Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 8 (1926)
- Issue
- Heft 2790 (3.12.1926)
- Date
- 1926-12-03
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Skr. 2790 Men, Freitag Mene* Morge«zerktt«s MemDer WO Seite 3 Tagesbericht. Asiimllatioiisideologie. In dem Hamburger Prozeß gegen den Hammer- Fritsch hatte der Bankier Max Marburg in einer Rede erklärt: „SScmt ich jemals in eine Jnteressenkolliision zwischen meinem Deutschtum und meinem Judentum kam, so habe ich mich stets für die Interessen Deutschlands entschieden." Diese Wendung hat eine sehr scharfe Kontroverse innerhaD der jüdischen Presse Deutschlands hervorgernfen und es wird darüber gestritten, ob eine Jnteressenköllision dieser Art denkbar wäre. Sie ist es, und Marburgs Erklärung, die ja ehrlichster Ausdruck seiner Ideen vom Judentum ist, beweist dies. Herr Marburg ist so Jude, wie es Bazsonyi war, der ja ebenfalls -in Mischen Dingen zum Opfer bereit war, wenn es die magyarische Sache erforderte. Wenn ein Mann solchen Mlibers dem Antisemitismus gegenübertritt, so akzeptiert er notwendigerweise dessen Standpunkt, denn er selbst hat ja keinen. Die Assimilation ist wurzellos und ihre Träger können aus der Mentalität der Angst niemals zur Unbefangenheit gelangen. Der im öffentlichen Leben stehende'israelitische Bürger deutscher Nation ist sehr ägriert über alles, was ihn an die Goburtsmatrik erinnert. Er kann das jüdische Elend nicht vertragen, er kann — und Herr Marburg sagte das selbst in seinem Prozeß aus — jüdische Angestellte nur unter einem gewissen Maß beschäftigen. Es ist deshalb nur logisch, wenn er sich in einem Dilemma, das doch undenkbar ist und das nur in feiner Vorstellung oder in der antisemitischen Jrrsinnspsychose bestehen kann, für die nichtsüdische Sache entscheidet. Das ist dann natürlich gutes Futter für die Fritsch rrnd Genossen, denen Marburg niemals deutsch genug sein wird. . Sie gelbe Hirschkuh des Pazifismus. In Nr. 20 der Zoitschrdft ,ßi e r d e u t s ch e Forstwirt", und zwar in seiner Beilage „Der deutsche Wald" vom 20. Oktober d. I., dem Organ der preußischen WaldbesitzeweMnde, ist über das ,,H irschg e h e i m n i s" gar erbaulich zu lesen: ,^irschgelMmnis ist das Geheimnis von der iwiederkehrenden Lebenskraft . . . Denn Hirschgehcimnis ist das Geheimnis des Furor Teutonieus, ist das Geheimnis der deutschen Urkraft . . . Wo das urtiefe Röhren des Hirsches nicht mehr durch die Goheimnistiesen des Waldes rauscht, da schleicht die gelbe Hirschkuh des Pazifismus auf ihren wackeligen, weichlichen - Stöckelbeinen liebe girrend über die Kahl- . schlage . . . Wo aber noch das u r h a f t e R ö h r e n des Hirschbasses durch die Hallen donnert, da findet das wLIsche Wort vom weichlichen Weltw a b b e l f r i e d e n keinen Widerhall. Es geht unter im Branden und Brausen des urtiefen Furor Teutonieus, an dessen Wesen allein die Welt genesen kann." Da kannst gar nix machen als staunen. Dev Entdecker des MhusbarMur gefiorbeu. Berlin, 2. Dezember. Der Entdecker des Typhusbazil- >üs, der frühere Direktor des pathologischen Instituts in Palle, Professor Dr. EÜerth, ist, wie das berliner kageblntt" meldet, im Alter von 92 Jahren gestorben. Vberth hat den Typhnsbazillus im Jahre 1880 entseckt, als er Professor für Pathologie und Entwicklungsjeschichte an der Tierarzneischule in Zürich war. New Yorker Theaterbries. fl?« Erwartung der „Habirua". — Offtp DymotvS neue Vühnenrverke. — Leiwiks „Shop". — Berk»witsch „Die andere Wett". Newyork, 20. November. Me jüdische Theatersaison befindet sich noch, immer im vorbereitenden Stadium. Die Eröffnung des Neuen jüdischen Kunsttheaters (Morris Schwarz) im ügenen Gebäude an der Ecke der zweiten Avenue und der nvölften Straße, die anr 15. November hätte stattfindeu sollen, wurde auf den 22. November verschoben (über Win Eröffnungsprogramm schvebt noch tiefes Geheimnis),, md das ebenfalls mit Spannung erwartete Gastspiels des Moskauer hebräischen Theaters Habima, jas mit dem An-skyschen „Dybuk" im ManssieMheater «öffnet tvird, beginnt erst anr 28. Noveinber. Sprechen mir daher ein wenig von den nichtjüdichen Bühnenereignissen in Newyork. Das repräsentative kheater, die Metropolitain Opera, hat bisher, lichts Außergeivöhnliches auf dem Repertoire, dagegen terdieut ein bescheidener Versuch besondere Erwähnmlg, tümlich die Bemühung, ein ständiges deutsches Theater N Newyork zu erhalte«. Hans Hansen, der Direktor jes Kleinen Kammerspieltheaters, wo es fünfmal in der poche deutsche Aufführungen gibt, appelliert an die in Kewyork lebenden deutschsprachigen Theaterfreunde, ihm sie Erhaltung eines ganzjährigen Saisontheaters zu er-!möglichen. Die Aufführungen in dem kleinen Theaterchen nd fein abgetönt und haben Niveau; und doch lockeir e wenig Publikum an. Theater im Exil — auch das trotze deutsche Volk muß daran glauben. Die englischen Bühnen spielen ihr übliches Melo- »ramrepertoire ab. Bemerkenswert ist, daß das Jnti- Aadiuvravalh rngore kommt »ach Palfiftdia. Jerusalem, 1. Dezember. (I. T. A.) Aus Alexandrien wird telegraphiert, daß Rabindranath Togo re dort eingetroffen ist und seinen Willen klmdgegeben'hat, in einigen Tagen nach Palästina zu reisen. Er wollte schon bei einer früheren Gelegenheit Palästina besuchen, mußte aber im letzten Augenblick infolge Erkrankung auf diesen Besuch verzichten. Nun wolle er vor der Rückkehr in seine indische Heimat Palästina sehen. Während seines jüngsten Aufenthaltes in Italien hatte Rabindranath Dagore gegenüber dem I. T. A.- Vertreter der Hoffnung Ausdruck gegeben, er werde Gelegenheit haben, während seines Aufenthaltes in Palästina eine Serie Vorlesungen an >der Hebräischen Universität zu hatten. La« Münchener UuiverfiMrWMum. , München, 2. Dezember. Wie schon berichtet, waren die jüdischen studentischen Korporationen bei den Einladungen zur Universttätsfeier übergangen worden. Auf ein Ersuchen des Rektorates an die jüdische Gemeinde, einen Festgottesdienst abzuhalten, verlangten der Vorstand und das Rcvbbinat die volle Gleichberechtigung der jüdischen Studentenschaft sowie die Zulassung ausländischer jüdischer Hörer zur Immatrikulation. Der Rektor erwiderte, er erachte beide Beschwerden für begründet, er werde sich für ein Zusammengehen der Verbindungen nachdrücklich einsetzen, er könne die Mitwirkung der jüdischen Korporationen aber nicht anordnen, weil dies in die durch die Universitätsverfassung begründete Zuständigkeit des Korporationsausschusses falle; 'hinsichtlich der Immatrikulation der ausländischen Stu-dent e n erklärte er, für sofortige Abhilfe Sorge zu tragen. Tatsächlich lud der Rektor die jüdischen Korporationen ein, doch wurden sie von den öffentlichen Veranstaltungen wie Fackelzug, Festzug, Theatervorstellung und Kommers ausgeschlossen. Infolgedessen blieben die jüdischen Studenten allen Feiern fern, dagegen beschloß der Vorstand der jüdischen Gemeinde „in Würdigung der Tatsache, daß die Haltung der Gemeinde gegenüber der Universität als der Trägerin der Wissenschaft durch d i e Jahrhunderte nicht von den Verirrungen des Tages abhängig gemacht werden könne, und h er^ o rragende jüdische Hochschullehrer aus der nämlichen Erwägung die Abhaltung des Gottesdienstes verlangt hatten, den in der Festordnung der Universität und in der Presse schon bekanngegebenen Gottesdienst nicht abzusetzvn." Der GemeinderabLiner und der Vorsitzende des Vorstandes erklärten jedoch in einem Schreiben an den Rektor unter Anerkennung seiner Bemühungen, daß sie nicht i n d c r ß ä g e seien, an den Festakten teilzunehmen, da die studierende jüdische Jugend sich nicht mit voller Gleichberechtigung daran beteiligen könne. Las Treiben russischer Huligans in Berlin. Versuchte Sprengung einer Dranerfeier für Winawer. Aus Berlin wird uns bericht^: Aehnlich dem Huligan-Ueberfall, der auf di« Trauerversammlung anläßlich des Ablebens des berühmten russischen Juristen und Mischen Führers Winawer in Paris von reaktionären russischen Eminenten inszeniert wurde, wurde auch die Montag abends vom Verein russischer RechtsanwLÄe in Berlin veranstaltete Trauerfeicr für Winaiver durch ein Bubenstück emigrierter russischer Huligans gestört. Der Verein russischer Rechtsanwälte in Berlin hielt in dem Lokal einer Buchhandlung in der mide-Theater in Bronx Perez Hirschbeins „Grüne Felder" in englischer Uebersetznng bringt. Nach wie vor sind auf der Newyorker englischer Bühne die englisch-jüdischen MiliouMelodramen beliebt. Eines dieser Erzeugnisse „The Pellvw" wird im.Nationaltheater als SeriensÄck mit großem Publikumserfolge gegeben. Es unterscheidet sich nicht wesentlich von dm anderen Erzeugnissen feiner Art. Wenn wir uns nun loieder den jüdischen Theaterereignissen zuwenden, so müssen mir zunächst uns mit jenem jüdischen Autor befassen, der sozusagen die Verbindung zwischen jüdischer und nichtjüdischer Bühne darstellt, nämlich Ossip Dymow. Sein letzter Newyorker Erfolg, „Die letzte Geliebte", welche in dem inzwischen eingegangerken kleinm Schildkraut-Theater gegeben wurde, wird, uns Ihre Leser bereits wissen dürftcit, bei Reinhardt in Berlin zur Aufführung gelangen^ der auch Dymows „Bronx-Expreß" erworben hat. Der erfolgreiche Bühnenautor hat zivei neue Stücke in russischer Sprache vollendet (die Uebersetzung ins Jüdische kommt tvie gewöhnlich nachher), die wahrscheinlich poch Heuer ans der Newyorker jüdischen Bühne zu sehen sein werden. Es sind dies zwei Komödien „Der goldene Schlüssel" und „Wovon man nicht spricht". Bon diesem „BindegliÄ" zwischen der jüdischen und der andern Wett führt dann der Weg zu den jüdischen Autorm, die mehr oder weniger in ihrem Bezirk bleiben. Da ist zunächst Leiwik, dem seit dem „Schmoltes" kein nachhaltiger Bühnenerfolg beschieden war (sein „Golem" wird erst in der Habima-Aufführung in Newyork bekannt werden). Loiwik ist nach dem Ausflug in die Bezirke von Mystik und Mysterium wieder zu jenem Stoffgebiet, das ihm seinen ersten Erfolg schuf, der sozialen Schilderung amerikanisch-jüdische« Lebens, zurttck- Potsdamerstraße eine Trauetfeier für Winawer ab; während der Trauerrede des Obmannes drangen sieben junge Burschen, die dem Abschaum der russischen Reaktion angehören, in das Lokal ein, suchten die Rede durch Lärm zu überschreim und warfen, um Panik zu erzeugen, Stinkbomben mitten unter die Versammlung. Me rasch herbeigerufene Polizei v c r h a f t e te die Eindringlinge, worauf die Feier ungestört ihren Fortgang nahm. M Die Blntproöe ein einwandfreier Beweis« Mitten Eine Gerichtsverhandlung iw medizinischen Institut. Die Blutprobe ist eine in Gelehrtenkreisen, noch sehr umstrittene Methode der Beweisführung der Vaterschaft. Gestern hatte sich das Zivillandesgevicht wieder mit einewj Fall zu beschäftigen, der deshalb interessant ist, weil es sich um die erste in Oesterreich durchgeführte Blutprobe handelt. Die Berufsvornuurdschaft Schwechat hatte gegen den Bierführer Johann M. namens des minderjähriger Julius G. die Klage auf Anerkennung der Vaterschaft und Leistung des Unterhaltes eiugebracht. Auf Antrag des Beklagtenvertreters Dr. Stecher wurde an allen drei beteiligten Personen auf der Klinik Eiselsberg durch den. Dozenten Dr. Burghard Breitner die erste Blutprobe vorgenommen, die zu dem Ergebnis führte, daß M. nicht der Vater des Kindes fein könne. Daraufhin wurde die Klage auf Feststellung der Vaterschaft abgewiesen. ' * \ Gegen dieses Urteil des Bezirksgerichtes Schwechat brachte die Berufsvormundschaft die Berufung an das Zivillandesgericht ein, weil die bisherigen Ergebnisse der Blutgruppenbestimmung nicht derartige sirrd, daß ein negatives Ergebnis die Vaterschaft ausschließe. Auch der vom Gericht einveriwmmene Sachverständige Dr. Werkgartn e r vom gerichtlich-medizinischer: Institut stimmte dem Gutachten der Klinik Eiselsberg nicht vorbehaltlos zu Und erklärte, er halte die Blutuntersuchung im mikroskopischen Wege für notwendig, weil es vorkorumeu könnie, daß eine einmalige Blutuntersuchung kein absolut richtiges Bild ergebe. Der Beklagte erklärte sich bereis sich nochmals der Blutprobe zu rinterziehen. : I Der Gerichtshof (Vorsitzende Hoftat Dr. S chwttrM beschloß nach längerer Beratung, die. Wiederholung der Blutprobe Und die mikroskopische Blutuntersuchung an dem Beklagten, der Kindesnrutter Und^ dem Kinde iw gerichtlich-inviizinischen Institute vornehmen zU lassen. Der Gerichtshof und die Parterenvertreter werden, wie dev Vorsitzende bekanntgab, der ganzen Prozedur, die zwei Stunden in Anspruch nehmen wird, beiwohnen. Nach Erstattung des Gutachtens wird sodann das Urteil an Ort und S t e k l e verkündet werden. Große Modenschau im Konzerthaas. Zuguusteu der Fürforgestetle der Heilanstalt Atlaud. Auf Mttwoch (Feiertag), den 8. Dezember, findet um 4 Uhr nachmittags im Großen Konzorthaussaale eine vom Allan.d-Komitee veranstaltete- Modeschau statt, wie sie in Wien bis jetzt noch nicht geboten wurde.. Das bekannte Modenpalais Julius Krup nik wird unter Leitung seiner Firmenchefin Frau Olga Krupnik eine Fülle der , neuesten und elegantesten Modelle zur VorsAnung bringen. Die herrlichsten Pariser Kreationen an Balltoiletten werden mit Rücksicht auf den kommenden Fasching besonderes Interesse erwecken. Mitwirkend: Grete Groß mit ihrer Tanzgruppe. Ovchester: Andre Hummer. Modekonferenee: Felix Gvunwald. Die Modeschaü findet zum Besten der FüAorgestelle der Heilanstalt Alland statt. Karten (1 bis 5 Schilling) in der Konzertdirektion Benno Lie, 3. Bsz., Hauptstraße 1. im Modenpalais Julius Krupnik, 7. Bez., Kaiserjtraße 111--116, im Atelier Hans Neumann, 1. Bez., Sto ck-:nr-Eise«-Platz 3 und im Konzerthaus. gekehrt und hat. em Drama „Shop" bk«ndet, das jetzt im Jrvingplaeo-Kunsttheater geprobt wird. Das Stück schildert das Leben der Arbeiter in den amerikanischen Shops, den SchwitzwerWtten des jMschen Viertels. Es wird von dem Mrektor und Hauptdarsteller des Theaters, Jakob Ben Ami, inszeniert. Inzwischen hat das Jrvingplace-Dheater eine Novität von I. D. Berkowitfch herausgebracht. Berkowitsch' Bedienst ist, der Schwiegersohn Scholem Alejchems zu sein und einige senrer Erzählungen und Biwer mit mehr oder weniger glücklicher Hand der Bühne gewonnen zu haben, so „Schjiver zu sein a Jid", dessen dramatische Skizzierung noch von Scholem Alejchem stammt, ferner „Das große Los", und „Tewje, der Milchiger^^. Berkowttsch' einige dramatische Produktion hat bisher eifriges Bemühen um das Theater und.Theaterwirkung, aber keinen Reichtum innerer schöpferischer Kraft offenbart. Sein Schauspiel „Mojsche Chasir",toelches der große Tragöde Paul Baratoff um einer dankbaren Rolle willen in sein Repertoire genommen hat^ ist eine nicht allzu genießbare Angelegenheit. Etwas besser ist es in diesem Punkte mit feimr soeben über die Bretter gegangenen jüngsten Schöpfung „Die andere Welt" bestellt, wo in einem sehr.komplizierten Grafvon-Gleichen-Konflikt der Konflikt zwischen der amerikanischen und der russischen Welt verwobm wirb. Das neue Stück, für das sich Ben Ami- Lydia Potockaja mit fhrer reifen Kunst und eine junge begabte Schauspielerin, Stella Adler, Änfetzteu, hatte den üblichen Achtungserfolg. Für mehr reicht es kaum. So tastet sich die Newyorker Saison langsam vorwärts, den Sensationen entgegen, die sie für ihren Höhepunkt schon so lange verspricht und über die Ihre Leser ein anderer Brief unterrichten sott. S. I. *