Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 8 (1926)
- Issue
- Heft 2792 (5.12.1926)
- Date
- 1926-12-05
- Page
- Seite 11 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 2792 Wien, Sormwy Wirner 8ft0V0ttt$ef*ttii6 S. DeMtller 1928 m* n NACHDRUCK VKR80TSN DER FLUCH DES RUHMES Min« AiiA«Mci#a mau HM MMMF M EMM M m urS9liVft#IIKiIB£A EINE GROTESKE VOR «flE «V bSIC I Em»iNIBIii8P i* Der MÜ'^rttU Schriftsteller und Dichter Iwan pcreSwonow beschloß. seiner Frau untreu zu werden. Zeine Frau war eine liebe, gutmütige Person, die in ihren berühmten Mann verliebt war, die ihn mit ihrer Liebe aus Schritt und Tritt verfolgte. Das wurde auf die Dauer langweilig. Den ganzen Tag befand sich der Schriftsteller vor den Augen der Frau, der Zeitungsreporter... Die Reporter warteten den Moment ab, wenn die Frau das Haus verließ un-d Überschütteten ihn mit Fragen über Kunst und Literatur und die Frau nützte den Angenblick aus, wenn die Reporter nicht da waren und küßte den Schriftsteller auf die Nase, Ohren, leichigrauen Haare und sprach voll Glück: Liebster, sei nicht so leichtsinni-g... Wenn du schon nicht an dich denkst, so denke doch an die Kunst und Literatur!" Der Dichter seufzte, setzte sich in eine Ecke, machte ein orwstes Gesicht als ob er tatsächlich an die Probleme der Kunst denken würde. Endlich wurde dem Schriftsteller die Sache zu dumm. ,Liebster, du bist heute so blaß", sagte die Frau, und küßte ihn auf das Ohr. „Fehlt dir was?" ,^Ja," erwiderte der Mann, ,,iH habe eine indische Pest in leichter Form... und eine Gehirnerschütterung ... und eine Erkrankung der Niere..." „Du machst so sonderbare Scherze und das tut mir weh", bemerkte die Frau und küßte ihn auf den Nacken. Sie schaute ihn verliebt an und sagte: „Liebster, wenn du mir untreu wirst, so sterbe ich.. „Weshalb sterben?", bemerkte der Dichter, „lebe lieber..." „Nein," sagte die Frau und blickte träumerisch vor sich hin, „ich werde sterben!" f „Mein Gott," dachte der Schriftsteller, „ist das ein langweiliges Leben. Wenn sie wenigstens einen Roman mit einem Reporter beginnen würde — das wäre eventuell eine Abwechslung!" Aber die Reporter fürchteten sich vor der Frau und gingen ihr aus dem Wege. 2. - Es kam der Karneval. Die Leute amüsierten sich, besuchten Bälle, Redouten, Maskenfeste, machten leichtsinnige Bekanntschaften, flirteten, aber der berühmte Schriftsteller saß zu Hause und hörte, wie bei den ,Zours" seine Frau m den Gästen sagte: „Mein Mann darf nicht viel trinken. Ein Gläschen, nicht mehr. Er schreibt jetzt eine große Novelle und dieser Kritiker Solunffi hat eine Kritik über das neue Buch meines Mannes geschrieben, ihm den Vorwurf gemacht, daß seine Helden zu schematisch gezeichn-et sind." Als der Jour vorüber war, ging der berühmte Schriftsteller in sein Arbeitszimmer, legte sich auf den Diwan, las eine Zeitung. Bald darauf kam seine Frau in das Zimmer, ließ sich auf den Knien vor dem Diwan nieder, küßte ihn auf die Stirne und fragte: ,Mebster, Mt) fehlt dir? Bist du krank?" „Kopfschmerzen ... Zersetzung des Hirnes... Ich werde in die frische Lust gehen." Mas?", rief erschreckt d-ie Frau, „du willst zu Fuß gehen... Ein Auto kann dich überfahren... Man kann dich auf der Gasse anrempeln.. Aber der Schriftsteller blieb diesmal fest, schob seine Frau zur Seite und verließ -das Haus. Und auf der Gasse dachte er: „Meine Frau tft unmöglich. Ich bin jung, suche Eindrücke. Ich werde meiner Frau untreu werden." 3. Der Schriftsteller stand an einer Straßenecke und schaute die Passanten an. Eine junge, hübsche Dame g-ing vorbei, schaute ihn aufmerksam vom Kopf bis zum Fuß an und lächelte ihm kokett zu. „Oho," dachte der Schriftsteller, „die fliegt auf mich. Jetzt ist Karneval, jetzt ist alles erlaubt." Er stieg der hübschen Dame nach und bewunderte von rückwärts ihren wiegenden Gang, ihre schlanke Taille, ihre hüoschen Füßchen, die in moderne Seidenstrümpfe gehüllt waren, ihr Seidenkleidchen. Bald hatte er sie eingeholt und sprach sie wie ein alter Roue an: ,/Gnädigste, süMen Sie sich rächt um diese Zeit allein auf der Gasse zu gehen? Man kann so leicht belästigt werden." .^Jch mich fürchten?", erwiderte lachend die Da-me und zeigte ihre weißen Perlenzähne. „Aber woher? Sie wollen mich tvahrscheinlich begleiten?" ,Ja, meine Gnädigste, Sie haben es erraten", sprach der Schriftsteller, „meine Lebensdevise ist, so lange man jung ist soll man das Löben genießen!" „Was? Was haben Sie gesagt?", rief begeistert die hübsche Dame und schüttelte -ihren Pagenkopf. „Solang man jung ist -- soll man daß Leben genießen? Ja, mein Herr, sie haben recht. Darf ich bitten zu mir zu kommen." „Und was werden wir bei Ihnen machen, meine Gnädigste?", fragte zynisch der Schriftsteller und freute sich insgeheim auf das bevorstehende Abenteuer. „Was wir machen werden?" sprach die Dame und schaute ihn mit schwärmerischem Blick an. Mir werden einen Schwarzen, Liköre trinken, dann werde ich Ihnen mein Album geben, Sie werden mir ein Autogramm oder eine Widmung schreiben . . . oder etwas aus Ihren Werken vorlesen. Ich habe zuhause Ihre gesammelten Werke." „Sie irren sich, meine Gnädigste", bemerkte finster der Dichter. ,ßk halten mich für einen anderen." „Ausgeschlossen!" rief die hübsche Dame und schaute ihn mit ihren dunkc blauen Augen prüfend an. ,Jich werde doch den berühmten Dichter Pereswonow kennen. Ich habe Sie einige Male am Vortragstisch gesehen. Ich bin glücklich, daß ich Ihre persönliche Bekanntschaft gemacht habe, daß ich meinen Lieblingsdichter kennengelernt habe. Bitte, kommen Sie mit!" „Entschuldigen Sie!" sagte'barsch der Schriftsteller. „Sie täuschen sich . . . eine Arhnlichkeit. Ich bin der Maler Msentiow und mich in eine Kneipe, wo mich meine Kumpanen erwarten. Adieu!" Er ließ die verdutzte, hübsche, junge Frau stehen und eilte davon ... 4. ,Hol' der Teufel die sogenannten „hübschen Frauen". Ich glaube, fie würde mich in ihren Salon führen, mich in einen Klubsessel setzen, mich fragen, weshaV ich so blaß bin, ob ich nicht überarbeitet bin, eventuell mich auf die Stirne küssen, und am nächsten Tage würde die ganze Stadt wissen, daß ich bei ihr war. Nein, die anständigen Frauen sind nichts für mich. Ich mutz eine Frau nicht auf der Straße, sondern wo anders suchen. Ich werde in ein Tingel-Tangel gehen, dort verkehrt ein anderes Publikum. Leute, die von der Literatur keine Ahnung haben." Er rief ein Taxi und ließ sich in das Vergnügungsetablissement „Zum grünen Kakadu" führen. Er trat in den Saal, setzte sich an ein Tischchen, rief den Kellner und bestellte sich eine Flasche Wein. Als aber an seinem Tischchen eine hübsche Sängerin, eine Ungarin, vorbeiging, da sagte der Schriftsteller zu ihr: „Fräulein, setzen Sie sich zu mir, trinken wir eine Flasche Tokayer und. später, nach Beendigung des Konzertes, können wir uns noch wo anders amüsieren." ,/Schön," sagte die Ungarin, „wollen wir bekannt werden. Sie sind ein fescher Mann. Bestellen Sie für mich eine Vorspeise, -ein Rebhuhn, Kompott, eine Mehlspeise und eine Flasche Sekt!" » Der große RENAISSANCE.»OMAN TOD MAX BROD ■Hoben! der Juden Die beiden übermaoütigen Kräfte LIEBE UND JUDENTUM begegnen einender au» wundersame Weise ln diesem tapferen Buobe voll d’obterlsober Größe, da«, geetutet auf ein hlstorieones Vbmäobtnis, einen versobollenen Mythos tut epleoben Realität erweokt. Der Kardinal, Macchiavelll, Aretino u. Michelangelo sind aufgeboteu, um die mächtige GestaltBöubenis,dieses großen jüdischen Geistes, zu profilieren. Das Unoh kostet brosch. S 9.—, gab 8 11.70. Für Freunde des Dichters liegen 2Ö numerierte, ▼on Max Brod persönlich signierte Haibiederexemplare zum Preise von 8 S7.— bereit BüOHff ANDLÜNG R. LÖWIT WIEN, I., B0TENTUBM8TBAS8E 82 « Ms sie gemütlich beisammensaßen und das GefpMh ins richtige Fahrwasser kam, tauchte plötzlich.dsr Geschäftsführer auf, rief die Ungarin zur Seite.' AlS sie zum Tisch Mvückkehrte, fragte der Dichter unzufrieden: „Wo waren Sie? Welcher Esel hat sie gerufen?" Gesellschaft in der Ecke", erwiderte lachend die Ungarin, „Sie fragten mich, weShalb Sie hierherglommen sind, was Sie mit mir gesprochen haben. Und als ich sagte, daß Sie mir gesagt hätten, wir könnten uns nach dem Konzert noch wo anders amüsieren, da lachiten die Herren und meinten, daß ich als Ungarin Sie schlecht verstanden habe. Der berühmte Dichter Pereswonow könnte nicht so etwas gesagt haben." ,Zum Teufel!" rief der Dichter. „Hören Sie, Fräulein Jkka. Bleiben Sie da, offen Sie, trinken Sie, ich werde alles bezahlen und gehen." „Es ist schon alles befahlt!" rief die fesche Ungarin. „Unsinn! Wer hat denn bezahlt?" „Der Batckier dort. Er ließ den Direktor kommen, sagte, daß er Mäzen sei, daß er Sie als Dichter verehre, und erklärte: Alles, was der berühmte Dichter bestellt, zahle ich. Ein Dichter darf nichts zahlen. Und mir schenkte ex 60 Rubel. Sagen Sie, Herr, sind Sie wirklich ein Dichter oder gar ein verkleideter Detektiv?" Der Dichter warf auf den Tisch einen Zehnrubelschein, ging zum Ausgang und hörte, wie das Publikum seinen Namen nannte und stürmisch applaudierte. Die im Saal befindlichen Reporter registrierten den Vorfall. Das war eine Sensationsmeldung für die Morgenblätter. 6. Der Dichter lief dis Stiege herunter, sprang in den ersten besten Schlitten und ließ sich zu einer Masken- Verleihanstalt führen. Nach einer halben Stunde tanzte auf einem Maskenball ein lustiger Türke mit einem angeklebten schwarzen Schnurrbart und einer Ämstlichen Nase mit einer feurigen Spanierin. Der Türke amüsierte sich ausgezeichnet und machte der Spanierin auf Tod und Leben den Hof. „Sie sind ein Gentleman!" sprach die mulWckte Spanierin. ,^Jch werde heute mit Ihnen soupieren!" Es war gegen zwei Uhr früh. ■ ■ - Der müde, zufriedene Schriftsteller saß im Qemili- .. liehen Separee eines vornehmen Restaurants, neben ihm saß die Spanierin, er hatte sie umarmt, küßte sie leidenschaftlich. Der Schnurrbart, die Nase lagen auf dem Tisch. Der verliebte Dichter drückte die Spanierin an sich und sang: ,^Z>ü!r dich, mein Schatz, für dich . . Die Spanierin schmiegte sich an ihn und sagte leise: „Schatz, sage dem Kellner, er solle uns Mokka und Liköre bringen und dann soll er uns ungestört'lassen." Als der Kellner die Liköre und den schwärzen Kaffee brachte, richtete der Dichter die Botschaft der Spanierin auS. Und als -sie allein waren, umarmte er stürmisch die Spanierin. 6. In diesem Augenblick klopfte jemand diskret an der Türe. Der Dichter sprang zur Seite. Die Tür öffnete sich und eine sonderbare Prozession trat in das Separee: Vorne ging der PMolo und trug auf einer Silberplatte -ein silbernes Salzfaß und ein Brot. Hinter dem PMolo kam der Restaurateur, die Kassierin, die Kellner und ganz rückwärts die Köchin. Der Restaurateur ttat nach vorwärts und las von einem Zettel herunter: „Wir sind glücklich, daß der Stolz der russischen Literatur unser bescheidenes Restaurant durch seinen Besuch beehrt hat. Wir' bitten ihn, nach altrussischer Sitte dieses Salz und Brot anzunehmen, und zwar, als Erinnerung, daß er unter unserem Dache die Liebe einer Frau kennen gelernt hatte." Und auf der Schwelle standen die Reporter. 7. Als der Schriftsteller näHhause kam, «fand er sckrrs Frau in Tränen aufgelöst. „Was hast du?" fragte er nervös die Frau. Liebster, ich war so unruhig. Weshalb bist du so blaß? Ich dachte, jetzt ist Karneval ... es gibt schlechte Frauen ... du könntest mir untre« werden." Der Schriftsteller schaute sie traurig an und sagte: „Das ist bei einem berühmten Dichter vollständig ausgeschlossen! Geh', mein Kind, laß mich aller» . . Und als er dann in seinem Zimmer allein war, fiel er auf den Diwan und verfluchte seine Berühmtheit. (Berechtigte Übertragung au? dem Russischen fern Mauriee Htr^chmaurr^