Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 8 (1926)
- Issue
- Heft 2792 (5.12.1926)
- Date
- 1926-12-05
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 91% known words query
- IRI
…/2979076-2981549-2981879--28364-3016392- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
kur Smmtay V# l^Jcliivct LVLV zur Krilluerung an Adolf Stand. «u» feinen Briefen. . ._28. Mslew 5680 ist Adolf Stand gestorben. Die Persönlichkeit dieses Führers, de« Nordau den Mann im Feuerofen genannt hat, stcht heute noch unverge sen vor unseren Augen. Sie tritt aber noch weit schärfte auZ seinen Bvieftu hervor, aus denen wir im nachfolgenden riinige markante Stellen mit Erlaubnis des Empfängers, des Wiener Schriftstellers Dr. Marek Scher la g, folgen lassen. Lemberg, Walowa 21, 10. Dez. KM. ...Mein Lebenslauf? Genau so, wie bei uns allen. Zuerst nichts, dann Zionismus, nachher Unzufriedenheit mit dem, was man so gemeinhin Zionismus nennt und schließlich irgendeine neue Synthese Mischen Zionismus rmd Gesellschaft. Wir sind Juden und Kinder der Neuzeit, Patrioben und Europäer. Wir lieben unser Volk und verehren unsere geistigen Führer. Bon welcher Art mein 'Zionismus ist? Mit einem Wort: Der jüdische Uebevmensch. Wir hatten ihn einst besessen als das Land noch da war. Die später kamen, waren allesamt ,Haris Ohneland", waren Stürmer (Spinoza, Marx, Lassalle), Vermittler (Brandes und überhaupt die Kritik, die Publizistik, das Feuilleton, die Literatur) und Epigonen (Auerbach usw.). Und ist das Land notwendig, so sei es doch nur, um ihn hervorzubringen. Er wird neue Kulturwertc schaffen. Das ist alles. Mer um das zu erreichen, müssen wir die Vorurteile abtun, Körper und Geist stählen und unsere Eigenart pflegen. Und das Augenmark richten sollen wir aus das, was Europa tut, was auf seinen Kulturgipfeln sich äbspielt und das Echo von seinen geistigen Montblancs, die Stimmen der Nietsche, der Multatuli in uns auffangen. Fa, wir sollen uns mit alledem vollsaugen, all das in uns verarbeiten und so ein palästinensisches Grundelement mit dem modernen Westen verbinden. — Das ist das Gerippe, das sind die Umrisse meines zionistischen Gedankens. * Le m {i c r g, den 14. Dezem-bcr 1900.. Wir Jungen haben im Zionismus eine gewisse Mission zu erfüllen. Es geht vor allem darum, den Zionismus von aller Kretinhaftigkcit zu befreien, ihn zu „entplebejisieren", die Bewegung sozusagen zu entschleiern. Wir haben das neueste Losungswort auszugeben. Wenn sie uns auch nicht verstehen, nicht begreifen — das schadet nichts. Verkünden wir es nur leidenschaftlich, unablässig, beharrlich; suchen wir uns neue Inhalte, denn die alten haben sich überlebt, wandeln wir neue Pfade, denn die alben sind bereits ausgetreten. Mit einem Wort: Verbreiten wir unseren Zionismus, einen aristokratischen, idealen, vergeistigten Zionismus. Pflegen wir ihn zunächst in uns selbst wie ein schmächtiges zartes Pflänzchen, das wir davor behüten müssen, daß Unkraut es überwuchert. Denn der Zionismus der Menge ist: Sonntagsruhe, Ratenzahlungsgesetz, Salzmonopol... Kann das das Losungswort für die Jugend sein? Wir brauchen Fanfaren und Kriegstrompeten. Laßt aaä allem Kleinlichen entsagen und uns ein erhabenes, weites, großes Ziel schaffen, ein Ziel, an das wir zu glauben vermögen; so es uns aber nicht gelingt an dteses Ziel, zu glauben, so fan a tis ieren >vir uns! Das erst macht das Leben wert und auch die Leiden. Das erzeugt eine Spannung des Geistes, der Seele, des Herzens, des Mutes. Das ist Leben! * Sem Berg, den 21. Mai 1901. Mit Lilien habe ich ein paar schöne Tage verbracht. Wir haben über so manches gesprochen. Es reifen in ihm die schönsten Gedanken. Der Man zu einer Hagada-Jllumtion ist in allen Einzelheiten fertig. Herzl teilt mir mit, daß er am 17. d. M. vom Sultan in Audienz empfangen wurde und daß er den Charter so gut wie sicher erlangen werde. Ich habe meine hiesigen Parteifreunde davon in Kenntnis gesetzt. Sie nahmen die Nachricht etwas skeptisch auf. Ich dagegen glaube an dieses Ereignis, weil ich fest und unerschütterlich an Herzl glaube. Er, nur er allein, wird unsere!ache vorwärts bringen. * .Lemberg, den 38. Dezember 1901. Ich mache setzt eine BortragSreise durch ganz Galizien. Ich war auf den Makkabäer-Abenden in Brvdy i SCHKA die Mavke des eleganten Herrn AI., Kaiserstraß« 123 IX., Msesrtraße 6 und Tarnopol, sprach zw'eim'al 'n Lemberg (WÄHibttrsknüag und Studententag) und fahre morgen nach Stryj. Es läßt sich hier vieles tun, denn die Leute sind empfänglich. Man braucht sie bloß anzufeuern und zu ermuntern, man braucht sie bloß in Begeistern^ zu Wen und zu eiMen. * V Vom b ei7g, den 14. Oktober 1902. Ich war ht Ischl und habe die Zeit nicht mehr und nicht weniger angenehm verbracht als gewöhnlich. Mir echtem Neurastheniker ist vor allem das Sichherciusreißen aus den gewöhnlichen Verhältnissen vonnöten. Ge-, schieht das, dann geht es mir schon besser. Hierher zurückgekehrt, fand ich die alten Verhältnisse wieder, die einem jeden Humor mtb jede Stimmung verderben. Was soll man auch in solcher Umgebung schreibend Nichts hat sich'hier gebtzjert. » Lemberg, den 16. November 1902. Soeben habe ich. die Lektüre von „Altneuland" beendet. Den Kritiker nrag diese Erzählung nicht ganz befriedigen. Ein Roman ist es durchaus nicht und die Tendenz guckt von allen Seiten hervor. Aber es liest sich mit großer Spannung. Abwechselnd öffnen und schließen wir das Buch. Es fließen.darin Traum und Wirklichkeit ineinander. Biele Träume sind darin, Träume eines lebhaften Tatmenschen, Träume, deren Quelle die heutige Weltwirtschaft und deren Mündung die moderne Technik ist. Dem Zionisten gibt da-die Phantasie des Meisters sehr viel, dem Psychologen gewährt sie Einblick in die Seele der einzelnen Gestalten; sowie in die Psyche des Verfassers. Immer größer erscheint mir unser Herzl. Mit welchem Ernst er diesen neuen Stoff behandelt, wie er seine Leute kennt, wie er mit seinem Herzblut schreibt, wie er intuitiv zukünftiges Werden , voraussieht. Es ist in ihm etwas von einem. Politiker und einem Dichter, er,hat in sich die Eigenheiten, eines Entdeckers und die eines Agitators. Die. ungleichartigsten Elemente sind in . ihm vereinigt, wie Gedanke und Tat, Traum und Wirklichkeit, Energie und Sentimentalität, Kultur und Urwüch-, sigkeit, Herrschsucht und Achtung vor dem Volke. Wir merken nicht, wie oft sich diese Gegensätze vereinigen. Mer bei ihm merken wir es. Und das ist seine Kraft. Und das ist unsere Stärke. Und das ist des Volkes Zukunft. Ach, Furcht und Grauen beschleicht einem bei dem Gedanken, auch er könnte krank werden und sterben. Wer soll ihn dann vertreten? Wer kann ihn jetzt vertreten? Brrrrr. — Herr X wartet darauf, daß Herzl liquidiere und er sein Erbe antrete. Ich wäre dann der erste, der sich hinter die sieben Berge verkriechen würde vor der Oberleitung der Mcgalomcmen-Gruppe aus dem Cafe Central... * . Bad F s ch l, Hotel Post, den 25. Juli 1914. Hunderte Kurgäste sitzen beim Frühstück an der Esplanade in gedrückter Stimmung. Viele schweigen; manche, die sich etwas zu sagen haben,, lispeln. Eine bange, unheimliche Angst'vor den Dingen, die da kommen, bemächtigt sich aller. Es' ist ein schwerer, düsterer Tag. Der Tffchcch v'aw wirft eine Woche früher feine Schatten. Heute abend fallen die Würfel. Für jeden Fall muß man sich das Datum. merke,n. Ich glaube, unsere Enkel werden viel über den 25. Juli sprechen. Es wird ein Wendepunkt in der Geschichte Oestereichs sein. Unglücksfällemaller Wett. Eisenbahnunglück in der Slowakei. Prrtzbnrg, 4. Dezember. Kurz vor Mitternacht auf heute überfuhr der Schnellzug' Nr. 63 bei der Station He Lin bei Komorn das Einfahrtssignal und fuhr auf einen Verschubgüterzug auf. Die Maschinen der beiden Züge und die Personenwagen wurden stark beschädigt!. Der Zugsführer und der Heizer des Schnellzuges sowie der Heizer des Güterzuges wurden schwer, drei andere Personen leicht verletzt. Außerdem erlitten weitere elf Reisende, leichte Hautabschürfungen und Blutunterlaufungen. Der Personen- und Gepäckstransport wird durch Ünosteigen arrftechterhalten. Ein Erbbeveu in Rußland. Moskau, 3. Dezember. Im Gebiete von LSttittaken (früher Alexandropoi) zerstörte ein erneutes Erdbeben die Ansiedlung Kapli. Die Zahl der Opfer und sonstige Einzelheiten sind iroch nicht bekannt. „Aus der Klndervett Palästina»." Heute, Sonntag, viertel 11 Uhr vormittags, findet im Zentral-Kino, 3. Bez., Taborstvaße 8, die Presse- und Erstaufführung des allerneuesten Palästinafilmes „Aus der Kinderwell Palästinas" in BeiLindung mit einer Makkaböerfeier statt. — Festredner Dr. David Rothbium, Kulturreferent des zionisttfchen Landeskomitees. Mitwirkender Biolinvirtuofe Albert Lang, Bortragskünstlerin Mirjam Schnabel-Höflich, OVerkkntor Gerson MavgulieS, OSkar Teller. Ein Teil des Reinertrages Wetzt dem Keren Kajemelh zu. Kinder haben Zutritt. I -^-EWDWWIWWWWWWWWWWWWHBDWWDWWWWWW^MWWWMWW liegt der sorgsamen Mutter am ÄevM tttft deshalb verwendet sie zur Bereitung eines wirklich kräftigen und wohlschmeckenden FrüßückkajfeeS nur rSi Prager Schwanengesang. Herbstlich-fahle Nebel lagern über der schönen, Men Stadt. Entblätterte Bäume starren in den verlassenen Gärten. Verdrossen drückt sich der Prager durch die Straßen. Er ist mißvergnügt, enttäuscht und verbittert. Nicht ohne Grund: das Wetter ist schlecht, die Gassen sind schmutzig, und der Affären gibt e§ so viele. Er verzehrt nW mehr mit gleichem Behagen wie früher seine Leberwürste mit Kuödel und Sauerkraut; er trinkt fern Pilsener bedächtiger denn je. Und liebt doch so aufrichtig diese „zlata Praha" und sein ganzes tschechisches Heimatland. Wer Gajda und Gajda und immer wieder Gajda und obendrein noch Koburg und Eisler — das faßt er nicht. Er will es nicht glaube». Und glaubt auch nicht den krawallierenden Straßenpatrioten, daß Mussolini besser sei als Masaryk. Doch all das vergällt ihm seine kleinen, alltäglichen Freuden. Das „goldene Wag" hat "einen Stich ins Graue erhallen. # Me Juden wSnen bittere Trärrdrr Wör dsv HArngang des Cafe Central. Es -ist nicht mehr. Nach vieljährigem Bestehen ging es in den Herrn ein. Es ist geräuschlos verschieden, nicht so wie es gelebt. Dieses Kaffeehaus am Graben war der zentrale Knotenpunkt des Prager gesamtjüdischen Lebens. Zionisten, Orthodoxe, jüdische Kommunisten, jüdifchnationale Couleurstudenten und die Pineles und Schmelkes, die ins „Deutsche Haus" hinüberschielten — sie alle, gaben sich hier ihre Stckldicheins. Cafe Central schuf ihnen das Gefühl der sicheren Zuständigkeit. Der selbstverständlichste Relürezvousort der Welt. >,Wo sieht man sich wieder?" „Im Cafe Central!" Das war so natürW — und dabei so unverbindlich. ... ■ ' ■ ' Hier sah man alles, was Namen und Klang hMe in der Prager Judengasfe: die Notabeln — die es noch waren und die es nicht mehr sein wollten — mit ihren Gemahlinnen, die jüdischen Redakteure, die zionistische Führer, die mtt abgestveiftem Rock und aufgestreisten Hemdärmeln beim Skat sich in Mut spielten; die Stadtväter, Stadtmütter und — hie und da einen kleinen Abstecher — auch die Stadttöchter. Und zur Zierde des ganzen das Prager Prunkstück: „Professor" Guttmannj. der weltgegangeue Mater! Welches Ergötzen, wenn er sich an den Tisch Hörlustiger und Gutgelaunter setzte! Die grüne Künstlerkrawattc flatternd, das Riesenbukett im Knopfloch, die mittelalterlich gescheitelte Rittermähne im Rücken, die unförmlich große Mappe im Arm, den Oberkörper wie zum Sprunge vorgebeugt und die Kinnladen übereinanderschiebend — so sah man Robert Guttmann im. Cafe Central. Hier ioar feine Domäne. Hier pflegte er sein interessantes Autogrammenbuch zu demonstrieräu oder über Sexualität, Judennot und hohe Kunst Kr poltern. Da kannte er kerne Grenzen. Bis der Ober zart und diskret seine lauten Redeu ein wenig dämpfte. Darm wischte er sich seine schäumenden Lippen ab, schnitt wilde Grimassen und trug seinen Weltschmerz — an einen andern Tisch. Neulich sah ich ihn nachts am Graben. Aufgeregt gestikulierend, mit wert ausholenden Schritten ging er vorbei. Voller Heimweh blickte er Kr den dunklen Fenstern des einstigen Kaffeehauses hinauf uud schütteüe zornig sein dichtumwalltes Haupt. Er mochte sich wohl denken: „Nun ist unser Judentum vernichtet!" -Darm wankte er verstört in die Astoria-Bar. m Im Parkteich am Wilson-Bahnhof gibt « Wre Wildenten mehr. Sie gingen nicht — sie mutzten den Weg alles Irdischen gchen. Eines schönen Tages (so erfuhr man es aus einer Zeitungsnotiz) wurden sie alle zusammengeschossen, g^etzlich gerichtet. Ms vor Mvnateu durch die Stadt das Gerücht sich verbreitete, die Wildenten erwarten zahlreichen Nachwuchs, da war der Parkteich das Ziel aller Prager und Pragerinnen. Urw als dann wirklich viele Leine Entlein im Wasser wateten und im Gatte» an die Entenmutter sich drückten, da staute sich alt und jung, Kindermädchen und Kinderwagen am Güter des Teiches. Prag hatte feine Freude. Täglich und stündlich pilgetten im Sommer massenhaft Menschen zum Parkteich. Im Herbst aber ward es im unergründlichen Rate der Gemeinde Prags beschlossen, die Wildenten nicht länger leben zu lassen. Warum?? Akm weiß es nicht. Vielleicht hatte ein flügge gewordenes Entelein das Malheur, einem gerade vorbeispazierenden Stadtvater die Bisitkatte zu präsentieren? Vielleicht hatte er sich im Rathaus beschwett und empött gemeint. wie denn das toerden mag, wenn alle Wildenten des Parkteiches seinen kahlen Schädel zum AnstandSott sich erwählte»? Kurzum, die unglückseligen Wildeuttn mußten eines elenden Todes sterben. Bester hatte» es hiS sriWs» «m mm 36m «ÄK <* v