Capablanea doch die Stimmen nicht überhören, welche ihm die durch die Welt trottet, und dem Maler Rubin, der stol^ einem assyrischen König gleicht, die Starrheit seiner Züge. An dem Porträt des klvine« Buben mit dem kugeligen Kopf und »vundervolleu Auges», der in fentern schicken Anzug so erwartungsvoll und ahnungslos der Welt entgsgenswht, steigern feine rmLstetchen, rundlichen Züge den Eindruck der Zarthrit und NnsrÄigkeit so sehr, unter* streichen so stark ssine Pflege- und Lisbcbrdürftigkeit, daß dieses Mristertserk das Ktndsrporträt schlechthin ist. Die Quintessenz d«ffsn, lvas an Kindern mütterliche Frauen anzieht und rührt. Mer auch zum Hebel tragischer Wirkungen können diese Asymmrtrierr wttden. Wenn sie zum Beispiel im Bildnis deS armen Juden, vielfach verwendet dem Kops das Mal einer Berzerrtheit und Schlecht rassig- Leit aufdrücken, doreu Anblick wehtnt. Ohne jedes Pathos^ V«mz sachlich gestaltet, wirkt diese Skulptur doch wie eine erschütternde stumme Klage, wie eine Pieta, an der wir zwar nur den gemarterten Sohn sehen, die nnfichtbavü Mutter aber fühlbar als Geist um ihn schwebe Das ist da- Wesmrtlicha: mit Chana Orloff ist die Mutter in der Kunst zu Worte gekommen. Hat man es oft den Frauen voraeworsen, sie wisteten Gutes und Vorzügliches, doch nie hätten sie etwas wahrhaft Originelles zuwege gebracht, etwas, das nur sie hätten mache« können, so haben wir hier den AuLnahmefall, wo ein« Frau aus der Liefe ihres FraufeinS geschöpft hat. Deshalb recht sich ihr Werk den großen AuSdrucksiverten an, um diq die Moderne die Plastik bereichert hat. Der fließenden! Lebendigkett Rsdinscher Gestalten, die gleichsam ein Durch, gangSpunkt drS ewig flutenden LebenSstromeS sind, d« innigen Befretthett Lchmbruckschrr Figuren, die daran glauben lassen, daß «S der Geist ist, der sich den Köpper baut, stellt sich ebenso neu im Prinzip, CH. OvloffS Reich der Mutter an dis Gelte, in dem die Menschen, gwß oder klein, bedeutend oder simpel, vyr Mm Mmschy^ Nnd er find. Damtt hat auch Re MchMmstinds Ms KttkMr der MütterlWcht, die ft» stark alle Lebenssphären des jüdischen Volkes durchsetzt ihre klassische Prägung in der Plastik gefunden. Chana Orloffs Kunst ist als späte;, doch herrliche Blume auS demselben Boden gesprossen, d«r seinerzott den nnüberschbarm, Gefühlswette« umspannen^ den Begriff der „Wn Rachmanijah" (der barnchMgyt MM«) hettMgetriMu W. Dchilk W WM