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Wiener Morgenzeitung · 1926-12-05 · Heft 2792 (5.12.1926) · p. Seite 4

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
8 (1926)
Issue
Heft 2792 (5.12.1926)
Date
1926-12-05
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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M. ZM «oMSIf ÖUlHUHlfl Tagesbericht. Ne kvoche derMÜadSrr.FefttMm. Makkabäer-Festreden klingen nicht mchr mtt. Der Regisseur einer Chanukahfeier von heute bettet Ne Tendenzrede HWsch zwßchm reichliches rmrstkattsch-deSmnatochches Gemüse. Geigenfokiften und rotierende Damen gehen voran, Sänger, jetzt auch schon entfesselte EurhythnMrinnerr folgen nach. Je kürzer sich der Herr faßt, der mit Feuer des MaAebäeraufftarrdes zu gedenken und den Aspekt auf das neue Hasmonäergesch^cht in Tel-Chai und im Emek zu eröffnen hat, umso willkommener ist er Beranstaltern, Miüoirkenden und FestgSsteu. Nichts natürlicher, als diese MckKäbäer-AHvedsrvDKto'- mtomng. Hoch Singt das Lied vorn braven Mann — aber hohl Singt es, wenn es zu oft Singt. Ferner: die Posaunen von Jericho waren keine für dauernden Gebrauch bestimmten Blasinstrumente. Und Heldenverehrung zum Zwecke der BoWeüveckung bewährt sich nur in besonderen Zeitepochen. * Die Epoche der zionistischen Makkabäer-Festreden ist abgeschlossen. Wer sie als Mann auf dem Podium mitgemacht hat, insbesondere die zehn ersten Ehanukah-Wochen nach dem Erscheinen von Theodor Herzls „Judenstaat", schwelgt jetzt beim milden Schein i^r häuslichen Chairukah-Lichter in teuren Erinnerungen an die bewegteste, froheste, fruchtbarste Zeit der Jugendjahre. In die großen Säle der großen Städte kamen Herzl, Nordau, LRarnvorek, Kahn, Stand, Klee, Friedemann, Mahler. In die kleinen Säle der Städtchen zogen wir, die Studenten oder eben erst Promovierten. Der Bezirk des Schreibers dieser Zeilen und seiner Freunde war die böhmisr^mährische Provinz. Die Umstellung einer bisher religiösen Feier auf eine nationale und gar nationalpolitische versetzte die raa«Miiffiiiiifla«iiiiiiiiMiiiiitiiiii LOMBARDIERTE PELZE BtflWh» OMMakaMMMMl MMl MMMMMNMI ln frOBtnr Antwthl d!M«U »b«if«ban Mt M mum wisamnrit* „ jakm mm*m _ KDf ehwe»m»l»tf WIM, I. S»», BrllgMM 4 ZagMCt tAMMMHAHct t4 Kehilla von Boskowitz und Hradisch, Wischau und Proßmtz, Gaja und Pohrlitz in arge Erregung. ES war eine IjEtpC uhMv||J^uvv Ot »BB 'OVVQlipMPCt/ welche die Feier oder das Meeting gegen den Willen der Kehiklagewaltigsn angesetzt he gten, kamen recht abgekämpft und von den vorhttgchenden, aufgeregte» Diskuffsionen heiser, den Festredner am Bahnhof abholen, Und nachher im Kasftehause oder in der jüdischen Gaststube, trüg der Widerstreit der Meinungen nicht immer festlichen Sharakter. Zn Proßnitz zum Exempel kam es gen Mitternacht zum Handgemenge, unter wuchtigen Makkabäerhieben brachen zwei Tische zchammgn und etttckes «-schirr toar zu »«Men. MMsMWM Ans btto Wege von bcc AihuIMen Ml FeMaal grüßte die gute, alte Jüdischkeit aus den Fenstern der Judengasse. Wie leuchtende Perlenketten schimmerten die Charrukahlickster in die Mitternacht und die Schritte wurden zaghafter: irgendwie fühlte der Herr Festredner, trotz Jugendfrechheit und heißer Begeisterung, daß er aus der Prohnitzer oder Boskow-itztzer Judengasse weit mehr zu holen hatte, als er in seinem leichten, geistigen Gepäck mitbrachte. Aber es war die Zeit, in der das eindeutige Bekenntnis zu JudenvoS und Judenland weit wichtiger war, als das Wissen um das Judentum. (Und deshalb war sie die Zeit der Makkabäerseiern.) Die oreisten Erwecker des Volkes, die ihm so sehr entfremdet waren, die es so wenig kannten, zogen übrigens £ ftftenföc 1«26 aus diesen mehr kämpferischen als festlichen Chanukahführten über Land guten jüdischen Gewinn. Man kam doch mit den Menschen des Volkes zusammen, dem eine grausame Entwicklung die GSHne entführt hatte, man kernte doch die Schlichtheit und den Humor, die Tapferkeit und Frische des böhmisch-mährftchen Landjudentams kennen. Mitittttec ergab fwh ein förmlicher MtterttchtGmrsns. Ich entftiMM Ti OT» AOTWIi/ uill^p9lll|Pp^l6H eines zionistischen BerbindungSbrnders, bei dem ich in Hradisch einguartiert war. Im Stübchen hinter dem Spezereiwarenhandcl, alttvo der Me, noch recht sehr mit Mehl bestaubt und nach Petroleum duftend, die Menorahlichter entfachte, tradierte er mir ein tüchtiges Quantum aktjüdischer Weisheit. Und tot frühen Morgen, wenn die ganze Studentenverbitonmg wieder zmn Brünner Zug ging, wenn mancher bärtige, ergraute Familienvater das Geleite gab, wenn vor den Türen der Keinen Judenhäuftr die Mädchen und Mütter den Brünner Gästen vor der Heimfahrt recht familiär einen Teller Backwerk, ein Gläschen Schnaps oder Wein anboten, fühlte man doch die neue Zeit des Bsrbmrdochetns und der großen ZnknnftShoffmmg. » * Das find jetzt zwanzig, situfmid-wanzög Jahre her. — Als ich im Vorjahre in Palästina weilte und Gast der Kwuzah Beth-Alfa im Emek, der Kwuzah Biberachah in En Ganim war — diese beiden Gruppen sind fast durchaus böhmisch-mährische Juden —, sah ich mit Genugtuung, daß die Makkabäerfestivitäten mit Tendenzreden, Kehilla- Aufregung, Wirtshanslärm und Affären doch iswen guten Zweck hatten. Sie helfen, die nächste Generation vorbrrreiten, die bessere, tauglichere, die Generation der Tat auf der Scholle Erez Israels. So hatten auch wir Makkabäer-Festredner von damals das Glück, Diener am Licht zu fein. Otto Abeies. Einige Beispiele Stoff-Abteilung: ßWWWMW Rein Woll-Kasha.8 5*§Ö Rein Woll-Kleidersioff e, 130 cm breit * * ...... S H W Rein Woff-Kleiderveloar, 140 cm breit.8 A M Seiden-Abteilung: Mode-Brokat ...... 8 3*96 Kristalline Facone . 8 2*§6 BillidkeM 1-—*-—“—~1 Leinenwaren- Abteilung: I Wäsche Chiffon . .... 8 —*59 I Atlas-Gradl.8 1*25 Bettuch. 148 cm breit . . . 8 I'?5 la Handtuch * . . . - * S —AH Crepe de Chine, 100 cm breit S A M Seiden-Ripse ...... 8 4 9® Fabelhafte Gelegrenheitskäufe in allen Abteilungen! Besichtigen Sie unsere 26 sehenswerten Schaufenster! WARENHAUS BRUDER SCHirFFIANN Warenhaus II., Taborstraße Nr. 48 auch das göttliche Wunder nicht hät.e fültcu können. Lluch meine Geldtasse war nicht leer, und. daß sie jetzt übervoll ist, ist wohl nur dem zuzuschreiben, daß 'Mirele als ein Engel Gottes mir beisteht. Ihre Nähe, chr inniger Wunsch, mich vergnügt zu sehen, wirkt wie ein Gotteswunder." Das Spiel war zu Ende. Ber warf die Karten auf "den Tisch und eicklärte, mit einem Apikojres, einem dem Abfall nahen Epikürüer wie Jojne, selbst am Kartentisch am Chanukkah nicht beisammen sitzen zu wollen. DM Klabrias- Partie wurde auch unterbrochen. Es entstand ein furchtbaver Wirbel und es war klar, daß Jojne wegen seiner frivolen Aenßecung dem Rabbiner werde ernste Rede stehen müssen. In der Stiche der Frumet Gotdblum batten sich die Bachmim in zwei Lager 'gespalten. Ber erklärte nicht eher zu ruhen, als bis die Jeschiwah von'Elementen wie Jojnp gesäubert sein wird. Man könne nicht du'den, daß' cmch in die Jeschiwah von T. die Irrlehren von Pest oder Wien hineingetvagen werden... ttnter der „Irrlehre von Pest" verstand Ber das Rabbinerseminar. in welchem der Abfall vom Judentum gepredigt werde. Die Irrlehre von Wien jedoch bedeutete das Erscheinen 'von Kerzls .Hstidenstaat'". Bis lange iwch Mitternacht dauerte die erregte "Debatte in der Mvhmmg der Frumet Goldölum, die alle ihre Ge» schästskünste ausbieten Mußte, um in diesem Rummel nicht zu Schaden zu kommen. Jojne hielt allen Angriffe« stand, während Mirele sich noch inniger an ihn schmiegte, als wollte sie ihn vor den drohenden persönlichen Angriffen der Bev- Gruppe mit ihrem Leib beschütze«. Am anderen Morgen schon Mar die Judengafso Von T. Sirrch die Vorgänge der letzten Nacht in der Wohüttrug der Frumet Goldblum in Aufruhr geraten. Der Aus"peuch Jojnes wurde je nach der Gesinnung des einen oder der'anderen kommentiert, gedeutet und ansgelegt mtb hätte sich jemand gesunden, der alle diese Anklagen und Vcrtei dngsredsn gegen und für Jojne ausgezeichmt hätte, so wäven wir heute in dem Besitz eines neuen „Traktats Jojne", der sich mit seinen mehr oder tveniger geistreichen Körens manchem ähnlichen Werk würdig hatte anreihei: können. JMe UM wurÄe vor den Rabbiner MsoL Me Anklage lautete, er sei ein gorteslästerrwer Zionist, dcnr^ cnlch die Zionisten leugnen die göttlichen Wunder mrd bewegen sich in derselben Ideenwelt, die Jojne in der letzten Rächt zum Ausdruck gebracht habe. Es sei, meinte der Rabbiner, von Jojne eine Leichtfertigkeit gewesen, von den verschiedenen Auffassungen über das Wmcher mit dem Oellämpchvn gerade jene zu verfechten, die einem ftommen Bachur nicht geziemt. Jojne hörte jetzt zum ersten Make das Ao-vt Zionismus und war nicht wenig erstaunt, zu erfahren, daß er zionistisch gedacht habe. Er wußte bloß, daß in den Jeschiwoth der Zionismus etwas furchtbar Frevelhaftes sei, wovor sich jeder gute Jude bewahren müsse. Jojne hörte die Worte seines Lehrers mit gebvtoner Ehrfurcht an und antwottete bloß: „Bin ich tvirkttch Zionist, Rebbe? Darm möge mich der Rebbe kehren, warum es sine Sünde ist, « zu. feto." „Mott die Zromstcu, ebenso wie der, nicht d«an gkawden, dich das heilige Zion durch ein Wunder Gottes ohne menschliches Hinzntun errichtet werden könne." ,Moher wech der Rebbe, daß auch ich so denke?" ,MM du «r das Wunder mit tat leeren Oelkrügchen nicht glanbst und wM d« auch sonst, wie man mir erzählt, ein Lebe« führst, das efot eine Folge des wantotb gewordenen Glaubens jst ««d zmn ttn^anbe« führen rmch." Jojne dankte dem ReVSe «tt den Aockem „GS ziemt sich nicht, mit seinem Lehrer zu streiten. Wer ich will auch die diele Güte, die «tr der Rttbe Anteil werde» ließ, nicht durch «ine Lüge vergelten. Ich weiß jrtzt nicht sicher, ob ich nicht wirklich ein Zionist bin. Lasse» Sie mich, Rebbe, in mir Siukehr hatten. Ich will nicht länger daS Schutzdach ihrer ftommen Gele^samöeit genieße«, wenn ich znr Ueberzeugung gelange, daß ich nach Ihrer Meinung ei« Frevler bin." &»m Rabbiner ging Joine gerade» WegeS in die Wohmmg der Frumet SoÄblnm. Dort watttte MM bereits bangen Herzens auf ihn. Jojne ioar wie verändert. Sein sonst heiteres Gesicht war verdüstert. Geschreckt durch diesen Anblick sagte Mirele bloß: „Was hat er dir getan?" Jojne erwiderte in gedämpftem Dons: „Mirele, ich bin Zionist," und bttckts forschsnd kl die Augen seines Lieblings. Mirele nahm den Kopf Jojnes zwischien ihre beiden Hände und fragte fast lustig: „Ist das etwas schr Schlechtes?" „Ich weiß es noch nicht. Aber es scheint, der Rebbe hat Recht, daß ich es bin, rmd ich wrade von hier fort müsien..." s Jetzt erst brach Mirele tu Tränen aus und tröstcke sich erst, als Jojne ihr versprach, von Wien aus, wohin er zunächst fahren tvolle, M schreiben rr«d sie nie zu vergessen. Als Chanukdh zu Ende war und es wiäder ans Lernen ging, hatte die Jeschiwah von T. um zehn Barhnrim weniger. Am letzten Sabbat hielt Jojne im Haufe der Frumet «ine Abschiedsrede an seine Freund«, die eine begeisterte Dissertation über das Gotteswunder und die Pflichten der Menschen war. Der Rebbe habe ihn sagte Jojne — dank dar Unwissenheit eines Teiles do» Bachnrim auf einen neuen Weg gedrängt. Gr müsse nunmehr diesen Weg wandeln. Gr fei überzeugt, daß auch dieser Weg nicht abseits liege von de« Pfaden der göttliche» Vorsehung. Und mit dem MbelverSr „Wer für Gott ist, der folge mir" sthtvß vr gerührt seine Abschtedsrechtfertigung. Biele Iah« waren seich« vergangen. Ich hatte von Jojne Flesch nichts gehört. Bor zwei Jahren tauchte sein Name als der Verfasser eines großen hebräisch-phibosophischen Werkes auf. Dieses SebenSwerk hätte niemals zustande kommen körin««, wenn jene Chanutah-Revolutton in T. nicht auSgebrochen wäre. Sein Meid, Mirjam, jenes Mirele ans der großen Stube der Frumet Goldblum, ist chm rin« treue, verständnisvolle Gefährtin auf sein« Bahn ^enfttts der vt« Mon dar Lhora" ge-

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